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Die Vestalinnen III (5+6) – Robert Kraft

ie ›Vesta‹ wie der ›Amor‹ lagen auf ihrem alten Ankerplatze im Hafen von Scha-tou, und die Besatzungen erwarteten sehnsüchtig die Rückkunft des Mister Wood oder doch wenigstens ein Zeichen, daß es ihm gelungen sei, die Spur der beiden Mädchen aufzufinden. So lange dies nicht der Fall war, konnten sie nichts vornehmen, ihre Gedanken waren nur mit den armen Gefährtinnen beschäftigt. Aber lange brauchten sie nicht auf eine Nachricht zu warten. Schon am Nachmittage des ersten Tages, da sie wieder in Scha-tou waren, kam für Lord Harrlington eine Depesche folgenden Inhaltes an: Miß Nikkerson, Sargent, Staunton und Hannes bei mir, kommen heute abend. R. S. »Gott sei gepriesen,« rief Harrlington nach Lesen dieser wenigen Worte, »unsere Unruhe hat ein Ende.« Er schickte durch einen Chinesen ein Briefchen an Miß Petersen mit der Anzeige, daß sie über das Schicksal der beiden Damen keine Sorge mehr zu haben brauche, sie, wie auch Miß Staunton, seien bereits in der Begleitung von Mister Wood und Hannes Vogel unterwegs. Er bezahlte den Bootsmann bereits im voraus, da er keine Antwort erwartete, aber dieser kam wieder zurück mit einem anderen Briefe. Harrlington erwartete einen Dank, aber sein Erstaunen war groß, als ihn Miß Petersen darin um eine Unterredung bat und ihm schrieb, da sie keinen geeigneten Platz am Lande wüßte, nach den Gesetzen der ›Vesta‹ aber Herrenbesuch an Bord dieses Schiffes nicht empfangen werden dürfte, so bäte sie um die Erlaubnis, daß die Unterredung auf dem ›Amor‹ stattfände. Natürlich schickte der Lord den Chinesen sofort wieder mit der Mitteilung ab, daß Miß Petersen zu jeder Zeit von ihm auf dem ›Amor‹ erwartet werde. Lord Harrlington hatte keine Ahnung, was dieser Besuch des Mädchens zu bedeuten habe, ob eine Verabredung über einen Ausflug oder über das nächste Reiseziel. Aber nein, das hätte Ellen sicher nicht dazu veranlaßt, sich auf den ›Amor‹ zu bemühen, sie hatte es wie gewöhnlich schriftlich abgemacht, also mußte es diesmal etwas viel Wichtigeres sein, und Harrlington konnte eine Unruhe nicht verbergen, als er im Saal der Brigg auf- und abschritt und die baldige Ankunft des Mädchens erwartete. Sie ließ nicht lange auf sich warten. Ellen war sehr ernst, Lord Harrlington entging es nicht, daß ihr schönes Gesicht bleich war, selbst die gesunde, braune Färbung konnte nicht verbergen, daß ein leidender Ausdruck in ihren Zügen lag, als wühle ein geheimer Schmerz in ihrem Innern, und dieser Eindruck wurde noch erhöht durch das schwarze Kleid, welches Ellen trug. Den sowieso schon unruhigen Lord ergriff eine plötzliche Bangigkeit, er konnte sich diese nicht erklären, aber er ahnte, daß der Besuch etwas Unangenehmes für ihn bedeute, und er wünschte nur, daß Ellen sich sogleich frei und offen gegen ihn ausspräche, damit er ihr ebenso offen begegnen könne. Er fühlte sich frei von aller Schuld. Er bot Ellen einen Stuhl an und setzte sich ihr gegenüber, gespannt ihren ersten Worten lauschend. »Lord Harrlington,« begann Ellen, und ihre Stimme zitterte anfangs ein wenig, gewann aber bald die Ruhe wieder, »ich komme nicht zu Ihnen, um Sie mit einer Bitte zu belästigen oder Sie um Rat zu fragen, wie Sie wohl erwartet haben mögen; etwas ganz anderes ist es, was mich an Bord Ihres Schiffes führt, etwas viel Wichtigeres, sonst würde ich diesen Besuch wohl unterlassen haben.« Harrlington blickte bestürzt auf. Die Einleitung klang ja sehr besorgniserregend. Zur Verantwortung zu ziehen? Was in aller Welt hatte er verbrochen, das Ellen zu diesem Schritte getrieben hatte? Er antwortete nicht, sondern wartete ruhig, bis Ellen im Sprechen fortfuhr: »Ich will nicht viele Worte verlieren, sondern es kurz machen. Beantworten Sie einfach meine Frage: Wer ist dieser Mister Wood?« »O weh!« dachte Harrlington. »Also das ist es, was Ellen wissen will! Hat sie vielleicht etwas über die eigentliche Beschäftigung dieses Mannes erfahren?« »Mister Wood, der die Spur der beiden Mädchen verfolgt hat und sie jetzt Ihnen wieder zuführt?« sagte er. »Eben diesen meine ich, denselben, den Sie mir in Batavia als einen sicheren Mann empfahlen, dem ich meine Geheimnisse anvertrauen könnte, derselbe, der es so ausgezeichnet versteht, jede Spur zu verfolgen.


