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47 – Die Spur ins Jenseits – Olaf K. Abelsen

Die zackigen Felsen warfen tiefschwarze Mondschatten … Diese Schattenbilder auf dem hellen Geröll und Wüstensand waren von wunderlichster Form und regten die Einbildungskraft an, ihre Figuren zu Fabelwesen umzudeuten. Die wenigen Palmen drüben neben dem Wasserloch verneigten sich im Nachtwinde wie aus Ehrfurcht vor den weißgelblichen Gebeinen, von denen die Zisterne wie von einem schauerlichen Gehege umfriedet war. Ich horchte wieder, die Hand zum Schalltrichter um die Ohrmuschel geschmiegt. Die andere hielt die Büchse. Entsichert … Neun Schuß im Magazin … Das gab, wenn es nicht anders ging, neun Tote … Ich hatte diese Geschichte satt, ich ließ mich nicht mehr Nacht für Nacht narren und von meinem Lager weglocken. Man wollte mich zermürben … Tagelang ging das nun so. Nachts keinen Schlaf, am Tage, wenn die Sonne über der Sahara flimmerte in quälender Hitze, dasselbe Spiel … Ich hatte die Taktik nun durchschaut … Das war alles kein Zufall, das war Absicht, – nein, gemeinste, feigste Mordfalle. So war es … … Ich horchte … Mein Blut siedete vor Müdigkeit … Die Trommelfelle täuschten mir vielleicht im Brausen dieses Blutkreislaufs Töne vor, die ein weniger abgehetzter Kadaver nie wahrgenommen hätte. Aber ein Mensch, der körperlich so herunter ist, daß er im Stehen einschlafen würde, ist nicht mehr Herr seiner Ohren … Sie belügen ihn … Vielleicht … Grade weil das Blut in den Arterien kocht und die Schläfen zu sprengen droht … Da … Da war es wieder … Stets dasselbe … Stets … Und das war das Niederträchtigste bei alledem, diese ewige, unerschütterliche Umwandelbarkeit der dumpfen klagenden Schreie … Als ob die Seelen Abgeschiedener, dem Fegefeuer entronnen, ihre Pein unsichtbar den Sterblichen mitteilten … Der Ton … Dumpf, sanft anschwellend, sanft vibrierend, und dann jählings – – Stille … Bis derselbe Ton, beginnend mit dem Schlußakkord des zitternden Tremolierens, wieder langsam hinabglitt in die Tiefe seiner ursprünglichen dumpfen Qual und ausklang in einem satanischen Hohngelächter … Schlimmer als das schaurige Gröhlen der leichenfressenden Hyänen … Da … Da war es wieder … Diesmal von der Zisterne her … Ich hielt mich sprungbereit, ich wollte dem Spuk ein Ende bereiten, – so oder so … … Da waren die Palmen, die Steine und die Felsen um die uralte Wüstenquelle, der Kranz von Skeletten von Mensch und Tier, Wahrzeichen stiller Tragödien der großen Einsamkeit größter pfadloser Sandwüsten, Felsenverhaue: Sahara! Diesmal war ich klüger gewesen als die, die mich morden wollten durch Mangel an Schlaf. Diesmal war ich ihnen zuvorgekommen. Hatte mein Lager absichtlich drüben aufgeschlagen auf der Nordseite der kahlen Zacken und war zwischen Dämmerung und Sternenlicht hierher gekrochen wie ein waidwundes Tier … Ich sah etwas … – Endlich – seit fünf Tagen – – endlich! Fünf Tage, fast ohne Schlaf, dazu vierzig Grad Hitze, und dazu die brennende Angst um die Geschöpfe, die mir bisher treu gedient: Fünf Tiere insgesamt, aber abgemagert wie ich, jede Rippe zu zählen … So hatten diese Teufel uns genarrt und geweckt und gefoltert und dazu jedes Wild verscheucht … Schakalfleisch hätte ich gefressen … Es gab keine Schakale … Es gab nur die Aussicht auf das Ende, das Jenseits, den ewigen Schlaf und … auf Überreste unserer selbst wie die da drüben: Skelette!! – Ich sah etwas … Die äußerste Palme rechts, die dickste, deren buschige Krone einen pechschwarzen Schattenfleck auf die Düne malte: In diesem Schattenfleck bewegte sich ein gespenstischer Arm, endlos lang, gekrümmt, – – und daß auf diese Weise das Nachtgestirn mein Verbündeter wurde, ahnte der Schurke da oben nicht … Vieles ward mir urplötzlich klar, was bisher dunkelstes Geheimnis. Hier am Nordwestrande des großen Abseits der Sahara hatten noch überall vereinzelte Palmengruppen gestanden … Also auf die Art hatte man es angefangen, nie eine Fährte zu hinterlassen und selbst die feinen Nasen meiner Hunde zu betrügen …! … Der Schattenarm hob sich … Krümmte sich stärker … Das Konzert begann abermals … – Ich Narr!! Eine Muschel war es, auf der der Halunke dort seine Klagelieder blies, eine jener Riesenmuscheln, für die die Beduinen ungezählte Schaffelle zahlen, weil von jeher der Aberglaube in ihren Köpfen spukt, diese Muscheln seien heilig, seien Mohammeds erste Kampftrompeten gewesen. Ich lächele grimmig und rachsüchtig. Fünf Tage, fünf Nächte ohne Schlaf … Das gibt bei der Abrechnung eine fünfstellige Zahl, und die erste Ziffer ist eine Kugel, und die nächsten sind Nullen, – – die Null ist nichts, ist der Tod. Die Palme stand keine achtzig Meter entfernt, und bei dieser Mondhelle war ich mir meines Schusses sicher. Ich hatte Zeit … Ich nahm das Fernglas, beäugte die Baumkrone, und ich … lachte leise … Eine Palmenkrone dicht wie ein Flederwisch aus Hahnenfedern … Freundchen, welche Arbeit!! Wieviel Palmenzweige mußt du da zusammengeflickt haben für dein Nest! Tute nur, – ich sehe deinen Ellenbogen, und du wirst sehr bald … Der Gedanke riß ab … Der blecherne, kurze Knall der Repetierbüchse entweihte das Traumland der Nacht … Ein Schrei … Ein Brechen von Zweigen, und hinab in den Sand saust ein Körper, rollt die Düne hinab und verschwindet. Wie ein Blitz bin ich auf den Beinen, – – achtzig Meter, lange Sprünge … Nichts mehr von Erschöpfung … Nichts … Da ist der Brunnen, die Skelette, die Felsen und die Sandwoge neben der Palme … Noch drei, vier Sprünge … Aber – – das Feuer erlischt in dem brausenden Hirn, wie gebannt stehe ich, – – der Vollmond und das Lichtermeer des Firmaments bescheinen die stille Gestalt … Schuldbewußtsein preßt mir die Kehle zusammen. War ich denn von Sinnen, als ich, der Gehetzte, mich meines Schusses noch sicher wähnte?! Auf den Unterarm hatte ich gezielt … Und was getroffen?! Bleierne Schwere kriecht mir durch die Glieder … Alles hätte mein siecher Leib ertragen, – – dies nicht! Das Nachtbild dreht sich in wilden Kreisen, und inmitten dieses tollen Wirbels geistert das feine zarte Gesicht eines halben Kindes als ewiger Vorwurf … Wie denn?! Schlapp werden, – – hier, – – jetzt?! Und ich bücke mich, schleppe in den Armen den leichten, schlanken Körper hinüber zu meinem kleinen Nomadenheim, einem armseligen Zelt …

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