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Detektiv Nobody 4 – Robert Kraft

Guayaquil ist der größte Hafen im Staate Ecuador und wegen seiner geschützten Lage in einer Bucht der beste an der ganzen Westküste Südamerikas, er besitzt auch die einzige brauchbare Werft. Quito ist die Hauptstadt des Landes, Guayaquil aber hat sie bereits an Größe und Schönheit überflügelt. Wer in Quito ein Haus machen will, ist gezwungen, auch einen Landsitz in der Nähe des Hafens zu haben, wo man die heißen Monate im Schutze der frischen Seewinde verbringt. Herrlich ist der Blick, den die Bewohner der an der Bucht sich hinziehenden Villenreihe, von Gärten umgeben, genießen. Rechts die Stadt mit den im Sonnenglanze blinkenden Dächern, den Kuppeln unzähliger Kirchen und Paläste, der blaue Wasserspiegel der Bucht belebt von bunt bewimpelten Schiffen; vor ihnen und links, so weit das Auge reicht, das unendliche Meer, träumend oder brandend; und schließlich im Osten die schneebedeckten Gipfel der Kordilleren, die beim Sonnenuntergange in den prächtigsten Farben erglühn. Doch das junge Weib, das lang ausgestreckt auf dem weißüberzogenen Diwan lag und durch die weitgeöffneten Fenster gedankenvoll auf den blauen Ozean hinausblickte, sich phlegmatisch mit dem Fächer aus schwarzen Nundafedern Kühlung zuwedelnd, bewunderte sicher nicht den Reiz der tropischen Landschaft. Sie tat es ebensowenig wie jeder andre Bewohner dieser vom Himmel gesegneten Gegend. Denn es sind keine derben und sinnigen Alpenkinder. Sich ohne Arbeit aufreibenden Lebensgenuß zu verschaffen, das ist ihr ganzes Trachten, wenn sie sich nicht selbst in religiösem Fanatismus jede Freude am Dasein verbittern. Im nördlichen Europa hätte die Dame für ein mindestens fünfundzwanzigjähriges, zur vollsten Reife entwickeltes Weib gegolten, hier schätzte man sie richtiger auf noch nicht zwanzig Jahre, um so mehr, als der des Landes Kundige sie sofort als eine Quadrone erkannte. Schon die Terzeronen, die Mischlinge eines Kaukasiers mit einer Afrikanerin im dritten Grade – warum das andre geschlechtliche Verhältnis kaum vorkommt, hörten wir bereits – sind fast durchweg wunderbar schöne Menschen, Männer wie Weiber. Auch dies läßt sich daraus erklären, daß ein Weißer sich unter den Mulattinnen, die ihm zur Verfügung stehn, die schönste auswählt. Oder will das Schicksal diese Parias der amerikanischen Gesellschaft durch Schönheit entschädigen? Dann wäre das nur noch grausamer. Noch mehr als die Terzeronen prangen mit körperlichen Reizen deren Kinder, die Quadronen. Es ist ganz seltsam, hier muß unbedingt das in einem gewissen Verhältnisse gemischte Blut, gleich wie in der Chemie die Molekularverhältnisse der Elemente, eine wichtige Rolle spielen: während die Terzeronen noch eine dunkelfarbige Haut besitzen, ebenso aber auch wieder die Kinder der Quadronen, die Quintonen, zeichnen sich alle echten Quadronen durch einen blütenweißen Teint aus, wie er sonst in jenen südlichen Gegenden überhaupt nicht vorkommt, und eben dadurch erkennt man sofort den Quadronen. Und diese Quadroninnen! Nur die Mädchen aus dem Tale von Kaschmir sind mit ihnen vergleichbar. Das Haar ist blauschwarze Seide, ihre Augen sind feucht-schimmernde Karfunkel, die sich aber auch in feurige Kohlen verwandeln können, darüber wölben sich kühn geschwungene Brauen, die roten Lippen zum – um einen recht abgenutzten, hier aber zutreffenden Ausdruck zu gebrauchen – zum Küssen geschaffen, die Nase klein und edel wie das Ohr, berückend schöne Gesichter, von einer Weiße, welcher auch die brennendste Sonne nichts anzuhaben vermag, und während ihre Gestalt voll gebaut ist, sind Hände und Füße von der Zierlichkeit derer eines zehnjährigen Kindes. Noch nicht lange währt diese Herrlichkeit, und eben hierdurch unterscheiden sich die schönen Farbigen von den Spanierinnen reinen Geblütes. Das Alter ist der Prüfstein. Vom dreißigsten Jahre an werden erstre unförmlich dick, dann geht es wieder zurück, bis sie zu abschreckenden Hexen zusammengetrocknet sind. Aber weg mit solchen häßlichen Gedanken! Es ist unrecht, beimAnblicke des Schönen sich daran zu erinnern, was einst daraus wird. Sind nun die Quadroninnen an sich alle schöne Frauen, so war diese noch ein ganz bevorzugtes Exemplar. Es gibt Gesichter und Erscheinungen, welche man nicht schildern kann, und so sei dies auch hier nicht versucht. Ihre junonischen Formen umhüllte ein faltiges, gürtelloses Gewand von hellblauer Seide, durch welche die weiße Pracht der Glieder schimmerte, ein nacktes Füßchen stahl sich darunter hervor; von dem Arm, dessen Hand den Fächer bewegte, fiel der weite Aermel herab und zeigte ihn in seiner ganzen nackten Schönheit, doch kein hier so begehrtes Geschmeide schmückte ihn, auch das hochgesteckte Haar war nur mit einem einfachen silbernen Pfeil durchstochen, aber einige wertlose Fingerringe verrieten, daß es ihr nur an Mitteln fehlte, sich so mit Geschmeide zu behängen, wie sie es wünschte. Ebenso hätte sich dieses schöne Weib wohl eine andre Umgebung schaffen können, wenn sie nur gewollt, denn daß sie es konnte, mußte sie wissen.


Die Einrichtung dieses Wohnzimmers war nicht besser und nicht schlechter als die in den Villen der Nachbarn, gutsituierter Kaufleute, welche hier allein die Allee bewohnten, und zeigte auch das angrenzende Zimmer durch die offne Tür ein auf geschnitzten Säulen ruhendes Bett, verschwenderisch mit seidenen Decken und kostbaren Spitzen ausgestattet, so ist dabei zu bedenken, daß sich selbst die ärmste Spanierin das Brot vom Munde darbt, um das Ersparte zum womöglich recht bunten Ausputz ihres Bettes zu verwenden. Die Züge des Mädchens, sonst wohl nur gelangweilt, zeigten jetzt die größte Spannung, und diese nahm zu, je näher das Rollen eines Wagens kam. Dieser fuhr vorbei, und wie kraftlos sank die Quadrone zurück. Unter dem Freudengeschrei eines sich im Ring schaukelnden Papageis trat ein Weib ein, das einst auch eine bildschöne Farbige gewesen sein mochte, jetzt aber eine alte, widerliche Hexe war. »Er ist wieder vorbei, Carmencita, mein Schatz.« »Er ist wieder vorbei, ohne ihn mir gebracht zu haben,« seufzte die Angeredete, und ohne daß sich die Züge zum Weinen verzogen, entstürzten Tränen den dunklen Augen. »Er wird schon noch kommen,« tröstete die Alte.

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