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Der Traum der Wildnis – Olaf K. Abelsen

In Goldy Lake City (klingt großartig, hatte damals aber nur sechzig Einwohner, vor einem Jahr sogar nur ein Dutzend) als der zu leben, der ich bin, wäre wenig ratsam gewesen. Es blieb also bei Oskar 1 Smith, einstigem Koch eines einstigen Walfängers, und da diejenigen, die mein Inkognito hätten lüften können, sämtlich bis auf den alten schlauen Fuchs Umiwark, Häuptling des berüchtigten Kupagniut-Eskimostammes, in ein Sonderabteil der Hölle abgerutscht waren, da ferner Umiwark nebst Familienanhang seit der ergebnislosen Jagd auf die Gondaloor-Erbschaft in die Wildnis gegangen war, erfreute ich mich in meiner Blockhütte am Gold Lake ziemlicher Sicherheit. Edward Gondaloor und sein Sohn Ernest taten alles mögliche, mir den Aufenthalt so angenehm wie nur irgend angängig zu machen, trotzdem hatte ich insgeheim Vorsorge getroffen, mich niemals überrumpeln zu lassen. Ich traute Umiwark nicht, und ein einziges Schreiben an die kanadische Polizei in Fort Maupherson hätte genügt, die Beamten, so sehr sie mich auch als Oskar Smith schätzten, gegen mich auf die Beine zu bringen. Nun liegt Goldy Lake City so abseits an einem Nebenflüßchen des Riesenstromes Mackenzie, daß das Auftauchen der schneidigen berittenen Polizei wohl rechtzeitig uns gemeldet worden wäre, denn die benachbarten Fallensteller standen sämtlich mit mir auf du und du und ahnten sicherlich, weshalb ich sie gebeten hatte, vier Schüsse als Signal abzufeuern, falls irgendwo eine Uniform sichtbar werden sollte. Mitte Juli, also im nordkanadischen Hochsommer, wo man hier wirklich nichts davon merkt, daß man sich jenseits des nördlichen Polarkreises befindet, hatte ich abends zehn Uhr im Gold Lake noch Angelschnüre ausgelegt und mein Fellboot gerade wieder wie stets in die Hütte gezogen, als ich von Westen her deutlich erst zwei und dann nochmals zwei Schüsse hörte, denen dasselbe Signal dann auch von Norden folgte. Ich wußte Bescheid. Es war so weit. Ich rief Bully herein, verriegelte die Tür, schloß die Innenläden der beiden Fenster und öffnete eine Tür in der Rückwand der Hütte, von deren Vorhandensein nur Gondaloor Vater und Sohn etwas ahnten. Scheinbar lehnte sich das Blockhaus hinten an eine steile Felswand, die mit jungen Tannen, Erlen und Weiden bewachsen war, – nicht nur scheinbar … Es war so, aber der Felsen hatte einen breiten Riß, der oben durch entwurzelte Stämme und totes Geäst völlig ausgefüllt war und der sich elf Meter weit nach Norden bis zur anderen Seite des Steinhügels hindurchzog, wo dichtester, alter Tannenwald sich zu dem blanken, rauschenden Bache erstreckte, der, eingeengt durch Urwald und das hier so üppige Weidengestrüpp, für mein kleines Boot gerade die nötige Tiefe hatte. Meine zwei fertig gepackten Öltuchsäcke lagen jederzeit griffbereit, ich brauchte nur noch Kleinigkeiten zu verstauen, dann ein letzter Blick über dieses bescheidene Heim, – ich blies die Lampe aus und hinter mir und Bully schloß sich die versteckte Balkentür. Im Dunkeln schleppte ich zunächst das Boot bis an den Bachrand, holte dann die Säcke und schwamm still und ohne Abschied von meinen Freunden davon. Ich kannte in dem Bache jeden Stein, und selbst die Finsternis unter diesen mächtigen Tannenwipfeln war mir nur günstig. Ich müßte lügen, wenn ich jemals in diesen ersten vier Stunden meiner Flucht auch nur das geringste Herzklopfen verspürt hätte. Der Bach mündete in den Nebenfluß des Mackenzie, und hier änderte ich die bisherige Richtung und ruderte stromauf bis zu Jim Stanhoops Residenz, die oberhalb eines Wasserfalles auf einer steinigen Insel lag. Stanhoop, ein sehr unzugänglicher Mann, der seit zwanzig Jahren dort hauste und nur Edelfüchse fing, hatte mir noch vor acht Tagen bei einer zufälligen Begegnung in seiner wortkargen Art erklärt, falls ich mal verschwinden müßte – bei ihm fände ich jederzeit sicheres Quartier. Jim Stanhoop schätzte mich als sicheren Schützen, aber seine Inselbehausung hatte selbst ich bisher nie betreten dürfen, – überhaupt durfte das niemand, und es war kaum ratsam, in Stanhoops Jagdrevier einzudringen, der alte Trapper konnte äußerst ungemütlich werden. Im Baumschatten des Ostufers entlangrudernd näherte ich mich langsam, gegen die recht starke Strömung ankämpfend, der Insel. Gesehen hatte ich sie häufiger, ich kannte die Lage der beiden verwitterten Blockhütten sehr genau, und ich wunderte mich mit Recht, daß jetzt um halb drei morgens das eine Fenster der Wohnhütte wie ein geheimnisvolles grelles Auge über den blinkenden schäumenden Fluß schimmerte. Ich wollte mit ein paar kräftigen Ruderschlägen hinüber, als Bully, dieser Musterhund an Häßlichkeit, Bissigkeit, Energie und Scharfsinn, hörbar schnupperte. Ich wurde sofort stutzig. Auch Bully kannte den alten Stanhoop sehr gut, Bully kannte die Witterung jedes Menschen, mit dem ich mal bei Jagdstreifen eine Weile geplaudert hatte, und Stanhoop rauchte dazu einen so entsetzlichen Rollentabak, daß ihn stets eine Dunstwolke wie nach gebranntem Seegras umgab. Hier stimmte irgend etwas nicht. Ich blieb im Baumschatten, vertäute mein Umiak an einer Luftwurzel und nahm für alle Fälle die Büchse auf die Knie und legte Bully die Hand auf den Kopf. Sein Nackenhaar stand wie eine Bürste hoch, und das gab mir noch mehr zu denken.


Gondaloor-Vater hatte da als neugebackener Millionär zwecks Anlage einer Renntierfarm aus dem Süden allerlei Leute angeworben, unter denen sich einige befanden, die mir durchaus nicht gefielen. Bully auch nicht. Besonders war da ein Bursche, den Gondaloor auf Empfehlungen hin als Buchhalter angestellt hatte, – ein sehr zweifelhaftes Gewächs von fabelhafter Vielseitigkeit und größtemArbeitseifer, aber der Kerl spielte, und Spieler, die von Edmonton kommen, sind sämtlich Galgenvögel, so hatte auch Stanhoop erklärt. Fred Tucker hieß der patente Gentleman. Und Bully hieß Bully und war ein Charakterriecher. Zweimal wäre er Mister Fred beinahe an die Kehle geflogen. Die Beleuchtung der Szenerie erinnerte an sommerliche Spätdämmerung. Trotzdem war der Tannen wegen von Stanhoops Hütten wenig zu sehen. Über den alten Mann waren vielerlei Gerüchte im Umlauf. Man behauptete, er sei so altmodisch, für seine prächtigen Fuchsfelle nur Zahlung in Gold anzunehmen und dieses nicht etwa bei der Bankfiliale im Fort zu deponieren, sondern daheim zu verstecken. Man erzählte auch, daß noch vor vier Jahren wieder einmal ein paar Banditen aus dem Süden bei Stanhoop hatten ernten wollen, wo sie nie gesät hatten, und daß diese Strolche nie wieder aufgetaucht wären. Ich saß auf der mittleren Bank des Fellbootes und überlegte. Bullys Verhalten verriet mir, daß drüben auf der kleinen Insel, hinter der die Wasserfälle wie weiße Streifen glänzten, sich jemand befand, den mein treuer Kamerad sehr wenig gut beurteilte. Ich dachte sofort an diesen überhöflichen Fred Tucker, dem ich allerdings erstklassiges Falschspielen, aber niemals ein Unternehmen zutraute, bei dem es Blei regnen könnte. Offen über den Flußarm zu steuern, war nicht gut möglich. Ich wäre gesehen worden. Ich knotete Bully also an der Bank fest, nahm meine Schußwaffen in die Linke und watete am Ufer stromauf, bis ich mit der Strömung an die Nordspitze der Insel mich treiben lassen konnte. Meiner Lederkluft schadete das kalte Wasser nichts, mir erst recht nicht. Es waren mindestens achtzehn Grad Wärme. Der Wind kam von Norden, die Hunde Stanhoops hätten mich also wittern müssen, aber sie blieben auffälligerweise stumm, und gerade dies mahnte mich noch mehr zur Vorsicht. Ich kroch auf die Vorratshütte zu, neben der die große Hundebox lag. In der Box sah ich Stanhoops prachtvolle Schlittenhunde scheinbar schlafend umherliegen. Bisher hatte ich immer noch geglaubt, Bullys Warnung könnte übertrieben gewesen sein. Jetzt wußte ich, daß hier irgend ein Schurkenstreich im Gange war. Ich kroch weiter, um die Wohnhütte herum, die sehr geräumig war, und gelangte bis unter das Fenster rechts von der schweren Balkentür.

Auch dieses Fenster, sah ich jetzt erst, war schwach erleuchtet, der geblümte Vorhang war zugezogen, und … in den unteren Scheiben bemerkte ich je zwei kleine Löcher mit leicht zersplittertem Rand: Kugellöcher! Je zwei! Nun wußte ich, wer geschossen hatte. Stanhoop!! Und das Signal war von anderen Fallenstellern weitergegeben worden. Dieses Signal galt mir, den der alte Mann zu seiner Hilfe herbeirufen wollte, – nicht mir, der fliehen sollte. Ich horchte. Es regte sich nichts … Der Wind säuselte in den Tannen, die Wasserfälle drüben rauschten, und vom Flusse aus den Binsen und Weiden kam das Geschnatter der Wildenten und der verschlafene Schrei der Wildgänse friedvoll herüber. Trügerischer Frieden … Ich hob mich bis zum Fenster, blickte hinein. Fuhr zurück. Ein einziger Blick hatte genügt. Drinnen an einem Balken der Decke hing der grauhaarige Stanhoop in einem Traggestell aus Riemen. Hände und Füße waren gefesselt, aus dem Munde ragte ein Stück Lappen hervor, an den Karibumokassins waren andere Lappen befestigt, die verdächtig tropften, – – nein, der ganze Mann tropfte, und unter ihm stand eine brennende große Küchenlampe. Ich 2 schlug das Fenster ein, zwängte mich in die Stube, roch sofort das Petroleum und schob die Lampe zur Seite. Stanhoop ließ seine eng an den Leib gezogenen Füße herabgleiten, seine wilden Augen starrten mich dankbar an, und als ich ihn aus seiner unbequemen Lage, die ihn zum Flammentode verurteilt hätte, sobald er die Füße hätte sinken lassen, befreit hatte, taumelte er auf die Ofenbank und strich sich mit der zitternden Hand über den nassen, öligen Kopf hin. Der Mann war über und über mit Petroleum begossen worden, und zusammen mit ihm wäre auch seine große Blockhütte in Flammen aufgegangen. Jim Stanhoop war ein hagerer Mensch mit einem faltenzerfurchten, tief gebräunten Gesicht, einer kühnen Habichtsnase und dünnen, grausamen Lippen. Seine Augen waren klar und hell wie die eines Dreißigjährigen, sein Haupthaar voll und leicht gelockt und mehr grau als weiß. Er sollte siebzig zählen, sagte man. „Was ist hier vorgegangen, Stanhoop?“

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