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Die Schätze des Wahhabiten – W. Belka

Wie ein Zug Gespenster jagte der Trupp Beduinen mit ihren flatternden Mänteln und den leise klingenden Glöckchen der Reitdromedare durch die einsame, nächtliche Wüste nach Süden zu, immer zur Rechten die letzten Ausläufer des Dschebel el Dachali behaltend, der sich mit seinen kahlen Felsmassen dunkel und drohend in die Luft reckte, anzusehen bei diesem ungewissen Licht wie ein schwarzer, unregelmäßiger Strich am westlichen Horizont. Vierzehn Reiter waren’s. Nicht alle jedoch Söhne der Wüste. Nein, zwei Europäer befanden sich darunter, – – zwei, denen die Füße mit Riemen unter dem Leibe ihrer Tiere zusammengebunden waren. Ihre verwilderten Bärte, ihre schadhafte Kleidung – gelbgraue Tropenanzüge – deuteten darauf hin, daß schon die beiden Männer, von denen der eine, der ältere, recht mager und schmächtig war, bereits längere Zeit fernab von allen Stätten der Kultur ein abenteuerliches und entbehrungsreiches Leben geführt hatten. Als jetzt der vorderste der Beduinen – sie gehörten zum Stamme der Iringi – sein prachtvolles Dromedar in Schritt fallen ließ, fand der eine der Weißen Gelegenheit, seinem Gefährten zuzuflüstern: »Ich bin nur neugierig, wohin sie uns bringen?! Was soll diese Hetzjagd?! Die braune Bande wird doch nicht verfolgt …!« Der Ingenieur Gustav Ring erwiderte nichts, da bereits einer der Beduinen sein Reittier dicht an sie herandrängte und drohend seine lange Lanze schwenkte, um jede weitere Verständigung zwischen den Gefangenen zu verhindern. Abermals ging es dann im Eiltempo weiter. Als der Morgen graute, schwenkte der Führer nach Westen ab auf die Berge zu. Und die ersten Sonnenstrahlen fanden die Schar bereits in einem kleinen Felskessel inmitten des Gebirges. Hier, wo mehrere Dattelpalmen, Ginsterbüsche und spärliches Gras wuchsen, schlugen die braunen Gesellen ihr Lager auf, indem sie Zelttücher um die Stämme der Palmen ausspannten, die Dromedare weiden ließen und Vorbereitungen für das Kochen ihrer Mahlzeit trafen. Auch die Gefangenen, denen jetzt auch die Hände gefesselt waren, bekamen zu essen und mußten sich dann im Schatten eines Gebüsches niederlegen, wo sie vor Übermüdung bald einschliefen. Lautes Rufen weckte sie nachher. Die Beduinen hatten Zuzug bekommen. Unter den drei neuen Ankömmlingen gab es einen Mann, der sofort ins Auge fiel, eine hohe, stattliche Erscheinung mit dunklem Vollbart, gekleidet in einen Burnus von feinerem Stoff und bewaffnet mit einer modernen, trefflichen Büchse sowie zwei Revolvern, die im Gürtel steckten neben Dolch und einem … Fernglas im Futteral. Als der Ingenieur Ring diesen Araber eine Weile prüfend gemustert hatte, sagte er zu seinem Leidensgefährten Doktor Wallner: »Den Kerl kenne ich. Nicht persönlich. Aber ich habe seine Photographie in einer Zeitschrift in Kairo vor kurzem gesehen. Der Kopf dieses Mannes ist etwas wert: die englische Polizei hat nämlich eine gute Belohnung dem zugesichert, der den berüchtigsten aller Wegelagerer Arabiens lebendig oder tot einliefert. – Richtig: Ibrahim ben Garb heißt er. Und sein Ruf reicht von Suez bis Maskat, von Bagdad bis Aden.« Der Chemiker Doktor Wallner erwiderte darauf: »Wahrscheinlich hat sich der Führer unserer Häscher mit diesem Ibrahim hier verabredet gehabt. – Na – angenehm ist dieser Zuwachs der braunen Banditen für uns gerade nicht. Wir …« Ibrahim kam jetzt auf die beiden Weißen zu, so daß der Doktor es vorzog, den begonnenen Satz nicht zu Ende zu führen. Der berüchtigte Pirat der Wüste ließ sich vor den beiden nieder, legte die Büchse über die Knie und begann nach einer Weile: »Mein Freund Jussuf ben Hami hat mich von allem unterrichtet.« – Er sprach ein leidlich gutes Englisch.


