| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

31 – Der Reiter am Himmel – Olaf K. Abelsen

Das fahle Leuchten aus der eingedrückten Seitenbordluke des durch die mondhellen Wogen dahintaumelnden Wrackstumpfes behagte mir nicht. Es war weder das Licht einer Laterne, die etwa ein armseliger Schiffbrüchiger als Notsignal angezündet haben konnte, noch sonst eine Lichtquelle irdischen Ursprungs. Ein Mann, den das Schicksal auf einem nur noch mit der Spitze herausragenden Schiffskadaver grausam allein läßt, wird die Laterne nicht gerade innen in seinem engen, glutheißen, allerletzten Schlupfwinkel befestigen. Und sonst?! Was sollte sonst dort dieses gelbliche, matte, ungewisse Strahlen, umrandet von den zackigen Resten des Lukendeckels, so seltsam gespenstisch hinausschicken über das einsame, nächtliche Meer?! … Ich hatte den Motor unserer kleinen Pinasse in vorsichtiger Entfernung gestoppt. Der stumpfe Kegel der Wrackspitze, behängt mit den Trümmern des Bugspriets 1 , mit Tauen, Leinen, Seetangbärten und triefenden Seegrasskalpen, mochte zu einem Segler gehören, der nun, aufgeschlitzt im Orkan durch ein Riff oder im Nebel und Regen gerammt durch einen Kollegen von der Dampferzunft, auf einer schwimmfähigen Ladung dahintrieb als dauernde Gefahr für die ganze Schiffahrt hier im glutheißen Golf von Mexiko. Wir blieben ihm besser fern. Diese Schiffsleichen sind tückisch wie Hexen, die sich an den Lebenden für das eigene Geschick rächen möchten, sind lauernde Bestien, die den letzten Todesstoß erwarten und doch vorher noch denselben Stoß austeilen möchten, sind die unbeseelten Wanderer abseits vom Alltag mit tierischen Vernichtungstrieben und unberechenbaren Launen. Nein, das fahle Leuchten behagte mir gar nicht. Etwas nicht näher zu bezeichnendes hinterlistig Drohendes und Lockendes und Warnendes und doch auch Neugier Entflammendes lag in diesem gelblichen, schwachen Schein, der zuweilen ein wenig heller aufglomm, dann wieder zusammenschrumpfte, aufs neue seine Leuchtkraft vermehrte und nie völlig gleichmäßig strahlte. Mein einziger Gefährte hier auf der flinken Pinasse zeigte für den Wrackstumpf auch nicht die geringste Teilnahme. Mr. Black saß neben mir am Steuer und säuberte mit seinem langen Schnabel melancholisch und mißvergnügt sein glänzend schwarzes Federkleid, zog die Schwungfedern der kräftigen Schwingen über die rote, feuchte Feinschmeckerzunge hin und kratzte sich in den Pausen dieser gründlichen Wochenwäsche sehr bedenklich mit den scharfen Krallen den rundlichen Kopf, als ob er damit andeuten wollte, daß unsere Abreise von der Santa Theresa-Lagune aus dem Kreis lieber Freunde und Schicksalsgefährten doch ein wenig zu übereilt gewesen sei. Was wußte Mr. Black von der Unrast meines Blutes?! Was wußte er von dem beglückenden Rausch des Ungewissen, der gerade in solchen ziellosen Fahrten lag?! Mr. Blacks Neigungen beschränkten sich auf den eng gezogenen Kreis eigenen Wohlbefindens. Die reich gedeckte Tafel der Lagune, die nun meilenweit hinter uns im Westen an Yucatans wenig bekannten Küsten lag, war ihm mit ihrer Überfülle an Krabben, Krebsen, matten Fischen und gedunsenen Fischkadavern ein wahres Schlaraffenland gewesen. Mir nicht … So traumhaft schön auch meines Freundes Mac Intocks weißes Haus dort zwischen Palmen und duftenden Büschen am weißen Strande gelegen hatte: Das Abenteurerblut, das nach neuem Erleben, nach neuen Wundern sich sehnte, hatte den raschen Entschluß gefördert: Um Mitternacht waren wir in aller Stille davongefahren, und jetzt, kaum anderthalb Stunden später, hatte mir das Füllhorn des Schicksals dieses Wrack bereits in den Weg geführt … Nur eine Wrackspitze, nur ein magisches Leuchten, und doch eine Verheißung: Irgend etwas war mit diesem dahintaumelnden, von zerzausten Leinen und Tauen und Holzresten und Meerespflanzen traurig umwobenen Schiffsrest nicht ganz in Ordnung. Eine Woge kam, hob die Pinasse, trieb sie vorwärts, – spielerisch wie einen leichten Kork, – und die Schwester dieser Woge, die soeben klatschend und schäumend gegen den stumpfen Kegel mit dem leuchtenden Auge brandete, hatte das im Wasser verborgene, immer noch feste Gefüge des Schiffskadavers ein wenig gedreht, – – schon war das Unheil da, die gierige Lanze des totwunden, seelenlosen Wanderers der Meereswüsten, eine scharfkantige, noch allzu lange Mastspitze, traf den Kiel meines eigenen Fahrzeuges, bohrte sich durch feste Planken mit bösem Stoß, warf mich halb vom Sitz, ließ Mr. Black angstvoll kreischend emporflattern und in eiligem Fluge westwärts davonstreichen, zurück zu den reichen Fleischtöpfen der grünen Lagune, zurück zu den Freunden, die nun, wenn der Rabe ohne mich sich einfand, in heißer Sorge meiner gedenken würden. … Und die dritte und vierte Schwester der ewig fruchtbaren Wogensaat des Ozeans vollendete das Werk der Zerstörung. Die gierige Lanze schnellte zurück, stieß nochmals zu, die Pinasse begann zu sinken, ein Wunder blieb es, daß ich mich und meine geringe Habe trockenen Fußes auf die Wrackspitze rettete … Dicht vor mir sackte mein kleines Fahrzeug in die Tiefe, drehte im Todeskampf nochmals den Boden nach oben, zeigte mir im Mondlicht die beiden schenkeldicken Löcher und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Am Bugsprietrest hatte ich mich angeklammert, hatte nun schräg unter mir die offene Luke, sah in dem fahlen Leuchten nur einen fahlen Streifen, wollte mich an einem Tauende hinablassen in den engen Unterschlupf, und gerade da fuhr aus der Luke ein schleimiger Arm hervor, tastete nach oben, tastete nach meinen Füßen, – – ein zweiter ekler Arm folgte, nicht schnell genug hatte ich mit dem Messer zugeschlagen, ein dritter, vierter Fangarm eines Riesenkraken umschlang meine Füße, – ein Ruck, ein verzweifeltes Ringen, ich schwebte in der Luft, wurde hinabgezerrt, fühlte das lähmende Entsetzen eines unentrinnbaren Geschicks, – – Sekunden später erwachte der Wille zum Leben mit verstärkter Kraft, ich schlug und schnitt mit dem langen Jagdmesser zielbewußt diese widerlichweichen, knorpeligen Schlangen in Stücke, ich arbeitete mich zurück zu meinem sicheren Hort, seilte mich fest, erwartete einen neuen Angriff durch die Fangarme des Riesentintenfisches, – – es erfolgte nichts … Zwischen Tauwerk und Holzresten und Seepflanzen wanden sich zu meinen Füßen die abgesäbelten Stücke der Fangarme mit den breiten Saugnäpfen wie gallertartige halb durchsichtige, armdicke Reptilien. Stücke von zwei Meter, drei Meter Länge … So scheußlich anzuschauen, daß ich sie hinab in die See stieß, denn ihr Anblick erregte Übelkeit … Aber das hämmernde Herz kam zur Ruhe, und der vorläufige Sieg über eines jener Ungeheuer, das an den Küsten Mexikos und im Karibischen Meer oft genug ganze Boote spurlos hatte verschwinden lassen, sollte nun schnellstens umgewandelt werden in eine endgültige Vernichtung des gefährlichen Feindes. Daß diesem Untier nicht mit Pistolenkugeln oder einem Messerstich gründlich beizukommen war, wußte ich aus gelegentlichen Erzählungen meines Freundes Mac Intock, der bereits selbst einmal einen solchen Riesenkraken mit dem Stahlnetz, das er zum Schutz gegen Haifische vor der geheimen Einfahrt in seinen Lagunenwinkel versenkt hatte, durch Zufall gefangen und nur durch Explosivkugeln aus einer sogenannten Elefantenbüchse getötet hatte. Derselbe Mac Intock, dem ich meinen vorausgegangenen Tagebuchaufzeichnungen (Nachbar Dr.


