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30 – Das Bergwerk der Abgeschiedenen – Olaf K. Abelsen

Mr. Black hat seine eigenen Anschauungen über Menschen und Dinge. Er ist der ödeste Materialist, den ich kenne, und das geringe Quantum Zärtlichkeit, das er für meine Person sich abquält, entspringt wohl mehr dem Gefühl jenes Anlehnungsbedürfnisses, das zwei Geschöpfe, die auf einer Klippe mitten im großen Golf von Mexiko hausen, trotz aller Verschiedenheiten von Abstammung, Charakter und Neigungen zueinander drängt. Der dritte rechnet noch nicht mit. Als ich ihn in dem kleinen Boot nach dem wütenden, tagelangen Orkan, der hier auf unserem Felseninselchen so einschneidende Veränderungen verursachte, von einem der Nordriffe herunterholte, wo er sich mit Streifen seines Kittels festgebunden hatte, war der zerschundene, halbtote, seltsam erdfahle Mann nur ein Bündel kraftlosen Menschenfleisches, und viel anders ist es auch jetzt noch nicht, obwohl inzwischen neun Stunden verstrichen sind und meine Bemühungen, den armen Burschen ins Bewußtsein zurückzurufen, einen rascheren Erfolg verdient hätten. Mr. Black hat all dieser Fürsorge verständnislos und untätig zugeschaut und sich nur immer wieder den Kopf gekratzt und zuweilen mit seinem nervenbeleidigenden Organ ein übellauniges „Idiot – – großer Idiot“ gekrächzt. Möglich, daß seine Selbstsucht befürchtet, der Fremde könnte ihm bei seinen Raubzügen am Strande, die den Krebsen, toten Fischen und Krabben gelten, in die Quere kommen. Daß er die Angst hegt, unser Robinsonidyll zu zweien würde durch den Erdfahlen – der Mann hat wirklich eine ganz eigentümliche Hautfarbe, etwa wie die von Arbeitern in alten Bleibergwerken – seine beschauliche Ruhe und Eintönigkeit einbüßen, glaube ich weniger. Black betrachtet dieses Idyll nur vom Standpunkt eines Schlemmers aus, seine Gefräßigkeit ist der hervorstechendste Zug seines Charakters. Wie er jetzt so neben mir auf dem Bootsrande sitzt und den Kopf mit den Perläuglein schief hält und den schmalen Sandstreifen dort unten dauernd beobachtet, bietet er ein Bild schamlosesten Eigennutzes dar. Sein schwarzes Gewand glänzt in der Sonne, seine überlange, spitze Nase, sagen wir besser Schnabel, ist noch betupft von den Resten der großen Krabbe, die er soeben gemordet hat, und aus seinem gefüllten Bauch quillt die Zufriedenheit zu seinem Vogelhirn empor und macht sich in schnatternden Tönen Luft, die zuweilen zu meinem Vornamen sich zusammenfügen … „Olaf … Olaf … Olaf …!“ „Du wirst hier an Herzverfettung eingehen“, warne ich ihn eindringlich und beobachte, wie die Sonne im Westen feurig rot und feurige Farbenzauber spendend im Ozean versinkt, ein Schauspiel, das mir stets neue Augenweide bietet und das wechselvoller ist als die noch so fein ausgeklügelten Beleuchtungseffekte eines Bühnenmeisters. Es ist dieselbe Sonne, die auch dort im Westen die Gefährten grüßt, mit denen ich wochenlang dem Geheimnis dieser Klippe nachspürte, bis wir die Tragödie eines Weibes, das für die Schuld des Gatten hier viele Jahre in Einsamkeit und Sehnsucht und Hoffnung verbrachte, bis auf den Grund ausgeschöpft hatten: Ein goldenes Gefäß, gefüllt mit Menschenleid, – – ein opfermütiges Frauenherz! Es war der Lebensroman der Renate Redersen, es war zugleich der Weg der Einkehr für ein verwöhntes, etwas selbstherrliches Mädchenherz … All das – ein Traum nur noch – liegt hinter mir. Und droben in der Hütte auf der kleinen Südterrasse dieses Inselchens, um dessen zerklüftete Felsen draußen der Ring der Riffe einen steinernen Zaun gegen die rollenden Wogen bildet, liegt … er, der Erdfahle … Wer ist der Mann?! Ein Europäer, gewiß … – Ein Matrose, ein Passagier irgend eines gescheiterten Fahrzeuges? Niemals! Der derbe Leinenanzug, den er anhatte, nur noch in Fetzen, ist kein Erzeugnis aus einem mir bekannten Stoff. Ich sage „Leinen“, weil der Stoff noch am meisten einer selbstgesponnenen Leinwand gleicht. Es ist nicht Leinwand, es ist ein Gewebe aus mir unbekannten Fasern. Ich möchte fast behaupten, das Material sei irgend eine besonders präparierte Meeresalge. Im übrigen hat der Fremde nichts bei sich gehabt. Keine Schuhe, kein Unterzeug, nichts in den Taschen, nur … Nur das, was ich nun wieder auf der flachen Hand halte: Eine goldene, etwas plump gearbeitete Kette mit einer Münze als Anhänger. Münze?! … Mr. Black hüpft auf meinen Schenkel. Black ist ein Dieb. Alles Blanke zieht ihn magnetisch an. Sogar Patronenhülsen sind nicht vor ihm sicher, von Teelöffeln gar nicht zu reden. Black legt den Kopf noch schiefer.


Die Münze leuchtet im Abendrot, als ob sie glühte, und das scharf und künstlerisch modellierte Relief des Frauenkopfes auf der Vorderseite scheint wie von warmem Leben durchpulst. Der Rabe Black hascht mit dem Schnabel nach der schönen Frau, – ich bin schneller, und enttäuscht und wütend wie ein genarrter Taschendieb flattert er davon und stolziert gravitätisch über den weißen, jetzt rosig angehauchten Sand und wippt mit dem gespreizten Fächerschwanz und schimpft krächzend: „Idiot … Idiot … Idiot!“ Mag er. Der goldene Anhänger nimmt all meine Gedanken in Anspruch, denn auf der Rückseite lese ich nun, genau so sauber graviert, die rätselvolle Inschrift in lateinischen Lettern: Auferweckt, Erdenschloß, Lebensflucht, Menschenlos. Ariane. Nicht deutsche Verse, nicht englische, französische, – überhaupt keine der gebräuchlichsten Sprachen, vielmehr eine Mundart, die ich erst vor langen Jahren, den Verhältnissen Rechnung tragend, erlernte und deren Wohllaut mich dann begeisterte: die Sprache jener indischen Zeitepoche, in der die Nationalepen Romayana und Mahabharata entstanden, Verherrlichungen jahrhundertelanger Heldenkämpfe, durch die jene bereits zum Mischvolk gewordenen Indogermanen ihre Herrschaft über ganz Mittelindien ausdehnten. … Den Verhältnissen Rechnung tragend …! Ich hätte besser sagen sollen: Den Gitterstäben und den grauen Mauern und der Kerkertür! Sträfling war ich damals, verbittert, zerfallen mit aller Welt, denn diese Welt hatte mich schuldlos hineingezwängt in eine etwa sechs Quadratmeter große Zelle und fühlte sich nachher um ihr Opfer betrogen, als ich in jener stürmischen dunklen Nacht auf einem Pfade, bestehend aus zwei Starkstromdrähten, wie durch ein Wunder entkam. Diese Welt war die der großen Irrtümer, des in Paragraphen eingezwängten Daseins stumpfer Herdentiere, die nichts ahnen von dem tollen, berauschendem Odem der wahren Freiheit inmitten der freien Natur und ihren tausendfachen Schönheiten. Die Welt abseits vom Alltag ist die schmale, ungebahnte, unbegrenzte Straße, deren Pflaster aus Dornen, blühenden Blumenbeeten, spitzen Felsen, verschneiten Wildnissen, fieberschwangeren Dschungeln, backofenheißen Wüsten und grollenden, schaumgekrönten Meereswogen besteht, aus Hunger, Überfluß, Mühsal, beschaulicher Ruhe, aus Freundschaften, Feindschaften, aufrüttelnden Kämpfen und doch letzten Endes aus dem einen, wahrhaft großen: Aus dem Abenteuer abseits vom Alltag! – – Black, der Rabe, hat soeben einen matten Fisch erwischt, ist jedoch ein wenig zu voreilig gewesen, der fast meterlange, silberglänzende Bursche, dem er die Fänge in den Rücken schlug, tut ein paar letzte, kraftvolle Schwanzschläge, und Mister Black verschwindet bis zum Halse im Wasser, stößt einen schrillen Schrei aus, läßt die Beute fahren und flüchtet pudelnaß ans Ufer, schüttelt sich, daß die Tropfen im Abendrot wie Rubine umherfliegen, schaut mich grimmig an, reißt den Schnabel ganz weit auf, zeigt mir die fleischrote Zunge und macht mir so auf seine Art gründlich klar, daß mein herzliches Gelächter durchaus ungebührlich und unkameradschaftlich sei … Bis ich, an scharfes Beobachten gewöhnt, endlich erkenne, daß Mr. Blacks schwarzer Kopf und grauschwarzer Schnabel und die schillernden Perläuglein nicht mir zugewandt sind, sondern … Und dann springt es mir auch bereits in den Nacken mit einem heulenden Keifen, zwei Hände umkrallen meinen Hals, mit ungeheurer Wucht werde ich hintenübergerissen, schlage mit Rücken und Hinterkopf auf das harte Gestein, daß mir die Sinne halb entschwinden und nur mehr der Selbsterhaltungstrieb als stärkste, seelische Kraftquelle neben dem Triebe der Liebe mich rein automatisch zu blitzartiger Verteidigung übergehen läßt. Mein Gegner, der Erdfahle, hat die Attacke schlecht berechnet, und mein Sturz reißt ihn selbst hernieder in das Geröll, sein junges, wildes, verzerrtes, mordgieriges Gesicht ist dicht über dem meinen, aus seinen vor Überanstrengung herabgezogenen Mundwinkel tropft der Geifer, seine Finger suchen – ich fühle es – nach der tödlichen Stelle, nach den Schlagadern, – – haben sie gefunden, … und meine Faust fährt empor, trifft sein Kinn, schleudert ihm das widerliche Haupt in den Nacken, – – und hat doch nicht mehr jene Wirkung, die den Angreifer vollends abgeschüttelt haben würde, falls ich im Vollbesitz meiner gesunden Sinne und Muskeln gewesen wäre. Der eherne Druck am Halse nimmt zu, in meinen Ohren braust das Blut, vor den Augen sprühen die Funkenregen als dräuendes Vorzeichen des schwindenden Bewußtseins, – – ein zweiter Hieb geht ins Leere, es wird Nacht um mich her, und ein allerletzter Gedanke rät mir, das vorzutäuschen, was noch nicht ganz vollendet. Meine Arme sinken matt herab, meine Augen schließen sich, der Leib erschlafft, und nur in meinem Innern tobt noch der Kampf weiter gegen das finstere Untier, Ohnmacht und Hilflosigkeit genannt. In wildem, wahnwitzigem Kreisen scheint mein Körper auf einer Drehscheibe zu liegen, die mit mir hinabsaust in die pechschwarzen Schlünde, der Wohnstätte des anderen Bruders des Todes: Der Bewußtlosigkeit. Ich wehre mich gegen diese Macht, die mich vollends entmannen will, ich gebiete diesem Wirbel Einhalt und vereinige all das, was mir an innerer Kraft geblieben, auf dieses eine: Den Wirbel abzubremsen, die Drehscheibe zu zwingen, in anderer Richtung mich wieder emporzuführen zum milden Glanz des Abendrots, das meine Klippe zu einer herrlich schwimmenden Götterburg macht, zu jenem Göttersitze Odins, zu einem feenhaften Asgard. Es scheint zu gelingen …

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