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Blonder Januskopf – W. v. Neuhof

Der Mann mit dem tiefgebräunten, kühnen Antlitz und den etwas stechenden Augen, über denen fast allzu starke Brauen sich wölbten, und das Mädchen mit dem schmalen, eigenwilligen und pikanten Gesicht und den unter dem Tropenhelm hervorquellenden, leicht gelockten blonden Haaren, standen inmitten des leeren Steingemaches, von dessen Wänden noch Fetzen uralter Seidenstoffe herabhingen, und lauschten mit angehaltenem Atem auf das Poltern und Dröhnen der stürzenden Gesteinsmassen dort draußen im Tale, wo der bleiche Mond vorhin mit seltsam fahlem Licht die hellen Sandsteinschroffen beleuchtet hatte und wo nun die drückende Finsternis dieser Nacht des Umsturzes aller Dinge lastete. Die steilen Höhen des Djebel Fatireh wankten, auch der Boden des Tales machte die wellenförmige Bewegung der Erdrinde mit, düsteres Gewölk hing wie ein schwarzes Leichentuch über den Gebirgsketten östlich des Niles, und das unterirdische Rollen steigerte sich zuweilen zu dumpfen, kurzen Explosionen. Unaufhörlich spien die Randberge des Tales wie gereizte Giganten Felsbrocken von phantastischer Größe aus und suchten durch die herabsausenden Geschosse das Haus der Sünde zu vernichten, dessen rote Porphyrmauern, ungeheure Steinwürfel, unter dem Anprall dieser Lawinen ächzten und noch stärker bebten. Die Todesschreie zermalmter Tiere mischten sich in das angstvolle Winseln der draußen umherirrenden, dem Verderben noch entgangenen vierbeinigen Geschöpfe. Die Welt drohte mit Untergang. Es waren Minuten, in denen das gesamte All den Atem verhielt und abwartete, was fernerhin geschehen würde. In dem Steingemach brannten zwei Karbidlaternen mit leise zischenden, weißen Flämmchen, und ihr kaltes Licht ließ die Züge der beiden hierher geflüchteten Menschen noch schärfer in ihrer Eigenart und in ihrer trotzigen Unerbittlichkeit hervortreten. Aber aus dem Antlitz des Mannes war das sorglose, fast schon leichtfertig-selbstbewußte Lächeln von einst längst ausgelöscht, und nicht minder ging in dem eigenwilligen, merkwürdig widerspruchsvollen Gesicht des Mädchens eine ähnliche Wandlung vor sich, ein nachdenklicher Zug trat immer klarer hervor, und dann griff das Mädchen zaghaft und ungewiß, was es nun schauen würde, in die Wandnische hinein und nahm den uralten Spiegel mit der ovalen, polierten Silberscheibe und dem Stier aus geschnitztem Elfenbein zur Hand und warf einen scheuen, bangen und flüchtigen Blick auf ihren Gefährten. „Glaubst du an Märchen, Jana?!“ sagte der Mann gedämpft – und doch hörte jeder heraus, daß auch er hoffte. Das Mädchen schwieg und zauderte. Zu wichtig war die Entscheidung, die nun fallen sollte. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, und da eine innere Stimme ihr verhieß, daß der Spiegel die Erlösung bringen würde, hauchte sie die schillernde Silberscheibe mehrmals an und beobachtete sie dann wie das Antlitz einer Gottheit, aus dessen gewährendem Lächeln sie die Zukunft besserer Tage herauslesen wollte. Der nun von ihrem Atem trübe Spiegel formte den Hauch zu einem Kopfe einer Frau von verführerischer Schönheit, mit eigentümlicher Frisur und einer Königskrone. Das Bild war klar und zeigte alle Einzelheiten des schmalen, fremdartigen Antlitzes. Das Mädchen zitterte. Ihre Augen hafteten nicht auf dem Kopfe der Königin, sondern auf einem leeren Punkte über dem Zauberbilde – doch die Stelle blieb leer, und das Mädchen wandte sich dem Manne zu und öffnete die Lippen mit einem Lächeln der Liebe und der Hingabe, und aus ihren Zügen war alles wie weggewischt, was bis dahin äußeres Zeichen ihrer unseligen Wesensart gewesen. Sie sah den Mann nicht mehr, er war bereits hinter sie getreten und hatte mit Bangen die Entwicklung des Spiegelbildes verfolgt. Auch aus seinen Zügen schwand der letzte Rest dessen, was einst seinen harten Sinn unerbittlich und unbarmherzig erscheinen ließ. Das Mädchen fühlte sich umfangen, und der Spiegel glitt zu Boden, und sie bot dem Manne willig die Lippen. Engstens umschlungen standen die beiden, Mund auf Mund wie in stillem Gelöbnis, und auf beiden Gesichtern strahlte ein verträumtes Lächeln gleich dem von Kindern, die ein aufregendes Märchen hörten und nun froh sind, daß die Prinzessin und der Königssohn sich zum Schluß doch gefunden haben. Dann machte sich das Mädchen aus den Armen des Mannes frei und behielt nur seine Hände in ihren schlanken Fingern und sagte sanft und doch triumphierend: „Ich wußte es, der Januskopf würde nicht mehr erscheinen, – ich hatte es herbeigewünscht mit all der Kraft meiner Liebe, die mich längst zu dir hintrieb!“ Sie hielten sich fest an den Händen und horchten. Draußen war alles still geworden. Die Natur hatte ihren Kampf gegen das Liebesnest der Kleopatra aufgegeben, die Erdrinde regte sich nicht mehr, das finstere Gewölk hatte sich verzogen, und der Mond leuchtete friedlich vom ausgestirnten Firmament herab. In den Herzen des jungen Menschenpaares aber strahlte die Sonne des Glückes des Sonnenlandes der Pharaonen und die noch schönere Sonne der Erinnerung und der Sehnsucht der fernen, fernen deutschen Heimat. 1.


Kapitel. Das Geschenk des persischen Magiers. Zweitausend Jahre zurück – – Der Magier kniete vor dem Throne der Königin und berührte mit der Stirn den Marmorboden. Sein großer seidener Turban mit den Pfauenfedern und der Goldagraffe lag neben ihm. – Er sprach mit der Würde seiner schneeweißen Haare und der Ruhe seiner Lebenserfahrung: „O, Königin aus dem erlauchten Geschlechte der Ptolemäer, du hast mir Gastfreundschaft gewährt und mich einen Blick tun lassen in das Treiben an deinem berühmten Hofe hier in der Stadt Alexanders des Großen. Verarge es mir nicht, wenn ich es wage, dir ein Geschenk anzubieten, das dich rechtzeitig warnen wird, wenn dir Gefahr droht.“ Er griff unter seinen Turban und brachte einen Spiegel zum Vorschein, der war aus Silber und hatte einen Elfenbeinstiel. Er hielt ihn der Königin hin und erklärte: „Sobald du, o Königin, in einer Stunde der Not dieses polierte Silber anhauchen wirst, wird darauf dein Kopf erscheinen als Gebilde deines Hauches und vielleicht über deinem Kopfe ein kleineres Doppelgesicht eines bärtigen Mannes. Erscheint beides, dein Haupt und das Doppelhaupt, so gibt es keine Hoffnung mehr für dich, – dies alles las ich aus den Sternen, die niemals lügen. Befrage den Spiegel nur in der Stunde wirklicher Not, denn wisse: Hast du je unreinen Herzens den Spiegel angehaucht, so bleiben die Bilder deines Kopfes und des Doppelhauptes so lange auf dem Silber haften, bis ein Mensch mit geläutertem Herzen sich findet und den Spiegel entsühnt durch den Odem seines Mundes, dann erst wird das Doppelhaupt verschwinden.“ Er erhob sich und ging, und die Königin schaute ihm lächelnd nach, denn sie glaubte nicht an seine Künste und an die Möglichkeit, daß es ihre Klugheit je soweit kommen ließe, daß sie in Not geriete. Sie legte den Spiegel achtlos auf den Glasbehälter, in dem sie Schlangen verwahrt hielt, damit diese sich in dem polierten Silber beschauen könnten. – Jahre waren vergangen – – Auf dem großen Dachgarten säuselte der Wind in den Blättern der Palmen und in den bunten, duftenden Sträuchern. Der Dachgarten glich an Pracht den berühmten hängenden Gärten der Semiramis. Das Meer rauschte in der Ferne, und die Silbersichel des Mondes warf flimmernden Glanz über die große Stadt Alexandria, die noch vor kurzem der Mittelpunkt des Handels des Mare nostrum gewesen, – des Meeres, das nun allein von der Allgewalt des römischen Weltreiches beherrscht wurde und mit Recht von den stolzen Römern als „Mare nostrum“, unser Meer, bezeichnet wurde. Die Zeit des Glanzes der Gründung eines Alexander des Großen war dahin, die Hafenstadt an der Nilmündung, die viele Jahre auch in Kunst und Wissenschaften alle anderen überflügelt hatte, war durch die leichtfertige, genußsüchtige und der Sinnenlust ergebene Königin Kleopatra zu einer Stätte der Völlerei und Unzucht herabgesunken. Auf dem Dachgarten ihres Palastes stand die listenreiche Buhlerin, die mit Männerherzen stets nur ein frivoles Ränkespiel getrieben hatte, in all ihrer noch immer berückenden Schönheit, angetan mit ihren prächtigsten Gewändern, dem Manne gegenüber, dessen Adoptivvater sie vor Jahren in ihre Netze verstrickt hatte, als er ausgesandt worden, sie zu strafen und zu demütigen. Ein Jahrzehnt war darüber hingegangen, – aus dem Adoptivsohn des Julius Cäsar war der Kaiser Augustus geworden, der nun auch seinen letzten Gegner Antinous in der Seeschlacht bei Aktion besiegt hatte. Für den Imperator Augustus hatte die Tochter des Ptolemäus nichts Verführerisches mehr an sich, ihr nach ägyptischer Sitte zu stark geschminktes Gesicht und ihre Buhlerinnenkünste stießen ihn ab, zumal er die Gedanken nicht los wurde, daß dieses Weib seinem Adoptivvater mehrere Kinder geboren hatte, – er vergaß ihr auch nicht die feige Flucht und die Untreue an ihrem jetzigen Liebhaber. – Kaiser Oktavian Augustus verachtete nichts so sehr, als den Verrat, er traute niemandem mehr, er hatte es mit erlebt, als man seinen Vater in Rom ermordet hatte. Über dem einsamen Paare auf dem Dachgarten des Palastes schossen in pfeilschnellem Fluge Nachtschwalben hin, die in den nahen Bergen hausten, – in den Sanddünen der Wüste heulten die ewig hungrigen Schakale, und die feigen, frechen Hyänen, die sich bis in die Gärten der Stadt wagten und die Kehrichthaufen durchwühlten und die Leichen der hingerichteten Kriegsgefangenen zum Fraße vorgeworfen bekommen hatten, balgten sich untereinander aus Futterneid und lachten gellend und verhöhnten die große königliche Hetäre, – – plötzlich verstummte auch dieser Lärm, und sogar die Brandung des nahen Hafens schien schweigen zu wollen vor den entscheidenden Worten des Siegers von Aktion. Die Natur hielt den Atem an. Der Kaiser in seiner blinkenden Rüstung hüllte sich enger in seinen weißen Umhang und wandte sein vom Monde beleuchtetes Gesicht wieder der Königin zu. Die Natur schwieg! Die Weltgeschichte hatte wieder einmal eine ihrer wichtigsten Minuten. – Augustus begann zu sprechen.

Seine Stimme war eisig und ohne Erbarmen und zerstörte schon durch ihren Klang die Hoffnungen der treulosen Frau. „Du hast deinen Liebhaber mit deinen Schiffen im Kampfe vorzeitig im Stiche gelassen, du hast Antinous verraten und eiltest hierher, um auch mich, den Sieger, um den Preis dieses Sieges zu betrügen und mich einzufangen für deine nimmersatte Ränkesucht. Wisse denn, Antinous ist tot, als Römer zog er freiwillig die Schneide des Schwertes der entehrenden Schlinge eines Schiffstaues vor. Du aber wirst als Gefangene an meinem siegreichen Einzuge in meine Hauptstadt der sieben Hügel teilnehmen. Dein Palast ist umstellt, jede Flucht wäre aussichtslos.“ Dann ging er, ohne Gruß, ohne Mitleid.

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