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Deutsche Herzen, Deutsche Helden – Der Fürst der Bleichgesichter Teil 1 – Karl May

Es waren drei oder vier Jahre vor den bisher erzählten Begebenheiten, und es war auch in einem ganz anderen Lande, ja in einem ganz anderen Erdtheile, als an einem ziemlich warmen Frühlingsabende sich ein Bär langsam unter den viele hunderte Jahre alten Bäumen des Urwaldes fortbewegte. Ein Bär mußte es sein. Er ging leise, ganz nach der Art eines wilden Thieres, schien ziemlich dick und wohlgenährt zu sein und brummte zuweilen leise vor sich hin. Sein dunkles, zottiges Fell war kaum von der Umgebung, in welcher er sich bewegte, zu unterscheiden. Ein Europäer hätte ihn gar nicht einmal bemerkt. Es gehörte das scharfe, an das nächtliche Dunkel gewöhnte Auge eines Prairiejägers und Westmannes dazu, den unheimlichen Kerl zu entdecken. Aber gerade einem solchen Jäger wäre es sofort aufgefallen, daß dieser Bär nicht auf allen Vieren, sondern auf den Hinterfüßen ging. Auch knackt unter den schweren Pranken eines Bären zuweilen ein Zweig, auf den er tritt; hier aber ließ sich ein solches Geräusch nicht hören. Ferner pflegt der Bär kein Nachtthier zu sein; er ist kein Freund von nächtlichen Wanderungen, sondern er geht fein hübsch mit sinkender Nacht schlafen, wie es sich für ehrbare Leute schickt oder ziemt. Dieser Bär mußte also eine sehr zwingende Veranlassung haben, so ganz gegen die Gewohnheiten von Seinesgleichen zu handeln. Jedenfalls beschäftigte er sich in seinen Gedanken sehr mit dem Zwecke seiner gegenwärtigen Excursion, denn er blieb je länger desto häufiger stehen und schüttelte immer verwunderter den Kopf. Dazu brummte er. Aber dieses Brummen wurde immer leiser und leiser. Es war ganz so, als ob Meister Petz hier irgend welchen Unrath wittere. Eben jetzt blieb er stehen, schnüffelte in der Luft herum, schüttelte abermals den Kopf, machte mit den beiden Vorderpranken einige wunderliche Bewegungen und brummte dann sehr leise vor sich hin: »Verdammt! Ich lasse mich fressen, wenn es hier nicht nach Rauch riecht!« Er schnüffelte abermals und fuhr dann fort: »Ja, es ist Rauch. Man hat ein Feuer gemacht, und zwar von dürrem Holze. Nasses Holz brennt anders und beißt der Rauch auch mehr in die Nase. Wo nimmt man hier in diesem alten Walde trockenes Holz her? Es hat verschiedene Tage lang geregnet. Der Geruch kommt von da rechts herüber, denn bei jedem Schritte dorthin wird er stärker. Wollen sehen!« Er ging weiter. Es war gewiß eigenthümlich, daß dieser Bär nicht nach Bären-, sondern nach Menschenart brummte, nämlich in richtigen Worten und Sätzen. Noch eigenthümlicher war es, daß in seinen Worten sich eine so scharfe Ueberlegung kund gab. Am Eigenthümlichsten aber war der Umstand, daß er ganz regelrecht in guter, deutscher Sprache brummte. Er war kaum zwanzig kleine, kurze Schritte weiter gekommen, so blieb er abermals stehen, aber schnell, plötzlich, mit einem Rucke, mit einer heftigen Bewegung wie Einer, der über irgend etwas in sehr lebhafte Bewunderung gerieth. »Sapperment! Was ist das? Rieche ich recht?« Er begann wieder zu schnüffeln, aber sehr langsam und sorgfältig, wie ein Gourmand, ein Feinschmecker, welcher draußen auf der Straße vor einem halb offenen Küchenfenster vorübergeht und da unwillkürlich stehen bleibt und die Luft in die Nase zieht, um zu erfahren, ob da drinnen Schnitzel à la Wien oder Schnitzel à la Holstein gebraten werden.


»Wahrhaftig!« brummte er weiter. »Es riecht nach Fleisch, hier sitzt irgend Jemand beim Feuer und macht sich einen Braten. Und was für Braten ist es? Das muß ich wissen.« Er schnoberte jetzt in langen, unhörbaren Zügen vor sich hin. Endlich schien er in’s Reine gekommen zu sein, denn er brummte: »Das ist kein Büffelfleisch, auch kein Peccari, auch kein Racoon, kein Hirsch, kein Reh, kein wildes Huhn; es ist überhaupt kein Wild. Es ist wohl das Allerzahmste, was es nur geben kann; denn ich will gefressen sein, wenn es nicht ein ganz gemeines Schaffleisch ist, dessen hundsgemeiner Duft mir die Nase verschimpfirt. Pfui Teufel! Hier im Urwalde Schöpsenfleisch essen! Entweder frißt da ein Schafskopf den anderen; das heißt, irgend ein dummer Kerl spielt den Jäger und hat kein Geschick dazu, oder es handelt sich um etwas Schlimmeres. Wollen sehen!« Er schlich weiter, immer dem Geruch entgegen. Nach wieder einigen Schritten blieb er stehen und schnüffelte. Dann kicherte er leise, so daß kaum er selbst es hören konnte, und sagte sich dabei: »Hm! Ich bin der ehrsame Knopfmachergeselle Samuel Barth aus Herlasgrün in Sachsen, und als Sachse werde ich mich doch auf diesen Duft verstehen! Jetzt kocht sich der Kerl gar Kaffee! Na, wer hier Kaffee trinkt, der ist kein Indianerhäuptling. Ich glaube also nicht, daß – – verflucht!« Bei dem letzten Worte, mit welchem er sein Selbstgespräch ganz plötzlich abschnitt, that er einen Sprung auf die Seite, den man seiner Leibesdickheit gar nicht zugetraut hätte, und duckte sich hinter den mächtigen Stamm einer tausendjährigen Buche nieder. Weshalb that er das? O, er wußte sehr wohl, was er that, dieser Bär, welcher der deutschen Sprache so mächtig war und sich einen Knopfmachergesellen aus Herlasgrün in Sachsen nannte! Nach wenigen Augenblicken war ein leises, leises Rauschen zu vernehmen, fast wie wenn ein Luftzug durch den Wald streicht. Dieses Geräusch näherte sich und fand sein Ende gerade vor der Buche, hinter welcher Samuel Barth steckte. Dann flüsterte Jemand in englischer Sprache und mit amerikanischem Jargon: »Jetzt riecht man es deutlich.« »Ja,« antwortete eine andere, ebenso leise Stimme. »Man macht sich einen Braten.« »Wovon?« »Hm! Der Geruch ist mir fatal. Ich glaube, man findet ihn nur da, wo gewisse Thiere, von deren Verstand man nicht viel hält, mit Lupinen gefüttert werden!« »Also Schaf?« »Ja, gewiß.« »Ich bin derselben Ansicht. Aber, höre, mir kommt die Geschichte verdächtig vor. Schaffleisch im Urwalde!« »Es ist gestohlen.« »Natürlich! Wir haben es also mit Dieben zu thun.« »Vielleicht mit noch schlimmeren Leuten.« »O, es können auch Greenhorns sein!« Greenhorn nennt nämlich der Prairiejäger einen Jeden, der ein Neuling ist und nichts versteht. »Das glaube ich nicht,« meinte der Andere.

»Greenhorns giebt es hier an der Indianergrenze nicht. Wer hier im Walde steckt, der ist kein Neuling. Wann aber ißt ein erfahrener Jäger zahmes Fleisch?« »Wenn er kein wildes hat!« »Unsinn! Du weißt ebenso gut wie ich, was ich meine. Ein Jäger greift nur dann zu solcher Nahrung, wenn er sich scheut, Wild zu schießen, weil er durch den Schuß seine Anwesenheit verrathen würde. Wir haben es also mit Leuten zu thun, welche es nöthig haben, das Licht des Tages zu scheuen.« »Danke für das jetzige Licht! Es ist so stark dunkel, daß ich kaum Dich ahnen kann. Riechst Du? Sie haben auch Kaffee!« »Ja. Sie scheinen es sich gemüthlich zu machen.« »Jedenfalls müssen wir wissen, mit wem wir es zu thun haben. Schleichen wir uns an! »Gut! Aber nicht schießen, wenn wir uns vielleicht wehren müssen! Das Bowiemesser ist besser – – Donnerwetter! Ein Bär! Das Messer heraus!« Gerade als sie sich entfernen wollten, war der Bär vor ihnen aufgetaucht. Wie bereits gesagt, das Auge eines Europäers hätte die unter dem Dache des Urwaldes herrschende, nächtliche Dunkelheit nicht einen Zoll weit zu durchdringen vermocht; diese Leute hier aber besaßen Augen, welche an die Finsterniß gewöhnt waren. Die Beiden, welche gesprochen hatten, mußten ausgereifte Jäger sein, denn Der, welcher den Bär zuerst bemerkt hatte, hatte trotzdem leise gesprochen. Ein Anderer hätte vor Schreck laut aufgeschrien und sich Denen, denen er nachforschen wollte, dadurch verrathen. Diese Beiden aber sprangen zwei Schritte zurück, rissen, ohne weiter einen Laut von sich zu geben, ihre Messer aus den Gürtel und wollten sich nun auf das Thier werfen, hörten aber zu ihrer größten Verwunderung die freundlichen Worte:

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