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Detektiv Nobody 2 – Robert Kraft

Die Wintersaison von Monte Carlo näherte sich ihrem Ende. Auf der Terrasse hinter dem Kasino fand Konzert statt, welches man schon als ein Abschiedskonzert betrachten konnte. Denn morgen ging der erste Nord-Expreßzug ab, für den sämtliche Plätze bereits belegt waren. Dann noch einige Wochen, und das Paradies der Spieler und der internationalen Lebewelt würde öde und verlassen sein, den langen Sommerschlaf halten, um erst im Spätherbst zn neuem Leben zu erwachen. Dumpf hallte ein Kanonenschuß. Er konnte nur von der Seeseite herkommen, alle Augen richteten sich dorthin. Allein, außer einigen Segelbooten war nichts zu sehen. Noch ein Kanonenschuß, und nun entdeckte man am Horizont neue Segel. Krimstecher und Taschenfernrohre wurden hervorgeholt, die Damen brachten die Lorgnetten vor die Augen. »Eine Jacht!!« Jetzt wurde es interessant, die ganze Terrasse kam in Aufregung. Die meisten der bekannten Jachten, welche im Winter regelmäßig in der Bucht von Monaco vor Anker gehen, weil sich ihre Besitzer in Monte Carlo alljährlich ein Rendezvous geben, waren bereits heimwärts gedampft oder gesegelt. In der Bucht, welche von der Landzunge, auf der das Kasino steht, und dem Felsen von Monaco mit Schloß und Kathedrale gebildet wird, schaukelten nur noch vier Dampfjachten: die von Vanderbilt, die von dem nicht minder bekannten amerikanischen Krösus Carnegie, die von Mr. Hobwell, dem Herausgeber von amerikanischen und englischen Zeitungen, und schließlich die von Lord Hannibal Roger, dem der vierte Teil des Grund und Bodens gehört, auf welchem London steht. Diese vier wollten morgen auf Verabredung gleichzeitig in See stechen, um sich zurück ins Geschäft zu begeben – oder auch zu einem neuen Vergnügen, das sie vielleicht in einem anderen Weltteil suchten. Jetzt wurde das Fahrzeug auch für das bloße Auge sichtbar. Die drei himmelhohen Masten, die sich unter der Last der schneeweißen Segel wie die Reitgerten bogen, der schlanke, elegante Bau des ganzen Schiffes – gewiß, es konnte nur eine Jacht sein. Die Aufregung wuchs immer mehr, die Fragen schwirrten, und das war begreiflich. Die Ankunft einer Jacht ist in Monte Carlo überhaupt stets ein großes Ereignis. Man denke sich eine kleine Stadt, ein Separatzug mit eigenen Waggons wird gemeldet – diese Erwartung, wer da drin sitzen mag! Und solch eine Jacht ist noch ein ganz anderes Ding, ihr Kommen kann auch nicht so ohne Weiteres gemeldet werden. Nun waren dieser Lebewelt sämtliche Jachten und ihre Besitzer bekannt, und wer war am Ende der Saison noch in Monte Carlo zu erwarten? Man fand absolut keine Vermutung. Es konnte auch der Zar, der Sultan sein! »Sie zeigt Flaggen!« Da krachte es zweimal auf der Felsenfestung von Monaco, daß die Konzertmusik gleich vor Schreck verstummte. Die Jacht hatte durch Schüsse auf sich aufmerksam gemacht, auf der Seewarte konnten die Flaggensignale schon gelesen werden, wahrscheinlich bat die Jacht, in den Hafen laufen zu dürfen, die beiden Antwortschüsse gaben im Namen des Fürsten die Erlaubnis. »Sie refft die Segel – sie dampft!« »Ich kann ja gar keinen Schornstein sehen!« »Sie hat auch wirklich keinen Schornstein, und doch fährt sie jetzt ohne Segel.« »Dann hat sie eben einen Petroleummotor.« Automobile gab es damals noch nicht, wohl aber schon Petroleummotore, bei einer großen Jacht statt der Kohlenheizung freilich ein kostspieliges Vergnügen.


Und wie dampfte diese Jacht! Wie ein Pfeil schoß sie heran – die Kundigen schätzten die Fahrt auf mindestens 20 Knoten – und dabei hatte das Fahrzeug für eine Jacht ganz gewaltige Dimensionen, sie mußte einen riesigen Motor im Bauche haben – und da war sie schon mitten in der Bucht, hinten schäumte es, die Schraube drehte rückwärts, augenblicklich stand die Jacht, die Ankerketten rasselten herab, gleichzeitig donnerten an Bord aus Feuerschlünden die sechs vorschriftsmäßigen Salutschüsse a ls Ehrenbezeugung für den Herrn dieses Landes, wenn auch der Fürst von Monaco zur Zeit abwesend war. »Bravo! Bravo!« jubelte der sonst sehr phlegmatische Lord Hannibal Roger, denn in ihm war der Sportsmann erwacht. »Meine Herren, da können unsere Jachten nicht mit. Aber wer mag das nur sein?« Niemand dachte daran, gleich jetzt an den Hafen hinabzugehen, es ist ein abschüssiger, ziemlich weiter Weg, und die Aufklärung mußte ja doch bald kommen. »H-e-l-i-o-t-r-o-p,« buchstabierte ein Seemann, der die Flaggen im Kopfe hatte. »Die Heliotrop!!« rief da der junge Lord in hellem Staunen. »Die kenne ich ja schon gut! Was? Kommt der alte Schrullenkerl auch nach hier? Dann soll es mich gar nicht wundern, wenn der auch in Monte Carlo wieder seinen Hiran Singh sucht.« Der Sprecher wurde mit Fragen bestürmt, und das um so mehr, weil kein einziger schon von einer Jacht namens Heliotrop gehört hatte, und dann war auch noch ein anderer Grund vorhanden, daß Lord Hannibal plötzlich von allen Seiten von eleganten Herren und vielleicht noch mehr von juwelenblitzenden und fächerklappernden Damen umringt wurde. Lord Hannibal Roger, welcher selbst nicht wußte, was er aus seinen Londoner Häusern für ein Einkommen bezog – solche Kleinigkeiten überließ er seinen Sekretären, er hatte überhaupt den ganzen Schwamm verpachtet – war im Gegensatz zu den anderen Milliardären, die alljährlich in Monte Carlo zusammentreffen, ein noch sehr junger Mann, noch nicht dreißig. Um seinen Charakter zu kennzeichnen, genügt eine Andeutung: Wenn er hier in Monte Carlo war, wo alle Welt dem Vergnügen nachjagt und den wildesten Leidenschaften frönt, lutschte Lord Hannibal den ganzen Tag an seiner Zigarre und gähnte dazwischen; spielen tat er nie, er war viel zu faul, deshalb die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Dann setzte er sich auf seine Jacht, fuhr nach Indien und schoß Tiger. In Indien erzählte ihm jemand von der Eisbärenjagd, wie die so ganz anders ist – rutsch, nach dem Nordpol gejagt und dort auf Eisbären gepürscht, um vier Wochen später wieder in Afrika Elefanten zu schießen. Und dann saß er wieder in Monte Carlo, lutschte an seiner Zigarre, gähnte und langweilte sich schrecklich, und wenn sich ihm einmal so eine schöne, diamantschimmernde Dame näherte, die schnauzte er an. Früher mochte das anders gewesen sein, denn umsonst hatte sich das Haar an den Schläfen des Lords nicht schon so stark gelichtet. Der junge Mann hatte sich eben bereits ausgelebt. Bekanntlich übt nun gerade solch ein Charakter eine besondere Anziehungskraft aus, am allermeisten auf die Damen, und wenn sich Lord Hannibal nun einmal mitteilsam zeigte, so war das in Monte Carlo ein Ereignis, diese Gelegenheit mußte ausgenützt werden, und so wurde er von allen Seiten umdrängt. Und Lord Hannibal täuschte die Hoffnung nicht, er blieb mitteilsam, er erzählte sogar mit lauter Stimme, daß ihn alle hören konnten. »Das erstemal begegnete ich dem kuriosen Kauz vor drei Jahren. Ich liege mit meiner Jacht in Colombo, dem Haupthafen von Ceylon, logiere aber im Hotel. Eines Morgens stehe ich im Torweg, da kommt ein uniformierter Matrose angelaufen, ein ganz kurioses Kerlchen, mit fürchterlichen XBeinen, mit einem stattlichen Schmerbauch und auf der Nase eine mächtige Hornbrille. Na, kurz und gut, ein Monstrum von einem Matrosen, wie ich einen solchen in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen habe. – >Ist der Hiran Singh hier?< schreit der den Portier gleich an. >Sagt nicht nein – gnade Euch Gott, wenn er nicht hier ist!< – Der Portier weiß natürlich gar nicht, was er davon denken soll. Endlich kommt es heraus, daß in Colombo eine Jacht eingetroffen ist, die Heliotrop, ihr Kapitän und Besitzer erwartet hier in diesem Hotel einen Indier namens Hiran Singh, wohl sogar Doktor, in Hyderabad Professor der unentdeckten Wissenschaften. Nein, der war nicht hier.

Der kleine x-beinige Fettwanst schimpft darob wie ein Rohrsperling und rückt wieder ab. Ich segelte noch an demselben Tage ab, sah aber vorher zufällig noch einmal den Kapitän der Heliotrop, einen uralten Mann mit wachsgelbem Gesicht, krüppelig und gebrechlich und schwindsüchtig, ich konnte ihn mir unmöglich als Kapitän auf der Kommandobrücke vorstellen. Na, ich reise ab, kutschiere nach England. Vor einem Jahre mache ich einen Abstecher nach der Ostküste von Südamerika. In Buenos Aires muß meine Jacht in Dock gehen, ich steige in einem Hotel ab. Wie ich es am anderen Morgen verlasse, sehe ich einen wunderlichen Knirps in einem Matrosenkostüm gelaufen kommen – Herrgott, denke ich, wo hast du denn nur schon diese X-Beine mit dem Fettwanst und diese Hornbrille gesehen – und wie ich noch so grübele, da … >Ist der Hiran Singh hier?< schreit er den Portier an. >Sagt nicht nein – gnade Euch Gott, wenn er nicht hier ist!< – Ich denke doch, der Schlag soll mich treffen. Meine Herrschaften, bedenken Sie nur – nach zwei Jahren, auf der anderen Hälfte der Erdkugel – ganz genau dieselbe Geschichte!« Alles lachte und wunderte sich über diesen Zufall. »Ja, wer ist denn nun aber dieser Kapitän von der Heliotrop?« »Einen Augenblick. – Jetzt fing ich natürlich auch an mich zu interessieren. Richtig, über Nacht war in Buenos Aires die Heliotrop angekommen, und diese Wiederbegegnung brauchte gar kein so großer Zufall zu sein, ich brauchte nur anzunehmen, daß der alte Kerl fortwährend in der Welt herumsegelte, um seinen Hiran Singh zu suchen. Wozu er den indischen Professor suchte? Das hahe ich nie erfahren können, seine Leute waren stumm wie die Fische. Und der alte Kapitän selbst? Den soll einmal jemand anzusprechen wagen! Habe ich mich geärgert über diesen schwindsüchtigen Krüppel! Er logierte nämlich dann in meinem Hotel, und das war Tag und Nacht ein Husten und ein Schimpfen mit den Kellnern – und ein Weinen und Fluchen und Jammern nach dem wieder nicht kommenden Hiran Singh – der Alte hat oben einen Spleen im Kopfe, und zwar keinen kleinen. – Ich bekam einmal einen Blick durch ein Fensterchen ins Innere seiner Jacht – alles pompös, großartig!! Es war noch dieselbe Heliotrop; aber in Colombo hatte sie noch Kesselfeuerung gehabt, jetzt war sie mit Petroleummotor eingerichtet. – Und, apropos,« wandte sich der Lord an Mr. Carnegie, »Sie interessieren sich doch für so etwas – einen Ring hatte der Alte am Finger – einen grünen Diamanten – so einen haben Sie nicht in Ihrer Sammlung. Ein grünes Feuermeer! Einfach unschätzbar!« »Ja, wie heißt aber nun der Mann? Wer ist es?« erklang es. Lord Hannibal begann wieder in sein altes Phlegma zurückzusinken. »Weiß ich’s?« meinte er achselzuckend. »Wie gesagt, ich konnte absolut nichts erfahren. Die Jacht hieß Heliotrop, und das dort ist dieselbe.« »Die Jacht mußte auf dem Seemannsamt doch angemeldet werden.« »Ist in Argentinien nicht nötig bei einer Privat-Jacht.« »Gab er im Hotel nicht seinen Namen an?« »Nein. Hatte er noch weniger nötig.

« Nun, hier würde man alles erfahren. Hier in Monaco, mußte er seine Jacht und sich selbst polizeilich anmelden. Es wurde dunkel und kühl, man begab sich zum Tee in sein Hotel oder gleich direkt in die Spielsäle.

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