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Die Königin der Wüste 2 – Karl May

Der Engländer kehrte mit langen, eiligen Schritten zurück. Er wedelte von Weitem mit den Armen wie mit Windmühlenflügeln. Sein Lachen klang überschnappend wie die Töne einer überblasenen Clarinette, und erst, als er ganz nahe war, verstanden sie die Worte: »War das – verteufelt, verteufelt! – war das – – hahaha – war das nicht – hihihi – nicht göttlich?« »Unbezahlbar!« antwortete Steinbach. »Nicht wahr -? Hihihihihhh! Ohohohohoho!« Er krümmte sich vor Lachen. Sein Gesicht war zinnoberroth. Es war, als ob er ersticken müsse. Das sah so drollig aus, daß die Anderen abermals zu lachen begannen, und es dauerte eine große Weile, ehe der Lachreiz so weit überwunden war, daß man nur einigermaßen ruhig zu fragen und zu antworten vermochte. »Wir waren erstaunt, Sie hier zu sehen,« sagte Steinbach. »Wie kommen denn Sie hierher?« »Wie? Natürlich auf diesen meinen Beinen.« »Sie sollten doch an Bord bleiben!« »Sollte ich? Ja, ich sollte, ich sollte! Aber ich wollte nicht, verstanden? Ich wollte nicht! Und da machte ich mich auf die Füße und ging hierher. Sie hatten mir den Ort so genau beschrieben, daß ich gar nicht fehl gehen konnte.« »Welche Unvorsichtigkeit!« »Unvorsichtigkeit? Was Sie sagen! Es war der allerklügste Gedanke, den ich jemals gehabt habe. Wer weiß, ob mir in meinem ganzen Leben wieder eine so gescheidte Idee kommt!« »Da es in dieser Weise abgelaufen ist, so mag man es loben. Aber Ihr Leben stand auf dem Spiele!« »Mein Leben? Ganz und gar nicht! Nicht das meinige, sondern dasjenige dieses arabischen Masters stand auf dem Spiele. Verstanden? So ist es!« »Natürlich stand es auf dem Spiele und zwar sehr. Es handelte sich ja um ein Massenduell, um einen Kampf mit so vielen Gegnern nach einander.« »O, das war es nicht! Er sollte erschossen werden.« »Das wissen wir. Deshalb forderte man ihn ja.« »Nicht so meine ich es. Er sollte meuchlings erschossen werden und zwar nicht einmal von hinten, sondern von vorn und dennoch meuchlings.« »Das verstehe ich nicht.« »Haben Sie denn den Schuß aus dem Loche nicht gehört?« »O doch!« »Hm, dieser Schuß galt Hilal.« »Wie? Wirklich?« »Ja. Dieser verteufelte Arnaute hatte sich in das Loch gesteckt, um Hilal aus diesem Verstecke heraus zu erschießen.


« »Das wäre wunderbar. Hilal hatte doch schon so viele Gegner, daß es eines solchen Anschlages gar nicht bedurfte.« »Ja freilich. Ich ahnte und dachte es auch nicht, bis der verdammte Kerl den Lauf seines Gewehres zu dem Loche heraussteckte und auf Hilal zielte.« »Wie sind denn Sie hineingekommen?« »Ich bin hineingekrochen. Oder meinen Sie vielleicht, daß ich in einem Coupee erster Classe per Courierzug hineingedampft bin, Master Steinbach?« »Unsinn! Es versteht sich ganz von selbst, daß ich meine Frage nicht in dieser Weise gemeint habe. Wie sind Sie denn auf den Gedanken gekommen, sich in diesem Grabe bei dem Arnauten zu verstecken?« »Bei dem Arnauten? Ich war eher drinnen als er.« »Das kann ich mir denken.« »Ich ging hierher, um vielleicht Hilal einen Dienst zu erweisen. Dies mußte heimlich geschehen. Darum suchte ich mir ein Versteck. Ich fand das Grab, kroch hinein und machte den Stein hinter mir wieder vor. Da kamen die Arnauten. Sie sprachen mit einander; ich konnte es aber nicht verstehen. Dieser Eine kam hinein zu mir. Ich hatte grad noch Zeit genug, so weit hinter zu kriechen, daß er mich nicht bemerkte. Dann hörte ich draußen sprechen, verstand aber wieder nichts. Ich vernahm endlich auch Ihre Stimme, welche ich natürlich sofort erkannte, Master Steinbach, und da dachte ich mir, daß das Duell nun wohl beginnen werde. Es war dunkel in dem Loche, besonders ganz da hinten bei mir. Vorn aber fehlte an dem Steine eine Ecke, und da kam so viel Licht herein, daß ich den Arnauten erkennen konnte. Ich sah, daß er seine Flinte ergriff und den Lauf derselben an das Loch hielt. Er zielte. Natürlich sagte ich mir, daß er eine Schlechtigkeit beabsichtige, sonst hätte er sich doch nicht versteckt. Ich rückte ihm also leise und heimlich näher. Da hörte ich draußen die Worte »ahad – itnehn -« ich verstehe nicht arabisch, aber so viel weiß ich, daß diese Worte so viel bedeuten wie »Eins – zwei!« Ich konnte mir denken, daß nun »Drei« kommen werde.

