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Die Freischaar – Thomas Mayne Reid

Im Herbste des Jahres 1846 befand ich mich in Neu-Orleans, und füllte eine von den Pausen, welche zwischen den Kapiteln eines ereignißreichen Lebens, mit Nichtsthun aus. Ich habe gesagt: eines ereignißreichen Lebens. Beim Rückblick auf die letzten zehn Jahre konnte ich mich nicht erinnern, eben so viele Wochen in einem Orte zugebracht zu haben. Ich hatte den Continent vom Norden bis zum Süden durchreis’t, und ihn von einem Meere bis zum andern überschritten. Meine Füße hatten auf den Gipfeln der Anden geruht, und die Cordilleren der Sierra madre erklettert. Ich war im Dampfboote den Missisippi herab, und im Ruderkahne den Orinoco hinauf gefahren. Ich hatte mit den Pawnees am Plata Büffel, und auf den Pampas am Plata Strauße gejagt. Heute fröstelte ich in der Hütte des Eskimo, einen Monat darauf hielt ich meine Siesta in einem luftigen Lager unter dem zarten Laube der Corazo-Palme. Ich hatte rohes Fleisch mit den Trappern im Felsengebirge, und gebratene Affen unter den Mosquitoindianern gegessen, und noch viel mehr gethan, was die Leser vielleicht langweilen würde, und was den Schreiber dieses zu einem weiseren Manne hätte machen sollen. Aber ich fürchte, daß der Geist der Abenteuer — der Durst darnach bei mir unlöschbar ist. Ich war soeben von einem Streifzuge unter den Comanchen im westlichen Texas zurück gekehrt, und die Idee, mich niederzulassen, war noch ebensoweit von meinem Geiste entfernt, wie sonst. „Was nun, was nun?“ dachte ich. — „Ha, der Krieg mit Mexico.“ Der Krieg zwischen den vereinigten Staaten und diesem Lande hatte bereits jetzt mit allem Ernste begonnen. Mein Degen, eine schöne Toledoklinge, die ich einem spanischen Offizier bei San Jacinto abgenommen, hing über dem Kamin und rostete ruhmlos. Neben ihr befanden sich meine Pistolen — ein Paar von Colts Revolvern, die in mürrischer Stille gegen einander deuteten. Ich wurde von einer kriegerischen Gluth ergriffen, erfaßte nicht den Degen sondern meine Feder, schrieb an das Kriegsdepartement um ein Offizierspatent, und wartete mit Aufbietung aller meiner Geduld auf Antwort. Aber ich wartete vergebens. Jedes Bülletin von Washington enthielt seine Liste, aber mein Name wurde nicht unter ihnen sichtbar. Auf allen Schultern schimmerten Epauletten, während ich mit der Pein des Tantalus gezwungen war, müssig zuzusehen. Täglich liefen Depeschen vom Sitz des Krieges ein, die mit Namen angefüllt waren, welche sich vor Kurzem berühmt gemacht hatten, und Dampfer von derselben Weltgegend brachten neue Bündel von Helden die theils beinlos, theils armlos, theils ein Kugelloch durch den Backen, und vielleicht den Verlust eines Dutzends von Zähnen zu beklagen hatten, die aber alle dick mit Lorbeern bedeckt waren. ‚Der November kam, und kein Offizierspatent. Ungeduld und Langeweile hatten mich geradezu überwältigt. Die Zeit verstrich mir langsam. Wie kann ich sie am besten todtschlagen? Ich will in das französische Theater gehen und die Calvé hören.


