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27 – Der Pfad zur Hölle – Olaf Abelsen

Die von den Seevögeln weißgrau getünchten Spitzen der Randfelsen der engen Schlucht leuchteten im Morgensonnenschein wie Marmor. Vielleicht waren gerade sie das einzige Merkmal der kleinen, grünen Insel im weiten, einsamen Golf von Honduras, die mit zu der Bay-Gruppe gehörte, deren östlichstes Eiland, beständig von drei Rauchsäulen gekrönt, das Sicherheitsventil jener unterirdischen Feuer bildete, die uns aus dem märchenhaften Reiche der Unterwelt vertrieben hatten. Das primitive Fahrzeug, das unsere Gefährten gen Westen zum Festlande Mittelamerikas entführt hatte, war kaum unter dem Horizont verschwunden gewesen, als jene Ereignisse eintraten, die uns Zurückgebliebenen abermals bewiesen, daß die Pfade abseits vom Alltag niemals ohne Überraschungen ins Ungewisse sich verlieren. Margot Sheridan, diese Frau, deren zähe Natur auch den heimtückischen Pfeilschuß siegreich überstanden, lag atemlos und nach Luft ringend neben mir in den stark duftenden, blütenübersäten Büschen am Südrande der tiefen Kluft. Was eigentlich vorgefallen, wußten wir nicht. Meines Freundes Taskamore unklare Andeutungen über den Seeräuber Lacombe und dessen sagenhafte Schätze, sowie Margots kurze Bemerkung, Taskamore habe nachts wiederholt aus unserem Lager sich heimlich entfernt, gaben den Dingen eine ganz besondere Note. Ein Schuß war gefallen, als Freund Kamo in die Schlucht hatte hinabsteigen wollen, mein Puma Hondu hatte Margot und mich in jähem Vorschnellen halb umgeworfen, Taskamore war in die Tiefe gerollt, und Hondu folgte ihm mit einer Eile, die eine ganze lange Strecke der verfilzten Dornen, Kakteen und Ranken am Schluchtrande mit in den Abgrund beförderte. Wir sahen nichts und hörten nur das langsame Poltern von Steinen und das Rieseln und Prasseln von gleichfalls losgelösten Sandmengen, die nun über das Gestein abwärts glitten und vielleicht drunten in dem murmelnden Bache sich anhäuften, der weiter gen Osten in die verkrautete, düstere, urwaldumhegte Meeresbucht mündete. Ich wollte rufen. Die Spannung wurde unerträglich. Und doch warnte mich irgend etwas, durch einen Laut unser sicheres Versteck zu verraten. Es befanden sich Fremde in der eigentümlich geformten, durch die Überfülle von Lianen und Dornen und sonstigen Kletterpflanzen noch geheimnisvoller gestalteten Felsspalte, deren Einzelheiten wir bisher unbeachtet gelassen hatten, da wir alle mit den Ausbesserungsarbeiten des hier angetriebenen Schiffswrackes übergenug zu tun gehabt. Seltsam blieb es, daß weder Kamo noch der Puma sich meldeten. Bei zweifelhafter Nachtbeleuchtung hätten diese Vorfälle vielleicht weniger stark die Phantasie beschäftigt und weniger schmerzhaft an den Nerven gezerrt wie jetzt im heißen, blendenden Sonnenschein. Margot schaut mich fragend an. Sie hat, wie ich, die Büchse etwas vorgeschoben und wartet. Worauf?! Ich kann ihr nur mit einemAchselzucken antworten, ich kann mich nicht der Gefahr aussetzen, etwa wie Kamo durch eine tückische Kugel jäh abgetan zu werden. Margot Sheridan ist Weib von Kraft, Mut, Erfahrung, sicherer Hand. Trotzdem, – sie etwa hier einer Horde von Strandpiraten auszuliefern, falls mir etwas zustößt?! – Niemals! Worauf warten wir?! Die Büsche duften fast betäubend, vor uns durch das Grün schiebt sich eine armlange, blaßgrüne Eidechse, die Möwen kreisen wieder über uns mit heiserem Schrei, – das Getier hat den bellenden Schuß vergessen … Die Natur kommt wieder zur Ruhe. Wir nicht. Ich hebe den Kopf, krieche auf den Ellenbogen etwas vorwärts … Eine Hand berührt meinen Fuß. „Da ist sie!“, flüstert es hinter mir, und in jähem Herumschnellen sehe ich Taskamore, der am Boden kniet und neben ihm den triefenden Hondu mit dem kleinen Katzenkopf und den beweglichen Ohren und … eine Fremde. Im Sportdreß. Pikantes, keckes Gesicht … Etwas in Unordnung, das ganze zierliche Persönchen, – – naß, Lehmspuren, blutige Kratzer, und … unfrei, um es höflich auszudrücken. Taskamore legt den Finger auf die Lippen.


