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Das Eiserne Kreuz – W. Belka

Über Ostpreußen, das von den Russen hart bedrängte Ostpreußen, spannte sich ein wolkenbedeckter, düsterer Nachthimmel aus. Ein hohler Wind, der bereits hie und da die Bäume der von Königsberg nach Tapiau führenden Chaussee entblättern half, kam über die Felder daher, diese Felder, die zum Teil noch unabgeerntet waren und in diesem Jahr die Scharen fleißiger Arbeiter vorläufig entbehren mußten. Endlose Kartoffeläcker waren’s, an denen jetzt die Vorhut des Reservenbataillons des xten Grenadierregiments auf der eben erwähnten Chaussee vorübermarschierte. Ein Zug, geführt von einem jungen Leutnant, bildete die Spitze. Nur im Flüsterton tauschten die Mannschaften hie und da eine Bemerkung aus. Lautes Sprechen, jeder unnötige Lärm war streng verboten worden. Neben dem Leutnant, der einige fünfzehn Schritt vor seinen Leuten in flottem Tempo dahinging, war die schmächtige Figur eines Unteroffiziers zu sehen. Soeben hatte der Zugführer diesen seinen Untergebenen, der im Zivilberuf Student der Philosophie war, mitfühlend gefragt: „Nun, Helmer, drückt der Tornister heute wieder so arg?“ Und der Unteroffizier der Reservat, den die Leute wegen seines zarten, bartlosen Gesicht Unteroffizier ‚Mädchen’ getauft hatten, erwiderte jetzt gepreßt: „Es geht, Herr Leutnant!“ Aber seine unsicheren Schritte, sein häufiges Stolpern bewiesen, daß Heinz Helmers Kräfte den Anstrengungen dieses Nachmarsches kaum gewachsen waren. Leutnant v. Sierna merke das auch sehr gut. Und so sagte er denn in halb befehlendem Ton: „Geben Sie Ihr Gewehr her, Helmer. Ich werd’s Ihnen eine Weile tragen.“ Der Unteroffizier der Reserve wollte erst nicht recht. „Was macht das für einen Eindruck auf die Mannschaften, Herr Leutnant. Das geht doch nicht. Man nennt mich ohnehin hier in der Kompagnie ‚Unteroffizier Mädchen’. Und man wird mich –“ „Unsinn, her mit der Knarre,“ meinte der Offizier, der trotz seiner zweiundzwanzig Jahre eine schlanke, kraftvolle Erscheinung war und dem man die Zähigkeit schon an dem mageren, energischen Gesicht ansah. ‚Mädchen’ gehorchte und schritt dann, befreit von der Last der Schußwaffe, freier und leichter dahin. Leutnant v. Sierna setzte nun, hauptsächlich, um Helmer durch eine rege Unterhaltung von den Gedanken an die Beschwerlichkeit dieses Nachmarsches abzulenken, das vorhin begonnene Gespräch fort. „Sie kennen die Gegend um unser Marschziel, um Tapiau, also gar nicht, Helmer? – Nun, so will ich Ihnen zu Ihrer vorläufigen Orientierung so einiges mitteilen. Hart südlich von Tapiau ergießt sich in den Pregel, an dem ja auch Königsberg liegt, die Deime, ein Fluß von durchschnittlich dreißig bis fünfunddreißig Meter Breite, der bis zu der in der Nähe des kurischen Haffs gelegenen Stadt Labiau stark befestigt ist und bisher den Herren Russen ein Vordringen aus dieser Richtung auf Königsberg unmöglich gemacht hat. Ich selbst kenne die Gegend dort vom vorigen Manöver her. Jedenfalls soll unser Bataillon nun ein Landwehrbataillon ablösen, das die Deimelinie in der Nähe von Tapiau bisher verteidigt und dem das Oberkommando nach dem anstrengenden Dienst in den Schützengräben einige Zeit Ruhe gönnen will.“ Hans Helmer, der die Daumen unter die Tornistertragriemen geschoben hatte, um diese etwas zu lüften und so den Druck auf die Brust zu mildern, hörte all das nur noch wie aus weiter Ferne.


