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Deutsche Herzen, Deutsche Helden – Die Königin der Wüste Teil 1 – Karl May

Ueber die spärlich mit Gras bewachsene Steppe, welche zwischen Testur und Tunkra im Süden der Hauptstadt Tunis sich ausbreitet, ritten drei Reiter. Die Reihenfolge, welche sie einhielten, ließ vermuthen, daß der Eine der Herr von ihnen sei, denn er ritt voran, während die beiden Anderen ihm folgten. Er war eine hochgewachsene, breitschulterige Gestalt, welcher die weiße, leichte Wüstenkleidung außerordentlich gut zu dem hellen, dunkeläugigen Gesichte stand. Aber grad diese helle Färbung des Gesichtes ließ vermuthen, daß er nicht wohl eigentlich ein Bewohner der Wüste sei, sich nicht einmal seit langer Zeit in diesen südlichen, sonnendurchglühten Breiten befinde. Dennoch saß er besser, leichter, sicherer und eleganter zu Pferde, als seine beiden Begleiter und war auch bei Weitem besser bewaffnet und beritten als sie. Er ritt nämlich eine Stute von jener eigenthümlichen grauen Färbung, welche man nur unter den Nachkommen desjenigen Pferdes, dessen sich der Prophet Muhammed am Liebsten bediente, findet. Man erzählt sich nämlich, daß der Prophet, als er noch sehr wenige Anhänger hatte, in ein arabisches Zeltdorf kam, um sich ein Pferd zu kaufen. Er wurde nach dem Weideplatz geführt, und als er dort ankam, scheuten alle Pferde, als ob sie von seiner Herrlichkeit geblendet seien, und nur das einzige graue unter ihnen kam herbei und beugte seine vorderen Kniee vor dem Gesandten Allahs, um ihn anzubeten. Er stieg sofort auf und sagte: »Gesegnet sei dieses Roß! Es soll den ersten Diener Gottes tragen, und verflucht sei Der, welcher an seinen Nachkommen einen Fehler findet!« Seit jenen längst vergangenen Tagen tragen alle Abkömmlinge dieses Pferdes die graue Farbe; sie werden heilig gehalten, nur selten und dann zu außerordentlich hohen Preisen verkauft, und auf ihre Zucht verwendet man solche Sorgfalt und Mühe, daß ihr Stammbaum niemals ein Makel zeigt. Der Reiter, welcher sich durch den Besitz dieser theuren Stute auszeichnete, trug an dem Riemen über der Schulter ein kostbares Doppelgewehr mit Kammer, und im Gürtel neben den beiden mit Silber ausgelegten Pistolen noch zwei Revolver von sehr guter Arbeit und ein Dolchmesser, dessen Griff aus den zwei polirren Schnabelhälften des Vogel Strauß zusammengesetzt war – eine Bewaffnung, welche nichts zu wünschen übrig ließ. Die anderen Beiden ritten gewöhnliche aber auch sehr gute Berberrosse. Der Eine von ihnen, ein langer, hagerer, dunkelbärtiger und gluthäugiger Mann, war ganz sicher ein Beduine, ein Bewohner der Wüste. Die Haut war von der Sonne und den erstickenden Wüstenwinden so hart und dunkel gegerbt wie Sohlenleder, und sein Gesicht hatte jenen still fanatischen Ausdruck, den man nur bei den in der Wüste wohnenden Anhängern des Islam beobachtet. Bewaffnet war er nur mit einem Messer und einer langen, dünnen Araberflinte. Er saß in jener Haltung im Sattel, aus welcher man sicher schließen kann, daß der Reiter mehr auf dem Kameele als auf dem Pferde zu Hause ist. Sein Nachbar war ganz gewiß auch ein Moslem, aber wohl ein Städtebewohner, ein Maure. Diese Mauren werden von den eigentlichen Beduinen verachtet, da sie mit Christen und Juden umgehen und überhaupt kein so strenges, abgeschlossenes Leben führen wie die eigentlichen Bewohner der Sahara. Er war noch ziemlich jung, dabei fleischig gebaut und saß so in dem arabischen Sattel, als ob es ihm viel lieber gewesen sei, sich auf einem weichen Divan niederzustrecken und eine Pfeife Tabak dazu zu rauchen. Gekleidet war er wie ein gewöhnlicher, nicht wohlhabender Städtebewohner, und die vielen kleineren und größeren Gegenstände, welche er am Sattel und an sich selbst hängen hatte, ließen vermuthen, daß er wohl der Diener des voranreitenden Herrn sei. Und so war es auch. Er war der Diener, und der Andere war der Führer, welchen der in diesen Gegenden unbekannte Herr gemiethet hatte. Einer, der in den letzten Wochen oder Monaten in Constantinopel gewesen wäre, hätte in dem Gebieter dieser Beiden sofort den Deutschen erkannt, welcher sich dort unter dem Namen Oskar Steinbach aufgehalten hatte. Im Westen hatten sich Wolken auf den zwischen den beiden Flüssen Thissa und Khalad liegenden Bergen niedergelassen. Die Luft war sehr schwül; der Himmel hatte sich über jenen Höhen schwarz gefärbt, fast als ob ein Gewitter zu erwarten sei, in jenen Gegenden eine große Seltenheit. Und wirklich, jetzt zuckte es hell aus den dunklen Wolken hernieder, und dann rollte ein lang gedehnter, grollender Donner über die Steppe hinweg.