« »Da wollte der Mensch schießen?« »Natürlich! Wo stand Hilal?« »Fünfzig Schritte dort.« »Und sein Gegner?« »In derselben Entfernung zurück.« »Ah, so ist es mir jetzt klar. Aus dem Grabe heraus war Hilal noch einmal so sicher zu treffen wie von dort her. Die Schüsse sollten zu gleicher Zeit fallen. Man hätte also gar nicht gewußt, woher die tödtliche Kugel eigentlich gekommen wäre. Na, ich merkte, daß es für mich Zeit sei, zu handeln. Noch ehe die »Drei« ausgesprochen wurde, packte ich den Menschen beim Genick. Er erschrak so, daß er losdrückte; aber ich sehe jetzt, daß die Kugel fehlgegangen ist. Er ließ das Gewehr fallen, stieß den Stein um und schoß hinaus. Wie er gebrüllt hat, das haben Sie ja gehört.« »Ja. Dann kamen auch Sie.« »Aber nicht gar zu schnell. Ich mußte vorsichtig sein. Ich guckte erst sacht heraus, um zu sehen, wie meine Actien ständen. Als ich aber Sie erblickte, sah ich, daß ich es wagen könne, hervorzukommen und so fuhr ich denn mitten unter sie hinein und nachher hinter ihnen drein.« »Das war köstlich, köstlich!« »Ich glaube, sie haben mich für den Geist des Engländers gehalten, der da drinnen gelegen hat.« »Natürlich! Das hat grad so wunderbar gepaßt!« »Sie sehen also, daß Hilal erschossen worden wäre, obgleich Sie ihm zu Hilfe gekommen sind.« »Das ist wahr. Wer hätte so Etwas denken können.« »Also ist Lord Eagle-nest doch nicht ganz zwecklos auf die Welt gekommen!« »Ja. Sie sind heut Engländer, Gespenst, Geist und Schutzengel zu gleicher Zeit gewesen.« »Schön, daß Sie das einmal einsehen. Merken Sie es sich, und nehmen Sie es zu Herzen.

Unsereiner ist auch ein Kerl, der Etwas vermag! Verstanden?« »Sehr wohl! Ich werde mich seiner Zeit daran erinnern. Jetzt, da ich klar sehe, will ich auch Hilal die Sache erklären, damit er hört, was er Ihnen zu verdanken hat.« »O bitte! Das ist nicht nöthig. Ich trachte nicht nach solcher Anerkennung. Ich habe mir einen ungeheueren Spaß gemacht und bin damit zufrieden.« »Schön! Solche Abenteuer scheinen Ihnen besser zu gelingen als die Entführung aus dem Harem.« »Ja, ich muß mich nun auf diese Art von Heldenthaten legen, gebe aber trotzdem die Hoffnung, eine Sultana entführen zu können, noch nicht auf. Besser wäre es gewesen, wenn ich verstanden hätte, was sie sprachen. Ich werde mich jetzt auf das Studium fremder Sprachen legen. Ich sehe ein, wie nützlich das ist.« Steinbach sagte Hilal, daß er habe ermordet werden sollen und erklärte ihm den ganzen Vorgang. Der Beduine hörte ihm ruhig zu und sagte dann: »So habe ich diesem Engländer mein Leben zu verdanken. Dies war die einzige Weise, in welcher sie mir schaden konnten. Ich hätte sie Alle erschossen!« »Bist Du Deiner Sache so gewiß?« »Ja. Das sage ich nicht aus Stolz. Könntest Du mich kennen lernen, so würdest Du es mir glauben.« »Ich werde Dich kennen lernen.« »Leider wohl nicht, denn morgen früh reise ich.« »Ich auch. Ich reise mit Dir.« »Wohin?« fragte Hilal überrascht. »Zu den Deinen. Du bist beim Vicekönig gewesen, und in seinemAuftrage werde ich mit Dir gehen, um den Kriegern der Sallah seine Wünsche zu bringen.« »Allah sei Dank! Als ich zum letzten Male mit ihm sprach, bat ich ihn, einen Boten zu senden, aber er schlug mir die Erfüllung dieser Bitte ab.« »Ich würde vielleicht auch ohnedies zu den Sallah geritten sein, denn ich hätte Hiluja hingebracht.

« »Hiluja! Du sagtest mir, daß sie Dich hierher gesandt habe, um mich zu beschützen. Gehörst Du vielleicht auf das Schiff, auf welchem sie wohnt?« »Ja, es ist das Eigenthum dieses Engländers.« »So bist Du wohl derjenige, der sie aus der Hand der Tuareg gerettet hat?« »Es gelang mir, sie zu befreien.« »So wird der Erfolg Deiner Botschaft an ihre Schwester ein glücklicher sein. Die Königin der Wüste hängt mit ganzem Herzen an ihr; der Retter derselben wird unter unseren Zelten willkommen sein wie kein Anderer.« »Das soll mir lieb sein. Ebenso sehr wünsche ich aber auch, daß Du als Freund an mir handelst. Ich möchte gern alle Verhältnisse des Stammes genau kennen.« »Ich werde Dir Alles sagen. Ich habe Euch seit jetzt mein Leben zu verdanken. Ich werde Alles thun, was ich zu Deinem Besten zu thun vermag. Nun aber ist es dunkel geworden. Wir müssen gehen. Wo werde ich Dich morgen treffen?« »Du wirst gleich jetzt mit auf das Schiff gehen und bei uns bleiben. Oder willst Du nicht?« Hilal dachte an Hiluja. Welche Seligkeit, auf dem Schiffe bei ihr zu sein! Er antwortete also freudig zustimmend und erkundigte sich dann: »Diese Arnauten haben ihre Waffen weggeworfen. Ich sehe, daß Deine Begleiter sie zusammengeholt haben. Was wirst Du mit ihnen thun?« »Ich werde sie dem Eigenthümer überantworten, dem Vicekönige. Sie gehören ihm.« »Wie schade! Wäre es zum Kampfe gekommen, so hätte ich gesiegt und die Gewehre für mich genommen. In der Wüste braucht man Gewehre so nothwendig, und nicht jeder Sohn der Araber besitzt eine gute Flinte.« »So werde ich ein Wort mit dem Vicekönig sprechen. Vielleicht gelingt es mir, Dir diesen Wunsch in Erfüllung zu bringen.« Jetzt reichte Hilal dem Engländer, seinem Retter, die Hand. Doch was er sagte, verstand dieser nicht.

Steinbach mußte den Dolmetscher machen. Der Lord holte seine Sachen aus dem Grabe, in welchem sie zurückgeblieben waren, und dann wurde der Heimweg angetreten. Als sie das Schiff betraten, war die Freude des Steuermannes, den Lord unversehrt wieder zu finden, groß. Ebenso groß aber stiller war die Freude Hiluja’s, als sie erfuhr, daß Hilal gerettet sei. Im Laufe des Abends begab sich Steinbach in Folge der erhaltenen Einladung zu dem Vicekönige, von welchem er nähere und ausführliche Instructionen empfing. Er erzählte ihm von den Arnauten. Der Khedive ergrimmte über diese Menschen und versprach, sie streng bestrafen zu lassen. Auch die Gewehre erwähnte Steinbach und Taufik Pascha erklärte ihm nach kurzem Besinnen, daß er ihm eine ganze Parthie guter Gewehre als Geschenk für die Königin der Wüste mitgeben wolle, dazu natürlich eine angemessene Quantität der nothwendigen Munition. Als Steinbach auf die Yacht zurückgekehrt war, wurde natürlich nur von der beabsichtigten Reise gesprochen. Er hatte vor dem Engländer ein stilles Bangen gehabt, da er glaubte, dieser werde ihn unter allen Umständen begleiten wollen. Daher war er freudig überrascht, als der Lord meinte: »Sie werden mir zürnen, Master Steinbach, aber es geht beim besten Willen nicht.« »Was?« »Daß ich mit Ihnen gehen kann.« »Ah! Sie können nicht?«

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