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Die Wolkenkönigin – Walther Kabel

Der Nachtzug Haidarabad-Dschaipur lief in den Bahnhof des Städtchens Balmir ein. Drei strahlende Riesenkugeln bewegte der Regenwind an ihren Masten träge hin und her. Auf dem Bahnsteig warteten nur wenige Reisende; ein paar englische Offiziere, zwei hochgewachsene Brahmanen, vier Europäer in langen Gummimänteln und ärmeres eingeborenes Volk für die billigste Wagenklasse. Im Schatten eines der Masten der Bogenlampen stand ein schlanker Mensch in graugrünem Sportanzug, eine kleine Reisetasche in der Linken. Diese Bogenlampe war nicht eingeschaltet. Wenn ihre Nachbarin ein wenig stärker pendelte, traf der Lichtschein doch zuweilen das bartlose, hagere, leicht gelblichbraune Gesicht dieses Reisenden, der Grund zu haben schien, erst im letzten Augenblick den Zug zu besteigen. Der Mann ahnte nicht, daß er beobachtet wurde. Links von ihm hinter einem Wellblechhäuschen duckte sich ein anderer Mann in das Dunkel hinein: klein, mager, langer Kopf, vorgebautes Kinn, dicke blonde Brauen, darunter halb zugekniffene Augen, kurze Nase, bartlos. – Er hatte den Kragen der Ölpelerine hochgeschlagen, trat nervös von einem Fuß auf den anderen, murmelte im Selbstgespräch: „Verdammt, – was das Weib nur von ihm will!! Seit gestern ist sie hinter ihm drein …“ Und hinter dem Mann im Sportanzug, dem der feine Sprühregen nur angenehm war mit seinen die Aussicht hindernden Schleiern, lehnte wieder im Schatten eines Pfeilers der Vorhalle eine Frau, von der nichts zu sehen war als der seidene Regenmantel, der weiche schwarze Lackhut, darunter ein dicker Knoten blonder Haare, über den hinweg ein weißer Schleier sich bis zum Kinn hinab zog. Vor der Frau stand ein einfacher Koffer. Sie verhielt sich ganz regungslos. Ihre Augen hafteten wie gebannt auf der Gestalt dessen, der vielleicht dorthin unterwegs war, wo ihre einzige Sehnsucht weilte. Die Bremsen des Zuges kreischten. Braune Schaffner öffneten faul die Türen. Die Wartenden verschwanden in den Wagen. Hinten am Zuge befanden sich die beiden Schlafwagen. Der Mann im Sportanzug bestieg den einen, reichte dem Beamten ein Trinkgeld, sprach einige Worte. Ein Abteil mit tadellos weißem Bett nahm den Mann auf. Ihm folgte der andere im Ölumhang. Auch er flüsterte etwas, zeigte dem Schaffner eine zerdrückte, abgerissene Karte, auf der links ein kleines Lichtbild aufgeklebt war. Der Beamte dienerte sofort unterwürfig. „Sehr wohl, Herr Inspektor. Also das Abteil nebenbei. – Bitte.“ Auch dieser Mann zog hinter sich die Tür zu, war allein.


Als letzte betrat die Frau den Wagen. Abermals erhaschte der Schaffner ein Trinkgeld. Und die Frau erhielt die Kabine links neben dem Gelbbraunen. Sie setzte ihren Koffer ab, stellte sich an das Gangfenster. Der Zug glitt weiter – schneller und schneller, hinein in die Ebenen, Dschungel, Wälder und Klüfte Radschputanas. Eine Laderampe flog vorüber. Zahme Elefanten beluden bei elektrischem Licht Plattformwagen mit schweren Stämmen, trugen das Holz in den gewickelten Rüsseln, bewegten sich gravitätisch, folgten jedem Wink des zwischen den Riesenohren hockenden Mahuts. Das Bild verschwand. Der Zug durchbrauste ein Tal. Ein Eingeborenendorf, von Dornenverhauen gegen Tiger und Panther umgeben, tauchte auf. Vor den Hütten flackerten Feuer. Dunkle Gestalten drehten sich auf einem freien Platz im Reigen. Vielleicht ein Dorffest … Wieder dunkle Nacht. Und die Frau starrte geradeaus, ließ den Zugwind ihr Gesicht kühlen. – Ach – diese Jagd regte sie noch immer auf … Gestern hatte sie die Spur verloren. Dann in Haidarabad erkannte sie ihn wieder trotz des gefärbten Gesichts. – Welche Angst hatte sie ausgestanden, ihn vielleicht gerade hier in Indien aus den Augen zu verlieren – gerade hier. Abermals ein Dorf. Dicht an den Bahndamm schmiegte es sich an. Der Tiger fürchtete den Schienenweg, auf dem fauchende Ungetüme so und so oft vorüberrasten. Auch hier lodernde Feuer, Tänze … Doch wohl irgend ein Fest zu Ehren einer der vielen Hindugottheiten, dachte die Frau. Sie starrte in die nächtliche Landschaft hinaus. Aber nur ihre Augen nahmen die verschwommenen Bilder auf. Sie hörte nicht das schnell verhallende Brüllen eines jagenden Tigers, nicht das Gekreisch einer aufgescheuchten Affenherde, nicht das dumpfe Quaken der Riesenfrösche in einem nahen Sumpf. Ihre Ohren lauschten auf das kleinste Geräusch, das aus der schmalen Kabine links von ihr hervordrang.

Wenig wars, was sie hörte. Das Rollen der Räder, das feine Klirren der Scheiben verschluckte zu viel von dem, was vielleicht der Mann dort jetzt trieb. Nur einmal vernahm sie das Schnappen eines Schlosses. Es mußte das der Handtasche des Gelbbraunen gewesen sein. Wenn sie nur wüßte, ob er das Bett wirklich benutzen würde, ob er sich entkleidete, unter das engmaschige Netz schlüpfte … Er war ja so schlau … Er könnte auf der nächsten Station wieder aussteigen, während sie vielleicht zu schlafen wagte. Und – sie war müde, so müde. Die erschlaffende Hitze Indiens hatte in wenigen Tagen den Rest ihrer Kraft fast aufgebraucht. Und die Aufregungen dieser Verfolgung, diese stete Furcht, er könne ihr entschlüpfen und sie könnte dann nie mehr finden, was sie suchte, – diese flackernde Furcht machte sie noch matter, noch elender. Aber – sie durfte nicht schwach, mutlos werden! Sie ahnte, daß das Ziel nahe – dieses Ziel, das sie nicht kannte, von dem sie nur so wenig wußte. Nein – nicht schwach werden – nicht an schlafen denken! Und hastig betrat sie ihre Kabine, schob die Tür zu, stellte den Koffer auf den Schemel, entnahm ihm ein kleines Kästchen. In ihrer Rechten funkelte eine winzige Spritze. Sie schob den linken Ärmel des Mantels hoch. Die Nadel der Spritze drang in die weiße Haut ein. Das Gift, das köstliche, trügerische Gift teilte sich dem Körper mit, gab neue Spannkraft. Und wieder stand sie im Gang und lauschte. Stunden rannen hinweg, – wie der Weg, den der Zug zurücklegte – schnell, unaufhaltsam, schnell für die Frau, deren Gedanken nur dort in jenem Abteil weilten. Daß gerade sie hinter ihm her, ahnte er nicht. Wie sollte er auch?! Dann ein Gedanke: Wie unvorsichtig, daß sie hier im Gang blieb! Wenn er jetzt die Tür öffnete, heraustrat, wenn er sie ansprach, wenn sein Argwohn rege wurde …! Sie huschte hinweg. Ihre Kabinentür schnappte ins Schloß. Sie stand und dachte: „Wie unvorsichtig! – Daran war die Abspannung schuld! Nun bin ich wieder frisch …!“ Ihre Augen glitten über das Bett hinweg auf die polierte Holzwand zu, die die beiden Kabinen trennte. Sie prüfte diese Wand. Gewißheit wollte sie haben. Der Schlaf tat ihr so not … Vielleicht hatte er sich niedergelegt. Dann dürfte auch sie es wagen. Sie öffnete den Mantel.

Darunter trug sie ein Lodenkostüm, ganz dünner Stoff; dazu eine unscheinbare grauseidene Bluse. Sie knöpfte die halblange Jacke auf. An der linken Seite des Gürtels hing an zwei silbernen Kettchen ein kurzes, breites Dolchmesser in reichverzierter Scheide. Sie nahm es in die Rechte – kniete auf dem Bett. Und in geduldiger, lautloser Arbeit entstand in dem polierten Holz ein winziges Loch. Jetzt brachte sie das rechte Auge an die kleine Öffnung. Und was sie sah, machte sie stutzig. Ihr Gesicht nahm einen unsicheren Ausdruck an …

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