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Detektiv Nobody – Band 5 – Robert Kraft

ngefähr auf dem 22. Grade nördlicher Breite und auf dem 26. Grade westlicher Länge, etwa 400 Seemeilen von der marokkanischen Küste entfernt, liegt einsam und verlassen im Weltmeer die Insel der drei heiligen Könige, einfacher Dreikönigsinsel genannt. Es ist ein erloschener Vulkan, der sich jäh aus dem Meere emporhebt, nur ringsum mit einem niedrigen Plateau; das Ganze ist so klein, daß es in keinem Atlas angegeben ist, desto stärker ist der Punkt in den Seekarten als verderbenbringend für die Schiffer markiert. Wenn man dicht daran vorüberfährt, sieht das Ding freilich ziemlich mächtig aus, da bemerkt man oben auf dem Vulkan auch die zackigen Erhebungen, aus denen ein phantastischer Kopf drei Kronen gemacht hat, und daher der Name. Selbstverständlich ist die Dreikönigsinsel von England annektiert worden, obgleich auf der völlig wasserlosen Klippe kein Mensch existieren kann, und da kann keine Festung, keine Kohlenstation angelegt werden, denn das Schiff findet keinen Ankergrund, viel weniger einen Hafen. Bekannter ist die Dreikönigsinsel erst durch Alexander von Humboldt geworden, welcher sie, wie so viele einsame Inseln, gründlich durchforscht hat, und nähert sich ihr einmal ein Dampfer und setzt bei schönem Wetter und ruhiger See ein Boot aus — sonst kann man gar nicht landen — so ist sicher anzunehmen, daß der Dampfer einer wissenschaftlichen Forschungsexpedition angehört, welche die Richtigkeit der von Humboldt gemachten Entdeckung nachprüfen will, daß nämlich auf der Dreikönigsinsel zwei Arten von Insekten leben, welche sonst nirgends in der Welt vorkommen. Denselben Zweck verfolgte auch die kleine, aber seefeste Jacht, die sich an einem sonnigen Morgen mit leichtgeschwellten Segeln dem Meeresberge näherte. An der Bordwand stand der Besitzer, ein noch sehr junger Mann, Erno von Kufstein, neben ihm hatte sich ein mächtiger Neufundländer aufgerichtet, die Vorderpfoten auf der Reling, und betrachtete, wenn ihm auch sonst eine Mücke eben eine Mücke war, den aus dem Meere hervorragenden Berg mit gleichem Interesse wie sein Herr. Wir müssen einen kurzen Blick auf die Vergangenheit des Besitzers dieser Jacht zurückwerfen. Es geht schnell genug. Zum Offizier hatte er keine Neigung gehabt. Er hatte studiert, Zoologie und Botanik, hatte auch schon eigne Forschungsreisen gemacht, war aber bisher nicht aus Europa herausgekommen. Als sein Vater starb, hatte er tun können, was er wollte. Er wollte ein zweiter Alexander von Humboldt werden. Er war ein Hamburger, sah die Schiffe immer dicht vor der Nase, und da hatte er sich hier diese mit einer Hilfsmaschine ausgestattete Segeljacht, die ›Woge‹ gekauft. Einen tüchtigen Kapitän und Steuermann darauf, fünf Matrosen und zwei Heizer, von denen der eine ursprünglich Fleischer war, also auch jemandem das Fell über die Ohren ziehen konnte, und los ging es! So etwas kostet Geld, aber Erno von Kufstein hatte es dazu. Jetzt kam er von den kanarischen Inseln. Unten hatte er schon alles voll von eingemachten Schlangen und anderm Zeug, was da kreucht und fleugt und wächst. Ein glücklicher Mensch, wer’s so haben kann! Dabei war Erno niemals ein Philister gewesen, er hatte neben seinen Studien das Leben schon zu genießen gewußt, und in Funchal auf Madeira hatte er sich auch ganz famos amüsiert. Nun also war die Insel der heiligen drei Könige sein Ziel. Zu poussieren gab’s da nichts, da wollte er nur die beiden Mückenarten untersuchen und etliche auf Nadeln gespießt mit nach Hause nehmen. Die ruhige See gestattete eine Landung; ein Boot wurde ausgesetzt. Drei Matrosen stiegen hinein, Erno folgte nach, mit Schmetterlingsnetz und Botanisiertrommel bewaffnet, während ein Revolver mehr als Signalapparat dienen sollte, außerdem, um sich darauf setzen zu können oder ein Sonnendach zu bilden, statt eines Plaids seinen großen Burnus mitnehmend. Den Schluß bildete Sultan, der Neufundländer, der als seefester und weiterfahrener See … hund das steile Fallreep rücklings hinabkletterte.


Das Boot stieß ab, strebte der Richtung zu, wo sich auf dem niedrigen Plateau eine ziemlich hohe Steinpyramide erhob, von frühern Forschern auf dem Platze an der Küste errichtet, wo ein Boot am leichtesten landen konnte. Eine kleine Bucht nahm das Boot auf, gleich hier sah man viele Namen in die Felswände eingemeißelt, vor den meisten ein Dr. Aber Humboldts Name ist auf der Insel nicht zu finden, der hat ihn in andrer Weise verewigt. Auch Erno von Kufstein hatte im Boot Hammer und Meißel liegen. Die Matrosen machten das Boot fest und stellten ein schattenspendendes Dach her, Erno haschte Mücken, Sultan freute sich, wieder einmal festes Land unter den Füßen zu haben, und tollte bellend umher. Das Plateau war nicht so eben, wie es in der Ferne aussah. Es war ein Miniaturgebirge, bei jedem Schritte mußte man klettern, und dereinst hatte das Meer bis hier herauf gereicht, es hatte in die Felsblöcke tiefe Höhlen gewaschen. Da stieß der unsichtbar gewordene Hund ein Bellen aus, welches von seinem bisherigen ganz verschieden war, das klang grimmig, er mußte etwas für ihn Unangenehmes aufgespürt haben. Ohne Zögern folgte Erno der Richtung, und bald sah er Sultan, der in drohender Stellung vor einem großen Felsblock stand, der sicher eine Höhle barg, in die der Hund wütend hineinkläffte. Der junge Mann dachte nicht daran, zur Vorsicht erst seine Begleiter herbeizurufen, er zog nur seinen Revolver und näherte sich schnell jener Stelle. Richtig, es war eine geräumige Höhle, und im Hintergrunde derselben, aber von der Sonne noch tageshell erleuchtet, da sah er … da sah er … ja, hatte er denn eine Vision? Träumte er wirklich nicht nur? Da sah er ein Weib, ein junges Mädchen, keine Schwarze, sondern ihre Haut schimmerte weiß wie frischgefallner Schnee, und sie war völlig unbekleidet, man hätte denn ihr goldblondes Haar eine Bekleidung nennen müssen, welches sie wie ein Mantel einhüllte … da sah er das schönste Weib, das er je auf Gottes schöner Erde gesehen hatte! Sie zitterte an allen Gliedern, wollte sich völlig unter ihrem Haarmantel verkriechen, und nachdem Erno zu der Ueberzeugung gekommen war, daß er hier auf der mitten im Ozean gelegenen Dreikönigsinsel wirklich nicht nur träume, erkannte er sofort, daß das Mädchen sich am meisten vor dem noch immer wütend bellenden Hunde fürchtete. Er beruhigte ihn, wies ihn fort, und sogleich traf ihn ein hilfeflehender Blick aus den wunderbar blauen Augen, sie machte bittende Bewegungen — ein Zeichen doch, daß sie sich vor dem Manne nicht fürchtete. Der junge Mann raffte sich auf. »Wer bist du? Wie kommst du hierher?« Er wiederholte dieselbe Frage auf englisch, auf französisch, italienisch. Keine Antwort. Sie hatte sich von dem Steine, auf dem sie bisher gesessen, erhoben, rutschte auf den Knien zu Erno hin, den einen Arm vor dem Busen, sich in das goldne Haar zu hüllen suchend, dabei mit dem andern Arm immer bittende Bewegungen machend; jetzt traten Tränen in ihre Augen, sie deutete auf ihren Mund … »Mein Gott sie ist stumm!!« Noch einmal mußte sich Erno mit Gewalt aus seiner halben Betäubung emporraffen. Ja, wenn es ein schwarzes oder ein braunes Weib gewesen wäre! Aber das war doch eine Europäerin mit blendend weißer Haut, die er hier auf dieser weltverlassenen Insel fand, ohne jede Bekleidung … das ging über seinen Verstand. Er schoß den Revolver in die Luft ab. Ihren Herrn in Gefahr wähnend, kamen die drei Matrosen sofort herbeigeeilt. Kaum hatte der eine das auf den Knien liegende Weib gesehen, als er mit allen Zeichen des Entsetzens rief: »Alle guten Geister — ein Meerweib!! Fort von hier — um des Himmels willen, Herr, fliehen Sie, es ist Ihr Unglück!!«

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