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49 – Die Wunderinsel im Tsad-See – Olaf K. Abelsen

Über der Nordsee lagerten leichte Nebel, von denen auch die auf der Insel Walcheren gelegene Hafenstadt Vlissingen eine Mütze voll zu spüren bekam. Es war eine Nacht zu Anfang des Monats August, aber die empfindliche Kühle erinnerte mehr an den Oktober, und der alte holländische Seeheld de Ruyter, der da in Bronze gegossen auf dem Nordseeboulevard in Vlissingen steht, mochte froh sein, daß er ein so wetterfestes Wams trug. Wenn er sein hartes Kämpfergesicht unmutig und empört hätte verziehen können, würde er es bestimmt in dem Augenblick getan haben, als ich, rasch aus den Nebelschwaden auftauchend, hinter seiner massigen Gestalt Deckung suchte und schnell den Schalldämpfer über den Lauf der langen Coldpistole 1 schob. Ich hatte mich gegen zehn Uhr aus dem Hotel, wo ich sowie die mir zugeteilten drei Detektive weitere Befehle von London abwarten sollten, ohne meine Leibgarde davongeschlichen, denn ich brauchte Bewegung, und auch Freund Ghost, der sich nun dicht an meine Beine klemmte, war das Stillsitzen nicht gewöhnt. Daß diese Spaziergänge mit einem bedenklichen Risiko verknüpft waren, machte mir nichts aus. Gewisse Vorfälle hatten mich gewarnt. Es gab hier Leute, denen der Chef der Abteilung 2 B ein empfindlicher Dorn im Auge war. … Da kamen sie auch schon wie die Katzen herangeschlichen, die drei „harmlosen“ Matrosen. Zwei hielten sich an der rechten Seite der Promenade, einer an der linken. Ihre Köpfe waren dauernd in Bewegung, – es mochte ihnen etwas unheimlich zumute sein, weil ihr Wild so urplötzlich verschwunden war. Gewiß, – ich hätte die drei Kerle hier abfangen und der Polizei übergeben können. Wir durften jedoch unser Inkognito als erholungsbedürftige Badegäste (Vlissingen ist auch Seebad) nicht lüften. London wollte es so. Mit diesem „Inkognito“ war es nicht weit her, wie die drei Jan Maate einwandfrei bewiesen. Wer die Burschen mir auf die Fersen gehetzt hatte, erschien mir schleierhaft. Sie blieben stehen und berieten. Der dritte hatte sich zu ihnen gesellt und war dicht an mir vorübergekommen. Der Nebel hüllte jedoch den tapferen Admiral de Ruyter so dicht ein, daß ich als sein Schützling nur bemerkt werden konnte, wenn man das Denkmal mit einem Scheinwerfer abgeleuchtet hätte. Trotzdem blieb die Lage kritisch, denn ein besonderer Pfiff aus der Ferne belehrte mich, daß die drei noch weitere Kollegen in der Nähe hatten. Aus der Richtung, wohin ich normalerweise hätte verschwunden sein müssen, tauchten zwei andere Personen auf, und die fünf berieten aufs neue und drehten sich plötzlich wie auf Kommando dem Denkmal zu. Sie hatten meinen Trick durchschaut. Ich wechselte meinen Platz, und die Bronzefigur war ein sicherer Kugelfänger, – so sicher, daß ich belustigt lächelte, als irgend etwas gegen den breiten Rücken de Ruyters klatschte … – ein Wurfmesser … Ich wollte nicht abwarten, bis die Herrschaften mich etwa eingekreist hätten. Die Nordsee war mir gewogen und schickte gerade jetzt eine ganz dicke Nebelwolke über den Boulevard, ich sprang vom Sockel leise herab, Ghost folgte, ich hatte ihn kurz an der Leine, und ich tauchte schleunigst in den Nebel ein und stieß unversehens gegen eine Frau, die einen dünnen Gummihautmantel und ein ärmliches Kopftuch zu tragen schien, – genau erkannte ich dies nicht, – wie ein Phantom wich sie mir aus, und ich selbst kauerte nun etwas außer Atem hinter einer Hecke und spitzte die Ohren … Ja – da war es wieder, dieses Bruchstück des Bajazzoliedes, auf einer Handharmonika künstlerisch gespielt. Nur ein paar Takte … Ich kannte sie, – schon bei meinen ersten Begegnungen mit den zweifelhaften Gentlemen hatte ich das Lied vernommen, und unweigerlich stand es mit diesen mißglückten Attentaten irgendwie in einer unklaren Verbindung. Ich vernahm das Trappeln sehr eiliger Füße, dann wurde alles still.


Von der See her tuteten Nebelhörner, aus einem nahen Hotel ertönte schmissige Musik, und nach ein paar Minuten wandte ich mich der Stadt zu und wagte mich in die engen, winkligen Gassen der architektonisch sehr interessanten Altstadt hinein, wo es abwechselnd nach Käse, Heringen und Alkohol roch, – wo in kleinen Kneipen das Matrosenvolk lärmte und schrille Weiberstimmen und mechanische Klaviere und noch höllischere kratzende Grammophone diesen Hexensabbat noch verstärkten und mich in die friedvollere Gegend des Friedhofs scheuchten. Vereinzelte Liebespärchen wandelten hier eng umschlungen dahin, – ich wich ihnen aus, ich traute niemandem mehr, und als nun gar ein angetrunkener Jan Maat alkoholselig auf mich zutaumelte, drückte ich mich in eine der Außennischen der Friedhofsmauer, um Rückendeckung zu haben. In diesen Nischen waren Gedenktafeln für die verstorbenen Berühmtheiten der Stadt angebracht, und pietätvolle Hände hatten hier einen Rosenstrauch eingepflanzt, dessen rote Blüten zart und köstlich dufteten. Im Augenblick hatte ich nichts für Rosen übrig, – der angekneipte Matrose begann zu singen, und im Nu hatte ich die lange Cold wieder in der Hand. Das heißt: Er versuchte zu singen. Immerhin war noch herauszuerkennen, daß es sich abermals um einen Teil des Bajazzoliedes aus der gleichnamigen italienischen Oper handelte. Seltsam: Wieder das Bajazzolied!! Es verfolgte mich nun bereits tagelang, und die Melodie fiel mir allmählich auf die Nerven. Der Jan Maat sah reichlich zerlumpt aus. Es war ein alter, krummbeiniger, graubärtiger Knabe, der sicherlich nur noch auf einem Heringsdampfer Heuer fand, – – falls er überhaupt Matrose war. Vielleicht hatte er zur Zeit einen lohnenderen Beruf als echter Bravo … als gedungener Mörder. Er mißfiel mir immer mehr, da jedoch weit und breit keiner seiner Kollegen zu sehen war, nahm ich ihn nicht recht ernst. Er torkelte quer über den Weg und benutzte nun die Mauer als Stütze und näherte sich mir langsam. Die Laterne vor mir brannte hell genug. Ich belauerte jede seiner Bewegungen, besonders seine Hände, aber diesmal schien mein Mißtrauen übertrieben zu sein: Der Jan Maat pendelte um meine Nische herum, machte dann plötzlich kehrt und blieb mit schlenkernden Armen vor mir stehen. „Hallo, Mister“, fragte er in einem verdächtig heiseren Baß und in miserabelstem Englisch, „haben Sie … ja … haben Sie vielleicht meine … meine Frau hier gesehen?“ „Ihre Frau, – nein …“ „Schade, Mister, – sehr schade“, grunzte er, hin und her schwankend. „Es weht heute wieder eine sehr steife Brise, Mister, und dabei kann man sich leicht erkälten, – Sie auch! Und meine … meine Frau hatte nur so ’nen dünnen Gummimantel an … – Sehr schade … – Gute Nacht, Mister!“ Der Matrose bog in den Weg nach dem Hafen ein. Ich hatte nun allen Grund, selbst die sinnlosesten Äußerungen eines scheinbar nicht mehr recht nüchternen Menschen nicht unbeachtet zu lassen, und sowohl des Alten Bajazzolied wie seine törichte Frage nach seiner Frau und die Bemerkung über die steife Brise gaben mir zu denken. Ich folgte ihm. Hierbei stellte ich fest, daß zwischen mir und dem Jan Maat ein Herr müßig dahinschlenderte, der stark hinkte und dessen Stockzwinge regelmäßig mit hellem Klang auf das Pflaster schlug. Am Hafen, dessen Kaianlagen gut beleuchtet waren, hatte sich an einer der Treppen eine größere Menge Menschen angesammelt, die stumm und ernst zwei Hafenpolizisten beobachtete, die soeben, wie ich dem Reden der Leute entnahm, eine weibliche Leiche aus dem trüben Hafenbassin gefischt hatten. Die Frau lag oben auf den Steinquadern, das Gesicht war deutlich zu sehen, jedoch völlig entstellt … Offenbar hatte eine Dampferschraube diese furchtbaren Verletzungen hervorgerufen. Was mir sofort auffiel: Die Tote trug einen durchsichtigen Gummimantel, und unwillkürlich schaute ich mich nun nach dem alten Matrosen um, obwohl diese Tote kaum seine Frau sein konnte, da sie noch sehr schönes, volles blondes Haar hatte und auch ihre Gestalt trotz der ärmlichen Kleidung (der Mantel war zerrissen und Schuhe und Strümpfe sehr schadhaft) jugendliche Fülle und Straffheit der Linien zeigte. Der alte Mann saß abseits auf einem leeren Faß und rauchte jetzt eine Tonpfeife, starrte vor sich hin und mußte trotzdem wohl gehört haben, wie der eine der Beamten sehr entsetzt ausrief: „Die Frau ist ja soeben erst ermordet worden! Man hat sie erstochen und in den Hafen geworfen …“ Der Matrose nickte mehrmals, und als ich ihn nun ansprach, schaute er mich ganz seltsam stier an … „Es ist doch nicht Ihre Frau?!“, sagte ich halblaut. „Es muß ein junges Wesen sein … Sie hat noch kein graues Haar…“ Der Alte lachte heiser. „Meine Frau?! Nein! Wer sollte die wohl erstechen, Mister?! Das ist sicherlich so eins der lockeren Vögelchen aus den Hasenschenken… – Na“, fügte er merkwürdig nüchtern hinzu, „hat meine Prophezeihung nicht gestimmt?! Es weht eine scharfe Messerbrise, und man tut gut, bei geschlossenen Fenstern zu schlafen … Dieser Nebelwind ist zu ungesund …“ Dann erhob er sich und torkelte von dannen.

Er hatte ein häßliches Säufergesicht, und die grauen Haare fielen ihm tief in die Stirn. Plötzlich stand der hinkende Herr neben mir. Es war ein schlicht gekleideter Mann mit einem grauen, gut gepflegten Vollbart und einer Brille und kurzsichtig zugekniffenen Augen. „Was ist hier eigentlich geschehen?“, erkundigte er sich etwas ängstlich. „Dort scheint eine Tote herausgefischt worden zu sein …“ Ich erzählte ihm das wenige, das ich wußte. „Das Gesicht ist also nicht mehr zu erkennen?“, fragte er erschrocken. „Nein, – Leichen kann ich nicht sehen … Da will ich doch besser ins Hotel zurückkehren.“ Er hinkte davon, und nachdem ich noch das Eintreffen des Arztes abgewartet hatte, der gleichfalls Mord feststellte, machte ich mich auf den Rückweg. In meinem Hotelzimmer im ersten Stock fand ich auf dem Schreibtisch einen an mich adressierten, ganz frisch zugeklebten Brief vor, den mir jemand nur durch Einsteigen durch das offene Fenster überbracht haben konnte. Andernfalls hätte der Portier oder der Zimmerkellner etwas von dem Schreiben erwähnt. Ich entdeckte auch auf dem Fensterbrett Spuren von Sand. Der Brief lautete: Wenn Sie diese Nacht die Entführung einer Toten mit beobachten wollen, so behalten Sie die Leichenhalle neben dem Hafenpolizeiamt im Auge. Mischen Sie sich jedoch auf keinen Fall ein. Ihr Leben ist ohnedies bedroht, und Sie dürfen auch nie mehr bei offenem Fenster schlafen. – Der Warner. Dieser Inhalt des Briefes mußte mich, ganz abgesehen von anderen Begleitumständen, äußerst stutzig machen. Auch der alte Matrose hatte von „geschlossenen Fenstern“ gesprochen, und unwillkürlich brachte ich sowohl den Jan Maat wie den hinkenden alten Herrn, der so überaus ängstlich getan hatte, miteinander in mir noch unklare Beziehung. Der ungenannte „Warner“ behielt im übrigen recht. Ich wurde Zeuge, wie vier Leute gegen zwei Uhr morgens, als der Nebel am dichtesten war, mit Nachschlüsseln in die Leichenhalle eindrangen und einen eingehüllten Körper in ein Boot trugen und davonruderten. Am nächsten Tage wurde in Vlissingen bekannt, daß die gestern abend geborgene Leiche einer fremden, ärmlich gekleideten jungen Frau aus der Halle gestohlen worden sei.

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