| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

48 – Die Frau vom Leuchtturm – Olaf K. Abelsen

Der eiserne Motorschoner „Danmarket“, dessen Phantasiename keinen Rückschluß auf die Nationalität des Schiffes zuließ, fuhr mit halber Kraft durch den dicken zähen Sommernebel. Ein Mann im Ölmantel, der bis dahin ruhelos zwischen den beiden Masten auf und ab gegangen war, unterbrach jählings seine Wanderung, als von vorn fast gleichzeitig mit dem Splittern von Holz ein schriller Hilferuf ertönte. Mit wenigen Sätzen war er am Bugspriet, beugte sich über Bord und turnte dann ebenso geschwind an einem Tau in die Tiefe. Eine schäumende Welle warf ihm zugleich mit langen Holzplanken eine halb bewußtlose Frau in die Arme. Die Reste des kleinen Ruderbootes versanken, aber der Mann hielt die schlanke Beute fest an sich gedrückt, die das gefräßige nächtliche Meer und der heimtückische Nebel sich als Opfer auserkoren gehabt hatten. In der Heckkajüte des Schoners unter warmen Decken und bei geeigneter Pflege erholte sich die Fremde sehr rasch. „Wo bin ich?“ Der stoppelbärtige Kapitän grinste breit. „In Sicherheit, Miß …“ „Ein englisches Schiff, Sir?“, wollte sie wissen. Der nußknackerartige Kapitän verneinte. „Deutscher Schoner, Miß …?“ Er war ein sehr vorsichtiger, schweigsamer Mann. Die Frau war jung, pikant, hatte ein sehr eigenartiges Kinn und seltsam verschleierte braune Augen. „Und Sie selbst?!“, forschte der Engländer behutsam. „Wie kommen Sie bei dem Wetter so weit auf die Nordsee hinaus?“ „Ein unglückseliger Zufall“, erwiderte die Fremde genau so ausweichend. „Waren Sie es, der mich rettete, Käpten Garson?“ „Nein … Das war unser Schiffskoch, Miß.“ So … so, – – Schiffskoch … – Ich möchte ihm meinen Dank aussprechen, rufen Sie ihn doch her …“ Garson verzog seine Stoppelbacken zu traurigen Falten. „Unmöglich, Miß … Miß …, – wie darf ich Sie nennen?“ „Senta Gordon … Zur Zeit …“ – sie zögerte – „Sommergast in Hangerupp …“ Garson hustete … „Komisch, – Garson, Gordon, – das klingt recht ähnlich …“ „Und weshalb kann ich den Koch nicht sehen, Käpten?“, beharrte Miß Gordon bei ihrem Wunsche. „Weil … weil … es zwecklos wäre, Miß … Unser Koch ist taubstumm – vom Kriege her, – Minenexplosion und so …“ Ein eigentümlich forschender Blick traf den ungeschickten Lügner. Aber Miß Gordon zog es vor, zu schweigen. Jack Garson fluchte im stillen über seine geringe Phantasie und erklärte eilfertig, er würde der Miß nun trockene Kleider beschaffen. „Meine Tochter ist nämlich zuweilen mit auf dem Schoner, und Sie beiden dürften dieselbe Größe haben.“ Dann entfernte er sich in die Nebenkajüte. Er hatte die Tür kaum geschlossen, die bisher nur angelehnt gewesen, als Miß Gordon eiligst die Decken von sich warf, auf den Tisch turnte und aus ihrer Bluse ein Päckchen hervorzog. Behutsam öffnete sie das Oberlichtfenster, warf das Päckchen in den Nebel hinaus und dies mit solchem Schwung, daß es über Bord fallen mußte. Dann legte sie sich wieder auf das Sofa, hüllte sich ein und lächelte zufrieden. Jack Garson hatte zu seinem Erstaunen die Nebenkajüte leer gefunden.


Er eilte an Deck, wo er den schlanken Mann im Ölmantel antraf … Mich! Mich, dessen Abseitspfade nun eine neue Kurve eingeschlagen hatten. Ich hielt noch das Päckchen in der Hand, das die Nordsee hatte verschlucken sollen. „Mr. Abelsen“, knurrte der Käpten kleinlaut, „ich bin ein alter Esel …“ „Stimmt!“ „Ich habe mich … sehr ungeschickt benommen, Mr. Abelsen …“ „Stimmt! Gerade Ihnen hätte ich mehr Fertigkeit im Lügen zugetraut.“ Da – – dicht vor uns aus den dicken grauen Schwaden das Dröhnen eines kleinen Nebelhorns. Garson stürzte zur Reling. Er verfügte über ungeheure Stimmittel, aber ich wußte genau, daß er hier nichts mehr ausrichten würde. Das fremde Schiff näherte sich, ohne daß wir es erspähen konnten, unheimlich schnell, ich hörte es genau, ich vernahm sogar das Arbeiten der Schiffsmaschinen, und noch rascher als Inspektor Garsons Elefantenbariton bellte meine Pistole sechs scharfe Schüsse schräg aufwärts in den grauen Brei … Irgendwoher ein Schrei aus den Lüften, – so grell, so überlaut, daß ich selbst zusammenzuckte … Dann das schrille Läuten eines Maschinentelegraphen, dann eine tiefe Baßstimme aus dem niederträchtigen Brei: „Hallo, – – welches Schiff?!“ … Ein deutscher Anruf … Ich stieß Garson schleunigst in die Rippen … „Inspektor, – – Vorsicht!!“ Garson brüllte zurück, während vor uns ein Scheinwerfer zwecklos aufblitzte und das fremde Schiff stoppte: „Hier holländischer Dampfer „Buitenzork“ … Wer dort?“ … Antwort?! … Ein höllisches Gelächter … … Ein neues Signal des Maschinentelegraphen drüben, und das fremde Fahrzeug sauste in voller Fahrt an unserem Heck vorüber und verschwand. Garson pflanzte sich breitbeinig vor mir auf. „Merken Sie was, Mr. Abelsen?!“ „So manches …!“ „Das war „er““, sagte der Inspektor und Käpten leise. „Das war „er“ ganz bestimmt, und die Schufte glaubten mir den „Buitenzork“ nicht!“ „Dazu war Ihr Holländisch zu miserabel, Garson!“ „Mag sein … – Schade, – – wieder entwischt …! Das Hohngelächter verriet die Bande.“ „Allerdings …! – Trotzdem wissen wir jetzt, woher unsere schöne Unbekannte mit ihrem Boot gekommen ist – – von „ihm“, zweifellos, und das Ganze, Garson, war ein feiner Trick der Herrschaften …“ „Hm, – Sie meinen?!“ Der Inspektor hegte offenbar noch Bedenken. „Ich meine, die Frau ließ sich absichtlich überfahren, um hier an Bord zu gelangen … Mithin hat man uns trotz aller Vorsichtsmaßregeln verfolgt, also gegen uns Verdacht geschöpft. Das Spionagesystem der Leute muß vorzüglich ausgebaut sein, – davon erhielten wir ja bereits recht eindeutige Beweise. Die Depeschen, die unser Funker auffing, galten einem Dampfer Buitenzork, und der übrige Text erschien nur harmlos … – Hallo, Jeffries, was gibt es?“ Neben uns stand plötzlich der knabenhafte Bordfunker. „Soeben eine neue Depesche“, meldete er stramm. „Inhalt: An alle!! Sturmgefahr!! – – Weiter nichts, Käpten. Dabei steht das Barometer auf veränderlich und klettert sogar noch höher.“ Garson lachte kurz … „Die Sturmgefahr sind wir, Jeffries! Diese Halunken!! Wenn wir nur erst Mr. Abelsen glücklich ausgebootet hätten! Mir gefällt die ganze Geschichte nicht … Dazu noch der verdammte Nebel!! – – Sie können gehen, Jeffries … Ich danke Ihnen.“ Als der Funker verschwunden war, erklärte ich Garson mit aller Bestimmtheit, daß die Sachlage von mir persönliches Eingreifen erfordere. „… Sie wissen, Inspektor, ich trage hier die Verantwortung, so lange ich an Bord bin … Den taubstummen Koch und Retter mag der Sergeant Parker spielen, er hat meine Figur, und mein Gesicht kann die Fremde nicht gesehen haben. Ich muß die Frau persönlich sprechen …“ Jack Garson nickte widerwillig.