« Sie weiß, was er ist, und ich darf es ihr nicht verheimlichen, dachte Harrlington, und laut und einfach sagte er: »Er ist Detektiv.« Ellen war aufgestanden. »Es ist Nikolas Sharp,« rief sie erregt, sich auf die Lehne ihres Stuhles stützend, »der amerikanische Detektiv, über dessen Verstellungskunst, Spitzfindigkeit, Ränke, Spionage und so weiter man schon so viel gehört hat. Und damit Sie nicht nötig haben, es mir zu gestehen, so will ich Ihrer Mitteilung über ihn zuvorkommen. Sie haben ihn, Nikolas Sharp, den Detektiven, engagiert, daß er mich während dieser Reise überwachen soll, Sie gaben ihm die Mittel, daß er mir in allerlei Gestalten folgen und Sie über meine Pläne in Kenntnis setzen kann. Ist es so oder nicht?« »Miß Petersen,« bat Harrlington in flehendem Tone, »bedenken Sie doch den Grund, aus welchem ich –« »Ist es so oder nicht?« unterbrach Miß Petersen den Sprecher hart. »Es ist so, ja,« antwortete Harrlington aufrichtig. »Und was haben Sie dabei gedacht, als Sie einen Detektiven, den ich verachte, und noch dazu Nikolas Sharp, über dessen Herzlosigkeit, Zynismus und Roheit man abscheuliche Sachen zu hören bekommt, den Auftrag gaben, mich wie ein hilfloses Kind zu überwachen, ihn über mich zum Vormund setzten?« »Es war meine Liebe zu Ihnen.« »Sprechen Sie nicht davon,« fuhr Ellen so heftig auf, daß Harrlington zusammenschrak, er konnte das Wesen Ellens nicht begreifen. »Sprechen Sie nicht mehr von Ihrer Liebe. Was veranlaßt Sie dazu, noch jetzt den Detektiven gleich einem Spürhunde bei sich zu behalten?« »Noch jetzt?« fragte Harrlington gedehnt. »Ich verstehe Sie nicht, Miß Petersen!« »Allerdings, noch jetzt,« wiederholte Ellen, immer entrüsteter werdend. »Sie mußten sich überhaupt wundern, daß ich noch den Mut, oder fast möchte ich sagen, die Unverschämtheit besitze, meinen Fuß an Bord Ihres Schiffes zu setzen. Sie wissen recht gut, was ich meine, Ihr eigenes Gewissen wird es Ihnen sagen. Aber Sie wissen auch, daß ich anders denke, als Sie vielleicht von anderen meines Geschlechts gewohnt sind, daß ich alle Rücksichten, welche die Frauen den Männern gegenüber haben sollen, aber sie zu befolgen nicht nötig haben, unbeachtet lasse; und nur deshalb, um meiner Ansicht treu zu bleiben, trete ich selbst vor Sie, um Rechenschaft von Ihnen zu fordern.« Langsam, zollweise hatte sich der Lord erhoben, die Augen starr auf die Zürnende gerichtet. Noch konnte er nicht im mindesten begreifen, was Ellen von ihm wollte. Ein Mißverständnis mußte es sein, was sie so aufbrachte. »Ellen,« fragte er bestürzt, und seine Stimme klang traurig, »was ist zwischen uns gekommen, daß Sie so zu mir reden? Beim wahrhaftigen Gott,« er streckte die Hand feierlich empor, »ich weiß nichts, wodurch ich Ihren Unwillen verdient hätte, und ist es der Fall gewesen, so –« »Rufen Sie Gott nicht zum Zeugen Ihrer Lüge an,« unterbrach ihn Ellen hastig. »Benehmen Sie sich wenigstens wie ein Mann, der die Wahrheit liebt.« »Lüge?« fuhr jetzt auch Lord Harrlington auf. »Was berechtigt Sie dazu, mir so etwas vorzuwerfen?« »Den Beweis werde ich gleich bringen. Jetzt aber bitte ich Sie, nein, verlange ich von Ihnen, daß Sie sofort den Detektiven verabschieden, oder, wollen Sie ihn behalten, so verwenden Sie ihn in anderem Interesse. Ich aber verbitte mir ein für allemal, daß er seine Aufmerksamkeit, Ihrem Geheiße zufolge, auf mich richtet.« »Es soll geschehen! Aber den Beweis, daß ich ein Lügner bin? Was ist es, Ellen, das Sie zu solchen heftigen Worten reizt?« »Ich bin keine Dirne, mit der man ein Spiel treiben kann!« brauste jetzt Ellen auf, die sich nicht mehr zu mäßigen vermochte.