Tod) ein ehrenvolles Denkmal als dem unermüdlichen Erforscher der eigentlichen Quelle des Golfstromes setzen durfte, hatte auch in demselben Stahlnetz einen Riesenrochen von zwanzig Zentnern Gewicht an die Oberfläche befördert und hielt auf Grund seiner vielfachen seemännischen Erfahrungen mit allem Nachdruck die Ansicht aufrecht, daß die Tiefen der Ozeane noch zahlreiche Arten unbekannter Riesentiere bergen müßten. Womit er schon in sofern nicht ganz Unrecht haben mochte (um nur ein Beispiel anzuführen), daß erst unlängst eine bisher unbekannte Bärenart in Alaska festgestellt worden ist, die an Größe und Stärke den aus Indianergeschichten sattsam berühmten Grisly (Graubär) weit hinter sich läßt. … Wie nun dem Kraken, der sich da unter mir in der Bugkammer des Wracks eingenistet hatte, mit einem alltäglichen Mittel beikommen?! Pistole, Büchse, Messer schieden da vollständig aus. Ein Krake – und die Fangarme dieses Untieres mußten bis acht Meter lang sein – verblutet nicht, selbst wenn man ihm sämtliche Arme abhackt und den schleimigen Kadaver noch so sehr durchlöchert. Der Organismus dieser unheimlichen, vorsintflutlichen Geschöpfe ist so eigentümlich geartet, daß lediglich die Zerstörung der wichtigsten Organe den Tod herbeiführt. Wenn ich Sprengstoff zur Verfügung gehabt hätte!! Wer schleppt sich mit Dynamitpatronen herum, – – ich gewiß nicht! Ich hatte in der Pinasse lediglich das mitgenommen, was mir, dem Weltentramp, dem Wanderer abseits vom Alltag, seit Jahren notwendige Habe erschien. … Mein Blick glitt über meine im prallen Tragesack eiligst verstaute Habe hin. Der Öltuchsack, vollgepfropft bis oben, zeigte Buckel und Kanten und verriet so die Lage der mir wohlvertrauten Gegenstände. Da war die Karbidlaterne … Da waren die beiden Blechbüchsen Karbid. Ein Gedanke ward lebendig, formte sich blitzschnell zu verheißungsvollem Plan. Gewiß, meine Trinkwasserflasche, starkes Aluminium mit festem Trinkbecherschraubverschluß, mußte ich opfern. Was tat es?! Das Untier mußte verscheucht werden. Töten?! Das würde mir kaum gelingen …

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |