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Der fliegende Holländer – Frederick Marryat

Am rechten Ufer der Schelde und fast der Insel Walcheren gegenüber liegt die kleine, befestigte Stadt Terneuse, an deren äußerstem Rande um die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, neben ein paar anderen, noch bescheideneren Wohnungen, ein nettes, nach dem vorherrschenden Geschmacke der Zeit erbautes Häuschen stand. Die Vorderseite desselben war vor einigen Jahren tief orangegelb angestrichen worden, während die Fensterrahmen und Läden eine lebhaft grüne Farbe zeigten. Etwa drei Fuß über der Erdfläche war es abwechselnd mit blauen und weißen Ziegeln bekleidet. Die Hütte umgab ein zwei Ruthen großer Garten, der von einer niedrigen Hartriegelhecke und einem ziemlich breiten Wassergraben umfaßt wurde, über welchen man nicht so leicht hinüberspringen konnte. Zu dem Eingange der Wohnung führte eine schmale, kleine Brücke, die zur Sicherheit Derjenigen, welche darüber gingen, mit einem eisernen Geländer geziert war. Die Farben der Hütte waren jedoch, so hell sie auch ursprünglich sein mochten, verblichen; an den Fenstersimsen, den Thürpfosten und andern hölzernen Theilen des Häuschens ließen sich Merkmale eines schnellen Verkommens unterscheiden, und viele der heruntergefallenen Ziegel waren nicht wieder ersetzt worden. Es war klar, daß man in früherer Zeit viel Sorgfalt auf die kleine Wohnung verwendet hatte, obschon sie in der letzten Zeit sehr vernachlässigt wurde. Im Innern war das Erdgeschoß sowohl, als der erste Stock in zwei größere Vorderzimmer und in zwei kleinere Hintergemächer abgetheilt – die vorderen natürlich nur in Vergleichung mit den beiden anderen groß zu nennen, da jedes nur ein einziges Fenster besaß und wenig mehr als zwölf Fuß in’s Gevierte maß. Der obere Boden wurde, wie gewöhnlich, zum Schlafen benützt, während die zwei kleineren Gemächer des Erdgeschosses als Waschküche und Rumpelkammer dienten. Eines der größeren functionirte in der Eigenschaft einer Küche, und war mit Tischen und Simsen versehen, auf welchen die metallenen Kochgeräthe so schön wie Silber blinkten. Der Raum selbst war höchst reinlich gehalten, aber nur spärlich möblirt. Die Dielen des Bodens erschienen so weiß, daß man Alles hätte darauf niederlegen können, ohne befürchten zu müssen, es zu besudeln. Ein starker Tannentisch, zwei hölzerne Stühle und ein kleines Kanapee, das aus einem der oberen Schlafgemächer heruntergeholt worden, waren das ganze Ameublement. Das andere Vordergemach hatte man zum Besuchszimmer ausgestattet; über die Art der Einrichtung wußte aber Niemand Auskunft zu geben, da es seit fast siebenzehn Jahren hermetisch verschlossen gewesen, und nicht einmal von den Einwohnern der Hütte besucht worden war. In der vorgenannten Küche befanden sich zwei Personen. Die eine war eine Frau von etwa Vierzig, aber durch Gram und Leiden ganz abgezehrt. Wie man aus ihren regelmäßigen Umrissen, aus der edlen Stirne und dem großen, dunkeln Auge entnehmen konnte, mußte sie früher sehr schön gewesen sein; jetzt aber war ihr Gesicht so schmächtig, daß das Fleisch beinahe durchsichtig erschien. Wenn sie sinnend dasaß, überzog sich ihre Stirne mit tiefen Runzeln, und bei dem gelegentlichen Aufblitzen ihrer Augen konnte man sich des Gedankens, daß hier ein irrer Geist brüte, nicht erwehren, Es schien eine tiefe, nicht entfernbare, hoffnungslose Leidensursache vorhanden zu sein, die keinen Augenblick aus ihrem Gedächtnisse wich – ein bleibender Druck, fest in’s Innere gegraben, der blos im Tode Erleichterung fand. Sie trug die Wittwentracht ihrer Zeit, die zwar nett und reinlich, aber doch vom langen Gebrauche sehr verschossen war, und saß auf dem kleinen Kanapee, das augenscheinlich um ihres leidenden Zustandes willen heruntergebracht worden war. Auf dem Tannentische in der Mitte des Gemachs saß die andere Person, ein kräftiger, blondhaariger, blühender Jüngling von neunzehn oder zwanzig Jahren. Seine Züge waren schön und keck, sein Körperbau fast zum Uebermaße muskulös und sein Auge voll muthiger Entschlossenheit. Während er so dasaß, sorglos seine Beine schlenkernd und laut ein Liedchen vor sich hinpfeifend, konnte man sich unmöglich des Gedankens erwehren, daß er ein kühner, wagehalsiger Mensch sei. »Geh‘ nicht zur See, Philipp. Oh, versprich mir dieß, mein liebes, theures Kind,« sagte die Frau, ihre Hände zusammenschlagend. »Und warum soll ich nicht zur See gehen, Mutter?« versetzte Philipp.


»Was nützt mich’s, wenn ich hier bleibe und verhungere? – denn beim Himmel, wir haben wenig Besseres in Aussicht. Ich muß für mich und für Euch etwas thun – und mit was sonst könnte ich mich abgeben? Der Onkel van Brennen hat mir angeboten, er wolle mich mitnehmen und mir guten Lohn zahlen. An Bord ist dann für mich gesorgt, und mein Verdienst wird wohl zureichen, auch Euch zu Hause zu ernähren.« »Philipp – Philipp, höre mich. Ich sterbe, wenn du mich verlässest. Wen habe ich auch in der Welt, außer dir? Oh, mein Kind – wenn du mich liebst – und ich weiß, du liebst mich, Philipp – so verlaß mich nicht; oder wenn du ja fort mußt, so geh‘ in keinem Falle auf die See.« Philipp pfiff eine Weile fort, während seine Mutter in Thränen ausbrach. »Dringt Ihr deßhalb so in mich,« sagte der Sohn endlich, »weil mein Vater auf dem Meere ertrank?« »Oh, nein – nein!« rief die schluchzende Frau. »Wollte Gott –« »Was sollte Gott wollen, Mutter?« »Nichts – nichts, sei barmherzig – sei barmherzig! Oh Gott!« entgegnete die Mutter, von ihrem Sitze heruntergleitend, und an der Seite des Kanapee’s niederknieend – eine Haltung, welche sie einige Zeit in brünstigem Gebete beibehielt. Endlich nahm sie ihren Platz wieder ein, und ihr Antlitz zeigte einen gefaßteren Ausdruck. Philipp, der inzwischen still und gedankenvoll geblieben war, redete seine Mutter an. »Ja, seht Mutter – Ihr verlangt, ich solle bei Euch am Lande bleiben und hungern; das ist eine etwas harte Aufgabe. Doch hört, was ich Euch sagen will. Seit ich mich erinnern kann, ist das Zimmer nebenan immer verschlossen – warum dieß geschieht, wollt Ihr mir nie mittheilen; aber ich habe Euch einmal sagen hören, als wir ohne Brod waren und nicht auf die baldige Rückkehr des Onkels rechnen durften – Ihr wart damals etwas verwirrt, Mutter, und Ihr wißt, daß dieß öfters bei Euch vorkömmt –« »Nun, Philipp, was hörtest du mich sagen?« fragte die Mutter in bebender Angst. »Ihr sagtet, Mutter, daß in jenem Zimmer Geld sei, das uns helfen könnte, und dann schrie’t Ihr und rastet und sagtet, daß Ihr lieber sterben wolltet, als es angreifen. Nun, Mutter, was ist in jenem Gemach, und warum haltet Ihr es so lange verschlossen? Entweder gebt Ihr mir Auskunft oder ich gehe zur See.« Bei dem Beginne dieser Anrede schien die Frau ganz versteinert zu sein, denn sie war so regungslos wie eine Statue; allmälig aber trennten sich ihre Lippen und ihre Augen funkelten. Sie schien das Vermögen, zu antworten, verloren zu haben, und drückte ihre Hände in die rechte Seite, als wolle sie sich Erleichterung gegen eine quälende Folter verschaffen, bis sie endlich, mit dem Kopfe voran, niedersank. Aus ihrem Munde strömte Blut. Philipp stand von dem Tische auf, um ihr Beistand zu leisten, und legte sich noch zu gelegener Zeit in’s Mittel, daß sie nicht zu Boden stürzte. Er brachte sie auf das Kanapee und sah mit stummer Angst dem fortwährenden Blutergusse zu.

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