»Und war es nur Ihre Feigheit, welche Sie zurückhielt, mir mündlich oder schriftlich zu gestehen, daß ich Ihnen nicht mehr die bin, die ich Ihnen früher war – ich hätte Ihnen diese Schwäche verziehen, wenn auch mit blutendem Herzen, aber daß Sie es wagen, mir dasselbe offene Gesicht zu zeigen, während Sie mit einer anderen kokettieren, das macht, daß ich Sie verachten muß. Hier der Beweis!« Sie riß einen Brief aus der Tasche, schleuderte ihn vor die Füße des Lords und wendete sich zur Tür. Harrlington sah, wie ihr die Tränen aus den Augen stürzten, ein namenloses Weh ergriff ihn, er hob den Brief auf, warf einen Blick darauf, fuhr entsetzt zurück und war im nächsten Augenblick an der Tür, Ellen beim Arm zurückhaltend. »Beim allmächtigen Gott,« rief er außer sich, »Ellen, ich schwöre dir, diese Adresse ist nicht von mir geschrieben.« »Lassen Sie mich,« rief Ellen und suchte sich freizumachen – ihre Tränen waren plötzlich vertrocknet. »Ich kenne Ihre Schrift, ich habe sie prüfen lassen, es ist die Ihre.« Sie wollte sich mit Gewalt von seinem Griff befreien, aber Lord Harrlington ließ nicht nach. »Ich beschwöre Sie, dieser Brief ist nicht von mir, nie habe ich an Miß Morgan geschrieben.« Ellen wandte sich um und sah ihm starr in die Augen, eine plötzliche Röte flammte über ihr Gesicht. »Lügner,« fuhr sie ihn an, »Sie hätten nie an Miß Morgan geschrieben? In England? Soll ich Ihnen noch andere Beweise bringen? Ich kann es!« Harrlington zog seine Hand von ihr und taumelte zurück. »Sehen Sie, wie ich Sie fange!« tönte es aus Ellens Munde. »Behaupten Sie nun noch, daß auch dieses Schreiben nicht von Ihnen ist? Doch damit Sie nicht glauben, ich hätte einen Liebesbrief abgefangen, so will ich Ihnen nur noch sagen, daß er ganz zufällig heute in meine Hände gekommen ist. Zufällig habe ich ihn für einen an mich gerichteten gehalten, und versehentlich habe ich ihn erbrochen, aber es war ein Glück, daß ich es tat, und ich bereue es nicht, wurden mir doch dadurch die Augen geöffnet.« In diesem Augenblick wurde von draußen die Tür geöffnet, und Nick Sharp trat in den Salon. Sharp überflog die Situation, er sah den Lord bleich wie der Tod dastehen, in der einen Hand den Brief, auf den er wie geistesabwesend starrte, mit der anderen sich die Stirn bedeckend. Sharp wußte sofort, daß es zwischen den beiden eine unangenehme Auseinandersetzung gegeben hatte, und der Gesichtsausdruck, mit dem er der Hinausschreitenden einen Blick nachsandte, war ein unbeschreiblicher, halb bedauernder, halb spöttischer. Er trat auf Harrlington zu. »Lord,« sagte er und rüttelte den Betreffenden am Arm, »sehen Sie Gespenster, oder hat Sie ein solches eben verlassen? Sie machen ja ein bejammernswertes Gesicht.« »Lesen Sie hier,« sagte Lord Harrlington dumpf und reichte ihm den geöffneten Brief. Der Detektiv überflog den vier Seiten langen Brief, und seine Züge verzogen sich spöttisch. »Hm,« brummte er, »schöner Brief der heißgeliebten Sarah und so weiter. Gott’s Donnerwetter, habe schon manchen hübschen Liebesbrief gelesen, aber so von Schwüren der Treue und Ausdrücken der Sehnsucht hat noch keiner gestrotzt, wie dieser, mir wird ganz flau zu Mute.« Er faltete den Brief zusammen und händigte ihn dem Lord wieder ein. »Hätte doch gar nicht gedacht,« fuhr er zu dem ihn wie geistesabwesend ansehenden Lord gewendet fort, »daß Sie diese Miß Sarah Morgan so fürchterlich lieben.« Wie ein wildes Tier fuhr Harrlington auf den Detektiven zu, packte ihn an der Schulter und schüttelte ihn krampfhaft.

»Sharp,« keuchte er, »glauben auch Sie, daß ich diesen Brief geschrieben habe?« »Ja,« lachte der Detektiv, »haben Sie mir denn überhaupt schon gesagt, daß Sie ihn nicht geschrieben haben? Aber bitte, lassen Sie mit dem Schütteln nach, sonst fliegt mir der Kopf noch ab, und das möchte ich nicht.« »Er ist nicht von mir,« sagte Harrlington und gab ihn dem Detektiven wieder. »Ich glaube es Ihnen, wenn Sie es mir sagen. Aber doch sind es Ihre Schriftzüge.« »Er ist nicht von mir,« wiederholte der Lord zum dritten Male, »er ist gefälscht.«

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