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Die Wildschützen vom Kilimandscharo – Robert Kraft

»Waren Sie im Hippodrom? Haben Sie die Geschwister Richter mit ihrer Truppe gesehen?« So wurde ohne Ausnahme gefragt, wenn sich zwei Bekannte, die einander einige Tage nicht gesehen hatten, auf der Straße begegneten. Reinhold Richters Reitertruppe bildete die letzte Sensation des Tages, und wer sie nicht gesehen hatte, konnte nicht mitsprechen. Der Londoner Hippodrom ist ein Zirkus, dessen Arena aber zehnmal so groß ist wie die gewöhnlichen Zirkusmanegen, die allüberall in der Welt genau den gleichen Durchmesser von dreizehn Metern haben müssen, wegen der Schrägstellung der Pferde beim Laufen, weil sich schon bei einem Unterschied von einem Viertelmeter Pferd und Künstler verspringen würden. Im Hippodrom treten also nicht solche eigentlichen Zirkuskünstler auf. Es werden darin große Reiterfeste abgehalten, fremde Völkerrassen vorgeführt, bei denen, wie schon der Name Hippodrom sagt, das equestrische Element vorherrschen muß, Beduinen oder Kalmücken; auch Buffalo Bill führt seinen wilden Westen, wenn er in London gastiert, stets im Hippodrom vor. Versetzen wir uns nun in diesen Zirkus, um einer Abendvorstellung von Reinhold Richters Reitertruppe beizuwohnen, und zwar wollen wir die Augen eines Zuschauers haben, der noch nichts davon gehört hat, noch nicht einmal weiß, daß diese Reitertruppe das Tagesgespräch Londons bildet und bald das von ganz Europa bilden wird. Denn die Truppe gastiert nur wenige Tage hier, dann geht die Reise weiter. Reinhold Richters Reitertruppe! Das hört sich ja ganz hübsch an, besonders wenn das ›R‹ dabei recht schnarrt, aber – hätte sich denn die Gesellschaft keinen anderen Namen zulegen können? Der Name tut etwas zur Sache. Reinhold Richter – wenn ich ein echter Engländer bin, habe ich gleich ein gewisses Vorurteil, denn das ist doch natürlich ein Deutscher. Und doch muß es etwas ganz Außergewöhnliches sein, denn das sich quetschende Publikum beginnt vor Spannung zu zittern, weil jetzt die Musik einsetzt. Unter einem leisen, faszinierenden Marsch reiten auf prächtigen Rossen vier Herren und vier Damen ein – Schulreiter, die Herren in schwarzem Frack und Zylinder, die Damen in langem Reiterkostüm, auf dem hochtoupierten Haar gleichfalls den Zylinder. Es scheinen Südländer zu sein. Ihre Gesichter, auch die der Damen, sind so braun, schon mehr bronzefarben. Mit Ausnahme das des führenden Herren, dieses ist viel heller, sein blondes Haar schlicht gescheitelt. Das gilt auch von der führenden Dame, und wenn jener Reinhold Richter ist, dann ist diese unbedingt seine Schwester, die Ähnlichkeit ist eine ganz auffallende. Sie begrüßen das Publikum, und dessen frenetischer Jubel beim Einreiten der Kavalkade will kein Ende nehmen. In der Tat, es ist ein prachtvolles Pferdematerial, aufs eleganteste gesattelt und gezäumt – elegant, nicht etwa prunkvoll – so vornehm einfach wie die Reiter und Reiterinnen selbst sind, vom Zylinder an bis zur Reitgerte im weißen Glacéhandschuh. Ja, ist denn aber wirklich jeder Engländer solch ein gediegener Pferdekenner, daß sich selbst die obersten Galerien für derartige Schulreiter begeistern können, daß sich der Arbeiter das Abendbrot abspart, nur um diese Schulreitertruppe ein zweites Mal sehen zu können? Der Begrüßungsjubel, von den Galerien kräftig durch gellendes Pfeifen unterstützt, was in England als ein Zeichen des größten Beifalls gilt, hat sich gelegt, das letzte ›Hipp, hipp, hurra für Reinhold Richter und seine Schwester!‹ ist verklungen. Sie reiten die ganze hohe Schule durch. Prachtvoll! Kein Pferd hat ein Klopfen mit der Gerte nötig, um gleichmäßig mit den anderen nach dem Takt der Musik in spanischem Tritt zu gehen, sie marschieren wie die Soldaten in Reih und Glied und machen wie auf Kommando zum Abschied den Kniefall. Der zweite Teil beginnt. Die beiden Parteien reiten sich entgegen, die Herren ziehen den Zylinder, die Damen verneigen sich graziös im Sattel. Es wird Quadrille geritten, im Trab, im Galopp. Jetzt aber scheint sich die Sache zu ändern. Der Galopp wird immer rasender, wird zur Karriere, und so etwas gibt es bei der Quadrille nicht.