»Ihr wollt also auf keinen Fall das Geheimnis preisgeben, das Ihr von dem alten Wahhabiten Kir Bali erfahren habt. Nun – jeder muß wissen, was er tut. Ich kann Euch Eures hartnäckigen Schweigens wegen nicht einmal verurteilen. Vielleicht würde ich ebenso handeln. – Ich bin nun ein Freund aller Deutschen, verehre Euren Kaiser und will daher versuchen, ob ich es nicht durchsetzen kann, daß Jussuf Euch freiläßt.« Ring, den ein langer Aufenthalt im Orient mit der Heimtücke der Araber nur zu gut vertraut gemacht hatte, entgegnete gelassen: »Es soll mich freuen, wenn es Dir gelingt, Ibrahim ben Garb.« Der Räuber zuckte zusammen. Und heimlich traf den Ingenieur ein drohender Blick aus seinen dunklen Augen. Dennoch sagte er nun, sehr freundlich tuend: »Jussuf hat mir erlaubt, Euch zunächst die Fesseln abzunehmen und Euch zu gestatten, daß Ihr Euch hier innerhalb des Talkessels ungehindert bewegen könnt.« – Als Ibrahim nach einer Weile wieder nach den Zelten zurückkehrte, schlenderten Ring und der Doktor, jetzt aller Bande los und ledig, dem Südrande des Tales zu, wo eine Gruppe mächtiger Felstrümmer sich erhob. Hier setzten sie sich zwischen den Granitblöcken, die an dieser Stelle eine Art Hofraum bildeten, auf den harten Steinboden und besprachen leise ihre wenig aussichtsvolle Lage. »Natürlich hat der braune Halunke uns nur die Fesseln abgenommen«, erklärte der Ingenieur, »damit wir glauben sollen, Ibrahim meine es wirklich gut mit uns. Da das Geheimnis uns durch Gewalt nicht entlockt werden kann, versucht der listige Strauchdieb es mit einem anderen Rezept.« – Nachdem die beiden Gefangenen etwa eine halbe Stunde miteinander ungestört geplaudert hatten, erhob sich Ring, suchte aus den umherliegenden Trümmern der Felsen zwei Stücke heraus, die sich als Meißel und Hammer benutzen ließen, und begann lediglich aus Langerweile in eine glatte Stelle eines der mächtigen Blöcke die weicher als das übrige Gestein war, etwas in lateinischen Buchstaben einzumeißeln, und zwar einen seltsamen Vers, der aber doch nur zu gut auf die beiden Deutschen paßte: Gold der Verführer, Wir die Verlierer. Darunter setzte er den Namen seines Gefährten und seinen eigenen. Währenddessen hatte der Doktor, auch aus Langerweile, zwischen den Felsen umhergestöbert. Jetzt lockte er durch einen Zuruf den Ingenieur herbei und zeigte ihm eine in einer Vertiefung des Gesteins liegende breite Rolle stark von den Unbilden der Witterung mitgenommenen Seidenstoffs von hellgrüner, mit dunklen Streifen durchzogener Farbe. Wie sie an diesen Ort gelangt war, blieb ewig ein Rätsel. Aber die Annahme Rings, es handle sich hier sicher um gestohlenes, wahrscheinlich von einem Karawanenüberfall herrührendes Gut, mochte wohl zutreffen. »Ein merkwürdiger Fund«, meinte der Doktor. »Aber – er kommt mir recht gelegen. Ich habe in den letzten Nächten gefroren wie ein Schneider, seit die braunen Herrschaften da drüben sich meinen Burnus zwangsweise entliehen haben. Dieser Seidenstoff reicht ganz sicher für zwei Umhänge aus. Wenn wir ihn doppelt legen, wärmt er tadellos und hat noch dazu den Vorzug des geringen Gewichts.« – Ring nickte nur.

