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Die Vestalinnen II (3+4) – Robert Kraft

Jetzt löste sich von einer Gruppe ein Matrose ab, trat an den Schenktisch und verlangte ein Glas Brandy mit Wasser. Er trank das vorgesetzte Glas aus und warf die kleine Silbermünze wie aus Versehen in dasselbe hinein, drehte sich um und ging zur Tür hinaus, gefolgt von dem ersten Manne, der seinen Bewegungen scharf gefolgt war. »Das war sicher ein Zeichen,« brummte der Wirt vor sich hin, nachdem die beiden die Stube verlassen hatten, »der Weißkopf mit dem einen Auge hat schon den ganzen Abend hier gestanden und darauf gewartet, daß er dieses Signal bekam. Spitzbubengesindel!« Die beiden Männer wanderten unterdes durch die dunklen Straßen der Hafenstadt. »Wer seid Ihr?« fragte nach längerem Stillschweigen derjenige, welcher dem Matrosen gefolgt war. »Laßt Euch genügen, daß ich Euch kenne, Seewolf,« flüsterte der Matrose, »Ihr kennt mich doch nicht.« »Ihr seid an Bord des Passagierdampfers, der heute in Townville angekommen ist?« »Ja, doch laßt jetzt das Fragen! Ihr seht, ich bin eingeweiht und erfülle einen Auftrag, wenn ich Euch führe.« Aber der Seewolf schien ein böses Gewissen zu haben. Wenn er auch keinen Verrat fürchtete, so hatte doch die Vorschrift, die er vor einigen Tagen bekommen, diesem Matrosen dahin zu folgen, wohin er ihn führte, etwas Beunruhigendes für ihn. Deshalb konnte er sich nicht enthalten, weiterzufragen: »Kennt Ihr den Ort, wohin Ihr mich führt?« »Nein,« war die Antwort, »ich führe Euch nur an einen Wagen, der unserer wartet, und dieser wird Euch dahin bringen, wo man Eurer bedarf.« »Das ist ja furchtbar geheimnisvoll,« lachte der Seewolf, aber sein Lachen klang sehr unsicher. »Seit wann werde ich so zimperlich behandelt?« Der andere warf ihm einen spöttischen Blick zu. »Kapitän,« sagte er dann, »Ihr dauert mich; Ihr habt solches Unglück gehabt, daß Ihr es bald nicht mehr aushalten könnt. Entweder – oder, so wird es auch nächstens bei Euch heißen.« »Was wißt Ihr davon?« brummte der Bedauerte mürrisch. »Ihr seid doch bloß Matrose.« »Das bleibt sich gleich. Ich möchte um alles Geld der Welt nicht mehr ein eigenes Schiff kommandieren, die Verantwortung ist zu groß. Habt Ihr schon gehört, daß Kapitän Blutfinger und Kapitän Demetri samt ihren Mannschaften spurlos verschwunden sind?« Der Seewolf knirschte mit den Zähnen. »Ich weiß es, und Ihr scheint gut Bescheid in unseren Sachen zu wissen, seid wahrscheinlich mehr als ein Matrose. Ich habe die Geschichte bald herzlich satt, mich von diesen Frauenzimmern an der Nase herumführen zu lassen.« »Gebt acht, daß der Meister nicht auch bald die Sache satt bekommt!« klang es ernst aus dem Munde des Matrosen. »Darum will er Euch wahrscheinlich sprechen – aber nur unter uns gesagt.« Erschrocken blieb der Pirat stehen. »Sprecht Ihr im Ernst?« »Nun, nun,« beschwichtigte der andere, »so schlimm wird es nicht gleich werden! Jedenfalls bekommt Ihr neue Instruktionen oder jemanden an Bord, dem Ihr Euch zu fügen habt.


