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Detektiv Nobody 08 – Robert Kraft

reetown, jetzt 14 000 Einwohner, an der Sierra-Leoneküste gelegen, ist der einzige bedeutende Hafen von Westafrika. Obgleich englischer Besitz, war es ein deutscher Dampfer, welcher kam, um die Post zu bringen und abzuholen. Jetzt passierte er das Fahrwasser der Reede, auf der einige Schiffe und Fahrzeuge vor Anker schaukelten. Das Deck des Postdampfers war sehr leer. Er nahm wohl Passagiere mit, aber nur bei Gelegenheit, auch nur erstklassige. An der Reling standen zwei tabakkauende Matrosen, blonde Germanen. Der Dampfer kam sehr dicht an einem kleinen Kutter vorbei, dem man die italienische Felucca schon von weitem ansah. Da hielt sich der eine der beiden Matrosen die Nase zu. »O Mensk, o Mensk, wat ssstinkt dat Skip!« Es war nämlich ein Ostfriese – direkt ut Jeiver, jau, jau. Auch der andere hatte sich mit einer Gebärde des Abscheus von der Feluke abgewandt. »Das ist ein chilenischer Guanokasten!« »Nee, dat rücht nich nach Guano, dat ssstinkt nach Sk …!« Der Ostfriese sprach ein recht unästhetisches Wort aus. Aber sonst hatte er ganz recht, so roch es, das mußte auch Nobody bestätigen. Nobody benutzte diesen Dampfer von Lissabon aus. Schon in Denver City hatte er aus den Schiffsplänen gewußt, daß er am schnellsten nach Freetown gelange, wenn er sich zunächst nach Lissabon begab. Hier hatte er also den besten Anschluß. So telegraphierte er von Denver City aus, daß seine nächste Adresse New-York sei. In New-York meldete ihm eine der vielen Depeschen, die hier für ihn bereitlagen, daß jener Professor, dem er damals den Rubinring mit dem wunderbaren Stein zur Untersuchung übergeben hatte, gestorben sei, der Ring war nach Nobodys Wohnung zurückgekommen. Was sollte er dort liegen? Nobody hatte ihn schon mehrmals vermißt. Er sollte nach Lissabon geschickt werden, und während Nobody über den großen Heringsteich kreuzte, machte der Ring die Landreise nach Lissabon, und so kam es, daß ihn Nobody wieder – nicht am Finger, sondern in der Tasche hatte. Jetzt hatte Nobody anderes zu tun, als den penetranten Gestank der Feluke zu ergründen. Der Dampfer lief in den Hafen ein. Daß Nobody hier nicht Edward Scott finden würde, das war ihm inzwischen klar geworden. Aber welchem Freunde würde er sonst begegnen, dem er sich anschließen sollte? Es liegt doch ein großer Reiz in solchen ungewissen Zufällen, und nun gerade Nobody war für solchen Reiz außerordentlich empfänglich. In diesem Augenblicke, als der Dampfer am Kai anlegte, hatte der eiserne Mann das Herz eines Kindes, welches auf den Ton der Klingel wartet, die zur Weihnachtsbescherung rufen soll. Last- und Gepäckträger, Hoteldiener, Hausierer, Bettler, Neugierige – lauter schwarze Gestalten, nur selten einmal das weiße Gesicht eines Agenten oder Kommis – aber vergebens schaute sich Nobody in dem Gewühl, welches von Land aus sich über die Laufbrücke auf das Deck ergoß, nach einem bekannten Gesicht um.


Nun, so schnell ging das wohl nicht. Es würde schon noch kommen. Der Glaube an die Sehergabe seines Freundes war unerschütterlich geworden. Die aufdringlichen Träger zurückweisend, arbeitete er sich mit seinem Köfferchen durch die Menge. Dann aber mußte er sich den Sitten des Landes fügen, dessen Boden sein Fuß betrat. Freetown macht Anspruch auf den Ruhm, die zivilisierteste Stadt von ganz Westafrika zu sein, und das mit Recht. Heute hat dieses Städtchen schon eine Menge von elektrischen Straßenbahnlinien, damals gab es fast ebensoviele Cabs und Handsoms, das sind die englischen vier- oder zweirädrigen Wagen, als sich Europäer in der Stadt befanden. Wehe dem Europäer, der sich in Freetown zu Fuß auf der Straße sehen läßt! Einen größeren Gang wenigstens kann er nicht machen. Von seinen weißen Landsleuten wird er über die Achsel angesehen, weil er gegen die guten Sitten verstoßen hat, von der schwarzen Bevölkerung wird er gleich direkt boykottiert. Er bekommt keinen Dienstboten mehr, das schwarze Zimmermädchen verweigert dem Gast, der zu Fuß gekommen ist, das Waschwasser. Das sind eben Sitten, gegen die nicht anzukämpfen ist, und die vielen schwarzen Kutscher wollen doch auch leben. Nobody war noch nicht in Freetown gewesen, hatte sich aber über alles schon zur Genüge orientiert. Also zuerst auf einen der zweirädrigen Wagen zugesteuert. »Wohin, Sir?« fragte der schwarze Rosselenker. »Fahren Sie mich in irgendein besseres Hotel!« »All right, Sir, Angostura-Hotel.« Das Angostura-Hotel war voll besetzt. Ein zweites auch, ein drittes ebenfalls. In Freetown wurden nämlich die ersten Elfenbeinkarawanen aus dem Innern erwartet, deshalb zeigte das Städtchen auch den wimmelnden Charakter eines Ameisenhaufens. Endlich im vierten Hotel wurde der Gast angenommen. Doch es sollte eben nicht sein. Nobody hatte den Kutscher bezahlt, dieser hatte sich schon entfernt, als dem Gaste bedeutet wurde, daß es leider ein Irrtum gewesen sei, es wäre dennoch kein Zimmer mehr frei. Nobody regte sich über solche Kleinigkeiten nicht auf, nahm es nicht übel. So frühstückte er wenigstens in der Gaststube. Dieses Hotel war nach unseren Verhältnissen eigentlich mehr ein Gasthof mittlerer Güte, aber höchst komfortabel, alles blitzsauber. Hier gab es ja auch schwarze Diener genug, die nichts weiter zu tun haben, als nur immer zu scheuern und zu putzen und dafür nur Essen und alljährlich ein Hemd erhalten.

Schlafen tun sie als Wächter vor der Haustür auf einem Fetzen Teppich. Dann trat Nobody mit seinem Köfferchen wieder auf die belebte Straße hinaus. Wo blieb denn nun der Freund? Nobody war wirklich gespannt darauf. Und dieser Freund sollte es nicht so leicht haben, Nobody hatte sich einmal recht verändert, hatte sich das Aussehen eines Herrn mittleren Alters mit schwarzem Vollbart gegeben, einen gutbürgerlichen Eindruck machend – von dem Nobody mit den idealen Zügen war jetzt jedenfalls nichts mehr zu erkennen. »Cab oder Handsom, Sir?« schrie ein Negerjunge dem in der Tür Stehenden zu, der natürlich auf eine Droschke wartete. »Gleichgültig.« Der Junge rannte davon und kam bald mit einein vierrädrigen Cab wieder, wofür er sein Trinkgeld erhielt. Nobody trat an den Kutschersitz heran. »Wissen Sie nicht …« Nobody schnüffelte, »ein Hotel oder Gasthof …« Nobody schnüffelte noch stärker, »wo noch ein Zimmer …« Himmel, was stank dieser Droschkengaul, »… frei ist?« »Yes, Sir, im Rosenhotel sind noch Zimmer frei – ein sehr gutes Hotel,« entgegnete der weißbärtige Neger, der einen sehr würdigen Eindruck machte, wobei er sich vom Bock etwas herabbeugte. Nobody aber prallte vor dem würdigen Rosselenker förmlich zurück. Pfui Luder, was roch der Kerl aus dem Halse! Nein, ging der üble Geruch nicht von der ganzen Gestalt aus? Erst hatte er den armen Gaul im Verdacht gehabt. Na, gleichgültig, der Stänkerfritze saß ja hoch oben auf dem Bock, der Fahrgast war von ihm durch eine Scheidewand getrennt. »Fahren Sie mich nach dem Rosenhotel!« Nobody öffnete den Schlag und … Himmel Herrgott, was war aber das erst für ein Duft, der von den Polstern ausging? Gerade wie nach … Nein, Nobody wagte das Wort nicht einmal in Gedanken auszusprechen. Wenn die Gesellschaft darnach war, wenn der Detektiv sich selbst als Runks präsentieren mußte, dann war er wohl solcher Ausdrücke fähig, aber sonst waren sie seinem Charakter fremd. Ja, das war’s: von den sonst sehr sauber gehaltenen Polstern ging gerade derselbe penetrante, Uebelkeit erregende Geruch aus, wie vorhin von der italienischen Feluke. Was für ein Zusammenhang herrschte hier? War vielleicht einer der Mannschaft in dieser Droschke … Ein Wagen fuhr so dicht vorüber, daß Nobody schnell einsteigen mußte, wollte er nicht überfahren werden, und da setzte sich das Cab auch schon in Bewegung. Na, egal. Lange konnte die Fahrt ja nicht währen. Nobody saß mehr im Stehen, wenn man sich so ausdrücken darf, um seine Hose möglichst wenig mit den verdächtigen Polstern in Berührung zu bringen, und hielt die Nase über den Schlag hinaus. Die Straße, in dem das Rosenhotel lag, hatte keine Läden, hier hatten sich hauptsächlich die reichen Geschäftsleute angesiedelt, daher war die Straße weniger belebt, und zu den recht eleganten Villen paßte auch dieses Hotel – zwar nicht sehr groß, aber schon von außen einen sehr vornehmen Eindruck machend. Nobody entlohnte den Kutscher und trat in das Portal. Kein Portier, kein Kellner. Alles wie ausgestorben. Er öffnete die Tür zum Gastzimmer, und obgleich sein Blick auf blanke Spiegelscheiben und luxuriöse Kronleuchter und Marmortische und auf ein Büfett fiel, das einem Aufbau von Kristall glich, so wäre er doch am liebsten gleich wieder umgekehrt, er prallte auch zuerst entsetzt zurück, denn auch hier wehte ihm ein Duft entgegen, der nichts mit Rosen zu tun hatte. Aber wie gebannt blieb Nobody auf der Schwelle stehen.

War es denn nur möglich? Hier in Freetown an der Westküste sollten sie sich einmal wiederbegegnen? Und sollte es gar etwa der Freund sein, dem er sich anschließen mußte? In dem Zimmer befand sich nur eine einzige Person, offenbar ein Gast, ein älterer Herr, sehr klein und sehr dick, trotz der herrschenden Tropenglut in einen schwarzen Gehrockanzug gekleidet, dabei auch noch bis an den Hals zugeknöpft, auf dem Kopfe einen hohen Zylinder, von dem anstatt des weißen Nackenschleiers ein schwarzer herabwehte, und daß der Mann trauerte, verriet auch noch ein besonderes schwarzes Band um den Zylinder und ein zweites um den Arm. Schwärzer und tiefer hätte er seine Trauer überhaupt gar nicht ausdrücken können, besonders der schwarze Nackenschleier erinnerte lebhaft an die unglückliche Witwe. Der kleine, dicke Herr marschierte in dem Gastzimmer zwischen den Marmortischen auf und ab, wühlte mit den Fingern in den graublonden Bartkoteletten und führte dabei ein Selbstgespräch. Aber ein ganz merkwürdiges Selbstgespräch: »Rrrrrrrrrrr – – – pft pst pft – – – bscht bscht bscht – – – rrrrrrrradsch kladderadatsch datsch datsch – – – brrrrummderreummbumbum – – – pft pft pft …« »Cerberus Mojan, ist es möglich!!« rief Nobody in grenzenlosem Staunen.

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