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41 – Das Erbe von Monte-Christo – Olaf K. Abelsen

Aus den grauen, kühlen Dunstmassen, die wie festgeklebt über dem kahlen, steinigen Hochplateau lagerten, erklang von Süden her ein Heulen und Kläffen und schrilles Winseln, als ob von dort ein Heerbann verdammter Seelen, dem Fegefeuer entstiegen, in Anmarsch wäre. Der Mann, der da soeben in rasendem Lauf mit keuchender Brust und fliegenden Pulsen einen Augenblick ausruhend verharrt hatte, horchte dem Näherkommen dieses satanischen Chores mit vorgeneigtem Kopf. Dann lachte er hart auf, – so, wie die Männer lachen, die die Gefahr als Spiel nur werten … „Alter Monte“, sagte der Mann, indem er sich zu seinem Hunde hinabbeugte, „ich möchte nur wissen, wie dieses Viehzeug hier auf diese gottverlassene Rieseninsel geraten ist, hier am Rande der Treibeisgrenze des Südpols …!“ Von dem Hunde war in den dicken Nebelschwaden nichts, aber auch gar nichts zu sehen, obwohl er eng an die Beine seines Herrn sich schmiegte. Die Hand des schwer atmenden Mannes, den die Meute drüben nun bereits eine volle Stunde hetzte, wurde naß von der Nässe des Nebels, der den Kopf des Tieres mit ungezählten Perlchen bedeckte. „… Sie werden uns doch kriegen, alter Monte“, fuhr der Einsame in seinem trutzigen Selbstgespräch fort. „Unsere Patronen sind verknallt, und gegen ein solches Rudel – hundert sind es noch immer! – gibt es kein Mittel …“ … Er horchte wieder, – er merkte, sie hatten nun doch seine Spur vorläufig verloren. Der dünne Bergbach, der da zu Tal schäumte und in dem er zuletzt entlanggewatet war, gab ihren feinen Raubtiernasen keine Witterung mehr. Der Mann atmete ruhiger. Der Tod in seiner gräßlichsten Art hatte ihn und seinen Hund beinahe in den Krallen gehabt. Es waren Wölfe, zumindest Bastarde von Wölfen und Hunden. Er begriff das nicht. Diese Rieseninsel hier, berüchtigt durch ihre schauerlichen kahlen Gebirgszüge und ewigen Nebel, besaß ja an Säugetieren nichts als eingeschleppte Mäuse und Ratten und dann noch die Wassergeschöpfe aus der Familie der Seehunde … Und jetzt! …Wolfsrudel!! Nein, er begriff es nicht … Und dann schnellte sein Körper straffer auf … Da – das Höllenkonzert näherte sich … Kein Zweifel, diese beutegierige Brut hetzte wieder heran mit geifernden Mäulern und hängenden Zungen und grünrot schillernden Lichtern. „Monte – weiter!“ Der Mann im Lederwams rannte gen Norden, hinein in das Nichts dieser grauen Schwaden, stolperte, raffte sich hoch, sprang über Steine, flog über Erdrisse hinweg, – – neben ihm sein Hund, keuchend wie er selbst, ausgepumpt wie er selbst … Und im Grunde waffenlos. Jede Patrone hatte er vorhin, als die Lage noch kritischer, hineingefeuert in diese Masse sich zusammendrängender Tierleiber … Jede … Und das hatte ihm für Minuten Luft gemacht, das hatte die Verfolger zurückgescheucht, und da waren sie weitergestürmt, Mensch und Hund, und hinter sich ließen sie die ausgehungerten Bestien, die sofort die erschossenen Artgenossen zerrissen hatten … Wolfsmanieren … Er kannte sie. Er kannte sie zur Genüge aus Nordwestkanada, wo in strengen Wintern die Wolfsbrut zu dürren Zaunlatten zusammenhungert und der Hungerwahnsinn sie befällt und sie durch ihre Menge gefährlicher werden als die größten Großkatzen. – Der Mann hoffte auf ein Felsgebilde, das ihm Deckung böte … Der Mann lachte abermals sein hartes, melodisches Lachen, als er von ungefähr nun wirklich gegen einen Felsen rannte … Nur die vorgestreckten Hände hatten ihn vor einem zu harten Anprall bewahrt. Er betastete eilends das Gestein, umkreiste es noch eiliger, – es war ja wie ein kahler, nackter Felshügel, – er zauderte nicht, er fand eine Art Kluft, nahm seinen Hund in den Rucksack und begann den Anstieg. Anstieg?! Aus dem Nebelgebräu trappelte es heran mit vierhundert krallenbewehrten eiligen Füßen, mit Heulen und Kläffen und Winseln und Knurren und Japsen – ein Chor unsichtbarer Dämonen. Die Kluft war eng, hatte Risse, Vorsprünge, ging fast senkrecht empor – – wohin?! Und der Mann war blind durch die tückischen Nebel … Der Mann sah kaum die Hand vor Augen. Das Gestein war naß, schlüpfrig, Flechten und Moose klebten daran, vollgesogen voll Wassernebel wie Badeschwämme. Nur der Tastsinn blieb dem Manne, der nun um das Letzte kämpfte, und der trotzdem die Zähne zusammenbiß, wie so oft schon, wenn es um die äußerste Entscheidung gegangen war. Er wollte siegen, und er war es nicht gewohnt, einen Kampf aufzugeben, und wenn auch nur die allerleiseste Hoffnung sich noch zeigte. Die Hoffnung war dieses Felsgebilde, von dem er nur wußte: Ein steiler riesiger Basaltblock, – Basalt, Urgestein, auf der Kergueleninsel am häufigsten anzutreffen. Nur der Tastsinn blieb ihm … Hände, Füße, arbeiteten automatisch … Wo nur irgend ein Halt zu finden, – er nutzte ihn … Er zog sich höher, behindert durch Rucksack und Büchse … Er rutschte abwärts … Die nassen Badeschwämme verhöhnten seine Muskeln, waren gegen ihn … Seine Hände, Stiefel glitten ab, und die Last auf seinem Rücken, sein treuer, vierbeiniger Freund, ward zu Zentnern in diesem Spiel gegen die heulende Meute. Unter ihm drängten sie sich, Wolfsgelichter, unsichtbar, – – schnellten empor, schnappten nach seinen Füßen, daß die Zähne zusammenknallten wie harte Bretter.


Aber – er wollte höher … Er sah nichts … Er hörte die grimmen Feinde, er roch sie … Der Raubtiergestank teilte sich dem Nebel mit, dunstete nach oben in der engen Kluft, und der Hund im Rucksack knurrte … Der Mann blieb still … Er kämpfte gegen die Widrigkeiten, die sich ihm entgegenstemmten mit jener Heimtücke, als ob verderbte Menschenhirne sie ersonnen hätten … Er rutschte hinab, – aber er holte den Verlust sofort wieder ein, denn in ihm loderte das Große, Erhabene, Heldische: Der Kampfeswille! Und da – wieder so ein paar niederträchtige nasse Schwämme, wieder verliert er den Vorsprung, und aus dem stinkenden Chor der vierbeinigen Teufel schnellt einer empor, beißt zu, und der Mann fühlt die Fangzähne im Stiefelschaft, fühlt das Bleigewicht, krallt die Hände in die Ritzen, schwebt im Leeren, doppelt belastet, und tastet mit dem anderen Fuße nach einem gnädigen Halt … Findet ihn auch … Und hängt da, die Bestie am Bein, die nicht loslassen will, – – vielleicht ist es gar der Führer des Rudels, das stärkste Tier … Und das hält fest … Kampf im Dunkeln … Kampf eines Blinden gegen hundert, deren wildes Konzert nach seinem Blut verlangt. Und der Mann wagt es … Er merkt, er wird das Bleigewicht nicht los! Es muß sein …! Noch haben seine zerschundenen Finger den nötigen Halt, die nötige Kraft, noch sind sie Eisenhaken, hineingeschoben in das rissige Urgestein … Noch … Wie lange noch?! Und deshalb wagt er es … Deshalb … Verläßt sich auf die Sehnen dieser blutig zerschundenen Finger, löst den anderen Fuß von dem Felsbuckel, hebt das Bleigewicht des verbissenen Wolfes höher und stößt zu, um es loszuwerden … Stößt mit dem Stiefelabsatz dorthin, wo der Schädel der Bestie baumeln muß … Trifft… Spürt den Ruck des Stoßes im eigenen Leibe, in den eigenen Armen, als sollten ihm diese ausgerissen werden … Der Wolf, halb betäubt, fällt herab auf die Rücken seiner Artgenossen, das Knurren verstummt einen Augenblick, – – nichts ist zu sehen, und das ist das Grausige bei alledem … Der Mann horcht… Schon ist die Stille vorüber, und gerade unter ihm erhebt sich der bestialische Lärm des Mordens … Das halbbetäubte Tier wird zerrissen, zerfetzt, verschlungen … Teufel balgen sich um die Beute, gemeine ausgehungerte Teufel ohne jedes Zusammengehörigkeitsgefühl … Ob es einer der eigenen Sippe, den sie da anfallen zu Hunderten, – ihnen ist es gleich … Blutrausch, Freßgier, diabolische Mordgier treibt sie zu feigem Schlächterhandwerk … Der Mann kann sich die Szene dort unten nur ausmalen im eigenen Hirn … Er hört nur das schrille Todesheulen, das letzte Winseln des Opfers … Ihn fröstelt es … Er malt sich sein eigenes Geschick aus … Und dann flutet der Lebenstrieb wieder aufpeitschend durch seine Adern, und er klimmt höher … höher. Vorsichtig, unbelästigt … In den Raubtierdunst mengt sich der andere Dunst warmen Fleisches und Blutes, – – von dem zerfetzten Kadaver, von den herausgerissenen Eingeweiden, von dem Lebenssaft des Tieres, das da unten starb und das ihm die Spanne Zeit verschaffte, noch höher zu steigen, außerhalb des Bereichs der emporschnellenden Feinde. Plötzlich greift seine rechte Hand ins Leere. Der Felskamin hat hier ein Ende, und der Mann tastet umher, wagt auch diesen Sprung zur Seite und liegt bäuchlings auf dem Felsen, umgeben von dem grauen Nichts des Nebels … Des Kerguelen-Nebels … … Kalt, dick, schwer, grau wie verblaßte Schleier. Er rappelt sich auf, zieht die Beine nach, rollt sich eng zusammen wie ein Igel, denn dieser Unterschlupf ist eng, hat vielleicht anderswo seine unsichtbaren Tücken. So liegt der Mann, und hört nur mehr das eigene Herz dumpf pochen, hört nur das Rauschen des eigenen Blutes gegen die eigenen Trommelfelle, die förmlich vibrieren, – – und pfeift durch die Zähne wie ein fauchender Blasebalg unter den Atemstößen der überanstrengten Lunge … Er liegt still … Der Hund liegt still in seinem Rucksack … Das Rudel der Bestien heult, stinkt, knurrt. Und die ganze Welt ringsum ist nur grauer Dunst, ist nur das unheimliche Nichts eines nebligen Abends auf Kerguelenland an der Treibeisgrenze des Südpols … So ist es … Und in diese unsichtbare Szenerie fällt von fernher, von Süden, wo sich die Gletscherkuppen türmen, ein gänzlich fremder Ton … Fällt nicht, – nein, stößt durch den Nebel wie ein toller, wild-mahnender Wirbel eines nahenden Orkans … Ein Ton, langgereckt, beginnend in der Mittellage, anschwellend zu schrillem Diskant … Vielleicht einem besonders gearteten Horn entquellend mit unheimlicher Tonfülle, vielleicht die Stimme eines Tieres, denn die Riesensäugetiere des Ozeans, die da an den Küsten der ungeheuren Insel hausen, haben ebenfalls bei ihren brünstigen Kämpfen Stimmittel zur Verfügung, die in den Klippen