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Einsame Menschen – W. Belka

Die beiden Güterwagen, die das bewegliche Eigentum der deutschen Auswanderer von Buenos Aires, der Hauptstadt der südamerikanischen Republik Argentinien, in tagelanger Eisenbahnfart immer nach Westen zu bis nach der bereits unweit der Ostausläufer der Kordilleren gelegene Stadt Santa Rosa gebracht hatten, waren auf ein Nebengleis geschoben worden, von wo aus man, sobald die über den nahen Tunuyan-Fluß führende Brücke passiert war, sofort in einen jener nur aus Wagenspuren bestehenden Wege einbiegen konnte, die überall in diesen so überaus dünn besiedelten Grasebenen die einzigen Straßen darstellten. Die Auswanderer hatten die Eisenbahnfart in einem dem Güterzuge angehängten Personenwagen mitgemacht. Frühmorgens an einem sonnigen Maitage war man in Santa Rosa angekommen, und sämtliche acht Mitglieder der recht bunt zusammengewürfelten Gesellschaft waren heilfroh, endlich wieder sich etwas ‚die Beine vertreten zu können‘, wie der Zahntechniker Heberlein vergnügt schmunzelnd sich ausdrückte. Benno Heberlein war überhaupt der Spaßmacher der zukünftigen Bewohner der Lagune von Saladillo, – so hieß nämlich das Landgebiet, das die argentinische Regierung den deutschen Einwanderern durch Vermittlung eines Agenten für einen lächerlich geringen Preis überlassen hatte. Unter Lagune versteht man in den Pampas, die man am besten mit den fruchtbareren Steppen Innerasiens vergleicht, jene salzhaltigen Gewässer, an deren Rändern sich zumeist eine überaus üppige Vegetation vorfindet und in deren Nähe der Boden für Getreideanbau am günstigsten ist. – Kaum hatte Benno Heberlein zu den vor dem einen Güterwagen versammelten Landsleuten in seiner unverwüstlich guten Laune dann noch weiter geäußert, daß ‚die Geschichte nun erst so recht losginge‘, womit er eben meinte, daß man jetzt so ziemlich allein auf sich selbst angewiesen sei, als Herr Oskar Triebel, seines Zeichens Uhrmacher, aber auch von allen stillschweigend anerkannter Führer des Auswanderertrupps, sehr würdevoll erklärte, die anderen sollten nun sofort mit dem Ausladen der Güterwagen beginnen, während er selbst in die Stadt gehen würde, um dort die nun für den Weitermarsch nötigen Maultiere zu beschaffen. Oskar Triebel, ein Mann von vierzig Jahren und einer ungewöhnlichen Größe und Magerkeit, bildete mit seiner aus vier Köpfen bestehenden Familie sozusagen den Stamm der Auswanderer. Den Seinen hatte sich noch eine Nichte seiner Frau, eine zwanzigjährige Waise namens Anna Bendig, angeschlossen, ferner von guten Bekannten aus der deutschen Heimatstadt Frankfurt an der Oder der bereits erwähnte Zahnkünstler Benno Heberlein, schließlich der einstige Schmierenkomödiant Alexander Mausig und dessen bereits sehr stark angejahrte Schwester Klementine Mausig, die zuletzt am Theater in Frankfurt a. O. Logenschließerin gewesen und nebenbei ‚möbliert‘ vermietet hatte. Triebels Ältester, ein fünfzehnjähriger, blasser und scheuer Junge namens Erich, bei dem die übertriebene Erziehungsstrenge des von seiner Unfehlbarkeit in allen Dingen nur zu stark überzeugten Vaters jede harmlose Fröhlichkeit erstickt hatte, sollte diesen begleiten. Er tat’s sehr ungern, hätte lieber zusammen mit seinem Freunde und Gönner Heberlein die Güterwagen entladen, da die Frauen für diese Arbeit ebensowenig in Betracht kamen wie der alte Schauspieler, der es vortrefflich verstand, sich vor jeder beschwerlicheren Tätigkeit zu drücken. Nachdem die beiden Triebels nach der Stadt zu verschwunden waren, öffnete Heberlein den einen Güterwagen und forderte die Gefährten mit scherzhaften Redewendungen auf, ihn beim Ausladen ein wenig, ‚huldvollst, auch die Damens …‘, zu unterstützen. Er wußte jeden Menschen nach dessen besonderer Eigenart zu behandeln, war überhaupt ein richtiger Hans Dampf in allen Gassen und dazu noch ein Mann von hohem persönlichen Mut und allerlei Fähigkeiten, die niemand ihm seinem etwas komischen Äußeren nach zugetraut hätte. Benno Heberlein maß kaum ein Meter und vierzig. Dabei besaß er auch nicht ein Quentlein Fett auf dem Körper, konnte es also in punkto Magerkeit mit dem aufgeblasenen Alleswisser Triebel durchaus aufnehmen. Obwohl er erst einige dreißig Jahre zählte, war sein Schädel absolut haarlos, während ihm dafür als Ersatz unter der riesigen Hakennase ein braunroter Schnurrbart wucherte, der jedem Wachtmeister Ehre gemacht hätte. In Heberleins schmalem Gesicht fielen außer der Nase und diesem Schnauzer weiter noch ein paar dunkle, große, stets sehr vergnügt blickende Augen auf, die unter starken, ebenfalls rötlichen Brauen lagen. Wenn er wie jetzt den breitrandigen Strohhut aufhatte, wirkte seine Gesamterscheinung weniger lächerlich. Nahm er ihn aber ab und wurde dann der blanke Schädel sichtbar, von dem ein Paar tiefrote, recht umfangreiche Ohren weit abstanden, dann sah man in seinemAntlitz zunächst eigentlich nur das ungeheure Riechorgan und den Wachtmeisterschnurrbart, und diese beiden riefen dann ganz den Eindruck hervor, als trüge Herr Heberlein einen jener Papplarven, wie sie in Deutschland zur Faschingszeit so beliebt sind. Heberleins humoristische Mahnung an die Gefährten, ihm zu helfen, hatte gefruchtet. Selbst Hedwig Triebel, die neunzehnjährige Tochter des früheren Uhrmachers, ein von ihrem Vater leider nur zu sehr verwöhntes Mädchen, bei deren Erziehung er es ebenso sehr an Energie hatte fehlen lassen, wie er diese seinem Sohne gegenüber auf das Höchstmaß heraufschrauben zu müssen der Meinung gewesen, – also selbst die überfeine Hedwig, die immer nach Möglichkeit ‚die Dame mit Nerven‘ herauskehrte, griff mit zu, nicht minder Alexander Mausig, der dann die gemeinsame Arbeit durch allerlei Zitate aus bekannten Klassikern würzte. Als er gerade der bescheidenen, blonden Anna Bendig, einem recht kräftigen Mädchen, ein Bündel aus dem Güterwagen zuwarf und dabei deklamierte „Durch der Hände lange Kette fliegt das Bündel! Fang es auf, mein süßes Kind!“, erschien ein baumlanger, schwarzhaariger Bursche in der landesüblichen Tracht der Gauchos 1 , jener Viehhirten, die in den Pampas Argentiniens die selbe Rolle etwa spielen wie die nicht minder wilden und rohen Cowboys in Nordamerika. Dieser Gaucho, dessen schmutziggelbe Hautfarbe sofort den Mischling von Spaniern und Indianern verriet, trug ein knallrotes Wollhemd, sehr breite, unten geschlitzte Lederhosen, grobe Halbschuhe, Sporen, die mit breitem Riemen über das Fußgelenk geschnallt waren, einen riesigen Strohhut ohne Band und im Ledergürtel zwei Revolver und ein langes Messer. Alles in allem war er nicht gerade vertrauenerweckend, und die Art und Weise, wie er nun die beiden jungen Mädchen musterte, behagte dem leicht erregbaren Benno Heberlein so wenig, daß er an den vielleicht achtundzwanzig Jahre alten Menschen dicht herantrat und in spanischer Sprache, die er bereits drüben in Deutschland studiert hatte, nachdem er sich entschlossen, Triebels nach Argentinien zu begleiten, ziemlich barsch fragte: „He, Sennor, – was beliebt?“ Der Gaucho musterte den Kleinen, der neben ihm wie ein Zwerg wirkte, geringschätzig, spie ihm vor die Füße und erwiderte: „Seid ihr die Deutschen, die nach der Lagune Saladillo wollen?“ Heberlein war das Blut ins Gesicht geschossen.


Dieser Kerl trat ja hier mit einer Unverschämtheit auf, die in schroffstem Gegensatz zu der mit Recht gerühmten Höflichkeit selbst der ärmsten Argentinier stand.

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