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Der Genius – Carl Grosse

Man wird es hier wahrnehmen können, wie wenig alle menschlichen Kräfte, wie wenig eine geprüfte und aufmerksam gemachte Erfahrung, ja wie kaum alle Veranstaltungen des Schicksals etwas über die verborgenen Plane gewisser Unbekannten vermögen, welche durch die undurchdringliche Hülle der Gewöhnlichkeit verstellt, über die halbe Menschheit unsichtbar wachen. Oft schon hat man auf ihre Plane und Wege gemerkt; meiner Geschichte aber scheint es Vorbehalten gewesen zu seyn, in dem Mittelpunkt ihres Sitzes sie ausfindig zu machen. Jede Handlung meines Lebens, auch die willkührlichste scheint schon vor meiner Geburt in ihren schrecklichen Archiven berechnet, gelegen zu haben; alle führen absichtlich dem gräßlichen Verbrechen entgegen, wozu man mich verleiten oder gebrauchen wollte und ihre ganze Reihe macht einen langen Beweis für die ewig entschiedene Wahrheit aus, daß nicht der Gebrauch individueller Eigenheiten, sondern nur die kluge Benutzung der allen Menschen gemeinen uns über die Gemüther eine unbeschränkte Herrschaft versichert. Der Gang dieser Geschichte endlich ist an sich selbst zu rasch und verworren, als daß er vor seiner Mitte einiger Deutlichkeit fähig wäre. Ich habe daher gerade den Abschnitt ergriffen, der ihn zuerst etwas aufhellt. In ihm treten nicht nur alle Begebenheiten des Vorhergehenden zusammen, sondern wiederholen sich noch einmal. Uebrigens unbekümmert über das Schicksal dieser Blätter, welche mein Tod der Nachwelt erst ausliefern wird, will ich mir nur diese einzige Rache gegen meine Feinde erlauben, in meinen Leiden ihr Selbstbewußtseyn wieder aufzufrischen und es ihnen zu zeigen, wie ich gerade in der beneidetsten Periode meines Lebens, am wenigsten beneidenswerth war. * Der Graf von S**, ein wunderschöner und noch liebenswürdigerer junger Mann von vier und zwanzig Jahren diente bey der berüchtigten Belagerung von Gibraltar als Volontair unter Krillon, und da bekanntlich Elliot diesem zumAbzüge nöthigte, nahm der Graf seinen Abschied, mit dem Entschlusse Portugall zu bereisen, und dann über Spanien und Frankreich zu seinen deutschen vaterländischen Gütern wieder heimzukehren. Gegen das Ende des Sommers kam er zurück. Ich war entzückt ihn wieder zu umarmen, ich fand ihn ungleich schöner und angenehmer als da er mich verließ, und oft scherzte ich mit ihm über die Galanterien, die er im Auslande wahrscheinlich erhalten hätte und ihm noch in seiner Heimath bevorstünden. Er erwiederte diesen Scherz, aber mitten unter den Auswechselungen eines leichten und freundschaftlichen Witzes sah ich zuweilen etwas in seinem Auge funkeln, das einer Trähne ähnlich war. Da ich aber nicht anders vermuthen konnte, als daß ein Mann mit solchen Vorzügen der Bildung, des Charakters und Standes süße Bande finden, damit fesseln und sich fesseln lassen mußte, so hielt ich dies für die Wirkung irgend eines zärtlichen Andenkens, welches die Zeit leicht verwischt, und ahndete nichts weniger als die ernsten Quellen aus denen es floß. Da er den Entschluß gefaßt hatte, den Winter auf seinen Gütern zuzubringen, so suchte er mich zu bewegen, ihm Gesellschaft zu leisten. Ich gab nach und folgte ihm. Die Jagd, die Oekonomie, das Billard füllten unsere Stunden den Tag über an; am Abend setzten wir uns nach einem leichten Mahle in einer süßen Ruhe um den traulichen Kamin herum, und unsere Herzen ergossen sich in jener heiteren Philosophie, welche die Seele nur nach der Arbeit beglückt und ein geschäftiges Leben so unendlich versüßt. Wer es weiß, was Freundschaft ist, und was verwandte Seelen beym Tausche gleichgestimmter Ideen fühlen; wer die bezaubernden Phantasien kennt, in denen man sich bey froher Laune und einem Freunde zur Seite, so leicht berauscht, — wird es glauben, daß wir uns selbst genug waren, daß wir allen Umgang vermieden und höchst selten noch ein anderer Plauderer bey uns war, als das geschwätzige Feuer im Kamin. Wenn der Graf bey recht guter Laune war, dann tauschten wir einige Begebenheiten unseres Lebens und unserer Reisen gegen einander um, und vergaßen uns oft im Hören und Erzählen so sehr, daß an keinen Aufbruch gedacht wurde, als bis alles vorräthige Holz aufgebrannt war und die Kälte uns an Deutschland und an das warme Bette erinnerte. Gegen das Ende des Aprills sah er einige Wochen hindurch öfters nach dem Kalender und legte ihn dann kopfschüttelnd wieder hin. Ich bemerkte dies, wie alle anscheinenden Geheimnisse meiner Freunde; ich frug nicht, ganz sorgloß überließ ich der Zeit und seinem Herzen die Entwickelung dieses Räthsels. Aber von Tage zu Tage ward er bey allen seinen Arbeiten zerstreueter; die Jagd, sonst sein Lieblingsvergnügen, beschäftigte ihn nicht mehr so ganz, wie ehedem, und bey der Abendtafel vermißte ich sehr oft die lachende Munterkeit, welche ihre Frugalität so hinreichend würzte; er ward nachdenkend, ja zuweilen ganz starr; ich theilte ängstlich seinen Schmerz, aber ich schwieg. Endlich schloß er sich einmal einen ganzen Tag hindurch ein, er kam zwar zum Abendessen, aber er war so niedergeschlagen und in sich selbst verlohren, daß er alle meine Fragen nicht mit einer Sylbe beantwortete. Wir standen bald auf. Er stellte selbst zwey Stühle um den Kamin, klingelte einem Bedienten und befahl ihm mehr Holz herbeyzubringen. Er hieß endlich seine Leute sich niederlegen, wir setzten uns an das Feuer, er legte mehr Holz hinein, rückte seinen Stuhl dem meinigen näher, indeß ich alle diese Anstalten mit einer höchst ängstlichen Verwunderung angesehen hatte, und neigte sich zu mir hin. Ich erzähle izt zwar aus seinem Munde, aber in dem meinigen kann diese Begebenheit nichts als verliehren.


