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Das Erbe – Friedrich Gerstäcker

Mama, dieser Lieutenant von Wendelsheim tanzt wirklich entzückend,« sagte Ottilie, als sie Morgens um zehn Uhr in einem allerliebsten Negligé zur Mutter in’s Zimmer trat, wo das Kaffeeservice noch auf dem Tische stand. »Ich kann Dir versichern, man fliegt ordentlich mit ihm über den Boden hin und wird gar nicht einmal müde.« »Nun, mein Kind,« erwiderte die Mutter, »ich kann Dir versichern, daß ich wenigstens müde geworden bin.« »Aber Du hast gar nicht getanzt, Mütterchen.« »Das fehlte auch noch,« stöhnte die Frau; »das Herumsitzen ist so schon arg genug – und nun auch noch diese schreckliche Räthin Frühbach neben mir! Ich sage Dir, ich habe meinem Schöpfer gedankt, als es drei Uhr schlug und wir mit Ehren fort konnten.« »Arme Mama – und ich habe mich so gut amüsirt!« »Junges Blut,« nickte die Mutter; aber trink Deinen Kaffee, Kind; er steht schon eine ganze Weile und wird sonst kalt.« Ottilie hatte sich neben sie auf das Sopha gesetzt und trank; aber der kleine Fuß klopfte unter dem Tische noch immer leise den Tact eines der erst vor wenigen Stunden beendeten Tänze – ihre Gedanken waren noch entschieden bei dem Balle! Und wer hätte es ihr verdenken wollen? War sie doch kaum zwanzig Jahre alt, in der Blüthe ihrer Jugend, und der Blick, der unter den langen Wimpern so glücklich hervorleuchtete, sah nur Licht und Freude, denn kein dunkler Tag in ihrem jungen Leben warf seinen Schatten auf der Zukunft Bahn. Ottilie war die Tochter des Staatsanwalts Witte, eines seiner Tüchtigkeit sowohl als Rechtlichkeit wegen allgemein geachteten Mannes, und das einzige, also auch das verzogene Kind im Hause. Von Herzen lieb und gut, hatte ihr Charakter dadurch aber doch etwas Eigenwilliges bekommen, was nicht der Fall gewesen wäre, wenn sich der fast übermäßig beschäftigte Vater hätte mehr um ihre Erziehung bekümmern können. Leider konnte er das nicht, und sie wurde einzig und allein der Mutter überlassen, die freilich nicht recht dazu paßte, ein junges Mädchen heranzubilden. Die Frau Staatsanwalt Witte war, wie ihr Niemand absprechen konnte, eine brave und tüchtige Frau, und als sie vor langen Jahren ihren Mann heirathete und Beide sich fast ohne Vermögen kümmerlich durch das Leben arbeiten mußten, da hatte sie bewiesen, daß sie eine tüchtige Hausfrau sei, und mit den bescheidensten Ansprüchen gesorgt und geschafft und immer den Kopf oben behalten. Solchen gedrückten Verhältnissen war sie auch gewachsen gewesen, und Witte hätte sich dafür keine bessere Frau wünschen können. Als er aber in seinem Berufe einen Namen bekam und viel Geld verdiente, ja später sogar Staatsanwalt wurde und sie weit mehr einnahmen, als sie gebrauchten, da fiel sie in einen Fehler, in den nur zu viele Frauen fallen – sie wurde auf ihren Mann stolz und beschränkte das nicht allein, wie es passend gewesen wäre, auf die eigene Familie, sondern suchte es der Stadt zu zeigen. Von da an zog der Luxus in ihr Haus ein, und wenn Witte auch selber viel zu vernünftig war, sie weiter gehen zu lassen, als er für gut fand, behielt sie doch in vielen Dingen – des Hausfriedens wegen – ihren Willen und arbeitete sich mit den Jahren endlich in ein solches Gefühl ihrer Würde hinein, daß Witte selbst oft und bedenklich darüber den Kopf schüttelte. In diesem »Bewußtsein ihrer Stellung« wurde Ottilie erzogen, und leider bekam sie von der eigenen Mutter öfters als gut zu hören, wie hübsch sie sei – und wie vornehm, und daß sie sich mit gutem Gewissen zu den ersten Familien der Stadt, der sogenannten »Creme« der Gesellschaft, zählen dürften. Dadurch wurden viele Verbindungen mit früher befreundet gewesenen, aber ärmeren Familien abgebrochen und an deren Statt eine nähere Bekanntschaft mit dem Adel gesucht, von dem Witte selber gar nichts wissen wollte, aber die Frau Staatsanwalt desto mehr; und wenn sie auch vielleicht nichts Derartiges äußerte, so war sie doch jedenfalls im Herzen fest beschlossen, ihre Ottilie – komme was wolle – dermaleinst als »Frau Baronin« einhergehen zu sehen. Dann, wie sie oft im Stillen seufzte, »wollte sie gern sterben.« Daß Ottilie selber gegen solche Andeutungen nicht gleichgültig blieb, läßt sich denken. Das Samenkorn hatte jedenfalls Wurzel geschlagen, und es war nun jetzt die Frage, wie es gepflegt und genährt werden würde. »Wo ist denn der Vater?« fragte Ottilie endlich. »Hat er schon Kaffee getrunken?« »Oh, schon seit einer vollen Stunde,« sagte die Mutter; »aber er wurde mitten darin abberufen.« »Der arme Papa, nicht einmal seinen Kaffee lassen sie ihn ruhig trinken! Wer ist denn bei ihm?« »Ich weiß es nicht; ich glaube, es war in Sachen einer Scheidungsklage. Es ist erstaunlich, wie das jetzt überhand nimmt. Denke Dir nur, Herr von Löser läßt sich auch von seiner Frau scheiden.« Ottilie war recht nachdenklich geworden und sah eine ganze Weile still vor sich nieder.


Endlich sagte sie: »Es ist doch sonderbar und eigentlich recht traurig, daß Leute, die geschworen haben, in Freud’ und Leid treu bei einander auszuhalten, auf einmal so andern Sinnes werden und sich so unglücklich mit einander fühlen können. Ich bin gar nicht im Stande, mich da hinein zu denken.« »Gewiß ist es traurig,« sagte die Mutter achselzuckend, »aber auch nur wieder ein Zeichen, wie leichtsinnig und unüberlegt viele Verbindungen für das ganze Leben geschlossen werden. Ein junges Mädchen sollte nie vor dem achtundzwanzigsten Jahr heirathen.« »Aber, Mama,« lachte Ottilie, »dann ist sie ja kein junges Mädchen mehr, sondern eine alte Jungfer, und die bleiben regelmäßig sitzen. Wie alt warst Du denn, als Du den Vater nahmst?« »Was Du davon verstehst, Kind!« sagte die Mutter ausweichend. »Freilich sind die Männer selbst daran schuld, denn sie sollten vernünftiger sein, als solchen jungen Dingern ihre faden Schmeicheleien vorzuschwatzen, wie es der Herr Referendarius Blaufuß etwa macht; Referendarius – er kann ein Greis sein, ehe er Assessor wird. Das ist die erste Giftsaat, und nachher verlangen sie, daß ein junges Geschöpf, das dumm und unerfahren genug war, um all’ den Unsinn zu glauben, auch gleich nach der Hochzeit all’ die schönen Sachen vergessen und eine tüchtige, nüchterne Hausfrau werden soll. Da war Dein Vater anders.« »Wie war denn der, Mama?« fragte Ottilie schelmisch. »Ja, das möchte ich auch wissen,« sagte der Staatsanwalt, welcher in diesem Augenblick in der Thür erschien und die letzten Worte gehört haben mußte. »Von was sprecht Ihr denn eigentlich?« »Guten Morgen, Papa,« rief Ottilie, ihm entgegenspringend. »Wir sprachen gerade von nichts Besonderem, ich und die Mama – nur vom Heirathen.« »Vom Heirathen?« rief der Vater erstaunt aus, indem er seiner Tochter die Backe zum Kuß hinhielt – »Blödsinn! Du solltest doch gescheidter sein, Therese, als solche Morgengespräche mit dem Kind zu führen. Sie kann noch nicht einmal eine Suppe kochen.« »Hör’ einmal, Dietrich,« sagte die Mutter gereizt, »ich denke, ich weiß selber gut genug, über was ich mit dem Kind zu sprechen habe, und brauche Deine Ermahnungen und Rathschläge nicht. Ich setzte ihr eben den Ernst der Angelegenheit auseinander, und dagegen wirst Du hoffentlich nichts einzuwenden haben.« »Ja, Papa,« lächelte Ottilie, »und dann wurde der Vorschlag gemacht, daß sich ein junges Mädchen erst mit achtundzwanzig Jahren verheirathen dürfe, und auch darüber abgestimmt aber der Antrag blieb unentschieden, denn die Stimmen waren getheilt.« »Da hörst Du,« sagte der Staatsanwalt, indem er über die Brille weg nach seiner Frau hinüber sah, »wie die Mamsell den Ernst der Angelegenheit aufgefaßt hat – á prospos, ist noch eine Tasse Kaffee für mich da?« »Gewiß, Papa, die Menge.« »Schön – na, und wie hast Du Dich gestern amüsirt, Tilchen? Wie war der Ball?« »Ach, himmlisch, Papa,« rief das junge Mädchen, bei dem Capitel rasch alles Andere vergessend; »es war wundervoll, und ich werde den Abend in meinem ganzen Leben nicht vergessen!« »In der That? Also das heißt, Du hast ununterbrochen getanzt und nicht ein einziges Mal – geschimmelt – nicht wahr, so nennt Ihr das?« »Nicht ein einziges Mal,« bestätigte ernsthaft Ottilie; »ich habe alle Tänze getanzt, die Extratouren noch gar nicht gerechnet und freue mich jetzt nur auf unsern Ball. Nicht wahr, Papa, bei dem bleibt es doch noch?« Der Staatsanwalt stöhnte recht schmerzlich, denn er wußte, was ihm da bevorstand; seine Frau aber sagte würdevoll: »Das ist ja schon Alles abgemacht und versteht sich von selbst. Wo wir die vielen Einladungen erhalten haben, müssen wir uns ja einmal revanchiren.« »Auch dieser Kelch wird vorübergehen,« nickte der Vater. »Ach, Dietrich,« sagte die Frau, »thu nur nicht so; Du amüsierst Dich gewöhnlich dabei am besten von Allen, und gestern hast Du auch den ganzen Abend Whist gespielt.« »Wenn Du das ein Amüsement nennst, mit dem Rath Frühbach Whist zu spielen, so hast Du Recht.

Der Mensch hat keine Idee vom Spiel und thut dabei den Mund den ganzen Abend nicht zu.« »Und die Mama hat sich indessen so gut mit der Frau Räthin unterhalten,« lächelte Ottilie schelmisch. »Allerdings nicht so gut, wie Du Dich mit Deinem Lieutnant,« rief die Mutter; »spotte auch noch, daß ich Dir zu Liebe da geblieben bin!« »Nicht böse, Mütterchen, nicht böse, es war ja gar nicht so gemeint!« »Mit was für einem Lieutenant?« fragte der Vater. »Ach, mit Herrn von Wendelsheim, Papa; er tanzt so wundervoll; Du kennst ja doch den Lieutenant von Wendelsheim?« »Sollte es denken,« sagte der Vater und nickte dabei still vor sich hin; »aber das ist so in der Welt: die fadesten Menschen haben es gewöhnlich am besten in den Füßen.« »Aber er ist gewiß nicht fade, Papa; er sprüht so interessant und versteht Alles so aus dem Grunde.« »So?« sagte der Vater und sah dabei seine Tochter scharf an. »In der That? und über was hat er mit Dir gesprochen, wenn ich fragen darf?« »Ja nun,« erwiderte Ottilie und wurde in dein Augenblick wirklich feuerroth, »eigentlich über Alles. Ueber Concert und Theater, über die jetzigen Moden – über …« »Pferde,« ergänzte der Staatsanwalt trocken. »Er hat mir allerdings von dem wilden prachtvollen Fuchs erzählt, den er jetzt reitet.« »Und was er kostet …« »Zweihundert Louisd’or.« »Na ja, so ungefähr meine Gedanken.« »Aber es soll ein prachtvolles Pferd sein!« rief das junge Mädchen. »Nein, ich meine nicht das Pferd, ich meine den Reiter,« sagte der Vater; »aber laß gut sein. Er ist eben nicht anders wie die meisten Uebrigen, und zu einem Abend auf dem Ball mag er ausreichen. Doch ging da nicht eben draußen die Thür?« In dem Augenblicke klopfte es an. »Herein!« »Bitte underthänigst um Escuse, wenn ich etwa stören sollte!« sagte eine etwas scharfe Stimme, und ein Kopf mit rothen Haaren erschien – etwa in der Nähe des Schlosses – in der Thür. »Ah, der Schuhmacher!« rief Ottilie, während ein muthwilliges Lächeln über ihre Zuge blitzte. »Kommen Sie herein, Meister Heßberger; Papa ist gerade hier.« »Mich allergehorsamst zu bedanken,« sagte der Höfliche, indem er, wie er schon vor der Thür gestanden hatte, in’s Zimmer trat. »Gelobt sei Jesus Christus – wünsche allerseits einen vergnügten Morgen!« Dabei blitzten die kleinen hellgrauen Augen rasch durch das Zimmer, um zu sehen, wer sich hier befand, und auf den Spitzen der Zehen trat er dann weiter in die Stube hinein. Schuhmachermeister Heßberger war in der That ein wunderlicher Bursche und hatte seine Eigenthümlichkeiten. Von kleiner, untersetzter Gestalt, machte er bei seinem ersten Erscheinen fast stets den Eindruck, als ob ihm der Kopf, den er trug, gar nicht gehöre und er ihn nur aus Versehen heute Morgen aufgesetzt habe. Der Körper war dünn und schmächtig, das Gesicht aber, mit einem tüchtigen Unterkinn daran, sah fett und glänzend aus, mit breitem Mund und etwas aufgestülpter Nase. Das Haar trug er glatt angekämmt à la Napoleon I., nur daß es feuerroth war, und in den Ohren kleine goldene Ringe.

Die kaum sichtbaren Augenbrauen waren immer in die Höhe gezogen, und kein Mensch hatte ihn außerdem im Leben lachen sehen. Die Mundwinkel gingen ihm stets nach unten, und er machte permanent ein Gesicht, als ob er auf der Erde innig betrübt wäre und nur zum Trost gen Himmel und nach oben blicke. Er stand auch in der That im ›Geruche der Frömmigkeit‹ und würde nie an einem Sonn- oder Feiertage die Kirche versäumt haben, wo er sich dann jedesmal durch seine gellende Stimme auszeichnete. Er arbeitete übrigens schon seit längeren Jahren für Witte’s Familie, und der Staatsanwalt war eigentlich nicht besonders mit ihm zufrieden und würde schon lange einen andern Schuhmacher angenommen haben; Ottilie bat aber immer für ihn, denn sie amüsirte sich so vortrefflich über sein komisches Wesen und seine geschraubten Redensarten. »Entschuldigen Sie, Herr Geheimer Staatsanwalt,« sagte auch der Mann jetzt, indem er mit der ernsthaftesten Miene und einer Verbeugung einen Schritt vortrat, »daß ich Ihnen im Neklischeh treffe; aber Sie haben mich rufen lassen, und ich wünschte jetzt den Grund meines Daseins zu wissen.« »Ich habe Sie rufen lassen?« »Ich war’s, Papa,« lachte Ottilie; »Herr Heßberger sollte mir ein Paar starke Schuhe anmessen, und da er mir die letzten ein wenig zu eng gemacht, wollt ich gern, daß er noch einmal Maß nähme.« »Mit Plesir, mein Fräulein,« sagte Meister Heßberger, indem er in die Tasche griff und seine hölzernes Maß herausholte; »wenn Sie sich nur gefälligst blasiren wollen, werde ich Ihnen das gleich besorgen.« »Aber nicht wieder so eng, ‘Meister,« sagte das junge Mädchen, indem es ihm den kleinen Fuß hinhielt: »die letzten Schuhe haben mir wirklich Streifen gedrückt.« »Soll nicht wieder vorfallen, meine Gnädigste, soll gewiß nicht wieder vorfallen,« versicherte Heßberger. »Also dicke Schuhe wollen Sie haben. Vielleicht mit guten Pertsche-Sohlen?« »Wie Sie es machen wollen. Aber ich fürchte, die Guttapercha-Sohlen lösen sich ab.« »Können sie nicht – können sie bosetief nicht; denn sie werden an den Rändern so hermöglichst verschlossen, daß gar keine Luft zudringen darf.« »Dann nehmen Sie aber nur besseres Oberleder,« sagte die Frau Staatsanwalt, »als zu den letzten Stiefeln meines Mannes; denn schon nach den ersten vierzehn Tagen ging das entzwei, und eigentlich sollte es doch länger halten, als die Sohlen.« »Bei mir nicht, Frau Geheime Staatsanwalt, bei mir nicht,« sagte Heßberger; »denn ich arbeite meine Sohlen so, daß sie gar nicht zerreißen können.« »Sie sind unverbesserlich, Heßberger,« lachte Witte. »Danke ergebenst,« sagte der Meister, indem er wieder aufstand und das Maß in die Tasche schob. »Und wünschen Sie vielleicht Frangsemangs oben drum herum?« »Nein, Meister, ganz einfach, und oben um den Knöchel auch nicht zu weit; ich glaube, das haben Sie noch gar nicht gemessen.« »Ist auch nicht nötig, das sagt mir schon der Instinct, mit Respect zu melden; aber was ich noch fragen wollte: die Schnürbänder doch wieder horizonticulär über den Fuß weg?« »Ganz wie die vorigen.«

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