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An Bord des King Edward – W. Belka

Auf der Terasse des Hotels ,Exzelsior‘ in Ladikieh, einer kleinen Hafenstadt im nördlichen Palästina, saß eine englische Touristengesellschaft von etwa fünfzehn Personen an einigen zusammengestellten Tischen beieinander und besprach in nur mühsam verhehlter Erregung die Notiz der einzig in Ladikieh erscheinenden Zeitung, in der von dem Überfall der russischen Schwarzmeerflotte auf den türkischen Kreuzer vor den Dardanellen die Rede war. Dieses Telegramm, das nur vier Zeilen lang war, bedeutete ja – das mußte jeder Einsichtsvolle ohne weiteres erkennen, für die Türkei und damit die ganze Welt den Auftakt neuer, in ihrer Tragweite noch gar nicht zu überschauenden Ereignisse. Bauwerley, der mit seiner spindeldürren Gattin und der nicht minder reizlosen, sommersprossigen Tocher sich in diesem Jahr und zwar ausgerechnet Ende Juli, also kurz vor Ausbruch des großen Völkerringens, zum erstenmal zu einer dreimonatigen Erholungsreise entschlossen und den Plan dann auch sofort ausgeführt hatte, sagte jetzt zu seinem neuen Bekannten, den man in Jerusalem kennen gelernt und als echten Gesinnungsgenossen schnell für die weitere Tour mit Beschlag belegt hatte: „Sarrister, hätte ich nur nicht auf meine Damen gehört! Ich war ja gleich der Ansicht, als uns in Kairo die Nachricht vom Kriegsausbruch überraschte, daß man auf kürzestem Weg nach Hause zurückkehren müsse. Aber – tun Sie was gegen zwei Weiber, die der Orient mit seinem bunten Flitterkram und dem scheußlichen Schmutz rein aus dem Häuschen gebracht hat.“ James Bauwerley lachte bitter auf. „Von Friedensaussichten keine Spur, im Gegenteil, – jetzt mischt sich noch die Türkei ein, und wir, – wir werden vielleicht hier gewaltsam festgehalten und sehen Old England so bald nicht wieder.“ Artur Sarrister nickte trübe vor sich hin. Und ebenso ernst schauten die übrigen Mitglieder der Reisegesellschaft darein, die eigentlich beabsichtigt hatten, nach dem dreitägigen Kamelritt durch die syrische Wüste sich hier von den überstandenen Strapazen erst einmal ordentlich zu erholen. Ein Vergnügen war dieser Ritt auf den schaukelnden hochbeinigen Dromedaren ja wahrlich nicht gewesen. Neben der strohblonden, sommersprossigen Glane Bauwerley saß ein schlanker Engländer mit braungebranntem Gesicht, der sich der Gesellschaft erst in Damaskus angeschlossen hatte und Reisender einer Londoner Maschinenfabrik war, obwohl er, wie Bauwerley bald festgestellt hatte, von der Lage des Eisenmarktes und den Börsennotierungen für Stahl und andere einschlägige Artikel nur eine recht bescheidene Ahnung besaß. Howard Tompsen sagte jetzt in seiner ruhigen Art zu dem Fabrikanten: „Der ,King Edward‘ drüben“, – er zeigte dabei auf den kleinen, verwahrlosten Hafen von Ladikieh, wo an der südlichen Mole ein ziemlich großer Dampfer lag – „geht heute abend ein halb neun Uhr nach Ostende ab. Plätze für uns werden wohl noch vorhanden sein, obwohl der ,King Edward‘ mehr Fracht- als Personenschiff ist, und die Kabinenplätze stets sehr vergriffen sind. Ich weiß das von meinen Geschäftsreisen her.“ Bauwerley starrte mit seinen farblosen Augen Tompsen ganz glücksstrahlend an. „’s ist klar, wir fahren mit dem Steamerl Werde sofort nachfragen, wo es die Schiffskarten gibt. Kommen Sie, Tompsen, helfen Sie mir. Sie kennen die Verhältnisse hier ja am besten.“ Der kleine vertrocknete Webereibesitzer hatte schon nach seinem Strohhut gegriffen und war aufgestanden. Aber Tompsen rührte sich nicht. Er sog mit Hilfe des Strohhalmes erst seine Eislimonade aus und sagte dann gleichgültig: „Fahrkarten gibt es hier im Hotel. Der Portier besorgt sie. Ich habe mir schon eine Kabine auf Deck belegen lassen.“ „Sie haben schon -? Wie das? Gestern Abend bei unserer Ankunft hier waren Sie doch noch fest entschlossen, uns bis Iskanderun und von da weiter bis Aleppo zu begleiten! Und nun plötzlich dieser Wechsel Ihrer Absichten?“ Bauwerley hatte das alles fast argwöhnisch hervorgestoßen. Es ärgerte ihn, daß dieser junge Mensch es nicht einmal für nötig befunden hatte, ihn gleich heute morgen beim ersten Frühstück von seinen veränderten Plänen zu benachrichtigen. Und den Kabinenplatz hatte Tompsen sich doch schon in aller Frühe besorgen lassen, da man nun schon drei Stunden lang beisammen saß, ohne daß der Maschinenreisende sich auch nur für eine Minute von der Gesellschaft getrennt hätte.