Solcher Art waren meine Reflexionen, als ich eines Abends in meinem einsamen Gemache saß. Diesem Impuls gemäß begab ich mich in’s Theater, aber statt mich zu beschwichtigen, erhöhten die Melodien der Oper nur meinen kriegerischen Enthusiasmus, und während ich nach Hause ging, schmähte ich auf den Präsidenten und den Kriegssecretair und das ganze Departement. „Ich habe es doch stark genug gemacht — murmelte ich vor mich hin. „Meine politischen Verbindungen. — Ueberdies verdankt mir die Regierung —“ „Macht Euch auch fort, Ihr Nigger! was wollt Ihr?“ Dies wurde von einer Stimme gerufen, als ich durch die dunkle Ecke des Faubourg trémé ging. Hierauf folgten einige Ausrufe in französischer Sprache — ein Ringen — das Knallen eines Pistols, und dann schrie dieselbe Stimme von Neuem: „Vier gegen Einen! — Indianer! — Mord! — Hilfe! —“ Ich eilte herbei. ‚Es war sehr dunkel; aber der Schimmer einer fernen Lampe ließ mich einen Mann erkennen, der sich in der Mitte der Straße gegen vier andere vertheidigte. Er war von riesenhafter Größe und schwang eine glänzende Waffe, die ich für ein Bowiemesser hielt, während seine Angreifer von allen Seiten mit Stöcken und Stiletten auf ihn eindrangen. Ein kleiner Knabe lief auf dem Banket hin und her und rief um Hilfe. Da ich es für einen Straßenstreit hielt, bemühte ich mich, die Burschen durch Vorstellungen zu trennen. Ich stürzte mich zwischen sie und streckte meinen Stock aus; aber ein scharfer Schnitt über meine Handknöchel, welchen ich von einem der kleinern Männer erhielt, in Verbindung mit der offenbaren Absicht, ihm bessere Streiche folgen zu lassen, raubte mir alle Neigung zu einer friedlichen Vermittelung. Ich hielt mein Auge auf denjenigen, welcher mich verwundet hatte, geheftet, zog ein Pistol (ich konnte mich nicht anders vertheidigen) und feuerte. Er stürzte todt zu Boden, ohne auch nur zu stöhnen. Als seine Kameraden mich wieder den Hahn spannen hörten, gaben sie Fersengeld und verschwanden in einem benachbarten Gäßchen. Die ganze Scene nahm nicht so viel Zeit weg, wie Ihr auf das Lesen dieses Berichts über dieselbe verwendet habt. In der einen Minute schritt ich ruhig heimwärts, in der andern stand ich in der Mitte der Straße, neben mir ein Fremder von riesenhaften Verhältnisen, zu meinem Füßen eine schwarze, halb in den Koth, wie sie gestürzt war, zusammengeklappte Leiche, auf dem Trottoir die schlanke, zitternde Gestalt eines Knaben, und über und um mich Schweigen und Finsterniß. Ich begann das Ganze für einen Traum zu halten, als die Stimme des Mannes an meiner Seite diese Täuschung zerstreute. „Master,“ sagte er, indem er seinem Arm in die Seite stemmte und vor mich hintrat, „wenn Ihr mir Euren Namen nennen wollt, so werde ich ihn nicht bald vergessen. Nein, Bob Lincoln ist nicht von der Art.“ „Was! Bob Lincoln! Bob Lincoln vom spanischen Pik?“ Ich hatte an der Stimme einen berühmten Gebirgstrapper und alten Bekannten, den ich seit mehreren Jahren nicht getroffen, erkannt. „Ei, der Herr bewahre uns vor den Indianern! Ihr seid es doch nicht, Capitain Haller? Ich will vor die Hunde gehen, wenn Ihr es nicht seid! Hurrah! huh! Ich wußte, daß es kein Ladenschwengel war, der den Schuß abgefeuert hatte. Hurrah! Wo bist Du, Jack?“ „Hier bin ich,“ antwortete der Knabe von dem Trottoir aus. „Nun, so komm her! Du bist doch nicht zu sehr erschrocken?“ ‚ „Nein,“ antwortete der Knabe mit fester Stimme, indem er herüberkam. „Ich habe ihn einem schuftigen Krähenindianer, den ich am Gelbsteinflusse gefunden, abgenommen. Er gab mir einen langen Stammbaum, das heißt, ehe ich den Stinkbock tödtete.

Er gab vor, daß sein Stamm den Knaben den Comanchen abgenommen hätte. Ich wußte, daß es Alles dummes Zeug war. Der Junge war weiß, amerikanisch weiß. Wer hat je einen gelbhäutigen Mexicaner mit solchen Augen und solchem Haar gesehen? Jack, dies hier ist Capitain Haller. Wenn Du je sein Leben retten kannst, indem Du das Deinige dafür giebst, so mußt Du es thun.“ „Ich will es,“ sagte der Knabe entschlossen. „Nun, Lincoln,“ fiel ich ein, „diese Bedingungen sind nicht nothwendig. Ihr wißt, daß ich in Eurer Schuld war.“ „Es ist nicht der Rede werth, Capitain. Was vergangen ist, ist vergangen.“ „Aber was hat Euch nach Neu-Orleans geführt, oder vielmehr, wie seid Ihr in diese Patsche gerathen?“ „Nun, Capitain, da die letzte Frage die nächste ist, so will ich Euch die Antwort darauf zuerst geben. Ich hatte gegen zwölf Dollars in meiner Tasche, und setzte mir die Idee in den Kopf, daß ich sie wohl verdoppeln könne. Ich trat also in eine Schenke, wo Crops gespielt wurde. Nachdem ich eine ziemliche Zeit gespielt, hatte ich etwa hundert Dollars gewonnen. Was ich um mich sah, gefiel mir aber nicht, und ich nahm Jack und ging hinaus. „Nun, gerade als ich um diese Ecke bog, liefen vier Kerle — dieselben, welche Ihr gesehen habt, heran, und sprangen auf mich los, wie Panther. Ich hielt sie für dieselben Burschen, die ich an dem Cropstische parlez-vous’n gehört hatte, und dachte, daß sie nur Spaß machten, bis einer von ihnen mir einen Hieb über den Kopf gab, und ein Pistol abfeuerte. Hierauf zog ich mein Bowiemesser, und das Scharmützel begann. Das ist Alles, was ich davon weiß, Capitain.“ „Wir wollen sehen, ob es mit diesem hier aus ist,“ fuhr der Jäger fort, indem er sich bückte. „Wahrhaftig, ja,“ dehnte er:, „todt wie ein Hirsch. Ihr habt es ihm gerade zwischen die Augen gegeben. Er ist einer von den Kerlen, so wahr ich Bob Lincoln heiße. Ich könnte auf diesen Schnurrbart unter einer Million schwören.“ In diesemAugenblicke kam eine Patrouille von Nachtgensd’armen heran, und Lincoln und Jack und ich wurden in die Calalouse geschleppt, wo wir den Ueberrest der Nacht schliefen.

Am Morgen wurden wir vor den Friedensrichter geführt. Ich hatte aber die Vorsichtsmaßregel gehabt, nach einigen Freunden zu schicken, die mich dem Richter gehörig vorstellten. Da meine Geschichte die Lincolns, und seine die meinige, und die Jack’s beide bestärkte, und da sich die Kameraden des todten Creolen nicht zeigten, und er selbst von der Polizei als ein notorischer Räuber erkannt wurde, sprach der Richter das Urtheil: „Entschuldbare Tödtung aus Nothwehr,“ und der Jäger und ich durften ohne weitere Fragen unserer Wege gehen. Zweites Kapitel. Ein Rendez-vous von Freischärlern. „Nun, Capitain,“ sagte Lincoln, als wir uns an den Tisch eines Kaffeehauses setzten, „jetzt will ich die andere Frage beantworten, die Ihr mir gestern Abend stelltet. Ich war eben an der Quelle des Arcansas und hörte, daß hier unten Freiwillige ausgehoben würden, und kam herab, um mich ihnen anzuschließen. Ich belästige die Niederlassungen nicht oft, aber ich habe große Lust, auf die Gelbbäuche (die mexicanischen Soldaten) einige Kugeln abzuschießen. Ich habe einen gemeinen Streich, den sie mir vor zwei Jahren am Pik spielten, noch nicht vergessen.“ „Ihr seid also zu den Freiwilligen gestoßen?“ „Das ist gewiß. Aber warum geht Ihr nicht nach Mexico? das ist für mich ein Wunder, Capitain.“ „Ich habe es schon längst thun wollen, und um ein Offizierspatent geschrieben; aber die Regierung scheint mich vergessen zu haben.“

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