»O Allah!« rief der Diener, mit der Hand wie segnend nach der Stirn und nach dem Herzen greifend. »Wenn uns der Blitz erschlägt, so sind wir todt!« Der Führer warf ihm einen stolzen, mitleidigen Blick zu und antwortete: »Du bist feig wie der Schakal unter dem Staube der Ruinen! Dein Herz hat kein Blut.« »Oho! Ich habe Muth! Wer aber kann sich gegen den Donner wehren? Du etwa?« »Ja. Kennst Du nicht die Gesetze des Propheten?« »Ich kenne sie.« »So mußt Du wissen, daß Allah mit der Stimme des Donners an die Thür unseres Herzens klopft, um anzufragen, ob wir rechten Glaubens sind. Der Gläubige kniet bei dem dritten Donnerschlage auf die Erde nieder und betet die einhunderterste Sure des Korans, welche ja die »Klopfende« genannt wird. Dann hat Allah seinen Glauben erkannt, und es wird ihn nicht der Strahl des Blitzes treffen.« »Der Blitz fährt dennoch hin, wo er will! Wenn er mich hier trifft und todt vom Pferde wirft, so hat mir all mein Glaube nichts geholfen. O Allah – Allah!« Er fuhr erschrocken zusammen, denn ein zweiter Donnerschlag war noch stärker erfolgt als der erste. »Du bist ein Ungläubiger!« zürnte der Führer. »Die Hyänen werden einst Deinen Leib aus dem Grabe scharren, und Deine Seele wird verdammt sein, in der Hölle Feuer zu fressen und Flammen zu trinken in alle Ewigkeit!« »Darum werde ich mich hier auf Erden dazuhalten süße Datteln zu essen und Kaffee zu trinken, so lange ich lebe – Schau -da! Welch ein Schlag!« Es donnerte zum dritten Male. Der Diener beugte den Kopf fast bis auf die vordere Sattellehne herab, als ob er den tödtlichen Blitz über sich hinweggehen lassen wolle. Der Führer aber, fest an den Satzungen und Geboten seines Glaubens haltend, hielt sein Pferd an, stieg ab, kniete so nieder, daß sein Gesicht nach Osten gegen Mekka blickte, und betete laut und ernst: »Es ist ein einiger Gott, und Muhammed ist sein Prophet! Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Der Klopfende! Was ist der Klopfende? An jenem letzten Tage werden die Menschen sein wie umhergestreute Motten, und die Berge wie verschiedenfarbige, gekämmte Wolle. Der nun, dessen Wagschale mit guten Werken schwer beladen sein wird, der wird ein herrliches Leben führen, und Der, dessen Wagschale zu leicht befunden wird, dessen Wohnung wird der Abgrund der Hölle sein. Was lehrt Dich aber begreifen, was der Abgrund der Hölle ist? Er ist das glühendste Feuer!« Unter dem »Klopfenden« versteht nämlich der Muhammedaner den jüngsten Tag, weil er Herzklopfen verursacht. Der Beter erhob sich und stieg wieder auf. Steinbach war halten geblieben, hatte sein Gesicht auch nach Osten gewendet und in stillem Ernste das Gebet des Führers mit angehört. Das gefiel diesem. Er sagte zu dem Diener: »Siehst Du, daß der Herr die Gebete des Korans sehr wohl kennt? Ihn wird der Strahl des Blitzes nicht treffen.« »Aber wohl mich?« »Ja, denn Du bist ein Schwachgläubiger und thust nicht nach den Befehlen des Propheten!« Sie hatten ihre Pferde wieder in Bewegung gesetzt. Steinbach wendete sich halb zurück, deutete nach den wolkenumhüllten Höhen und sagte: »Da oben wird es regnen, hier aber nicht.« »Wie aber kannst Du das wissen?« fragte der Führer. »Merkst Du nicht, daß der Wind, welcher sich erhoben hat, nach West geht, also das Wetter von uns forttreiben wird?« »Ein jedes Gewitter hat seinen eigenen Wind. Da oben geht er anders als hier.« »Nein, auch so.

