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Der Sprung ins Nichts – Olaf K. Abelsen

„Du vergißt bei alledem eins, lieber Jörn“, sagte ich eines Abends zu meinem blonden, riesigen Gefährten, der mit mir und Bully zusammen am Kaminfeuer der Blockhütte sich wärmte. „Du als Sohn des Volkes der blonden Eskimos hast dir durch ein paar Bücher die Sehnsucht nach den Kulturstätten der Menschheit angelesen und möchtest um jeden Preis moderne Zivilisation kennen lernen. Gesetzt den Fall, ich begleitete dich nach Süden und wir kehrten etwa in Edmonton als erster Station dieses Bummels durch die Großstädte in einem Hotel ein. Gesetzt den Fall, daß dort niemand nach unseren Papieren fragte. An der kanadischen Grenze würde dies bestimmt geschehen, und in die Vereinigten Staaten uns ohne Papiere einzuschmuggeln, bedeutet scheußliche Unannehmlichkeiten mit der Polizei und allen möglichen Behörden. Wahrscheinlich würde man uns wieder nach Kanada abschieben, und dann würde sich dasselbe Spiel wiederholen. Ohne Papiere ist man verraten und verkauft, mein lieber Jörn.“ Jörn Haskielt hielt auf den Knien eine halb zerfetzte Karte von Nordamerika und hob nun den Kopf und schaute mich verständnislos an. In seinen blauen Nordlandsaugen schimmerte das heiße Sehnen nach den unbekannten Steinwüsten der Großstädte. – Er war ein großes Kind. „Papiere?!“, fragte er zögernd. „Was für Papiere?!“ Ich mußte lächeln. Dieser Mann, ein Hüne von tadellosem Körperbau, mit dem frischen, offenen, ehernen Gesicht der alten Wikinger, bewegte sich in einem so engen Bildungskreis, daß jeder zwölfjährige Großstadtbub ihn verspottet hätte. Das unergründliche Geschick, das die Menschen scheinbar ziellos durch ein dunkles Dasein treibt, hatte ihn von seiner fernen Polarheimat hierhergeführt in die kanadische Wildnis zwischen Mackenzie und Großem Bärensee und mir zum Gefährten meiner Einsamkeit beschert. – Die Existenz der blonden Eskimos als Nachkommen verschollener germanischer, nordischer Seefahrer wird heute kaum mehr angezweifelt. Von mir bestimmt nicht. Mir gegenüber saß Jörn Haskielt, und er war ein Sohn dieses Volkes, das als oberstes Gesetz die strengste Abschließung von allen Fremden anerkannte und streng durchführte. Ich suchte ihm die Bedeutung von Legitimationspapieren zu erklären. Jörn begriff nur langsam, denn die Einrichtungen eines geordneten Staatswesens mit seinen tausend Gesetzen und tausend Schwindeleien der Gesetzesbrecher waren ihm gänzlich neues Bildungsgebiet. Es war nicht das erste derartige Gespräch zwischen uns. Wie schwer die Rolle eines Lehrers gegenüber einem Schüler ist, der als erwachsener Mann bereits seine eigene, wenn auch eng begrenzte Ansicht über Menschen und menschlichen Daseinskampf besitzt, fühlte ich mit jedem Tage mehr. Jörn stellte Zwischenfragen, die mich verwirrten und die mir die Überzeugung aufdrängten, daß er von den moralischen Qualitäten der Kulturträger immer geringschätziger dachte. Am unbegreiflichsten blieb es ihm, daß man für Diebe, Räuber und Mörder riesige Wohnungen errichtete und diese Schädlinge dort durchfütterte. Sein Rechtsempfinden war auf die sehr einfache Formel zu bringen: Wie du mir, so ich dir! … Draußen säuselte ein schwacher Nachtwind um die Giebel der Blockhütte, rauschte in den hohen Tannen der Bergkuppe und schwoll nur zuweilen zu einzelnen stärkeren Stößen an, die dann stets die feinen, durchsichtigen Häute, die hier die Fensterscheiben ersetzten, zu klatschendem Hinund Herflattern zwangen. All das waren Geräusche, die wir längst gewohnt waren.


Die vielfältigen Stimmen der unendlichen, menschenleeren Wildnis, die unsere Bergfestung umgab, drangen nicht bis in dieses harzduftende Balkenhaus hinein. Mitunter mochte wohl der krächzende Ruf eines Krähenschwarmes, der verspätet seine Horste aufsuchte, wie Geisterstimmen sich melden, aber auch dies störte uns nicht. Was sollte uns hier überhaupt stören?! Feinde oder gefährliche vierbeinige Bestien gab es nicht. Die Scharen der Wölfe waren noch feist und faul von reicher Sommerjagd, und die dicken, gemütlichen Bären spielen nur in Indianerschmökern von einst eine blutrünstige Rolle. Der schwarze Panther, weiter im Süden sehr gefürchtet, verirrt sich nicht in diese nordischen Breiten, deren Sommerzeit ihm zu kurz ist. Wir waren hier genau so sicher, wie auf einer einsamen Insel im Weltmeer. Wir drei … Jörn, Bully und ich. Jörn Haskielt habe ich bereits ein wenig eingehender geschildert. Über Bully läßt sich nur sagen, daß er ein Hund von wunderbarster Mischung und ungeheuren Kräften war, das Bulldoggenblut überwog freilich, darauf deuteten schon sein Eimerschädel, seine giftigen, blutunterlaufenen Augen, seine Schnauze und sein unheimliches Röcheln hin. Bellen konnte er nicht. Unsere Schlittenhunde draußen in der Box verachtete er, und die Zuchtwölfe in den anderen Boxen zogen sich scheu in den äußersten Winkel zurück, wenn Freund Bully sich breitbeinig am Drahtgitter aufbaute und die Lefzen hochzog und die Reißzähne zeigte. – Zuchtwölfe?! Es ist das wieder ein anderes Thema. Ich berühre es nicht gern. Es betrifft die Vergangenheit, und die muß für mich tot sein. Diese jüngste Vergangenheit hieß für mich Kanada und war ein hilfloses kleines Menschenwesen, dem ich einst Vater war und das ich hingab aus reiner Selbstlosigkeit. Kanada, meine kleine Ada, wie ich sie nannte, war für mich der Glückstraum der Wildnis, – mein Kind hat hier in dieser Blockhütte mir den Bart gezaust und hat die Wände lustig angekräht und … verließ mich im Schutze des Mannes, der diese Bergfeste errichtete und den Spleen hatte, Hunde und Wölfe zu kreuzen und mit einer Zuchtfarm große Geschäfte zu machen. Es hausen viele seltsame Geister in der kanadischen Wildnis, – Justus Ritter von Napy war ein anständiger Kerl durch und durch. – Nach meinem langen Vortrag über Ausweispapiere – Geburtsschein, Pässe und ähnliches – mußte Jörn das Gehörte erst geistig verdauen. Ich nahm mir eine Zigarre, griff in den Kamin nach einem brennenden Scheit und ließ ihn scharf aufhorchend wieder sinken. Bully war mit einem Ruck auf den Beinen, stellte die Ohren nach vorn, die seinen Schädel eselsmäßig verschandeln, und horchte gleichfalls. Wir drei hörten dasselbe: Ein unheimliches hohles Sausen in der Luft, dann irgendwo ein Krachen und Splittern, und dann – – nichts mehr. Ich hatte den Scheit in den Kamin zurückgeworfen und die Zigarre weggelegt. „Was war das?“ Jörn starrte mich an. „Es klang wie ein Schwarm Wildgänse, die in voller Flucht dahinschießen.“ Ich schüttelte den Kopf.

„Jörn, du hast dir längst gewünscht, einen der Zaubervögel zu sehen … Ich fürchte, der Vogel ist in der Nähe, aber … tot.“ Ich schritt zur Tür, nahm die Büchse vom Haken und stieß die Tür auf. Draußen schimmerte das verschwommene Licht der matten Sommersonne, die vier Monate am Himmel kreist und nicht untergeht, mit dürftigen Strahlen baldigen Abschieds über der endlosen Weite der Wälder, Seen und Prärien. Noch drei Wochen kaum, und die grüne Pracht des schnell vergänglichen kanadischen Blütenrausches würde unter Eis und Schnee begraben liegen. Vor uns bildete die Bergkuppe noch zwanzig Meter breit eine grasige, steinige Terrasse, die dann jäh in den See abfiel, den wir zu Ehren meines Kindes den Ada-See getauft hatten. Links und rechts zogen sich die finsteren Kulissen uralter Riesentannen, vermischt mit Buchen und Eichen, etliche hundert Meter am Nordrande der Kuppe entlang. Wir drei lauschten angestrengt. Bully schnüffelte. Von den Boxen wehte der Raubtierdunst der Wölfe herüber, und diese Boxen lagen im Schatten der mächtigen Äste der harztriefenden Tannen. Bully knurrte und setzte sich in wackelnden Trab. Seine Nase trog nie. Er witterte Fremdes besser als ein Tier, das in der Wildnis groß geworden. Wir Männer folgten ihm. Irgend etwas war da in den Wolfsboxen nicht in Ordnung. Die Bestien rannten hin und her, knurrten und schlugen die Kiefer schnappend zusammen. Jörn, ungestümer als ich, war vorausgeeilt … „Hallo, Olaf, – – schnell, – – hier liegt etwas in der Box der trächtigen Wölfin – – ein Sack!“ Zwei Männer und ein Hund standen vor dem Käfig und sahen, daß das Drahtgitter, das die Box auch oben bedeckte, nicht nur eingedrückt, sondern zerrissen war und daß nur der prall gefüllte große Leinensack diesen Schaden verursacht haben konnte. Die trächtige Wölfin, ein besonders bissiges Tier, sprang zuweilen knurrend auf den Sack zu und vergrub die Zähne in die grobe Leinwand. Als sie dies jetzt wiederum tat, scheuchte ich sie mit einer Stange zurück, trieb sie in den überdachten Teil ihres Auslaufs hinein und schloß die kleine Tür.

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