und Riffen und Inselchen vielfache Echos wecken. Und doch … So jäh, wie da unten jetzt der infernalische Chor der hungrigen Bestien verstummt, – so jäh geschieht es, daß nur eins die Ursache sein kann: Der ferne, gewaltige, nebelzerfetzende Ton, der nun abermals hörbar wird. Und sie schweigen vollends, die tollen Verfolger des Mannes, der sich halb aufgerichtet hat und regungslos horcht … Horcht … Und hört … Hört das Trappeln von unzähligen Füßen, hört das Klappern der Krallen auf nacktem Gestein … Und wieder stößt das ferne Signal durch das braune Gebräu der Wassertröpfchen, – – und aus dem Trappeln und Klappern wird keuchender, eiliger Rückzug … Wie ein Spuk entschwindet das Wolfsrudel, wie ein Spuk erstirbt der Lärm der hastigen Brut, und der Mann da oben, ganz Ohr, streicht sich über die Stirn und … begreift nichts von alledem … Genau wie um ihn her das große Nichts Grau in Grau alles, alles zudeckt mit verblaßten Trauerschleiern. Dann besinnt er sich, wer er ist, – – und er lacht wieder lautlos in sich hinein, hart trotzdem, metallisch trotzdem, – ein Lachen des stillen Sieges … Was tut es, daß da irgendwo eine geheimnisvolle Persönlichkeit diese Wölfe und Wolfsbastarde zurücklockte in die Einsamkeit der südlichen Berge, und daß diese nahezu hundert Bestien dem Signal gehorchten?! Das hat für den Mann da oben im Felsenversteck keinerlei Bedeutung, was seine eigene übermenschliche Leistung in diesem Kampfe angeht … Seine Leistung war die eines Menschen mit eisernen Nerven und eisernem Willen – auch als Verfolgter, als Gehetzter … Und dieses Eherne, Stählerne, Unbeugsame, diese elastische kluge Zähigkeit des Willens verdankt er nicht sich selbst. Der Mann wird das, jeder Mann wird das, was die Umstände, die Lebensbedingungen und der geringe Prozentsatz ererbter Eigenschaften aus ihm machen, in ihn hineinhämmern, aus ihm zurechtkneten mit ebenso eisenharten Fäusten, wie er selber sie gewann im Laufe der Jahre abseits vom Alltag … Der Mann überschätzt sich nicht, – der Mann fühlt sich als Sieger, weil er in Wahrheit auch an diesem frostigen Abend gesiegt hat. Keine der hungrigen Bestien, die nun gen Süden davonkeuchen, hätte ihn hier oben erreicht. Und wenn der Morgen gekommen wäre und Sonne und Wind die Schleier ringsum zerrissen hätten, dann würde derselbe Mann von diesem Basaltkegel Steinstücke losgebröckelt und sie hinabgeschleudert haben zwischen die tolle Brut, und so wäre er Vernichter geworden von vierbeinigen Geschöpfen, die zu schade waren, elend zusammengehauen zu werden, – das sieht er nun ein … Zu schade … – Gewiß, sie hetzten ihn, sie hätten ihn zerrissen, verschlungen, ihn und seinen Hund, aber – – es waren vierbeinige Geschöpfe, die er im Grunde genau so liebt wie die ganze Natur mit all ihren Wundern, und – das weiß er jetzt auch – sie sind gezähmte Wildlinge, alle, alle, sie gehorchten dem fremden Signal wie in Angst vor einer Macht, die stärker ist als ihre geschlossene, blutgierige Masse, – – einer Macht, einem Menschen … Einem Menschen … Und das gibt dem Manne zu denken. Das verwandelt das Abenteuer in ein Geheimnis … Mit diesem Geheimnis belastet tritt der Mann mit seinem Hunde den Rückweg zur Küste an, wo ein Kranz von Inseln, Inselchen, Klippen und Riffen die Gestade von Kerguelenland umsäumt.

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