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Detektiv Nobody 7 – Robert Kraft

Sir Alfred Willcox, Baronet von Kent, den wir aber nach wie vor einfach Nobody nennen wollen, begrüßte seine Gattin am Kaffeetisch. Es war heute tatsächlich die erste Begegnung; denn der Landwirt, der schon sein Reitkostüm gewechselt, hatte bereits mehrere Arbeitsstunden hinter sich, während Gabriele zu normaler Zeit aufgestanden war, sie hatte nur noch die Kinder dem Hauslehrer übergeben, und der ausgetauschte Morgengruß hätte bei Neuvermählten nicht herzlicher sein können. »Heute ist ein großer Tag,« sagte Nobody, als sie sich zum Frühstück niedergesetzt hatten. »Wieso, Alfred?« »Heute vor sieben Jahren sprang ich von dem Dampfer ›Persepolis‹ über Bord in den Atlantischen Ozean, um als neuer Mensch, um als Nobody das amerikanische Festland zu betreten.« Da allerdings war viel Stoff zur Unterhaltung vorhanden! Vor sieben Jahren ein unbekannter, heimatloser Abenteurer, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, Detektiv zu werden, mit gar nichts beginnend – heute Ehrendoktor einer Universität, englischer Baronet, Waffenmeister des höchsten Ritterordens, Champion-Detektiv der englischen Königin, dessen Macht als Kriminalbeamter fast unbeschränkt war, und das alles aus eigener Kraft geworden, und was nun alles dazwischen lag – ja, das gab Stoff zur Unterhaltung! Die Morgenpost kam. Nur die mit einer besonderen Chiffre versehenen Briefe gelangten direkt in Nobodys Hände und wurden gleich beim Kaffeetrinken gelesen, die anderen wurden im Sekretariat erledigt. Besonders ein versiegelt gewesener Brief schien Nobodys Aufmerksamkeit zu fesseln. »Gabriele, ich muß in den nächsten Tagen nach New-York.« So nebenbei hatte er es gesagt, ohne ein ›leider‹, und Gabriele führte die Tasse so ruhig zum Munde, als hätte sie das Gleichgültigste von der Welt gehört. Denn sie hatte den Nobody geheiratet, den rastlosen Detektiv, und er war noch ganz genau derselbe, als den wir ihn früher zur Genüge kennen lernten, demAeußeren nach, dem Charakter nach, dem Berufe nach. Was er tat, das tat er ganz. Gewiß, es hatte sich manches geändert. Als Baronet von Kent lagen ihm Verwaltungsgeschäfte ob, die er treu erfüllte; zu gewissen Zeiten hatte er auch am Hofe und beim Ordenskapitel Ehrendienste zu tun; er war ein leidenschaftlicher Landwirt geworden, der manchmal den ganzen Tag nicht von den Feldern kam und sich am liebsten über Rüben und über Schweinezucht unterhielt; mit seiner Gabriele, die als Künstlerin gefeiert wurde, gab er sich gern gesellschaftlichen Vergnügungen hin, aber wenn irgendwo in der Welt, ob nun in den dunklen Gassen des nahen Londons oder in den fernsten Landen jenseits des Meeres, eine unerklärliche Tat geschehen war, vor welcher die Kriminalpolizei ratlos stand, da war Nobody als Detektiv zur Stelle, um seine ganze Kraft und Erfahrung, sein eigentümliches Genie, das ihm ein gütiger Gott verliehen, in den Dienst der Gerechtigkeit und Aufklärung zu stellen. »Das heißt,« fuhr er fort, »in New-York selbst habe ich gar nichts zu tun. Ich weiß nur, daß sich eine Person, die ich in einem gewissen Verdachte habe, nächstens von London aus nach New-York begibt, und ich habe einen Grund, den Mann gerade während der Ueberfahrt zu beobachten. Da muß ich die Reise nach New-York eben mitmachen. Es handelt sich nur noch darum, festzustellen, wann er abfährt und welchen Dampfer er benutzen wird. Diesem Briefe nach könnte die Depesche eigentlich schon unterwegs …« Ein Diener trat ein, er brachte ein Telegramm. Nobody riß es auf, und eine Erregung packte ihn, er erhob sich vom Stuhle. »Welch wunderbarer Zufall!!« rief er. »Persepolis! Er benutzt die ›Persepolis‹! Und sie geht schon heute in See! – Heute vor sieben Jahren sprang ich in der Nähe von New-York über die Nordwand der ›Persepolis‹, heute, nach sieben Jahren, muß ich mich an Bord der ›Persepolis‹ wieder nach New-York einschiffen! Gabriele, was sagst du zu solch einer Fügung?« Zunächst sagte Gabriele gar nichts. Sie war plötzlich bleich geworden und hatte ganz große Augen bekommen, so saß sie mit im Schoße gefalteten Händen da. »Gabriele, was ist dir?« fragte er erschrocken. »Alfred, geh nicht nach New-York!« brachte sie mühsam mit zitternder Stimme hervor. »Nicht mit der ›Persepolis‹, nicht heute – die Sieben ist eine Unglückszahl!« »Ach so, die böse Sieben!« lachte er aber belustigt auf.