Längst schon habe ich daran verzweifelt, den lieblichen Strom seiner Worte in jenen sanften Wellen darzulegen, welche nur der Nachhall der Empfindungen scheinen. Kein Mann besaß jemals die Gebehrdensprache in einer höheren Vollkommenheit, jede Miene schmiegte sich seiner Erinnerung an, und oft rief das himmlische Auge wieder langevergessene Trähnen hervor. »Guter G**,« sagte er mir, »ich sehe Sie über mein Betragen voll ängstlichen Erstaunens, aber, mein Freund, fassen Sie sich. Ich bin im Begriff, Ihnen die schrecklichste Szene meines ganzen Lebens zu erzählen, die Ihnen vielleicht über manches in meinem bisherigen Betragen Licht geben dürfte. Sind Sie gefaßt?« — — »Sie wissen ja, lieber S**, mich hat mein Schicksal früh an entsetzliche Auftritte gewöhnt. Wer könnte sie wohl ruhiger hören?« — Aber in demselben Augenblicke ward ich an dieser vorgeblichen Ruhe zum Lügner. Ein langer, kalter Schauer floß mir den Rücken hinab. — »Nun denn, so hören Sie, Marquis! Erinneren Sie sich wol noch der Geschwindigkeit, mit der ich über meine Reise von Lissabon nach Madrid hinweggieng. Izt will ich Ihnen diese Lücke mit einer Begebenheit ausfüllen, welche ich Ihnen nicht einen einzigen Tag eher erzählen durfte, die ich Ihnen selbst itzt nur stückweise mittheilen darf, und die für mich noch in einem Dunkel liegt, das um so schrecklicher ist, weil ich es aufzuhellen keine Möglichkeit sehe.« »Wie Sie wissen, nöthigten mich Familiengeschäfte in Madrid, sehr schnell Lissabon zu verlassen. Ich zählte jede Minute. Einige verdriesliche Umstände, und besonders die Betrügereien meines Fuhrmannes zwangen mich zu einem kleinen Umwege, und ich beschloß die Nacht zu fahren, um diesen Verzug wieder einzubringen. Man rieth mir schon vorher, einiger vorgefallenen Räubereyen und Mordthaten wegen, allenthalben Behutsamkeit an; ich verließ mich immer auf meine zwey Bedienten, die wie ich wohl bewafnet waren. Aber da ich hier an der Grenze sogar des Nachts fahren wollte, stellte sich mir mein Wirth und seine ganze Familie mit einer freundschaftlichen Gewalt entgegen. Man bat mich um Gotteswillen, nur den Tag zu erwarten. Man erzählte mir von feurigen Gestalten, Irrlichtern und Erscheinungen. Man wußte hundert Geschichten von nächtlichen Abendtheuern und Ermordungen. Aber, vielleicht aus einer Art von Stolz, nicht furchtsam zu scheinen, und aus dem Trotze, der mich, wie Sie wissen, niemals verläßt, bestand ich darauf, beredete meinen Fuhrmann, tröstete meine Wirthsleute und fuhr. Hier verschenkte ich auch den Ring, den Sie neulich vermißten, an das liebenswürdigste kleine Mädchen, das man nur sehen kann, und das sich liebevoll an mich hieng, um mich durchaus nicht fortzulassen. Ich versichere Sie, lieber G*, die ganze Stimmung, in welcher ich mich damals befand, ist ein klarer Beweis gegen alle Arten von Ahndung; ich war so heiter und froh, nie habe ich mich des Glücks zu leben so in seiner Fülle gefreuet, nie die Gegenstände in dem Sonnenscheine wieder gesehen als damals.« »Wir mußten durch einen Wald, der gerade an der spanischen Grenze anfieng. Es war eine himmlisch schöne Nacht. Mein Fuhrmann lenkte maschinenmäßig seine Maulesel. Meine beyden Bedienten schliefen ganz sanft. Ich wachte zwar, aber ich träumte.

Die Stille rund um mich her, der Gesang der Vögel, der Mond, welcher mich mit bangenden Schattenbildern lächelnd täuschte, das heimliche Wehen und Flüstern im Laube — alles rief Träume hervor, in denen meine Freunde und Freundinnen lieblich vor der Seele vorüberschwammen. Ich wechselte mit euch allen entzückende Schwärmereyen; ich sammelte gleichsam aus der Natur um mich her die geheimnißvollsten Laute auf, in ihnen euch jene verständlich zu machen, und nur das Stoßen des Wagens machte in diesem lüftigen Gefolge verkörperter Empfindungen zuweilen eine schmerzhafte Lücke.«

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