| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

46 – Die Stadt der Verbannten – Olaf K. Abelsen

Der weißbärtige Kaid mit dem niederträchtig spöttischen Gaunergesicht blinzelte mich in scheinbarem Nichtverstehen fragend an. „Deine Worte, Herr, sind wie die Schafe, die die Drehkrankheit haben. Sprich deutlicher.“ Er streichelte seinen Bart und deutete mit der anderen Hand, die einen Tschibuk hielt, durch die offene Tür nach draußen, wo an den Nordabhängen des Tales auf kleinen grünen Terrassen neben Pferden und Maultieren und Ziegen auch gefleckte Schafe von jener gedrungenen marokkanischen Spielart weideten, die aus einer immerwährenden Kreuzung von Wildschaf und Hausschaf hervorgegangen sind. Die armen Tiere waren krank. Es war dieselbe Seuche, die auch Europa kennt. Die davon befallenen Tiere drehten sich fast auf einem Fleck im Kreise, fraßen wenig, magerten ab und mußten geschlachtet werden. Kaid Mahmed wußte recht gut, was ich meinte. Aber er wollte nicht verstehen. Mit diesen braunen Herrschaften kann man nur durch diplomatische Mätzchen verkehren. Die wenigen Stämme, die in den Küstenbergen an der atlantischen Seite Marokkos hausen, sind stark mit Negerblut vermischt und lieben die krummen Geistespfade. Von dem schlichten Wort: „Deine Rede sei Ja oder Nein“ haben sie keinen blassen Schimmer. Ich saß der offenen Tür am nächsten. Mahmeds Lehmhütte enthielt Düfte, die ebenso uralt waren wie er selbst und genau so unangenehm wie seine Körperausstrahlung. Baden ist bei den Benguits unerhörter Luxus. Vom Meere her stieß die Abendbrise das Tal entlang, und die Palmen und Feigenbäume und kümmerlichen Sträucher rauschten mit der fernen Brandung um die Wette. „Kaid Mahmed, du bist mein Freund“, begann ich von neuem. „Ja, Herr … Du hast uns viele Reittiere und Sättel geschenkt, die du gestohlen hattest …“ Er streichelte jetzt seine Nase, und seine Stimme hatte warnend-verächtlich geklungen. Unsere Freundschaft beruhte auf dem sehr dünnen Fundament einer Dankbarkeit, die in den letzten Tagen stark verblaßt war. Mahmed liebte keine europäische Gründlichkeit. Man könnte auch Neugier sagen. Mein Blick schweifte zu der Seitenschlucht empor, vor deren dunklem Zugang zwei Krieger in braunen Umhängen und bunten Kopftüchern hockten. „Gestohlen?! – Kriegsbeute!“, wehrte ich die Grobheit gutgelaunt ab. Aber diese gute Laune war Tünche. Meine Geduld war dem Reißen nahe.


Diese Banditen behandelten mich seit Tagen als halben Gefangenen, und Kaid Mahmed hatte mir wiederholt sehr zart nahegelegt, ich solle doch nach Larache reiten, – – mithin ein versteckter Hinauswurf! Ausgerechnet nach Larache, wo man mich unbedingt verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt hätte! Der Reittiere wegen …! Ganz sauber war die Geschichte nicht gewesen. „Du bist mein Freund“, begann ich von neuem. „Ich möchte dir Ungelegenheiten ersparen. Heute nachmittag traf ich drüben im Wadi Tessan Spuren von dreißig Reitern …“ Mahmed verschonte seine Nase und schaute mich groß an. Die dreißig Reiter hatten Eindruck gemacht. Zur Beruhigung griff der Kaid schleunigst in den Topf mit den faustgroßen, halb gerösteten Zwiebeln und fing zu kauen an. Ich rückte noch näher nach der Tür hin. Die marokkanische Zwiebel verdient den Namen Stinkknolle. „Du meinst, Herr …?“, fragte er mit vollem Munde. „Ich warne dich“, sagte ich einfach. „Es waren spanische berittene Legionäre mit einem Maschinengewehr, und in ihrem Zeltlager befand sich eine Frau, die dir, o Kaid, kaltblütig die Augen ausstechen würde.“ Er rutschte auf seinem Schaffell hin und her und kratzte sich die braune Brust. Es war nötig, – er hatte nicht nur Flöhe. „Eine Frau …?!“, wiederholte er und würgte den Rest der Pestzwiebel hinab und hustete. Meine Zeit war gekommen. „Mahmed, die Spanier werden dich aufknüpfen … Du kannst deine Gefangenen nicht mehr anderswohin schaffen … Euer Dorf wird beobachtet …“ Bisher hatte der alte Edelgauner stets geleugnet, daß in der Schlucht Gefangene steckten, und unsere sogenannte Freundschaft hatte von dem Augenblick an einen Riß bekommen, als ich gemerkt hatte, daß man mich von der Schlucht fernhielt, und ich verlangt hatte, auch sie mir ansehen zu dürfen. Ich war überzeugt, daß in der Schlucht Leute gefangen gehalten würden, für die Mahmed und Konsorten ein Lösegeld erpressen wollten. Diese Art gefährlichen Nebenerwerbs ist selbst im gesitteten Jahre 1925 in Marokko noch nicht ausgestorben. Der greise Kaid legte seine Pfeife weg. „Herr, rate mir …“ …Wie schon erwähnt, nur mit Diplomatie war hier etwas zu erreichen. „Raten – dir raten?! Bitte!“ Ich faßte in den Gurt und hielt ihm meine schöne, frisch geputzte Pistole hin. „Schieße dir eine Kugel vor den Kopf … Ein Strick bereitet Unbehagen …“ Sein Unterkiefer klappte herab … Seine Augen quollen vor … Angst!! Aber dieser Bergbanditenchef war nicht dumm. Plötzlich grinste er … „Und du, Herr?! Wenn dich die Spanier fangen, werden sie …“ Ich lachte ihm ins Gesicht. „Kaid Mahmed, mich hängt niemand so leicht! Das weißt du … Ich reite wie der Sturm, ich schwimme wie ein Fisch, ich laufe und klettere wie eine Bergziege, ich schieße und treffe, und ich habe den da, vor dem ihr Angst habt, als Freund.“ Der da, – das war ein Ungetüm von Hund, das war halb Wolf, halb Hund … Und dieser Treueste der Treuen lag zu meinen Füßen und blinzelte Mahmed vorläufig mit neutralen Blicken an – vorläufig.