„Aber … aber Ihr Gesicht, Mr. Abelsen!! Das kennt man unter Tausenden heraus.“ „Mein Gesicht hat gegen Klebstoff und sonstiges nichts einzuwenden … – Schnell, besorgen Sie das Nötige, Garson … Ich habe mein Lebtag keinen falschen Bart gekannt, – warum soll ich nicht auch das kennenlernen?! Mein Dasein ist ja ohnedies so wunderbar auf ein Abseitsgeleise mit der Bezeichnung 2 B gedrängt worden, daß ich mit allem einverstanden bin …“ – 2 B war die Abteilung für „Auswärtige Beobachtungen im großen Polizeipalast von New Scotland Yard in London, und der neue Kommissar und Vorstand dieser Abteilung mit der so harmlosen Bezeichnung war Olaf K. Abelsen, bisher Steckbriefanwärter, zuletzt am Nordwestrande der Sahara Banditenfänger, – nunmehr Amtsperson und auf der Jagd nach Leuten, die die halbe Welt bereits in eine wahre Panik versetzt hatten. 2. Kapitel. Das Mädchen mit den Nixenaugen. „Steward Benson mit den Kleidern“, meldete ich mich fünf Minuten später bei unserem fragwürdigen Gast. Beim Eintritt in die Kabine hatte ich diskret die Deckenbeleuchtung ausgeschaltet, so daß nur die Stehlampe auf dem Sofatisch brannte. Es war für diesen Mummenschanz notwendig, mich nicht dem grellen Lichte auszusetzen. Ich stand respektvoll mit meiner weißen Jacke mit goldenen Knöpfen im Schatten. Senta Gordon – daß sie nicht so hieß, wußte ich bereits – lag auf dem großen Sofa aufgestützt da und erwiderte gleichgültig: „Es ist gut, Steward … Legen Sie die Kleider und die Wäsche dort auf den Stuhl … Nach zehn Minuten können Sie mir einen Imbiß bringen. Ich danke Ihnen vorläufig.“ Als ich jedoch bereits den Türknauf in der Hand hatte, rief sie mich zurück. Hätte sie es nicht getan, würde ich einen Vorwand gefunden haben, noch zu bleiben und sie zu einem Gespräch zu zwingen. „Steward, noch einen Augenblick …!“ „Bitte, Miß …“ „Dieser deutsche Schoner hat eine englische Besatzung, auch Sie sprechen fließend Englisch, und Käpten Garson …“ „Miß“, unterbrach ich sie hastig, „stellen Sie bitte keine Fragen, in Ihrem eigenen Interesse nicht … Wir haben vorhin Pech gehabt … Wir haben da irgend einen Matrosen des fremden Schiffes angeschossen, als – nun ja, ich selbst gab die Warnungsschüsse in der ersten Bestürzung ab …“ „Seid ihr Schmuggler, Benson?“ Ich schwieg erst. „Geschmuggelt wird auf jedem Schiff, Miß“, erklärte ich, sehr diplomatisch tuend. „Natürlich …!“ Sie lächelte harmlos-spitzbübisch. Weiß Gott, sie war schön, nicht so im landläufigen Sinne. Nein, – sie war reizvoll als Weib, und als Persönlichkeit ein besonderer Schlag. Ihre Jugend mußte etwas stürmisch verlaufen sein. „Benson“, begann sie von neuem, „Sie könnten mir den Stuhl mit den Kleidern hier neben das Sofa tragen. Ich fühle mich noch recht schwach.“ „Bitte, Miß …“ Aber dieser Wunsch kam mir sehr ungelegen. Mein linker Arm hatte von einer der Planken des zertrümmerten Bootes einen bösen Hieb erhalten und war noch immer wie gelähmt.

Leider hatte ich die Wäsche und die Kleider auf den schweren Schreibsessel gelegt, und als ich diesen nun nur mit der rechten Hand anhob und mein linker Arm kraftlos herabhing, fragte Miß Gordon scheinbar mitfühlend: „Haben Sie sich verletzt, Benson?“ „Ja – soeben, Miß … ausgeglitten, aber nicht schlimm.“ Eine gänzlich veränderte Stimme zischte mir drohend zu: „Setzen Sie sich – – sofort! Glauben Sie nicht, daß ich Sie schonen werde! Ich weiß, worum es hier geht … Gehorchen Sie!“ Die Hand mit der Waffe wurde etwas zurückgezogen. Miß Gordon saß aufrecht da. Ich war vollkommen überrumpelt worden. „Entfernen Sie Ihren lächerlichen, angeblich grauen Bart“, befahl sie weiter. „Ich will Ihr Gesicht sehen … Nehmen Sie auch die Mütze ab!!“ Die Situation war für mich fürs erste kläglich … Ich tat Miß Gordon den Willen … Ich war froh, daß Inspektor Garson auch mit der Schminke nicht gespart hatte. Einige Bartfusseln blieben am Kinn hängen, und auch die Nase und die untertuschten Augen halfen mit, mein wahres Bild zu verwischen. Die Gordon betrachtete mich scharf. Unsere Blicke kreuzten sich immer wieder. „Ich … kenne Sie nicht“, sagte sie dann etwas unsicher. „Wer sind Sie?“ … Ihr erster Fehler …! Ich nutzte ihn aus … Ich wollte sie erschrecken … In dem Päckchen hatte ich so allerhand gefunden. „Ich bin Erik Ballholm“, erwiderte ich, mich ängstlich zurücklehnend. Der Hieb hatte gesessen. Ihre Hand mit der Waffe sank herab … „… Erik … Ballholm?! – Das … ist nicht wahr!“ Nein, – es stimmte nicht … – Armes Mädel, darauf warst du nicht vorbereitet! Dein „Steward“ hatte es schon mit gefährlicheren Herrschaften zu tun gehabt … Sie schrie leise auf, aber meine Finger preßten ihr Handgelenk ohne Erbarmen, und der einzige dumpfe Schuß, der aus der Pistole sich entlud, ging in die Seitenlehne des Sofas. Dann polterte die Waffe auf den Teppich, ich hob sie auf und setzte mich wieder. Erika Ballholm – das war ihr richtiger Name – war kreidebleich geworden. „Das – – haben Sie gut gemacht“, meinte sie kalt mit nur ganz schwach vibrierender Stimme. „Und jetzt?!“ „Jetzt?!“ Ich tat unbefangen. „Was werden Sie jetzt mit mir tun?“ „Sie irgendwo ausbooten, Miß Gordon …“ – Ich blieb bei dieser Anrede. „Wir können Sie hier an Bord nicht brauchen, Miß … Sie sagten Garson, daß Sie in Hangerupp als Sommergast wohnen … Wir bringen Sie dorthin, obwohl wir nicht sicher sind, ob Sie uns nicht verraten werden. Ich kann einen Mann, der droben im Maste hockte, vorhin angeschossen haben, und das ist böse, Miß, sehr böse – – für uns alle …“ „Ich werde schweigen“, erklärte sie schnell. Zu schnell … Und dann: „Wie kamen Sie auf den Namen Erik Ballholm? Heißen Sie wirklich so?“ – Die Wahrheit ist das beste Rüstzeug der Lügner, hat irgendwo ein großer Philosoph geäußert. Jetzt erst hatten wir zweierlei endlich erreicht: Wir wußten, daß diese Verbrecher einen Dampfer Buitenzork erwarteten, wir wußten weiter, daß diese Frau mit zu diesen unheimlichen Gesellen gehörte. Der Inhalt des Päckchens bewies es. Trotzdem gab es da noch übergenug Ungeklärtes.

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |