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Der Meerkönig – Balduin Möllhausen

Früher als sonst senkte der Abend sich auf Wald und Flur. Es hatte den ganzen Tag geschneit; aber noch immer trübten und verschleierten große, daunenartig zusammengeballte Flocken die Fernsicht. Auf den freien Flächen kämpfte der Schein der ebenen, weißen Schneelage zwar noch mit Erfolg gegen die Dämmerung. Wo aber Baum und Strauch sich zu Gruppen und umfangreichen Gehölzen vereinigten, da verdichtete sich die Dunkelheit durch das Zusammenwirken der Schatten und des melancholisch eintönigen grauen Himmels schneller, während in den wohlbestandenen Forsten sogar um die Mittagszeit die Helligkeit sich kaum über ein geheimnißvolles Zwielicht erhoben hatte. Und dennoch war es so schön in dem düstern Tannenwalde, so schön contrastirten die im üppigen, schwarzgrünen Nadelschmucke prangenden Zweige gegen die blendend weiße Last, die ihnen bei der herrschenden Windstille allmählich aufgebürdet worden war und sie tiefer und tiefer hinabbeugte. Zahllose Flocken umspielten sie unablässig, und die stattlichen Baumkronen waren, wie um sich gegenseitig zu erwärmen, so in einander verwachsen und verschlungen, daß jenen nur dürftige Oeffnungen blieben, durch welche sie ihren Weg niederwärts auf das zum Theil noch grau schimmernde, harzig duftende Erdreich fanden. Auf den Lichtungen und den breiten Holzstraßen, über welche das immergrüne Dach nicht fortreichte, lag der Schnee dafür um so höher, so hoch in der That, daß weder Wagengeleise noch Gräben mehr zu erkennen waren, und die zerstreuten Reihen der Holzklafter entfernt an riesenhafte weiße Grabhügel erinnerten. Spuren waren nirgends zu erblicken, weder von Menschen, noch von Thieren; scheuten sich doch selbst die um die Abendzeit sonst so regsamen Hasen, nachdem sie sich hatten verschütten lassen, die ungewohnte Decke, unter der sie mit einem so seltenen Sicherheitsgefühl träumten, von sich abzuschütteln und ihre nächtlichen Streifereien zu beginnen. Ja, die Hasen träumten ohne allen Zweifel; sie träumten gewiß von einem ewigen Weltfrieden, wie die Bäume vielleicht im Traume der drohenden Axt und des über ihr Leben entscheidenden Försters gedachten; und Ueberlegung und Denkvermögen hätte man ihnen zuschreiben mögen, wenn man sie beobachtete, wie sie so ernst und selbstbewußt emporragten und geduldig die ihnen aufgebürdete Last trugen. Glitt aber hier oder dort die bis zum Uebermaße angewachsene Schneeanhäufung von einem tief herabgebogenen Zweige, um stäubend zur Erde zu sinken, und schnellte der Zweig in Folge der plötzlichen Erleichterung wieder in seine gewohnte Lage empor, dann sah es aus, als ob der Baum aus seinem Schlafe aufgeschreckt worden sei, doch, von unbesiegbarer Müdigkeit befallen, im Begriffe stehe, wieder einzunicken. So schlief der Wald, so schliefen die Thiere, die ihn zu anderen Zeiten reich belebten. Nur ein einsamer Fuchs, von der Noth getrieben, watete bedächtig durch den tiefen Schnee, bald spähend nach dürftiger Beute, bald aufmerksam horchend in die Ferne, von woher seine eigenen Feinde sich ihm geräuschlos nähern konnten. Er war eben aus dem Holze auf den breiten Fahrweg getreten, als das Schnauben eines Pferdes ihn erschreckte. Den einen Vorderfuß emporgehoben, blieb er stehen, mit gespitzten Ohren argwöhnisch nach der unwillkommenen Störung hinüberlauschend. Der fallende Schnee und die Dämmerung hinderten ihn, den Gegenstand seiner Besorgniß zu entdecken, dagegen unterschied er mit scharfem Organ um so deutlicher das Rasseln von Ketten und das gedämpfte Poltern eines sich nähernden Wagens. Das Klingen des Eisens mußte dem listigen Räuber besonders widerwärtig sein, denn nachdem er einen kurzen Blick um sich geworfen, krümmte er sich zusammen, und demnächst emporschnellend, gelangte er mit einem mächtigen Satze aus dem Wege in das gegenüberliegende lichte Stangenholz hinein. Fünf- oder sechsmal noch wiederholte er die weiten Sprünge, deren Spuren sich in der Entfernung von jedes Mal etwa sechs Ellen nur als kleine, unregelmäßige Höhlungen in dem lockern Schnee auszeichneten, und dann eilte er in weniger anstrengendem Laufe durch das hohe Holz einer niedrigen Schonung zu, die sich weiter abwärts fast parallel mit der Landstraße hinzog. Er hätte unbesorgt am Wege sitzen bleiben können, denn diejenigen, welche so plötzlich seine Furcht wachriefen, beabsichtigten nichts weniger, als einem armen, halb verhungerten Fuchse nachzustellen, und wenn er auch zehnmal in ihren Hühnerstall eingebrochen wäre und unter dem Schutze der Dunkelheit ihren stolzesten Hahn gewürgt hätte. Da er aber alle Dörfer und Gehöfte, selbst in der weiteren Umgebung, ziemlich genau kannte, so ließ sich voraussetzen, daß die späten Reisenden ebenfalls nicht von seinen Räubereien verschont geblieben waren, indem sie, nach dem Leiterwagen, den Pferden und Geschirren und nach der eigenen winterlichen Umhüllung zu schließen, dem Bauernstande angehörten und daher in der Nachbarschaft zu Hause sein mußten. Sie kamen aus der Richtung, in welcher die Stadt lag; nur die dringendste Nothwendigkeit konnte sie gezwungen haben, eine mehrere Meilen weite Reise durch das dichte Schneegestöber zu unternehmen. Doch mochten ihre Geschäfte noch so dringender Art gewesen sein, ihr heimatliches Dorf wer weiß wie nahe oder weit entfernt von ihnen liegen, die Pferde schritten so langsam und bedächtig einher, als ob die Fahrt durch die winterliche Landschaft und der mit dem Einbruche der Nacht sich wieder verstärkende Schneefall ein ersehnter Genuß für sie gewesen wären. Eintönig klapperten die dicken hölzernen Achsen gegen die eisenbeschlagenen Räder; eintönig klirrten die Deichselketten; unhörbar fielen die scharfen Hufe auf das weich überdeckte Erdreich, und nur gelegentlich leise knirschend, drängten sich die Räder durch die steifgefrorenen, mit lockerer Masse angefüllten Geleise. Die Peitsche lehnte an den festgestopften Strohsack, welcher den Sitz der beiden schweigsamen Reisenden bildete. Schnee bedeckte auch sie theilweise, ein Zeichen, daß sie seit dem Aufbruche nicht zum Antreiben der Pferde und noch weniger zum zwecklosen Knallen benutzt worden war. Schlaff und nachlässig hing die Leine von der durch einen mächtigen Fausthandschuh geschützten lenkenden Hand nieder.


Auch den Handschuh beschwerte eine Schneeschicht, ebenso die tief in die Augen gedrückte Pelzmütze des Bauers, wie auch seinen breiten Mantelkragen und die wollene Pferdedecke, welche seine neben ihm sitzende Gattin zum Schutze gegen Kälte und Schnee um Haupt und Schultern geschlungen hatte. So fuhren die beiden Leute ihres Weges. Einer schien die Anwesenheit des Andern vergessen zu haben, und so tief neigten sie die Häupter auf die Brust und so starr blickten sie auf die unter den Hufen der Pferde entstehenden unregelmäßigen Spuren, als ob die Flocken auf ihren Schultern eine Last von vielen, vielen Centnern, die Last einer Welt gewesen wären. Und dennoch lagen die Flocken so leicht und locker, daß es nur eines mäßigen Luftzuges bedurft hatte, um sie von Neuem davonstäuben zu machen. Was die beiden Gatten so schwer bedrückte, begriff man, sobald man nur einen Blick hinter sie in den Wagen warf, wo auf weichem, federndem Stroh ein kleiner, schwarzer Sarg stand, der für ein etwa zehnjähriges Kind berechnet zu sein schien. Ja, ein kleiner Sarg, dem das Loos zugefallen war, eine ganze Lebenshoffnung, eine ganze Lebensfreude in sich aufzunehmen, die letzte Wohnung für ein im Tode erkaltetes Kinderherzchen zu werden! Die schwarz überstrichenen Bretter mit den glänzenden zinnernen Beschlägen nahmen sich duster aus gegen den auf sie niederrieselnden blendend weißen Schnee; dabei aber tanzte das kleine Gebäude lustig auf dem losen Stroh, so oft nur die Wagenräder einen Stein oder sonstige verborgene Unebenheiten im Wege streiften. Der Schnee glitt dann zu beiden Seiten von dem abschüssigen Deckel, als habe der Sarg noch einmal, bevor er auf ewig dem Lichte entrückt wurde, so recht nach Herzenslust um sich schauen, noch einmal die schönen Bäume begrüßen wollen, in deren Gesellschaft vor nicht allzu langer Zeit vielleicht der lebensfrische Stamm grünte, aus dessen Mitte seine Bestandtheile geschnitten wurden. Viele, viele Bretter hatte der Stamm geliefert, gute und schlechte, Alles durcheinander. Manche derselben waren zu Wiegen verarbeitet worden, andere zu Speisetischen, die allein bei festlichen Gelegenheiten auseinander gezogen wurden, oder auch zu Bänken und Fußböden für Tanzsäle, und nur die schadhaften hatte man ausgesucht, um Särge daraus zu zimmern, Särge für arme Leute. Zu Särgen waren die schlechten Bretter gut genug; Kitt und Farbe verdeckten ja die mangelhaften Stellen, und ob festes oder morsches Holz, die Todten schlummern überall gleich ruhig, und gleich schön entfalten sich über ihnen die Blumen der Erinnerung, wenn sie, heißer Liebe entsprießend, mit treuer Sorgfalt gepflegt werden.

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