Ihm war sterbenselend zu Mute. Hatte er doch die letzten Nächte am Pregel, wo russische Kavallerie durchzubrechen versuchte, auf Vorposten zugebracht und sich bei dieser Aufgabe keine Minute Schlaf gegönnt. Jetzt war er mit seiner Kraft am Ende, das fühlte er nur zu gut. Leutnant v. Sierna erzählte jetzt eine lustige Geschichte aus dem Manöver. Wieder verstrich eine Viertelstunde. Da, als gerade der Bataillonskommandeur Hauptmann v. Berster in schlankem Trab, gefolgt von seinem Adjutanten, herbeikam, da passierte das Unglück. Hans Helmer schlug plötzlich mit dumpfem Krach lang auf die Chaussee hin und blieb regungslos liegen. Hauptmann v. Berster, der kurz vor der Beförderung zum Major stand, ließ eine Bemerkung fallen, die für den armen Unteroffizier nicht gerade schmeichelhaft war. Inzwischen hatte man Hans Helmer in den Chausseegraben getragen, ihm die Uniform aufgeknöpft und Stirn und Brust in Ermangelung von Wasser mit Kaffee aus einer Feldflasche eingerieben. Und eine Viertelstunde später lag er bereits auf dem Bagagewagen der Kompagnie, der mit dem übrigen Fuhrpark des Bataillons hinter der Marschkolonne herratterte. Als ‚Mädchen’ dann zu sich kam und sich seiner Schwäche bewußt wurde, da schoß ihm die helle Röte der Scham in das zarte Gesicht. Er wollte schleunigst wieder herunter von dem mit Gepäck hoch beladenen Gefährt. Aber ein kurzer Zuruf des nebenher reitenden Stabsarztes bannte ihn fest auf seinem unbequemen Krankenlager. – Der Morgen begann zu grauen. Von den Feldern stiegen dichte Nebel auf, die Aussicht völlig versperrend. Und dann jagte plötzlich ein Windstoß die grauen Schleier bei Seite. Tapiau lag vor dem marschierenden Bataillon, keinen halben Kilometer mehr entfernt. Eine Stunde später hielt das Bataillon in einer Schlucht dicht an der Deime. Inzwischen war die Sonne über dem Horizont erschienen und beleuchtete mit ihren milden, friedlichen Strahlen auch die verstreut liegenden Häuser und den zerschossenen Kirchturm des Dorfes Dalken, das am Nordausgange der Schlucht sich in eine Bodensenkung einschmiegte. Den vor Dalken liegenden Abschnitt der Deime-Linie sollte das Bataillon besetzen. Die 2. Kompagnie, zu der auch Unteroffizier ‚Mädchen’ gehörte, erhielt die Schützengräben zugewiesen, die direkt vor dem Dorfe lagen, wo sich ein vielleicht zehn Meter tiefer Abhang zur Deime hinzog.

Der Kamm diese Anhöhe war stark befestigt. Tadellos ausgehobene Schützengräben, in die splittersichere Unterstände mit Hilfe starker Bretter zum Schutz für die Mannschaften eingebaut waren, ließen die Stellung als uneinnehmbar erscheinen. Die Ablösung der Kompagnie, die bisher hier die Russen abgewehrt hatte, geschah in möglichster Stille. Noch lag über den Wiesen, die sich jenseits der Deime hinzogen, ein dichter Nebel, der es den in gutgebauten Verschanzungen und hinter Gehöften und Waldstücken liegenden Feinde zum Glück unmöglich machte, etwas von unseren Truppenbewegungen zu bemerken. Sonst hätte er fraglos mit seiner Artillerie, die der deutschen an Geschützzahl stark überlegen war, ein wütendes Feuer eröffnet. – Unteroffizier ‚Mädchen’ hatte mit seiner Gruppe den Schützengraben vor dem Dorfkirchhof zugewiesen erhalten und richtete sich dort schleunigst mit seinen Leuten in den Unterständen ein, da soeben ein wahrer Platzregen eingesetzt hatte, der die Aussicht gegen den Feind noch mehr versperrte. So kam es, daß man erst gegen zehn Uhr vormittags von den Herren Russen etwas zu sehen und zu hören bekam. Um diese Zeit teilte sich nämlich mit einem Male das dichte Gewölk, der Regenschleier verschwand, und nun erblickte man drüben, jenseits der Deimewiesen, die Schanzarbeiten des Feindes, die sich durch die frisch aufgeworfene Erde wie ein gelber Strich durch das Gelände hinzogen. Achthundert, teilweise auch tausend Meter waren die russischen Schützengräben entfernt. Aber trotzdem vermochte man durch das gute Prismenfernglas, welches Hans Helmer von Mann zu Mann weitergeben ließ, immer wieder hie und da einen Kopf über den Erdwällen auftauchen zu sehen. Und dann begann der Feind den üblichen Morgengruß herüberzuschicken. Die ersten Granaten, die gerade auf die Stellung der 2. Kompagnie abgefeuert wurden, gingen zu kurz und schlugen in die Deime ein, daß das Wasser wie in Fontänen hochspritzte. Unteroffizier ‚Mädchen’, der sich inzwischen wieder leidlich erholt hatte, befahl seinen acht Mann, sich in die Unterstände zurückzuziehen. Aber die Leute, die über das schlechte Schießen der ‚Russaks’ ihre Witze rissen, baten, das Feuer weiter beobachten zu dürfen. „Herr Unteroffizier,“ meinte der Gefreite Blümermann, ein Berliner Metalldreher, „zum Verkriechen ist’s immer noch Zeit. Vorläufig sind wir hier so sicher wie in Abrahams Schoß!“ Hans Helmer, der nur zu leicht geneigt war, überall gegen ihn gerichtete Spitzen zu argwöhnen, erwiderte scharf:

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