Die Wolken werden nach Untergang der Sonne getragen. Siehst Du! Wir sind sicher.« Er wendete sich wieder um. Der Diener nickte befriedigt vor sich hin und sagte leise: »So wird mich also der Blitz nicht treffen. Aus Freude darüber werde ich einmal trinken.« Er nahm eine große, in Leder eingenähte Flasche, welche am Sattelknopfe hing, herauf, öffnete sie und that einen langen, langen Zug. »Hund!« brummte der Führer zornig. »Wie nennst Du mich? Einen Hund?« »Ja. Wenn Du Muth hättest, würdest Du mich wegen dieser Beleidigung ermorden!« »O, ich morde nicht gern! Man begiebt sich dabei in die Gefahr, selbst getödtet zu werden, denn Du würdest Dich doch vertheidigen. Aber wenn ich trinke, bin ich doch noch deswegen kein Hund!« »Du bist einer, denn was Du trinkest, ist nicht Wasser.« »Was denn? Hast Du es gesehen?« »Ich rieche es. Es ist Wein, den Muhammed verboten hat.« »Es ist nicht Wein, sondern Wasser der Freude, welches man aus den Trauben gepreßt hat.« »Wasser der Verdammniß!« »Warum hätte der Herr dieses Wasser mitgenommen, wenn sein Genuß verboten ist?« »Als Arznei. Weißt Du nicht, daß man den Wein genießen kann, wenn man krank ist? Aber wenig, einen Schluck, und dann muß man dabei die Worte sagen: »O Allah, gieb mir Gesundheit, und entferne den Teufel der Krankheit. Ich will ihn austreiben, denn er hat den Wein nur im Leibe aber nicht ich!« Du aber bist nicht krank und hast diese Flasche bereits fast ausgetrunken. Merkst Du nicht, daß Du im Sattel wankst?« »Ich? Wanken? Siehst Du nicht, daß ich es nicht bin, sondern daß mein Pferd taumelt! Deine Augen sind mit Blindheit geschlagen, so daß Du das Pferd für den Reiter hältst. Trinke einmal mit! Du bist krank und wirst dann wieder sehend werden!« »Allah behüte mich!« »So will ich für Dich trinken, denn die Wohlthat, welche man seinem Nächsten erweist, wird am Tage des Gerichtes zehnfach angerechnet werden.« Er that abermals einen langen Zug. Er wankte allerdings bereits, wie der Führer ganz richtig gesagt hatte. Er war als Muhammedaner den starken, levantinischen Wein nicht gewohnt und hatte doch, natürlich von seinem Herrn unbemerkt, die große Flasche bereits so weit ausgetrunken, daß sie nur noch wenige Tropfen enthielt. Seine Lider senkten sich müd herab; seine Augen blickten ungewiß unter ihnen hervor, und er rückte fortwährend im Sattel hin und her, als ob er sich nahe am Herunterstürzen befinde. Die bis jetzt fast leere Steppe zeigte nach und nach einige Büsche. Drüben rechts zogen sich dunkle Streifen am Horizont hin, als ob sich dort ein Wald befinde. Steinbach deutete da hinüber und fragte: »Ist das dort der Fluß?« »Ja, Herr.

Man nennt ihn Silliama, weil er in dem Thale fließt, welches diesen Namen trägt. Wir aber müssen hier links in die Steppe biegen. Die Medscherdah-Araber, zu denen Du willst, haben dort ihre Lagerstätten.« »Wann werden wir zu ihnen gelangen?« »Wenn sie das Lager nicht in der letzten Zeit verändert haben, sind wir in zwei Stunden bei ihnen.« Sie bogen in die angedeutete Richtung ein, und da jetzt Steinbach seinem Pferde die Ferse fühlen ließ und die Beiden dies also auch thun mußten, so setzten sich die Thiere in Galopp, und die Reiter kamen viel rascher vorwärts als vorher. Die Steppe belebte sich mehr und mehr mit Grün. Die einzelnen Büsche traten zu größeren Gruppen zusammen, ein sicheres Zeichen, daß es hier Wasser gab. Sie erreichten auch ziemlich bald einen Bach, über welchen Steinbachs graue Stute mit großer Leichtigkeit hinweg setzte. Der Führer folgte ihm ebenso leicht. Doch mußten die Beiden anhalten, denn hinter ihnen hatte der Diener einen lauten Ruf des Schreckens ausgestoßen. »O Allah! Hilfe, Hilfe!« Sein Pferd stand neben demjenigen des Führers; der Sprung war ihm ganz gut gelungen; aber der Reiter war nicht an das andere Ufer gekommen, sondern er saß im Wasser, welches glücklicher Weise nicht tief war. Wunderbarer Weise regte er sich gar nicht; er blieb ruhig in den Wellen sitzen, obgleich diese ihm bis herauf an das Kinn gingen. Der Führer zuckte verachtungsvoll die Achseln und sagte kein Wort, machte auch keine Miene, ihn aus dem Wasser zu ziehen. »Was fällt Dir ein!« zürnte Steinbach. »Du hast doch gesagt, daß Du reiten kannst!« »Ich kann es auch, Herr!« versicherte der Verunglückte.

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