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Die Lotosblume – W. v. Neuhof

An der Ostseite des Vindhya-Gebirges träumt ein kleiner Bergsee unter rauschenden Uferpalmen und wispernden, buntblühenden tropischen Bäumen seine ureigensten, exotischen Märchen … Es sind nicht alles nur Märchen, – Wahrheit und Dichtung spiegeln sich in seiner von Wasserpflanzen bedeckten stillen Oberfläche wie die leuchtenden Gestirne des südlichen Firmaments, und nur am Tage, wenn der glühende Sonnenball den verträumten Weiher mit seinen brennenden Pfeilen trifft und unter den Luftwurzeln der Mangroven aus sumpfigem Schlick der Pesthauch des Fiebers hervorquillt, hat der kleine Bergsee all seine Romantik abgestreift und erscheint alltäglich und nichtssagend … … Sinkt der Sonnenball und wehen die kühleren Winde über die einsamen Berghöhen, dann erst steigen aus der Tiefe des Weihers die zarten Lotosblumen empor wie weiße, keusche Nixen, umgeben von der Schutzwache ihrer großen, runden, grünen Blätter … Dann erst öffnen sie ihre hellen, unten gelbumrandeten Kelche und atmen den Odem der nächtlichen Wildnis ein und beginnen ihr märchenhaftes Flüstern und Raunen und ihre zärtlichen Spiele … – … Inmitten des Weihers, wo das freie Wasser einen blanken, reinen Kreis bildet, spiegelt sich in dieser Zaubernacht die Mondsichel wider wie eine Leuchte, die auf dem Grunde des Gewässers verborgen glüht … Die Wildnis ist erwacht … Allerlei Getier kommt zur Tränke – lautlos, vorsichtig, mißtrauisch … Sie stillen ihren Durst und enteilen, wie sie erschienen: Ganz lautlos … – Sie wissen, warum … … Durch die Gräser geht ein leises Rauschen, und aus dem Dickicht schiebt der Herr der Dschungel seinen gelben, schwarzgestreiften Kopf hervor. Seine spitzen Ohren regen sich, – er lauscht … Er versteht die Sprache der Einsamkeit und wittert den menschlichen Erbfeind auf weite Strecken. Die grüngelben Lichter der großen Katze hängen gebannt an dem freien Kreis inmitten des Weihers … Eine Lotosblume taucht dort empor und entfaltet ihre weißen Blütenblätter, schüttelt die Wassertropfen von sich und reckt sich sehnsüchtig dem Monde entgegen … An ihrem endlos langen Stiele, der bis zum Grunde hinabreicht, bewegt sie sich unruhig hin und her und scheint irgend etwas zu suchen … … Und dann erscheint auf dem glitzernden Spiegel eine zweite Lotos, größer, kräftiger wie die erste … Sie schießt empor, wirft eigenwillig das weiße Haupt zurück und schleudert die Tropfen mit der Kraftfülle selbstbewußter Männlichkeit von sich … Um ihre Blüte liegt das Spiegelbild der Mondsichel wie ein blanker Helm … – Sie späht umher … Die kleinere Lotos hat sich scheu geflüchtet und unter den hohen Stengeln des indischen Pfeilkrautes verborgen, ihre Blütenblätter zittern wie in banger Erwartung, ob nun endlich all das Harren und Hoffen und all die Zweifel ein Ende haben werden … … Langsam nähert sich die große, kräftige, trutzige Lotos und umkreist wie werbend die zartere, feinere … bis beider lange Stiele sich umschlingen und schließlich ein Windstoß des Schicksals beider Blütenkelche zusammendrängt und sie sich zueinanderneigen und sich noch enger umschlingen und ihre Sehnsucht verhaucht in einem heißen, ersten Kuß befreiter Liebe … … Leise, lautlos schleicht der Tiger von dannen … Sein brünstiger Schrei hallt in den Bergen von Vindhya wider, und fernher antwortet ihm das Jaulen eines Weibchens, das einen Gefährten sucht für diese Nacht der Erfüllung … … Die Palmen rauschen … Der Weiher träumt … Die kleine Lotosblume hat ihr Glück erkämpft, nicht gefunden … … Die kleine Lotosblume heißt … Lotte … * … Und ein anderes Bild … Kein stiller Bergsee, den nicht einmal die tollsten Stürme