Aha, jetzt geht es los! Die Pferde jagen langgestreckt in der Arena herum, die Herren und Damen lösen das Zaumzeug ab und werfen es weg. Sie lösen die Sättel und werfen sie weg. Jetzt springen sie auf, stehen auf den Rücken der wild ausgreifenden Rosse. Sie werfen die Zylinder weg. Die Herren ziehen den Frack aus, die Damen die langen Reitkleider, werfen sie weg. Jetzt kommen zunächst die Stiefel dran. Die Damen in Unterröcken, in denen sie sich aber schließlich auch auf der Straße sehen lassen könnten, setzen dabei den Fuß auf den Pferdehals. Man sieht, wie sie mit einem Instrument die zierlichen Stiefelchen aufknöpfen, unter denen sie doch noch immer eine andere Fußbekleidung tragen, und zwar nicht nur dünne Trikotstrümpfe. All diese Damen müssen äußerst kleine Füße haben. Die Herren in Hemdsärmeln bieten den Damen ihre Hilfe an, werden abgewiesen, die Damen helfen höchstens einander, und die Herren haben auch genug mit sich selbst zu tun; denn sie tragen Stiefeletten mit Gummizug, und die sind manchmal nicht so leicht abzubekommen. Mancher zieht vergebens im Stehen, er setzt sich, er steht wieder auf und reißt an seinem Stiefel, immer auf dem rasenden Roß – es geht nicht. »He, Jonny, zieh doch mal!« Wie schon die Damen ihre Pferde nebeneinander getrieben haben, um einander beim Aufknöpfen der Stiefel behilflich zu sein, so tun jetzt auch die Herren. Der eine, der von der Fußfessel befreit sein will, sitzt auf dem nackten Pferderücken, der andere steht auf dem seinen, und es wird gezogen, wie sich eben zwei um den Besitz eines widerborstigen Stiefels streiten, ganz wie auf festem Boden. Endlich siegen Kraft und Beharrlichkeit – aber auch hier geht es zu, wie es beim Stiefelziehen eben manchmal zugeht – ein gellender Schrei des Schreckens geht durch den ganzen Hippodrom – beide sind rücklings von ihren Pferden gestürzt. Das hat man gesehen – aber nicht, wie sie weder hinaufgekommen sind. Urplötzlich stehen beide wieder auf ihren Pferden und schütteln einander lachend die Hand. Ein anderer Herr läßt sich lieber einen Stiefelknecht zuwerfen. Wie er es fertigbringt, auf dem Rücken des rasend galoppierenden Pferdes sich ganz sachgemäß des Stiefelknechts zu bedienen, ist schon ganz unbegreiflich. Er zieht und zieht, endlich glückt es ihm – und wieder erschallt ein vieltausendstimmiger Schrei des Entsetzens, diesmal noch ein ganz anderer als vorhin. Der Stiefelzieher ist rücklings vom Pferd gestürzt. Und dicht hinter ihm waren gerade zwei Damen, die, ihre Pferde zusammenhaltend, sich eben gegenseitig das Korsett aufschnürten. Gegen diese prallte der Stürzende, auch die beiden Damen stürzten, dann noch ein anderer Reiter – es war ein furchtbarer Massensturz, und nicht nur von Menschen, sondern auch drei Pferde waren zusammengebrochen, wälzten sich mit windenden Leibern und um sich schlagenden Hufen über- und durcheinander, und zwischen und unter ihnen die Reiter und Reiterinnen. Und da kam noch ein vierter angesaust, der sich gerade die Hosen auszog – und so, in dieser Stellung, nur auf einem Bein balancierend, setzte sein Roß mit einem mächtigen Sprung über den wirren Knäuel von Menschenund Pferdeleibern hinweg – plötzlich hatte sich auch dieses gefährliche Durcheinander in Wohlgefallen aufgelöst, acht Pferde jagten wieder im Kreis herum, auf ihren Rücken die jubelnden und lachenden Reiter und Reiterinnen. Und das Publikum, das noch eben vor Entsetzen laut aufgeschrien hatte, lachte und jubelte mit – das war das Eigentümlichste bei der Sache! Hier schwand immer mehr das Bewußtsein, daß denen dort unten etwas passieren könnte. Das war doch alles eine lustige Spielerei.

Wenn einmal drei oder vier Pferde zusammen stürzen, die Reiter unter sich begraben – so ist doch weiter nichts dabei, da steht man eben wieder auf. Die Entkleidung ging weiter, nun bloß noch die Perücken weggeworfen, die Damen das frisierte Haar aufgelöst, und – die Verwandlung war geschehen, die Gesellschaft präsentierte sich in ihrem eigentlichen Charakter.

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