Kaid Mahmed wollte abermals nach einer Pestzwiebel greifen. Aber er zog die Hand zurück und sagte schnell: „Du bist ein großer Krieger … Deine Klugheit übertrifft die Weisheit meiner Jahre … Was soll ich tun, Herr?“ Nun hatte ich ihn so weit, wie ich ihn haben wollte. „Schicke Wachen oben auf die Talhöhen, Kaid, und dann reden wir weiter …“ Links von ihm hing die Signalsirene von Benguit. … Ein Kupferkessel, von einem Schiffswrack „gefunden“, vielfach durchlöchert, daher zum Kochen ungeeignet. Mahmed packte die zugehörigen Kesselpaukenschlegel und schlug einen Wirbel. Trasso knurrte unmutig, und ich hielt mir die Ohren zu. Der Kerl trommelte nur piano, – – er hatte Angst, daß der Schall zu weit dringen könnte. Nachdem er von seinen mehr malerisch als sauberen Kriegern zwanzig als Posten weggeschickt hatte – die Kerle machten ziemlich längliche Gesichter – wurde er selbst fabelhaft liebenswürdig. Er pries meine Tugenden und Vorzüge, und zum Schluß kam die Hauptsache: „… Herr, wir wollen miteinander reden …“ „Ich werde fragen …“ Schnell nahm er eine Zwiebel … Ich kannte das schon. Er kaute, die Augen tränten ihm, und die Pestknolle stank bestialisch. „Wer sind die Gefangenen?“ Er verdrehte die Pupillen wie ein sterbender Hammel … „Herr, es … es ist ein Greis, den wir schon … fünfzehn Jahre bei uns haben …“ Er log nicht. Wenn Mahmed schwindelt, hat er Engelsaugen und das Lächeln eines Säuglings. „Fünfzehn Jahre?! – Wie das?!“ Er kratzte sich und kaute … „Herr, der Mann kam zu uns mit vier Maultieren … Er wollte nach Süden, wo der Dschebel Kainar die Sommerhitze aufsaugt und kein Mensch und kein Tier leben kann …“ „Und er hatte vieles bei sich, was ihr brauchen konntet … Ich verstehe … – Wo fingt ihr ihn?“ „Im Norden in den Bergen …“ „Er war allein?“ „Ja, Herr …“ „Ein Spanier?“ „Vielleicht … Er nannte nie seinen Namen. Er spricht alle Sprachen, er erschoß fünf von uns, und wir hatten ein Anrecht auf sein Gepäck.“ „Nach eurer Auffassung!! Nun begreife ich auch, weshalb hier im Dorfe so viel seltsame Instrumente in den Hütten herumliegen. – Und wer befindet sich noch in der Schlucht?“ Kaid Mahmed hustete… Sein Atem stockt … Trasso und ich rutschten noch mehr ins Freie. „Eine … eine junge Frau …“ Also doch!! Ich hatte richtig gehört. „Wann nahmt ihr die Frau gefangen?“ … Peinliche Frage …!! Der Banditenchef schaute zu Boden auf seine Beine. Der unappetitliche Anblick seiner nackten Füße in den ungegerbten Sandalen war ihm nichts Neues. Mir auch nicht. Leider. „Vor zwei Monaten, Herr …“: „Allein?“ Abermals mußte eine Zwiebel daran glauben. „Herr“, schmatzte der weißbärtige Normalmarokkaner (die braunen Herren sind alle einander gleich in gewissen kleinen moralischen Defekten, die man schließlich in der Verfeinerung des Defraudantentums, des Bankbetruges und ähnlicher „Geschäftstüchtigkeit“ auch in Europa findet) – „Herr, sie setzten sich zur Wehr, und …“ „Verstehe …: Tot!! – Und die Frau?“ Kaid Mahmed röchelte vor Verlegenheit … „Ein … Mädchen, Herr, eine Spanierin …“ „Ihr Name?“ Der alte Gannef holte aus seinem Kittel einen Briefumschlag hervor … „Da, Herr … lies … Ich kann es nicht lesen …“ Zunächst schüttelte ich den Brief mit weit seitwärts gestreckter Hand gründlich hin und her. Es war nötig … Dann las ich die Aufschrift: Oberst, Riverro, Kommandant von Larache. Dann zog ich den Briefbogen hervor.