Howard Tompsen besaß ohne Zweifel eine große Geschicklichkeit darin, ihm unbequeme Fragen einfach zu überhören. So sagte er denn auch jetzt nur achselzuckend: „Ich habe mir die Sache eben anders überlegt, Master Bauwerley. Im übrigen würde ich Ihnen raten, recht bald den Portier zu beauftragen. Mehr wie vierzig Kabinenplätze hat der ,King Edward’ nicht, und zufällig weiß ich genau, daß eine Anzahl von schweizer Ingenieuren, die bisher beim Bau der Bagdadbahn beschäftigt waren, den Steamer gleichfalls zur Heimkehr benützen will. Es dürfte also ziemlich voll auf dem Schiff werden.“ Der Fabrikant eilte schon davon, stolperte über einen der Bastteppiche, mit denen die Terrasse belegt war, fluchte laut und verschwand im Hotelelngang. Glane Bauwerley wandte jetzt ihr nichtssagendes Gesicht, das durch eine den Schläfen anliegende Scheitelfrisur noch reizloserer wirkte, ihrem Nachbar zu. „Master Tomsen, dann ist wohl auch der Herr mit dem Monokel, der vorhin an jenem Tisch saß, einer von den Ingenieuren gewesen, nicht wahr?“ „Sah Ihnen der wie ein Schweizer aus?“ antwortete der Maschinenreisende mit einer Gegenfrage. „Schweizer? – Kenne ich nicht. Papa reist zum erstenmal mit uns. Er wollte erst die Million voll haben, bevor er sich und uns was gönnte,“ erwiderte die magere Glane ehrlich. „Dann kennen Sie auch sicher keine deutschen Offiziere,“ meinte Tompsen leise. „Nun der Herr da drüben hat sich zwar als Wilhelm Uetzli aus Basel hier ins Fremdenbuch eingeschrieben und nennt sich auch Ingenieur, ob er das aber in Wahrheit ist, bezweifle ich stark, Doch – dies behalten Sie bitte für sich, Miß Glane. Die Sache ist ja auch ohne jede Bedeutung.“ Miß Glane’s strohblonder Kopf war nicht intelligent genug, um den etwas auffallenden Gegensatz aus Tompsens Worten herauszufinden. So sagte die junge Engländerin denn lediglich: „Eine Erscheinung, die aufhält, dieser Herr mit dem Einglas.“ Und dann kam ihr ein geistreicher Einfall. „Oh, Master Tompsen,“ fuhr sie schnell fort. „Ein deutscher Offizier? Wie soll er jetzt hierher kommen, wo doch Deutschland Krieg führt? Sie müssen sich irren.“ Tompsen nickte. „Da haben Sie ganz recht, Miß Glane. Daran dachte ich nicht.“ Und dann sprach er von etwas anderem. Bald darauf kehrte Mister Bauwerley ganz vergnügt zurück. „Wir finden alle noch Platz,“ erklärte er.

„Der Portier muß nur die Namen jedes Passagiers notieren. Wer also mit will, mag sich bei ihm sofort meIden.“ Alles erhob sich und strömte nach der Vorhalle, um sich bestimmt eine Fahrkarte zu sichern. Nur Howard Tompsen, der um den Hals an einem Lederriemen ein Fernglas ständig mit sich führte, war sitzen geblieben. Bauwerley leistete ihm Gesellschaft. Der Maschinenreisende hatte sein Glas aus dem Futteral genommen und schaute nun, ohne sich um des Fabrikanten Gegenwart weiter zu kümmern, nach der etwa zweihundert Meter entfernten Hafenmole hinüber, in deren Nähe noch die Ruinen eines alten Kastells aus der Römerzeit in die jetzt von einer kräftig warmen Sonne durchstrahlte Luft emporragten und dem Gesamtbild dieses trotz der Palmengruppen und trotz des leuchtenden, zartblauen Spiegels des mittelländischen Meeres recht eintönigen Gestades etwas romantisches verliehen. Bauwerley, von Natur ein Schwätzer trotz seines echten Brltencharakters, wurde das Schweigen bald lästig. „Was haben Sie denn da nur so interessantes zu sehen, Tompsen? Die Horde der schmutzigen Hafenarbeiter mit ihren recht mangelhaft bekleideten Körpern dürfte Ihnen doch nichts neues sein!“ meinte er leicht gereizt. Howard Tompsen murmelte jetzt irgendetwas vor sich hin, das wie eine Verwünschung klang. Dann ließ er das Glas sinken, schraubte es zusammen und schob es in das Futteral zurück. „Auf Wiedersehen,“ sagte er nur, und schon eilte er die wenigen Stufen zu den verkümmerten Gartenanlagen hinab, die das Hotel von der Straße abgegrenzten. Bauwerley sah noch, wie er in der Tür des nahen englischen Konsulats verschwand. Der englische Berufskonsul von Ladikieh, ein Herr, der kaum älter als Tompsen selbst war, empfing diesen mit einer Liebenswürdigkeit, die auf eine längere Bekanntschaft schließen ließ. Die Unterredung zwischen den beiden Vertretern des britischen Weltreichs wurde im vorsichtig gedämpftem Ton geführt. „Ich bin fest überzeugt, daß er ein deutscher Offizier ist, der sich hier in Syrien in besonderer Mission aufgehalten hat,“ sagte Tompsen jetzt. „Wir müssen uns über diesen Punkt unbedingt Klarheit verschaffen. Vielleicht gelingt es, ihm wichtige Papiere abzunehmen, falls er eben der ist, für den ich ihn halte. Wir stehen dich vor einem Krieg mit der Türkei, der ja ohnehin nur eine Frage der Zeit war. Deutschland hat hier überall seit langem seine militärischen Agenden in Bereitschaft, um den Feldzug sofort mit gehörigem Nachdruck einleiten zu können. Der Mann muß also unschädlich gemacht werden.“ Der Konsul lächelte kalt. „1n einer Stunde wissen wir bestimmt, mit wem wir es zu tun haben. Verlassen Sie sich darauf.“ Beide Herren begaben sich wenige Minuten später zu der türkischen Hafenpolizeiwache, die zwischen den Lagerspeichern einer Hamburger Firma in einer recht baufälligen Baracke untergebracht war. Der Polizeimeister hörte den Konsul ziemlich gleichgültig an.

Dann fragte er, auf Tompsen deutend: „Also dies ist der Herr, dem der schweizer Untertanen Wilhelm Uetzli hier im ,ExzeIsior-HoteI’ wichtige Briefschaften und Papiergeld gestohlen haben soll? – So – gut. – Und welche Beweise haben Sie, Herr KonsuI?“ Der Konsul blickte den dicken Armenier, der noch vor kurzem vor ihm nicht genug hatte dienern können, und der ihm jetzt so wenig respektvoll begegnete, drohend an. „Die Beweise werde ich dem zuständigen Polizeiobersten in Beirut melden. Jedenfalls verlange ich, daß der Verdächtige sofort verhaftet und zum Verhör in das Konsulatsgebäude gebracht wird.“ Der Armenier ließ sich heute jedoch durch diese drohende Sprache keineswegs einschüchtern. „Ich werde mich mit dem Major in Verbindung setzen,“ meinte er, wieder nach seiner Pfeife greifend und diese durch einen Fidibus in Brand setzend. „Der Major hat mit dieser Sache als Kommandeur des hier liegenden Linien-Bataillons nichts zu tun,“ schnaubte der Konsul. „Ich werde dafür sorgen, daß Sie Ihre Stelle verlieren. Sie scheinen nicht zu wissen, mit wem -„

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