Er fürchtete, die Beduinen würden ihnen die Seide doch wieder abnehmen. Hierin täuschte er sich aber. Der Bandit Ibrahim sorgte dafür, daß man sie ihnen beließ. Aus dem Benehmen dieses gefürchteten Wüstenräubers war überhaupt schwer klug zu werden. Er behandelte die beiden Deutschen auch weiter mit großer Zuvorkommenheit, verlor nie mehr ein Wort über Kir Balis Geheimnis, sondern spielte ganz den Mann von Welt, der trotz seiner Hautfarbe etwas gelernt hat und auch viel natürliche Vornehmheit besitzt. Jedenfalls war er kein gewöhnlicher Wegelagerer, sondern übte sein strafwürdiges Gewerbe fraglos mit einem gewissen verfeinerten Empfinden aus – wenigstens tat er so den beiden weißen Gefangenen gegenüber. – Drei Tage darauf wurde plötzlich aufgebrochen. Es ging wieder durch die Wüste nach Norden zu. Jetzt durften der Doktor und der Ingenieur ungefesselt ihre Dromedare benutzen. Über das Ziel des Rittes erfuhren sie jedoch nichts. Wieder jagte die Schar im Eiltempo durch die Sanddünen, über felsige Strecken, durch steinige Wadis (Wadi, trockenes Flußbett), wieder hörten die beiden Gefährten nachts die Schakale und Hyänen heulen und bellen, erlebten auch einen ungefährlichen Samum, wurden Zeugen einer ergebnislosen Löwenjagd, bei der Ibrahim ben Garb eine wilde Tollkühnheit bewies. Am vierten Tage sagte der Doktor dann zu dem Wüstenpiraten: »Wohin geht eigentlich die Reise? Ich wäre dankbar, wenn ich’s erfahren dürfte. Und gleichzeitig bitte ich auch, mir zu erklären, was eigentlich aus unserem jungen weißen Freunde geworden ist. Bisher bist Du mir, was dessen Person anbetrifft, stets ausgewichen, Ibrahim! Bedenke, daß er mein Verwandter ist, meiner Schwester einziges Kind, den ich ihr wohlbehalten nach Deutschland zurückzubringen versprach, als wir diese Vergnügungstour nach dem Orient antraten, die nun hier eine unliebsame Unterbrechung erfahren hat.« »Oh – dem weißen jungen Herrn geht es gut«, erwiderte Ibrahim gleichmütig. »Sogar sehr gut. Davon könnt Ihr Euch bald selbst überzeugen!« fügte er mit einem so heimtückischen Lächeln hinzu, daß der Doktor ihn mit einem Blicke maß, in dem all die eben erwachten Zweifel an des Wüstenräubers wahrer Gesinnung zu lesen waren. Dann wandte sich der kraftvolle Beduine ab und schritt davon. – Ring meinte nun, es unterliege jetzt wohl keinem Zweifel mehr, daß Ibrahim ein falsches Spiel mit ihnen treibe. Und er behielt recht. – Man näherte sich wieder dem Gebirge. Die Gegend kam Ring, der einen vortrefflichen Ortssinn besaß, bekannt vor. Sehr bald wußte er Bescheid: man nahm die Richtung nach jenem Berge, der mit seiner abgeplatteten Kuppe und seinen turmhohen, steilen Wänden ein ganz sicheres Gefängnis war, – demselben Plateau also, wo die Beduinen die beiden Deutschen überwältigt und darauf mitgenommen hatten in jenen Felskessel, in dem nun die Worte in eine Steinplatte eingemeißelt waren: »Gold der Verführer, wir die Verlierer!« Als Ring den Doktor auf seine Wahrnehmung aufmerksam machte, schüttelte der ungläubig den Kopf.

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