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Der Flottenoffizier – Frederick Marryat

Mein Vater war ein Mann von Stand und beträchtlichem Vermögen. In meinen Kinder- und Knabenjahren war ich schwach und kränklich; demungeachtet aber begünstigten mich meine Eltern vor allen meinen Brüdern und Schwestern, weil sie sahen, daß mein Geist sich bei weitem über meinen kränklichen Körper erhob, und weil sie fürchteten, ich möchte nicht bis zum Mannesalter ausdauern. Ihren Voraussichten zum Trotz überwand ich jedoch alle diese ungünstigen Anzeichen, erregte Aufmerksamkeit durch meine Lebhaftigkeit, durch Schlagfertigkeit mit witzigen Antworten und durch Unverschämtheit – Eigenschaften, die mir mein ganzes Leben lang gut zu statten gekommen sind. Ich kann mich noch erinnern, daß ich ebenso memmenhaft als prahlerisch war; doch habe ich oft bemerkt, daß die Eigenschaft, welche wir im Kinde mit dem Namen Feigheit belegen, weiter nichts als ein lebhafter Sinn für die Gefahr, und somit ein hervorstechender Verstand ist. Von Natur find wir alle Memmen: Erziehung und Beobachtung lehrt uns den Unterschied zwischen wirklicher und scheinbarer Gefahr; Stolz lehrt uns die Furcht verhehlen, und Gewohnheit macht uns gleichgültig gegen Alles, aus dem wir uns schon oft ungestraft herausgewunden haben. Man sagt von Friedrich dem Großen, daß auch er sich in der ersten Zeit, wenn’s in die Schlacht ging, nicht als Held gezeigt habe; und so viel bleibt wahr, daß ein Neuling in einer ähnlichen Situation eben so wenig über alle seine Kräfte verfügen kann, als ein kaum in die Lehre gegebener Schusterjunge fähig ist, ein paar Schuhe zu machen. Alles muß gelernt sein, gleichviel ob es gelte, als Held vor dem Feinde zu stehen oder einen Schuh zu flicken: Uebung allein kann uns zu einem Hoby oder einem Wellington machen. Ich komme auf meine Schulzeit, die in mir bei weitem die dauerndsten Eindrücke zurückließ. Der Grund zu meiner sittlichen und religiösen Erziehung wurde zwar von meinen vortrefflichen Eltern mit Sorgfalt gelegt, aber ach! von der Zeit an, als ich das Vaterhaus verließ, kam auch nicht ein Stein mehr zu dem Gebäude, und selbst die ersten Spuren der Anlage wurden durch eine Fluth von Lastern, die mich alsbald zu verschlingen drohte, fast vernichtet. Allerdings bemühte ich mich manchmal schwach, doch ohne Erfolg, dem Strome entgegenzuarbeiten; zu andern Malen ließ ich mich aber von all‘ seinen unglücksschwangeren, reißenden Fluthen mitnehmen. Ich war offen, freigebig, lebhaft und muthwillig; doch muß ich hinzufügen, daß eine gute Portion von dem, was die Schiffer »Satan« nennen, sich augenscheinlich zeigte, während eine weit größere Portion davon in meinem Hirn und Herzen verborgen schlummerte. Meine herrschende Leidenschaft, schon in diesem frühen Lebensalter, war Stolz. Selbst Lucifer, wenn er je sieben Jahre alt war, besaß nicht mehr, und wenn mein Name im Dienste einen guten Klang gewann, wenn ich es dahin brachte, zu kommandiren, statt zu gehorchen, so muß ich es dieser meiner herrschenden Leidenschaft zuschreiben. Die Welt hat mir oft bessere Gefühle, als die Quellen meiner Handlungen zugetraut, doch ich schreibe nicht, um zu heucheln, sondern um die Wahrheit an’s Licht zu fördern. Ich wurde in die Schule geschickt, um Lateinisch und Griechisch zu lernen, was auf gar verschiedene Arten gelehrt wird. Einige Lehrer versuchen das suaviter in modo; mein Schulmeister zog das fortiter in re vor und keilte – um ein Bild vom Seeleben zu entnehmen – durch die Aufmunterung eines großen Knotenstockes Kenntnisse in unsere Köpfe, wie der Kalfaterer das Werg in die Ritzen eines Schiffes. Bei einer solchen Methode machten wir erstaunliche Fortschritte; und was auch sonst immer meine minder wünschenswerthen Talente gewesen sein mögen, so hatte doch mein Vater keinen Grund, über die Mangelhaftigkeit meiner klassischen Bildung zu klagen. Fähiger, als die meisten meiner Mitschüler, nahm ich mir selten die Mühe, mein Pensum früher, als bis es zur Klasse ging, zu lernen. Freilich siel auch »des Herrn Segen«, wie wir es nennen, gelegentlich auf mein geweihtes Haupt, doch war mir das eine Kleinigkeit, denn ich besaß zu viel Stolz, um nicht mit meinen Mitschülern gleichen Schritt zu halten, und zu faul, um mehr zu thun. Wäre mein Schulmeister ein unverheiratheter Mann gewesen, so hätte ein längeres Bleiben unter seiner Aufsicht zu meinem Vortheil ausschlagen können; doch zum Unglück sowohl für mich, als ihn selbst, hatte er eine Lebensgefährtin, deren durchaus unglückliche Gemüthsbeschaffenheit zur Verderbniß der Sitten beitrug, über welche mit der gewissenhaftesten Sorge zu wachen ihre Pflicht gewesen wäre. Ihre herrschenden Leidenschaften waren Argwohn und Geiz, die sich in ihren stechenden Augen, wie in ihrer scharfgespitzten Nase auf’s Deutlichste ausprägten. Nie hielt sie uns für fähig, die Wahrheit zu sprechen; natürlich gaben wir uns deßhalb auch keine Mühe, eine nutzlose Tugend auszubilden, und hielten uns nur an dieselbe, wenn sie uns zweckdienlicher erschien, als die Lüge. Diese Eigenschaften der Frau Higginbottom verkehrte unsere Offenheit und Ehrlichkeit in Betrug und Verstellung. Da man uns nichts glaubte, lag uns auch wenig an der Genauigkeit unserer Aussagen, und da die geizige Bestie uns halb verhungern ließ, so waren wir nicht gar zu ängstlich in der Wahl von Mitteln und Wegen, unsern Appetit zu stillen; wir wurden deßhalb unter ihrer Leitung eben so große Meister in der eleganten Kunst, zu lügen und zu stehlen, als unter der ihres Gemahls im Lateinischen und Griechischen. Ein großer Obstgarten, Felder, Gärten und ein Hühnerhof, welche zum Hause gehörten, standen unter ihrer Oberaufsicht, und sie erwählte einen von uns Jungen zu ihrem ersten Minister und vertrauten Rathgeber.


Dieser Junge, für dessen Erziehung seine Eltern sechzig bis achtzig Pfund jährlich zahlten, durfte seine Zeit damit hinbringen, nach dem abgefallenen Obste zu sehen, die Hühner zu überwachen und ihre Eier einzusammeln, wenn ihre gackernden Kehlen die glückliche Zutageförderung derselben verkündeten; er durfte die Brut der jungen Hühner und Enten, et hoc genus omne, beaufsichtigen – kurz, die Pflicht desjenigen thun, den man auf einem Pachthofe in der Regel den guten Michel nennt. In wie weit die Eltern mit dieser Einrichtung zufrieden gewesen waren, überlasse ich dem Urtheile meiner Leser; aber uns, die wir lieber mit den Händen, als mit dem Kopfe arbeiteten, uns lieber herumtummelten, als still da saßen, kurz, jedes Feld lieber bearbeiteten, als das unseres Geistes, behagte dieses Leben ungemein, und gewiß war nicht leicht ein Staatsamt Gegenstand so vieler Bemühungen und Intriguen, als für uns Schuljungen die Stellung des Sammlers und Oberaufsehers über Eier und Aepfel. Ich hatte das Glück, bald für diesen wichtigen Posten erwählt zu werden, und das Unglück, es bald darauf durch die Umtriebe und den Neid meiner Mitschüler, wie durch den Argwohn derer, die mich angestellt hatten, wieder zu verlieren. Als ich das Amt übernahm, hatte ich mir auf’s Aufrichtigste vorgenommen, ehrlich und wachsam zu sein; aber was sind gute Entschlüsse, wenn sie auf der einen Seite durch argwöhnische Herabsetzungen entmuthigt und auf der andern von hungriger Lüsternheit bestürmt werden? Die Morgeneinsammlung wurde mir bis auf die letzte Nuß abgepreßt, und die gierigen Augen der Frau Lehrerin schienen immer noch nach mehr zu forschen. So unschuldig beargwohnt, wurde ich aus Rache schuldig, endlich aber ertappt und meines Amtes entsetzt. Mein Nachfolger ward ernannt; ich übergab ihm alle mir übertragenen Funktionen, und da ich vollkommene Muße hatte, so machte ich es mir zum einzigen Geschäfte, ihn auszustechen.

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