»I, bist du denn auch abergläubisch? Das habe ich noch gar nicht gewußt. Ich aber bin sehr abergläubisch. Sieh, Schatz,« noch immer lachend legte er den Arm um ihre Hüften, »gerade heute ist mein besonderer Glückstag; denn erstens fand ich heute früh ein vierblättriges Kleeblatt – hier ist es, zweitens lief mir vorhin ein weißes Wiesel über den Weg, und drittens war heute früh mein allererstes, daß ich mit dem Kopf gegen einen Scheunenbalken rannte, und zwar ganz tüchtig, und nichts bedeutet mehr Glück, als wenn man sich mit nüchternem Magen an einem Scheunenbalken eine Brausche holt, das weiß ich aus langjähriger Erfahrung. Und da soll heute nicht mein Glückstag sein?« Gegen solche Argumente war freilich nicht aufzukommen, und schließlich mußte Gabriele über sich selbst lachen. Außerdem sagte Nobody ihr zur Beruhigung auch noch, gegen seine sonstige Gewohnheit, um was es sich handelte – um etwas ganz Harmloses: Der Betreffende stand im Verdacht, aus dem englischen Staatsarchiv Papiere entwendet zu haben, nun kam es darauf an, wer sein Kompagnon sei; die Begegnung würde jedenfalls an Bord des Dampfers erfolgen, nur das wollte Nobody beobachten, weiter nichts, und dabei war absolut keine Gefahr. Und die gefährliche Seereise? Konnte das Schiff nicht untergehen? Du lieber Gott, da wollen wir lieber gar kein Wort verlieren! Konnte in dissem Augenblick nicht ein Stück Gips von der Decke fallen und Nobody erschlagen? »Doch ich muß mich beeilen. Nun nenne mir noch einen Namen, auf den ich mir einen Paß ausstellen lasse – irgend einen englischen, keinen so auffallenden.« »Edward Scott.« »Edward Scott, schön! Dieser von meinem lieben Frauchen gewählte Name, unter dem ich segeln werde, wird mir erst recht Glück bringen!« Wir wollen nicht die Empfindungen schildern, welche Nobody hatte, als er die ›Persepolis‹ betrat, und der Zufall wollte es auch, daß er, ohne sein Zutun, gerade wieder dieselbe Kabine angewiesen bekam, die er damals vor sieben Jahren innegehabt. Als er seinen Namen ins Kajütenbuch einschrieb, merkte er, daß er an Bord einen Namensvetter hatte. »Edward Scott, Quebec, Privat,« stand da mit markigen Zügen. Er las es ohne Ueberraschung. So etwas passierte ihm häufig. Denn Nobody wählte als Pseudonym immer einen recht populären Namen, in Deutschland nannte er sich etwa Wilhelm Schulze oder Friedrich Müller, und da fand er denn gar oft einen Namensvetter. Und so ist in England und Amerika Edward Scott ein sehr häufig wiederkehrender Name. Mehr interessierte er sich für diese Handschrift. »Das ist ein Mann, der weiß, was er will, der immer seinen geraden Weg geht und sich durch nichts beirren läßt, ein aufrichtiger Charakter, durchaus zuverlässig. Wohl dem, der den seinen Freund nennen darf!« Was Nobody an Bord geführt, hatte aus einem besonderen Grunde eben nur an Bord dieses Dampfers erledigt werden können, und doch war dies schon am zweiten Tage der Fahrt geschehen. Es interessiert uns so wenig, daß wir ganz darüber hinweggehen wollen. – – – Es ist nicht so einfach, auf hoher See einen Dampfer zu verlassen und auf einen anderen, ihm begegnenden zu gehen. Die Dampfer müßten stoppen, das würde schmähliches Geld kosten – ein Kapitän, der nicht zugleich Eigentümer des Schiffes ist, würde sich auf so etwas gar nicht einlassen, solch eine Fahrtunterbrechung kann er im Schiffsjournal gar nicht verantworten. Uebrigens war es Nobody recht lieb, wieder einmal nach New-Nork zu kommen, er konnte drüben gleich einige finanzielle Geschäfte erledigen, desgleichen eine Unterredung mit dem Verleger von ›Worlds Magazine‹, in welcher Zeitschrift Nobody nach wie vor die Berichte über seine Abenteuer veröffentlichte. Die Fahrt schien ohne jeden Zwischenfall verlaufen zu wollen. Auch unter den Passagieren fand das beobachtende Auge des unübertrefflichen Menschenkenners nichts Bemerkenswertes, weder in der ersten Kajüte, noch in der zweiten, noch im Zwischendeck. Erst am vierten Tage der Reise, nur noch zwei von New-York entfernt, fesselte ein Mann seine besondere Aufmerksamkeit.