aufzurühren vermögen, da die Ufermauern der grünen Wildnis ihn schützen … … Nordoststurm an der Friesenküste … Brüllende Wogen mit weißen Schaumkämmen, hohe Deiche, gegen die das Meer wie in wilder Wut unaufhörlich anrennt … Dazu jagende Wolkenfetzen, Regenschauer, dann wieder wie durch Zauberspruch greller Sonnenschein … Ewiger Wechsel zwischen drohender Dämmerung und strahlendem Licht … Hinter den Deichen das flache endlose Marschland mit üppigen Weiden für rot gefleckte Rinder, vereinzelte Bauerngehöfte mit altehrwürdigen Giebeln, auf denen der eiserne Wetterhahn im Sturme rostzerfressen sich dreht, daneben der weiße, gebleichte Pferdeschädel, uralter Giebelschmuck aus grauer germanischer Vorzeit … … Ein Land, das ein knorriges, hartes Geschlecht von jeher heranwachsen ließ, stille bedachtsame Naturen, zäh und kampfesfroh geworden im ewigen Streit wider die Natur, die ihnen das Dasein erschwert, damit nichts Weichliches in ihnen wie Unkraut emporschieße … – Ein Sommertag ist’s … Ein Mädchen steht ganz allein droben auf dem Deiche und schaut über die ruhelose See hinweg und hat in den Wimpern feuchte, salzige Tropfen … Der Gischt der Brandung fliegt bis zu der Einsamen empor … Sie weint nicht, Tränen wären selbst in dieser Stunde etwas, das ihrer Wesensart nicht entspräche. Der Wind umbraust sie, preßt ihr die Röcke an den Leib, umtastet ihre schlanke Gestalt und gibt die Vollkommenheit ihres Wuchses preis … Ihr Gesicht ist von herber Schönheit, aber um Mund und Auge wetterleuchtet unmerklich ein Zug von Mutwillen, von Lebensfreude und Lebenshunger … Plötzlich fühlt sie sich von der Seite umschlungen, wendet jäh den Kopf, sieht ein ernst lächelndes, in stiller Zärtlichkeit erstrahlendes Gesicht neben dem eigenen … »… Hanna, – du …?!« – Ganz ungläubig klingt’s … »Du in Deutschland …? – Seit wann …?« Die andere, zierlicher, mehr Dame der großen Welt, stößt mit schmerzlich zuckenden Lippen hervor: »Ich bin zu spät gekommen, Lotti … – um Minuten zu spät … Der Zuschlag war gerade erteilt worden, und der Auktionator, oder wer es sonst war, ließ nicht mit sich reden …« – Sie muß ein heißes Aufschluchzen hinabwürgen … Sie ist verzweifelter als die, deren Besitz soeben in fremde Hände überging … Lotte versteht von alledem zunächst nichts, gar nichts … Staunend fragt sie, während sie die andere forschend betrachtet: »Du wolltest den Hof erwerben …, du …?!« Die zierliche Hanna wird verlegen. »Ja, – ich kam mit der Absicht hierher … Ich … kam zu spät …« – Und um allen weiteren Fragen zu entgehen, fügt sie von selbst hinzu: »Ich bin nicht mehr so arm wie einst, ich habe zuletzt eine recht gut bezahlte Stellung innegehabt mit großen Vollmachten … – Meine arme, arme Lotti, wie entsetzlich ist dieser Ausgang deines jahrelangen Ringens …!!« – Sie umschlingt die Freundin und küßt sie … Sie ist anderen Schlages, heißer und schneller fließt ihr das Blut durch die Adern. Lotte macht sich sanft und doch wie in stiller Abwehr aus ihren Armen frei. Der herbe, entschlossene Zug in ihrem Gesicht tritt schärfer hervor. »Hanna, du irrst dich … Es ist nichts Entsetzliches bei alledem, es ist nur … Schicksal, es sollte so kommen … Wissen wir Menschen im voraus, wozu so manches, das wir zunächst nicht begreifen, für die Zukunft ein verändertes Aussehen annehmen kann, wenn es dem Geschick eben gefällt …?! Es liegt ein Trost in diesem ungewissen Hoffen, – auch an dir scheint sich doch diese Wende deines Lebensweges bestätigt zu haben.