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42 – Das Grab der Namenlosen – Olaf K. Abelsen

Das mächtige Tier, das da unten zwischen den Klippen und Riffen und Steinblöcken des Buchtstrandes im lauen Sonnenschein sich ruhelos hin und her schob, als ob es die drohende Gefahr unklar witterte, machte nun in seinen schwerfälligen Bewegungen sekundenlang halt und drehte den rüsselbewehrten Kopf nach der Landseite zu und schien auch den Büchsenlauf erspäht zu haben, der droben auf der Felskanzel der Steilküste eilends zurückgezogen wurde. Mit verblüffender Schnelligkeit schob es den spindelförmigen Leib hinter einen der vielen dunklen Basaltklötze und kam nicht wieder zum Vorschein. Das Tier war ein männlicher junger See-Elefant, also ein Angehöriger jener Robbenart, die ausgewachsen bis zu acht Meter lang wird. Träge, überfette Gesellen sind es, diese Seesäuger, und nur zur Paarungszeit befällt sie ein Mut, eine Angriffslust und eine Kampfesfreude, die dann die rüsselartige Verlängerung ihrer Schnauze seltsamerweise etwa wie die Haube einer gereizten Brillenschlange anschwellen läßt. Schön sind sie nicht, diese Rüsselburschen aus der Familie der Robben, aber ihr Fell liefert nun einmal vorzügliches Stiefelleder, und so ungern ich gerade diese immerhin selten gewordenen Tiere abschieße, – der Elefantenjüngling dort hätte trotz der eigentümlichen Begleitumstände eins auf den Pelz gebrannt bekommen, wenn nicht … Ja, wenn nicht …! Was hatte mich eigentlich davon abgehalten, nicht doch noch abzudrücken?! … Ich wußte es eigentlich selbst nicht recht. Freund Kituri zischelte mir denn auch jagdeifrig und umso enttäuschter zu: „He, Tuwan, – du nicht schießen?! He – nun große Robbe schwimmen weg, und harte Felsen fressen weiche Schuhsohlen!! He – das besser sein, Tuwan?!“ In allgemeinverständliches Deutsch übersetz hieß das etwa: „Herr, du hast dich kolossal dumm benommen. Das Tier war uns sicher, unsere Stiefel brauchen notwendig frische Sohlen, und deinetwegen kann ich mir nun die Füße auf dieser verd… Felseninsel wund laufen!“ Kituri war zu sehr an Respekt gewöhnt, um derartige Ehrlichkeit zu riskieren. Er umschrieb alles, was er an mir auszusetzen hatte, mit etlichen verblümten Fragen und etlichen geringschätzig-frechen „He’s“, – daran war ich nun schon gewöhnt. Drei Wochen Robinsonade auf der entlegensten aller unbewohnten Rieseninseln hatte mir des jungen Malaien Besonderheiten restlos enthüllt, übrigens zu Kituris Vorteil. Jeder Tag hatte mir den sehnigen schlanken Burschen mit dem scharfen, kühnen Profil als Gefährten seelisch nähergebracht. Eins wunderte mich bei Kituris sonst so rascher Auffassungs- und nie fehlender Beobachtungsgabe: Daß nicht auch er an dem Rüsselträger irgend etwas wahrgenommen haben sollte, das ihn stutzen ließ. Wie mich – – unwillkürlich. Nun war es an mir, ihm zu antworten … Aber diese Antwort erfolgte nicht. Anderes begab sich … Kituri umkrallte meinen Arm … Flüsterte nur – noch leiser: „He, – du sehen, Tuwan?!“ Frage!! Und ob ich es sah … Urplötzlich war da zwischen den Steinen eine menschliche Gestalt erschienen. Ein Weib … ein Mädchen – wie wir in Robbenfell gekleidet, nur mit einer gewissen Koketterie, mit einem gewissen – na sagen wir der Örtlichkeit entsprechend – einem gewissen Südpolarschick. Kerguelenland liegt ja schließlich an der äußersten Treibeisgrenze des Südpols. Also ein Weib … Mit äußerst vorsichtigen Bewegungen, mit äußerst geschmeidigem Körper, mit einer modernen Repetierbüchse im Arm und mit anderen ähnlichen Dingen im breiten Ledergurt …! Die Lederkappe mit Pelzbesatz hatte sie tief ins Genick geschoben. Der Wind, der vom Meere her in jaulenden Stößen durch die Felsenenge der Bucht stieß, spielte mit braunem Haar, das halb gelöst umherflatterte. Jeder Schritt der Fremden war gleichsam Beweis höchsten Mißtrauens, jede Kopfbewegung nur Wachsamkeit. So näherte sie sich hier in diesem Winkel der Südwestküste, den wir bisher nicht betreten hatten, gerade jenem Steingebilde, das mir schon längst aufgefallen war. Die Natur leistet sich zuweilen seltsame Scherze. Daß sie aber ausgerechnet drei Felsenkreuze nebeneinander auf einer glatten Stelle des Steinstrandes unweit der Steilküste aufbaut, war denn doch etwas zu viel des Guten oder Zufälligen, – wie man es nimmt. Als Kituri und ich vor zehn Minuten lautlos diese Felskanzel durch eine Art Kamin erreicht hatten, als wir den Jüngling von See-Elefant sich sonnen sahen und sofort an unsere schadhaften Stiefel gedacht hatten, war mein Blick zunächst achtlos über die drei Steingebilde hinweggeflogen … Zunächst … Das änderte sich. Da das Tier wiederholt hinter Klippen verschwunden war, hatte ich Zeit genug gefunden, mir die Kreuze genauer anzusehen. Nur Menschenhände konnten diese Steinklötze aufeinandergeschichtet haben, nur Menschenhände hatten am Fuße der Kreuze die verwelkten, bereits halb zerfetzten Kränze aus Moos und Flechten niedergelegt.


Richtige Kränze, – nicht anders wie die, die man auf den Bergfriedhöfen der kahlen gebirgigen Teile meiner schwedischen Heimat antrifft. … Mooskränze, gewunden um einen ringförmig gebogenen Ast irgend eines angetriebenen Baumstammes, – denn Kerguelenland und Bäume oder blühende Blumen oder dergleichen?! Da müßte man lange suchen! Da müßte man wie wir droben im Nordteil der Insel das eine Zaubertal kennen, das Paradies dieses kalten Nebelreiches. Aber dieses Paradies kennen wenige, und die, die es bewohnten, fuhren vor drei Wochen heim in die freundlichen Gefilde des gesitteten Europas, nach denen ich so gar keine Sehnsucht verspüre – im Gegenteil! … Also jedenfalls Mooskränze, in die man helle Flechten als Blumen mit hineingewunden hatte … Zeichen von Liebe und treuen Gedenkens für Verstorbene, – zweifellos aus Liebe und Pietät von jener Frau dort hergestellt, bevor die Regengüsse und wütenden Stürme und kurzen Schneetreiben vor fünf Tagen über die Insel hinweggefegt waren und auch jenen Kränzen übel mitgespielt hatten, – genau wie uns beiden! Denn auch uns hatten sie etwas geraubt, das in seiner Art unersetzlich war: Meinen Hund! Wo dieses Prachtexemplar von rasseunreiner Blutmischung seit jener Nacht geblieben, mochten die Götter wissen …

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