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Der Pascha – Frederick Marryat

Wer mit den Sitten und Gebräuchen des Morgenlandes bekannt ist, weiß auch zugleich, daß keine hohe Stellung wandelbarer und gefährlicher für ihren Besitzer ist, als die eines Pascha. Vielleicht bietet nichts einen überzeugenderen Beweis von der großen Geneigtheit, ein derartiges jeweiliges Ansehen über die Nebenmenschen anzunehmen, als die Gier, nach der Bestallung von dem Sultan wieder fortzukommen, da der hohe Herr, wie sich der Neuangestellte aus seinen eigenen Erlebnissen erinnern kann, ganze Schocke seiner Vorfahren mit der seidenen Schnur heimsuchen ließ. Es gewinnt fast den Anschein, als ob der Despot ein Haupt nur umdeßwillen aus der Menge erhebe, damit es seinem Scimetar einen besseren Schwung biete, wenn er es abhauen will – ein eigentümlicher Geschmack, der nur durch den des Königs von Dahomy überboten wird; denn der Sage nach ließ Letzterer mit jeder wiederkehrenden Sonne die Stufen seines Pallastes mit frischabgetrennten Köpfen zieren, wie wir etwa die Dekoration unserer Parterrezimmer zu erneuern pflegen. Ich mache diese Bemerkungen; damit man mich nicht einer falschen Chronologie beschuldige, wenn ich nicht ganz genau das Jahr oder die Monate angebe, in deren Verlauf ein Geschlecht blühte, das, wie die Blume des Cistus, an dem einen Morgen in voller Pracht dastand, am andern aber leblos auf den Boden gestreut war, um einer nachfolgenden Platz zu machen. Wenn von solchen ephemeren Schöpfungen die Rede ist, so wird es zureichen, wenn ich sage: »es war einmal ein Pascha.« Fragt man nun, durch welche Mittel er zu dieser Bezeichnung erhoben wurde? Eine eitle Neugierde. In dieser Welt läßt sich die Erhöhung über Andere nur dadurch erringen, daß man sie auf der Laufbahn der Tugend oder des Lasters weit hinter sich zurückläßt. Je nach den Neigungen der Herrscher werden treue Dienste auf dem einen oder dem anderen Pfade stets Ehrenstellen auf die betreffende Person niederregnen lassen, die durch den Hauch der Könige soweit erhoben wird, um auf ihre früheren Standesgenossen herabschauen zu können. Und da die Welt sich einmal im Kreise dreht, so ist das Warum von geringem Belang. Die Ehrenstellen werden vererbt, nicht aber die guten und schlimmen Thaten oder die Talente, durch welche sie gewonnen wurden. An den Letzteren haben wir nur das Interesse des Lebens, denn das Fideikommiß wird durch den Tod abgeschnitten. Der Adel mit allen seinen Abschaltungen ist so nothwendig für den Zusammenhang der Gesellschaft, wie die verschiedenen Grade zwischen dem General und dem gemeinen Soldaten auf dem Schlachtfelde. Man braucht daher nicht zu fragen, warum dieser oder jener über seine Nebenmenschen erhoben wurde; dagegen mögen wir aber, so oft wir zu Bette gehen, dem Himmel danken, daß wir keine Könige sind. Man erlaube mir die Abschweifung einer Bemerkung. In unsrem Lande gibt es ein Ehrenzeichen, welches ich nie betrachten kann, ohne daß sich ernste Gedanken in meinem Geiste erheben. Ich meine die blutige Hand in dem rechten Wappenschilde eines Baronets, die jetzt allerdings oft genug von solchen getragen wird, welche vielleicht in ihrem ganzen Leben nie ihre Hände im Zorn erhoben. Aber meine Gedanken kehrten zurück zu den Tagen von ehedem – zu den eisernen Tagen der eisernen Männer, als die vorgedachte Devise des Symbol treuen Dienstes im Feld war – als man sie wirklich der in blutgetauchten Hand verlieh; und es fällt mir stets dabei ein, ob diese Hand, welche man auf Erden mit Jubel zur Schau trägt, nicht in der nächsten Welt sich zitternd erheben mag, um sich selbst das Urtheil zu sprechen. Und ich kann, wenn mein Gedächtnis von einem gesetzlichen Mord zum andern wandert, trockenen Fußes über den weiten Raum von fünf und zwanzig Jahren hingehen; aber die »verdammten Flecken« wollen nicht heraus – so stecke ich denn meine Hände in die Taschen und gehe weiter. Das Gewissen gestattet uns – ich weiß nicht soll ich glücklicher- oder unglücklicherweise sagen – politische und religiöse Glaubensbekenntnisse zu bilden, wie sie eben am besten geeignet sind, unsre Sünden zu bemänteln. Mein Gewissen ist militärisch, und ich theile die Ansicht von Bates und Williams, welche in der Zeit Heinrichs V. blühten und sich dahin aussprachen, »es gehöre ganz dem König.« Das heißt, damals war es so: aber jetzt ist unsre Constitution so unverzeihlich vollkommen geworden, daß »der König nicht Unrecht thun kann.« Es wird ihm nicht schwer Minister zu finden, die, weil sie sich freiwillig zum Pfande hergeben für alle seine Handlungen in dieser Welt, wahrscheinlich den Klauen des großen Auspfänders in der nächsten nicht entgehen werden – Thatsachen, aus denen ich folgende Schlüsse ziehe: – Erstens, daß Seine Majestät (Gott segne sie) in den Himmel kommen wird. Zweitens, daß alle Minister Seiner Majestät zum Teufel fahren müssen; »Drittens, daß ich – – – in meiner Geschichte fortfahren will. Da eine Kenntniß der früheren Geschichte unseres Pascha für die Entwickelung unserer Erzählung nothwendig seyn wird, so wollen wir hier den billigen Anforderungen unseres Lesers entsprechen.


Er wurde zu dem Berufe eines Barbiers erzogen; da er aber großen persönlichen Muth besaß, so stellte er sich zu Gunsten seines Vorgängers an die Spitze einer Volksbewegung und wurde dafür durch einen bedeutenden Posten in der Armee belohnt. Glücklich im detachirten Dienste, während sein General unglücklich im Felde war, wurde ihm befohlen, seinem Befehlshaber den Kopf abzunehmen und an dessen Statt das Haupt der Truppen zu werden – ein paar Dienstleistungen, die er mit gleicher Geschicklichkeit und Schnelligkeit ausführte. Es ging ihm Alles gut von Statten, und da der Pascha, sein Vorgänger, sowohl in seiner, als in des Sultans Meinung, ungewöhnlich lange Zeit im Amte blieb, so wußte er durch eine Anklage, welcher er durch tausend Beutel Goldes Nachdruck gab, für seinen Wohlthäter eine seidene Schnur zu erringen. Der Firman des Sultan ernannte ihn zu dem erledigten Paschalick. Seine Befähigungen für das Amt bestanden in lauter Superlativen, er war sehr klein, sehr beleibt, sehr unwissend, sehr jähzornig und sehr einfältig. An dem Morgen nach seinem Amtsantritt befand er sich unter den Händen seines Barbiers, eines schlauen, einsichtsvollen Griechen, Namens Mustapha. Barbiere sind aus vielen Gründen privilegirte Personen. Da sie zu Erringung ihres Lebensunterhaltes von einem Kunden zum anderen laufen, so gewinnen sie auch Unterhaltungsstoff, welcher, so ungebührlich er auch bisweilen seyn mag, doch dazu dient, die Langeweile einer Operation zu kürzen, welche den Gebrauch eines jeden Organes nur nicht den des Ohres ausschließt. Außerdem stehen wir gern in gutem Verhältniße mit einem Manne, in dessen Macht es gegeben ist, uns, so bald es ihm beliebt, die Kehlen abzuschneiden; und schließlich machen die persönliche Freiheiten, welche der vorliegende Beruf mit sich bringt, alles Andere zu einer Kleinigkeit – denn dem Manne, welcher seinen Souverän an der Nase nimmt, kann nicht wohl die Freiheit der Rede verweigert werden. Mustapha war ein Grieche von Geburt, welcher die ganze Klugheit und Gewandtheit seiner Race geerbt hatte. Er war als Sklave für sein Gewerbe gebildet worden, begleitete aber in einemAlter von neunzehn Jahren seinen Gebieter an Bord eines Kauffahrers, der nach Scio bestimmt war. Dieses Schiff wurde von einem Seeräuber genommen, und Demetrius (denn so hieß sein eigentlicher Name) schloß sich dieser Bande von Elenden an, getreulich seine Lehrzeit im Gurgelschneiden durchmachend, bis das Schiff von einer englischen Fregatte gekapert wurde. Da er eine thätige, verständige Person war, so wurde ihm auf seine Bitte erlaubt, unter die Schiffsmannschaft einzutreten; er machte mehrere Gefechte mit und kam, nachdem er drei Jahre gedient hatte, nach England, wo das Schiff abbezahlt wurde. Eine Zeitlang versuchte Demetrius sein Glück zu machen, aber ohne Erfolg, und erst als er fast seinen letzten Schilling aufgezehrt hatte, begann er einen Hausirhandel mit Rhabarberpulver, das er in Schächtelchen verkaufte. Diese Spekulation erwies sich so einträglich, daß er in kurzer Zeit auf ein Schiff gehen konnte, welches nach seiner Heimath Smyrna bestimmt war. Das Fahrzeug wurde von einem französischem Kaper genommen. Man setzte ihn ans Land und ließ ihn, da man ihn nicht als Gefangenen betrachtete, handeln, wie ihm gutdünkte. Nach kurzer Zeit erhielt er die Stelle eines Kammerdieners und Barbiers bei einem »Millionär,« welchen er um einige hundert Napoleons bestahl, worauf er nach seinem eigenen Lande entfloh. Demetrius hatte nun einige Kenntniße von der Welt gewonnen und sah die Nothwendigkeit, ein wahrer Gläubiger zu werden ein, weil er durch einen derartigen Schritt weit mehr Aussicht hatte, es in einem türkischen Lande vorwärts zu bringen. Er wünschte den Patriarchen zu allen Teufeln und griff zu dem Turban und Mahomed. Dann verließ er den Schauplatz seines Abfalles und begann sein Barbiergewerbe in dem Territorium des Paschas, dessen Geneigtheit er sich zu gewinnen gewußt hatte, noch ehe dieser das Paschalick angetreten. »Mustapha,« bemerkte der Pascha, »du weißt, daß ich allen denen, welche ihre Pantoffeln an der Thüre des vormaligen Paschas ließen, die Köpfe stutzte.« »Allah Kebur! Gott ist höchst mächtig! So gehen die Feinde Eurer erhabenen Hoheit zu Grunde. Waren sie nicht die Söhne von Shitan?« versetzte Mustapha. »Sehr wahr: aber Mustapha, die Folge davon ist, daß es mir an einem Vezier fehlt.

Welchen fähigen Mann könnte ich wohl zu diesem Posten befördern?«

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