« Hanna schüttelt energisch den feinen Kopf. – »Keine Veränderung vollzieht sich ohne unser Dazutun …« Auch sie spricht mit einem Male seltsam herb und hart und entschlossen. »Mag sein, daß man erst in sich selbst eine Mission besonderer Art entdecken muß, um innerlich reif und erfolgreich zu werden … Schwer genug habe ich mich in der Fremde als Malerin und Lehrerin um mein täglich Brot bemüht, – bis ich Besseres fand …« – Abermals wird sie leicht verlegen und unsicher. Hastig wechselt sie das Thema. – »Was gedenkst du nun zu beginnen, Lotti …? Etwas Geld wird dir ja noch verbleiben, sagte man mir. Trifft es auch zu, daß du dich bereits um eine Anstellung bemüht hast …?« Lotte nickt nur … Ihr Blick ist wieder hinaus auf die See gerichtet. Eine etwas peinliche Pause entsteht. Hanna kennt die verschlossene Natur der Freundin und besitzt auch selbst genug Zartgefühl, um zu begreifen, daß die andere in dieser Abschiedsstunde allein sein möchte … Sie spricht dies offen aus, und Lotte erwidert in ihrer freimütigen Ehrlichkeit mit einem schlichten »Ja«. … Fügt hinzu: »Wer erwarb den Hof …?« Die Frage brannte ihr längst auf den Lippen. Hanna zögert … – »Ein Ausländer wohl … durch einen Strohmann, wie üblich …« Die blonde Friesin fährt jäh herum. Auf der von einer einzelnen Haarsträhne umspielten Stirn erscheinen Falten, die klaren Augen flammen auf. »… Ein Ausländer …? – Wer?« Wieder zaudert die Zierliche … »Ein gewisser Dalton, glaube ich …« Der Name besagt für Lotte gar nichts. Sie zuckt nur die Achseln, – es ist eine schroffe Bewegung, als ob sie etwas in diesem Augenblick völlig Gleichgültiges von sich wiese. Hanna verabschiedet sich … »Ich weiß, daß du die nächste Zeit allein sein möchtest … Hier hast du meine Adresse, – Nizza, Pension D’Angleterre …, – Mademoiselle Jeanne Reis nenne ich mich dort …« Ein erstaunter Blick trifft sie, – in dem Blick liegt eine gewisse Mißbilligung … – Hanna hat es nun noch eiliger … Schreibe mir, Lotti … Auf jeden Fall, – schreibe mir …! Und nun … viel Glück für den neuen Lebensabschnitt …!« Sie ist gerührt, sie hat die Augen voller Tränen, – noch ein inniger Kuß, und sie eilt den Deich hinab und wandert der fernen kleinen Bahnstation zu. Lotte ist allein … Nicht allein … Um sie her ist die Heimat, jeden Baum, jeden Strauch kennt sie hier … Das Meer liegt vor ihr in grenzenloser Weite, tobend, brüllend, anrennend gegen den Damm von Menschenhand … Die Sonne bricht durch das Gewölk, und das Mädchen, das heimatlos geworden, weiß, daß dieselbe Sonne ihr überall scheinen wird wie ein Gruß dessen, das sie verlor … Der Sturm zerzaust ihr Haar, eine Schaumflocke fliegt zu ihr nach oben, trifft ihre Hand. In dem weißen Gischt schimmert es mattgrün, – ein Stückchen Alge ist’s … Lotte nimmt es und birgt es – letztes Andenken an die Heimat – in dem kleinen goldenen Medaillon, das die Bilder ihrer Eltern enthält und das sie an geflochtener Haarkette um den Hals trägt … – Lotte ist keine romantische Natur, nein, dazu hat das Leben sie zu hart angepackt … Aber dieses Stückchen Alge will sie heilig halten wie all die Erinnerungen an ihr Vaterhaus, das nun einem Fremden gehört … Wie hieß er doch …? – Hieß er nicht Dalton …? War das der Name, den Hanna nannte …? – – Hanna, – Mademoiselle Jeanne Reis …!! – Ach ja, die Tropen und der Kampf ums Dasein vergiften viele … – Lotte merkt, daß Hanna ihr ein wenig fremd geworden ist. – – Lotte ist keine romantische Natur … Und doch … Jetzt, wo es gilt, Abschied zu nehmen für immer, breitet sie doch die Arme nach dem Meere aus, als wolle sie es ein letztes Mal umschlingen und an sich pressen und etwas von seiner urwüchsigen Kraft mitnehmen auf den neuen Lebenspfad … Minuten steht sie so, die Lippen fest zusammengepreßt, die Augen weit geöffnet …, – sie Lotte, Lotosblume von …, – aber davon ahnt sie noch nichts, und das ist gut so …

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