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Citronen-Finger – unbekannt

V Citronen – Finger. (Eine englische Polizei-Geschichte.) Die P l a u d e r s t u b e Eine Sonntagsausgabe zur Erheiterung für Stadt und Land. (Beilage zum Landshuter Wochenblatt und Kurier für Niederbayern.) Sonntag den 13. März 1859. L a n d s h u t. Druck und Verlag von J.F. Rietsch. 1. or etwa fünf Jahren war ich Telegraphist auf der Station Newstone. Ich hatte abwechslungsweise eine Woche Tagdienst und eine Woche Nachtdienst. Der Weihnachtsabend war herangekommen, der gesegnetste von allen Abenden des Jahres, und ich hockte wie gewöhnlich in meinem kleinen Bureau, zwei große, blinkende Instrumente vor mir, ein hellflackerndes Gaslicht über mir, und neben mir ein tüchtig geheitzten Kamin, welches in Gemeinschaft mit einem dreibändigen Roman aus einer Leihbibliothek mir behilflich sein sollte, die trägen, trüben Stunden der langen Winternacht möglichst erträglich hinzubringen. Die nächtlichen telegraphischen Botschaften oder Telegramme, wie man heutzutage sagen würde, waren zu Newstone niemals zahlreich; selten gab es welche für Privatpersonen; sie bezogen sich meistens nur auf die Geschäfte des Eisenbahndienstes oder die Angelegenheiten der EisenbahnKompagnie. An jenem Abend war ich sehr niedergeschlagen und gedrückt. Es ging gegen die Natur, am Weihnachtsabend zu arbeiten, wo alle Welt außer mir Feiertag zu haben und sich gute Tage zu machen schien. Ich dachte an mein Liebchen dem ich ferne sein mußte. Caroline und ich waren seit etwa zwei Jahren mit einander verlobt, und wenn sich keine Aussicht auf eine Heirath zeigte, so konnten mir noch zwanzig Jahre länger mit einander verlobt bleiben. Mr. Lancaster, Cary’s Vater, war ein Kaufmann, der ein ziemlich einträgliches Geschäft hatte, und weigerte sich natürlich, seine Tochter einem armen Teufel zu geben, welcher jährlich blos siebzig Pfund Einkommen hatte. Er rieth Cary mehrmals, mich aufzugeben; da sie aber hierzu nicht zu bringen war, so begnügte er sich damit, mir das Haus zu verbieten, und hoffte, Zeit und Entfernung — denn er wohnte ein Dutzend Meilen von Newstone entfernt — würden schon seine Zwecke fördern. Ich wußte, daß Mr. Lancaster am Weihnachtsabend immer eine Anzahl junger Leute in sein Haus einlud und ich vergegenwärtigte mir diese, wie sie dort tanzten, — wie Cary in ihrem weißen Musselinkleide unter ihnen herumhüpfte, dasselbe Band um die Taille, womit ich sie kaum einen Monat zuvor beschenkt hatte. Ob wohl irgend ein Gedanke an meine Wenigkeit ihr durch den Kopf ging, während sie unter dieser fröhlichen Gesellschaft verkehrte? Ob nicht vielleicht gerade in diesem Augenblick mein verhaßter Nebenbuhler, der Tuchhändler Binks, mit ihr tanzte und ihre Taille mit seinemArm umspannte? Derartige Gedanken waren nicht leicht zu ertragen; darum trat ich hinaus auf die Plattform des Bahnhofs, um mich einigermaßen zu zerstreuen.


Es war eine klare, sternhelle Nacht; ein scharfer Wind pfiff gellend und trocken durch die Telegraphendrähte über meinem Kopfe, und schien meinem Ohr die schwachen Laute der Weihnachts-Lieder und Straßenmusikanten zuzutragen, durch die Entfernung gedämpft und verschönert. Laternen blinkten gleich Leuchtkäferchen unter den Waggons im Bahnhofe; wildes, rauhes Anrufen von Männern schlug an mein Ohr, und gellende Pfiffe von versprengten Lokomotiven, welche wie toll ab- und zuzufahren schienen, als wollten sie sich in einer solch bitterlich kalten Nacht blos warm erhalten, und als hätten sie eigentlich gar keine ernste Beschäftigung. Die Kälte trieb mich bald wieder in mein Bureau, mit erstarrten Fingern und recht zufrieden mit einem solchen Obdach. Die langen, trüben Stunden zogen langsam an mir vorüber; jede derselben verkündete mit hellem Schlag die wackere, kleine Uhr in der Ecke. Mitternacht kam und ging, ein Uhr, zwei, drei Uhr zogen vorüber. Ich war der reizenden Heldin meines Romanes bereits müde geworden, und hing schon wieder bangen, muthlosen Befürchtungen nach wegen Binks, als mich plötzlich das rasche Klingeln der elektrischen Signalglocke aufschreckte. Es war eine Privatbotschaft: »Mr. Kors, Ironville, an Mr. Darke, 39. High Street, Newstone. »Citronen-Finger reist heute Nacht mit dem Postzug ab. Alles in Ordnung. Hab Acht auf den schwarzen Zwerg.« Ich war an seltsame Botschaften gewöhnt, allein diese war die sonderbarste, die mir jemals zu Gesicht gekommen war. Ich buchstabirte sie zweimal durch, um zu sehen, daß ich sie richtig niedergeschrieben hatte; hierauf schrieb ich sie in eines der gedruckten Formulare ab, unterzeichnete sie, setzte darunter die Zeit, zu welcher ich sie erhalten hatte — 3 Uhr 45 Minuten, — und steckte sie in ein Briefcouvert. Nr. 39 High Street war die Wohnung von Mr. Breem, dem Schneider und kaum fünf Minuten vom Bahnhofgebäude entfernt. Mr. Breem hatte gewöhnlich Zimmer zu vermiethen, und Mr. Darke war vermuthlich ein Miethsmann von ihm. Nachdem ich das Bureau verschlossen hatte, wanderte ich raschen Schrittes nach Breem’s Haus. Ich hatte aus der telegraphischen Depesche den Schluß gezogen, Mr. Darke seie ein Mann, der Sehenswürdigkeiten, Seltenheiten 2c. zur Schau stelle und dem irgend Jemand einen schwarzen Zwerg zugeschickt habe, vielleicht auch einen Riesen — jedenfalls aber einen Zwerg, um ihn in seine Karawane aufzunehmen.

Es war noch Licht im zweiten Stockwerk von Nr. 39. War Mr. Darke noch wach? erwartete er vielleicht eine Depesche? ES sah just so aus. Ich pochte laut mit dem Thürklopfer und trat dann in die Straße zurück, um die Wirkung zu beobachten. Das Licht im zweiten Stockwerk ward nicht von der Stelle gerückt, aber das Fenster geöffnet, ein Kopf herausgestreckt und eine barsche Stimme fragte: »Wer ist da?«

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