Die Bleistiftschrift war kraftvoll und schlicht, der Text englisch … „Herr Oberst, man hat meine Begleiter ermordet und will mich nur für ein Lösegeld von 200 000 Pesetas freigeben. Setzen Sie sich bitte mit Mr. Simon Smetterlay, London, Strand 15, in Verbindung. Er wird die Summe vorschießen. Da hier bei dem Bergstamm, der mich gefangen hält, ein zweifellos gefährlicher europäischer Abenteurer weilt, kann ich nur durch Zahlung der verlangten Summe meine Freiheit zurückgewinnen und darf Ihnen auch nicht verraten, wo ich mich befinde. – Alix Honoria Gwenda Wilkins, Tochter Lord Albert Farsings.“ Als ich dies gelesen hatte, begriff ich erst, weshalb Kaid Mahmed immer wieder so zart angetippt hatte, ich solle nach Larache reiten. Ich hätte natürlich den Brief befördern sollen. „O Mahmed“, sagte ich kopfschüttelnd, „unsere Freundschaft ist wie Butter in der Sonne … Du bist ein Schuft.“ Seine Sprachkenntnisse des Spanischen reichten gerade hin, dieses „Schuft“ mit zu kapieren. Er … feixte. Es war eine Schmeichelei für ihn. „Ich bin sehr weise, Herr … Du hättest uns nicht verraten, denn du hast 252 Reittiere gestohlen, und dein Hals ist auch reif für einen Strick.“ Natürlich schätzte er mich nach seiner eigenen Mentalität ein. Er war wohl nur mit Europäern in Berührung gekommen, die seines Schlages waren. Es wäre zwecklos gewesen, ihn anzugrobsen. Die Dinge hier lagen verdammt ernst, auch für mich. Ich drehte den Briefbogen um und las Miß Wilkins Nachschrift: „Herr Oberst, belästigen Sie den Überbringer des Briefes auf keinen Fall. Ich bin hier nicht die einzige Gefangene. Das Geld soll dem Überbringer anstandslos ausgezahlt werden. Es hängt unendlich viel davon ab. Ich bitte Sie also, nicht etwa zu versuchen, den Boten durch Drohungen einzuschüchtern.“ Mir war schon so allerhand begegnet. Daß mich aber ein Marokkanerhäuptling als Gehilfe bei einer netten Erpressung hatte benutzen wollen, durfte ich auf das Konto „Besondere Erlebnisse“ buchen. Der edle Kaid fraß schon wieder Zwiebel.

Das Tal schwamm in Feuerglut des Sonnenunterganges … Die armen Drehschafe waren rosig angehaucht. Dann stürzte einer der Benguits herbei: Alarm!! Er hatte drei Spanier bemerkt, die in einem Seitentale entlangkämen … Patrouille also … Mahmed tief aschgrau an … „Herr“, winselte er, „nimm du die beiden Gefangenen und entfliehe mit ihnen … Du bist klug, du bist tapfer, du bist …“ Ich stand schon auf den Beinen. „Führe mich in die Schlucht… Lasse drei Pferde satteln …!“ Er erteilte stotternd die nötigen Befehle. Dann trabte er vor mir her und murmelte Gebete und fluchte auf das Maschinengewehr … Dreißig Spanier hätten ihn niemals zu dem erhöhten Zwiebelgenuß angefeuert. Aber die moderne Kugelspritze, – die erforderte allein vier Pestknollen als Nervenberuhigungsmittel. Ein Segen, daß ich nicht dazu verurteilt war, mit Mahmed nachts in einer Hütte zu schlafen.

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |