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Die Vestalinnen 6 – Robert Kraft

»Wo zieht Ihr hin? Auf die Jagd! Uf! Uf! Uf! Uf!« Dieses Lied sangen nicht etwa die Neger der Karawane, sondern ein weißes Kleeblatt, bestehend aus Sir Williams, Sir Hendricks und Marquis Chaushilm. »Gewehr über – marsch,« kommandierte Williams, und die drei Männer verließen im Gänsemarsch das Lager, während gleichzeitig aus der anderen Seite drei Damen in Jagdausrüstung aus dem Zelte traten und dem Walde zuschritten. Diese letzte Truppe setzte sich zusammen aus Miß Thomson, Miß Murray und Miß Nikkerson. AmAbend zuvor hatten sich nämlich diese sechs Leutchen gegenseitig vorgeworfen, daß sie in dieser Gegend doch gar kein Wild schössen, obgleich immer genug davon zu sehen war. Die in der Nähe der Stadt Nbome lebenden Antilopen, auch die Waldtiere, waren aber schon sehr scheu geworden, und so kam es, daß man selten einmal eins zum Schuß bekam. Doch die Damen, welche bis jetzt nur wenig auf die Jagd gegangen waren, die Herren dagegen immer, warfen diesen vor, sie könnten bloß nicht schießen, und so war von ihnen ausgemacht worden, der morgende Tag sollte einmal entscheiden, wer von ihnen die besseren Jäger seien, die Damen oder die Herren. Am Nachmittage des letzten Rasttages sollte die Wette zum Austrag werden. Es wurde ausgemacht, daß die beiden Gruppen gleichzeitig aufbrächen, bei Sonnenuntergang wieder im Lager wären und als Jagdterrain den zwischen den Zelten und Abome liegenden Wald benutzten, ohne sich dabei gegenseitig ins Gehege zu kommen. Wessen Truppe die meiste Jagdbeute mitbrächte, würde als Sieger anerkannt, und zwar sollte ein Unparteiischer den Wert der geschossenen Tiere taxieren, denn es ist natürlich leichter, zehn Wildtauben zu schießen, als eine Antilope. Vor dem Abmarsch aus den Zelten stimmte der immer fidele Charles zur unendlichen Freude der Eingeborenen den Negergesang an, seine Freunde sangen den Chorus, und noch lange konnte man die fröhlichen Stimmen vernehmen, als sich schon die grünen Zweige der Büsche hinter den Abziehenden geschlossen hatten. Der Regen hatte bald wieder aufgehört, die Sonne hatte das nasse Gras getrocknet und schien nun wieder warm herab – ein herrlicher Tag zu einer Jagdpartie. Monsieur Pontence konnte es ebenfalls nicht mehr in seinem kleine Zelte aushalten, er mußte wieder mit seinen drei Büchsen hinaus in den grünen Wald. Hatte dieser Nimrod auch bis jetzt nur eine wilde Ente und ein Kaninchen geschossen, so war die Jagdlust bei ihm doch noch nicht geschwunden. »Monsieur Nonsense, nehmen Sie mich mit?« hörte er hinter sich eine helle Stimme fragen, und sich umsehend erblickte er Hope Staunton, das Mädchen, welches sich möglichst viel bei dem komischen Männchen aufhielt, und mit dem er schon eine Art von Freundschaft geschlossen hatte. »Soll mir angenehm sein,« antwortete der höfliche Franzose und duldete, daß außer Hope auch noch Hannes ihm auf seinem Jagdausflug Gesellschaft leistete. Während sie dem Walde zuschritten, erzählte ihnen der gewaltige Jäger vor dem Herrn, wie er in seiner Heimat einmal einen Rehbock geschossen hatte, der sich aber dann als ein zahmes Reh herausstellte, für welches er fünfzig Franken Schadenersatz zahlen mußte. Letzteres erwähnte er aber nur so nebenbei, hauptsächlich betonte er, daß es ein Kernschuß gewesen sei, der das Tier sofort zur Strecke gebracht habe. Die drei zuerst erwähnten Herren hatten unterdes ein Revier erreicht, welches, wie häufige Spuren verrieten, eine Jagd versprach. »Wir müssen uns hier trennen,« sagte Charles und blieb stehen, »denn es hätte keinen Zweck, wenn wir alle beisammenblieben. Sie finden sich doch nach dem Lager zurück, und außerdem können wir ja durch Schüsse immer wieder melden, wo wir uns befinden. Ich gehe hier geradeaus, Sie, Chaushilm, wenden sich zur linken Hand, und Sie, Hendricks, nehmen die Pürsche von rechts auf. Wünsche Ihnen viel Glück, meine Herren! Also seien Sie bei Sonnenuntergang im Lager, und bringen Sie möglichst viel Beute mit. Adieu!« Charles wollte gehen, wurde aber von Hendricks am Arme zurückgehalten. »Halt, halt,« sagte er dabei, »so schnell geht das nicht. Sie denken wohl, Sie können den mitgenommenen Maiskuchen und das Fleisch allein aufessen? Nein, die Fourage muß erst geteilt werden, sonst bleibe ich bei Ihnen.


« »Ach so, ich habe ja den Proviant in meiner Jagdtasche stecken,« lächelte Charles. »Herrgott!« fügte er dann erschrocken hinzu, »und dort läuft Chaushilm mit der Whiskyflasche weg, der Spitzbube will sie allein austrinken. Chaushilm, heh, Chaushilm!« Der Marquis schien das Rufen nicht hören zu wollen, er ging ruhig weiter, aber die beiden rannten ihm nach und nötigten ihn, stehen zu bleiben. »Das Essen können wir uns wohl teilen,« meinte Chaushilm, »aber, wie wir es mit dem Whisky machen wollen, weiß ich nicht, die Flasche gebe ich auf keinen Fall her, warum haben Sie sich nicht ebenfalls mit welchen versehen?« »Oho, Sie können doch nicht den ganzen Whisky allein trinken?« rief Hendricks. »Wohin wollen Sie ihn denn gießen? In die Stiefeln vielleicht?« »Wir müssen umkehren und uns Flaschen holen.« »Unsinn,« rief Charles, welcher wohl wußte, daß das alles nur Spaß war, »wir werden doch dieses Whiskys wegen nicht wieder ins Lager zurückkehren! Ich schlage vor, wir setzen uns hier und verzehren die mitgenommenen Vorräte gleich, dann hat aller Streit ein Ende.« »Und wir brauchen sie nicht zu tragen,« fügte Hendricks hinzu. »Einverstanden!« rief Chaushilm und warf sich ins Gras. »Wenn wir dann schneller schießen, holen wir die Versäumnis wieder ein.« Die drei ließen es sich vortrefflich schmecken; der frischgebackene Maiskuchen mit dem Wildbret mundete köstlich, und die Lederflasche machte unter heiteren Gesprächen und Witzen die Runde. Da fielen nicht weit von ihnen zwei Schüsse, dann noch einer, und die Herren horchten auf. »Die Damen sind schon beim Jagen,« rief Hendricks kläglich, »und wir essen bereits den Braten, den wir erst schießen sollten. Die Wette werden wir wohl verlieren und beim Heimkommen Spott und Schande ernten.« In diesemAugenblicke knallte Chaushilms Winchesterbüchse, und von einem Baume in der Nähe fiel ein Eichhörnchen herab. »Nummer eins,« sagte er und steckte das Tierchen in die Jagdtasche. »Auf, meine Herren, die Jagd hat begonnen. Ich habe eine Ahnung, daß ich heute furchtbares Glück habe. Passen Sie auf, ich schieße heute alles kurz und klein, was mir vor die Mündung kommt.« Die Herren erhoben sich und schlugen die Richtungen ein, die Charles angegeben hatte. Bald verloren sie sich aus den Augen, und nur ein ab und zu fallender Schuß verriet, daß sie auch Jagdbares fanden, aber so lange sie sich nahe beieinander befanden, war natürlich an ein Anpürschen größeren Wildes nicht zu denken. Doch die Knalle wurden immer schwächer, und schließlich vernahm der langsam zwischen den Bäumen und Büschen umherstreifende Chaushilm nichts mehr, als das Summen der Insekten, das Rascheln der Eidechsen im trockenen Laube, und ab und zu das Zwitschern und Zirpen eines Vogels in den Aesten. Im übrigen herrschte Stille, denn die Tiere des Waldes hielten ihre Mittagsruhe. Marquis Chaushilm war kein besonderer Bewunderer von Naturschönheiten, aber dieser afrikanische Urwald in seiner Mächtigkeit und Ruhe machte doch Eindruck auf ihn und veranlaßte ihn fast, den eigenen Fuß vorsichtig aufzusetzen, um den Frieden der Natur nicht zu stören. Der Wald war nicht so undurchdringlich, wie man dies sonst bei afrikanischen Urwäldern zu finden gewöhnt ist. Er bestand meistens aus Baobabs, jenen Riesenbäumen, welche unsere Eichen an Stammesdicke und an Blätterreichtum noch übertreffen, ferner aus Akazien und Mangobäumen.

Das Unterholz war niedrig und spärlich, Schlingpflanzen fehlten ganz, so daß man wie in einem Parke einen weiten Blick durch die Stämme hatte. Dies wäre zwar recht gut gewesen, wenn der Wald von Tieren gewimmelt hätte, aber so zeigte er durch den offenen Ausblick nur, daß eine Jagd wenig Erfolg versprach. Die Rehe, Antilopen und Gazellen waren hier schon zu viel gejagt worden und zogen sich beim Nahen eines Menschen sofort zurück.

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