Nobody hatte sich sehr früh an Deck begeben, in der fünften Morgenstunde, da begegnete er jenem, wie er eine Morgenpromenade machte. Es war ein noch junger Mann, hoch und schlank, mit breiten Schultern und schmalen Hüften, gewachsen wie – wie … »Wie eine kanadische Edeltanne,« dachte Nobody. »Sollte es nicht ein Kanadier sein?« Aber nun dieses Gesicht! Dieses war es, welches dem Detektiv, der die Menschenbeurteilung zu seinem Studium gemacht hatte, ein Rätsel aufgab. Edle, männliche Züge, charaktervoll, kühn, stolz und trotzig – und dabei die großen, blauen Augen eines kindlichen Träumers, der weltvergessen in die Ferne blickt, der für diese Welt verloren ist, weil er sich an seinem unerreichbaren Ideale verzehrt – und die Verbindung dieser Manneskraft und Kühnheit mit schwärmerischer Träumerei gaben dem Ganzen einen Ausdruck von unsäglicher Schwermut. »Armer Mann,« dachte Nobody erschüttert, »du hast mit deinen jungen Jahren schon etwas erlebt – dir hat das Schicksal eine Wunde geschlagen, die nimmer wieder heilt!« Wer war es? Jener promenierte noch auf und ab, als Nobody dem Zahlmeister begegnete, dessen Freundschaft der Detektiv gleich am ersten Tage durch einige Flaschen Champagner gewonnen und sich erhalten hatte. Dieser Zahlmeister, der die Schiffsliste führt, besaß das Talent, bei jeder Reise jeden Kajütenpassagier mit Namen zu kennen. »Mr. Edward Scott, Quebec, Privat, eigene Bedienung, dritte Salonkabine im zweiten Promenadendeck auf Backbordseite,« deklamierte der Befragte herunter. Also Nobodys Doppelgänger, wenigstens dem Namen nach! Wie kam es, daß Nobody ihn noch nicht gesehen? Auch das hatte er bald von einem Steward erfahren. Mr. Scott speiste in seiner Kabine. Servieren tat ihm sein eigener Diener, der aber gar nicht wie ein regelrechter Diener aussah. Jeden Tag kam er nur zweimal an Deck, überhaupt aus seiner Kabine, um eine Promenade zu machen: früh von 4 bis 5 und abends von 9 bis 10, und dieselbe minutiöse Pünktlichkeit hielt er auch bei seinem Spaziergang ein, immer vom Heck bis nach dem Mittelmast und wieder zurück, die Arme über der Brust verschränkt und den Kopf etwas geneigt, am Heck genau sechs Sekunden stehen geblieben und mit erhobenem Kopfe nach hinten in die Ferne gespäht, dann mit demselben Fuße wieder den Rückmarsch angetreten – und wenn der noch einige Reisen mitmachte, dann konnte man seine Fußspuren in den Deckplanken sehen. Nobody hatte die Handschrift ganz richtig beurteilt. Von den träumerischen, schwermütigen Augen freilich war nichts darin ausgedrückt gewesen, so weit geht die Wissenschaft des Graphologen nicht. Was machte er denn den ganzen Tag in seiner Kabine? Der Steward hatte keinen Zutritt. Einmal aber war er doch hineingekommen. Da hatte Mr. Scott, von aufgeschlagenen Büchern umgeben, geschrieben.

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