« Unwillig murmelnd ging der Seewolf neben dem Matrosen her, bis dieser auf einen Wagen deutete, der aus dem Dunkel der Nacht vor ihnen auftauchte. »Wir sind am Ziel,« sagte er und öffnete den Schlag. »Behaltet nur den Kopf oben, es wird Euch nicht an den Kragen gehen.« Als der alte Pirat allein war, orientierte er sich erst über das Innere des Wagens und fand, daß dieser gar keine Fenster hatte, ebensowenig Handgriffe, um die Türen zu öffnen, daß er also in einer Mausefalle saß. Aber auf ähnliche Weise war er schon oft transportiert worden, wenn ihn eine Persönlichkeit sprechen wollte, die Ursache hatte, ihre Anwesenheit in einer Stadt zu verheimlichen, und so machte er sich weiter keine Sorgen darüber. Der Wagen machte eine lange Fahrt. Unzählige Male bog er um Ecken, fuhr lange Zeit gerade aus und bog dann wieder um oder fuhr einen Kreis, sodaß selbst ein besserer Kenner von Townville, als der Seewolf, vollständig irregeführt worden wäre. Endlich, als er eben über ein holpriges Pflaster gerasselt war, hielt der Wagen; sofort wurde der Schlag geöffnet, und der Seemann sah sich in einem Hofe, welcher rings von Gebäuden eingeschlossen war. Ehe er sich weiter umblicken konnte, wurde er schon von dem Manne, der den Wagen geöffnet hatte, genötigt, in das nächste Haus einzutreten und eine Treppe hinaufzusteigen. »Es ist fast ebenso ein Haus wie das damals in New-York,« dachte der Seewolf, und erschrocken prallte er zurück, als er in ein Zimmer trat und ebendenselben Schwarzmantel mit der Maske vor sich stehen sah, von dem er den ersten Auftrag bekommen hatte. Gerade wie damals lehnte der Unbekannte mit gekreuzten Armen an einem Tisch und ließ die grauen Augen unter der Maske hervor dem Eintretenden entgegenfunkeln. »Ihr habt meinen Auftrag bis jetzt schlecht besorgt, Seewolf,« hörte der Pirat dieselbe tiefe, rauhe Stimme sagen, die er schon einmal gehört. »Ich habe getan, was ich konnte. Die Mädchen sind schlau, und die Engländer, die sie begleiten, wachen über sie, wie Katzen über ihre Jungen. Sie sagten mir zwar, ich sollte nur die Kapitänin aus dem Wege schaffen, aber – –« Der Seewolf schwieg verlegen, weil er nicht wußte, ob er diesem Manne alles sagen durfte. Vielleicht hatte derselbe nur einmal die Hilfe des Meisters in Anspruch genommen. »Ich weiß alles,« sagte aber der Unbekannte, »Ihr habt den Gegenbefehl erhalten, und zwar Miß Petersen sowohl, als auch möglichst viele der anderen Damen gefangen zu nehmen. Aber ich sehe, daß Ihr diesen Aufgaben nicht gewachsen seid.« »Oho,« entgegnete trotzig der Pirat, »kommt Zeit, kommt Rat! Es ist keine Kleinigkeit, eine ganze Schiffsbesatzung auszuliefern. Wenn Sie mir sagten, ich sollte das ganze Schiff verschwinden lassen, so suchen Sie einmal einen anderen, der schneller arbeitet als ich. Mein Leben und das meiner Mannschaft kommt dann nicht mehr in Betracht, ich greife an und ruhe nicht eher, als bis die letzte Planke des Schiffes unter Wasser sinkt. Aber zu dem, was Sie oder andere jetzt verlangen, muß mir Zeit gelassen werden.« »Der ›Friedensengel‹ ist erkannt worden,« unterbrach ihn die Maske. »Macht nichts weiter,« lachte der Seewolf, »dieser Schaden wird bereits ausgebessert.« »Wo liegt Ihr jetzt?« »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das zu sagen brauche!« »Gehorcht mir und beantwortet, was ich Euch frage!« Der Einäugige hatte bis jetzt unverwandt die linke Hand des Maskierten, welche behandschuht war, angestarrt.

Bei seiner ersten Begegnung mit dem Schwarzmantel hatte er bemerkt, daß der kleine Finger des linken Handschuhes ohne allen Zweifel nur ausgestopft war, daß dem Manne dieser Finger also fehle, und dann, dachte der Seewolf, könntest du den Mann vielleicht kennen, und das wäre sehr viel wert. »Ich weiß noch gar nicht, wen ich vor mir habe,« antwortete er auf den mit herrischer Stimme gegebenen Befehl. »Sehet her! Kennt Ihr das Siegel?« Der Schwarzmantel zog ein Kuvert aus der Tasche und hielt es dem Piraten vor die Augen – es trug das Siegel des Meisters. »Das genügt mir nicht,« sagte er kurz. »Sie können das Ding ja gefunden haben.« »Torheiten,« murrte der Schwarzmantel, »ich bin mehr, als Ihr denkt.« Er streifte den Handschuh von der linken Hand und streckte diese vor. Am Zeigefinger funkelte ein großer Siegelring, und der Pirat erkannte sofort auf dem Steine das Zeichen des Meisters, aber zugleich auch, daß an dieser weißen, schlanken, aber nervigen Hand kein Finger fehlte.

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