„Eine Jacht in der Westbucht“, meldet er und betrachtet das ranke Mädel, das uns kühl und prüfend anschaut und um den kleinen, vollen Mund ein unangenehmes Lächeln hat. „Mindestens vierzehn Leute an Bord, – – wir werden sehen.“ Seine Lieblingsredensart trifft stets das Richtige. Abwarten, nichts übereilen, – wir sind nicht Herren der namenlosen Insel hier, jeder darf landen, nur ein Schuß (und Kamos Schläfe zeigt eine bläuliche Linie) in dieser Art ist ungehörig. Die Fremde muß es hinnehmen, daß Taskamore sie wie ein gut verschnürtes Bündel emporhebt und in meine Arme legt. „In den Wald!“, – ich verstehe seinen Blick. Lautlos gleiten Margot, ich und Hondu gen Norden, wo die Insel ein undurchdringliches Dickicht, mit hohen tropischen Bäumen durchsetzt, bildet. Unser Lagerplatz dort auf der kleinen Lichtung ist unerreichbar für den Uneingeweihten. Kamo fand ihn, und alles, was wir Insulaner besaßen, war dort aufgestapelt. Klingt großartig: Gestapelt! – Hielt sich sehr mit Stapeln. Unsere Bedürfnisse sind nicht vielseitig. Am Fuße eines der Felsen lege ich meiner leichten, schmiegsamen Bürde mein Halstuch, ErsatzKrawatte, über die Augen. Von Stein zu Stein geht es in kühnen Sprüngen in die Wildnis, und als ich meine Last vor dem Zelt in das Moos setze, höre ich in der Ferne das leise Knattern mehrerer Schüsse. Freund Kamo scheint bemerkt worden zu sein. Ich zerschneide dem Mädel die harten Ranken, die ihre Gelenke umschnüren, und deute auf Hondu. „Fliehen ist zwecklos, Miß!“ Meine Hände greifen nach der Pistole in ihrem Gurt, und auch das sehr dekorative Messer verschwindet. Sie lächelt. – Ich bin jetzt aufmerksamer Kritiker. Nein, dieses Lächeln ist doch nicht so abstoßend. Es enthält spitzbübischen Spott und ein wenig selbstbewußte Frechheit. „Wer sind Sie?“ Sie reibt ihre Gelenke und beobachtet mich. Ich habe an der Mündung ihrer Pistole gerochen, aber die Waffe ist seit langem unbenutzt, riecht nur nach Öl. „Helen Gart vom New Orleans-Recorder“, erwidert sie prompt. „Berichterstatterin?“ „Ja.“ Margot steht neben mir.

„Sie müssen ja noch blutjung sein, Miß Gart“, meint sie erstaunt. „Immerhin achtzehn … – Eigentlich vierzig, denn die letzten beiden Jahre Daseinskampf bewerte ich mindestens mit zwanzig. Haben Sie jemals für eine Zeitung so geschuftet wie ich?!“ Das klingt bitter-ernst, und das junge Gesicht wird ebenso ernst. Linien erscheinen darin, die allerhand verraten. Nochmals knallt es irgendwo im Westen der Insel. Wir horchen eine Weile, und Helen Gart schaut sich interessiert diese wundervolle, einzigschöne Dschungelblöße an. Mutter Natur hat hier in üppigster Fülle alles zusammengetragen, was die Tropen an unberührter, farbenfroher Pracht bieten können. Dieses Nest im Dickicht ist wie ein blumengeschmücktes Hochzeitsgemach, und die Felsen drüben, bemoost und in ihren Rissen Wohnung für entzückende Orchideen, dazu die Kronen der Urwaldriesen, die wie grüne Kugeln die bunten Mauern überragen, erhöhen nur den Reiz dieser stillen Stätte, in der jetzt Helen Garts Verhör beginnt. Hondu hat sich niedergetan und leckt sein Fell. Margot wählte einen Stein als Sitz, und ich spiele Justiz. „Weshalb schossen Sie auf meinen Freund, Miß Gart?“ Ihr Blick haftet auf Hondu. „Ich schoß auf den Puma“, erklärte sie. Mag sein. „Und was taten Sie in der engen Schlucht, in die man kaum hinabgelangen kann?“ „Ich verbarg mich …“ Mag sein. „Vor wem?“ „Vor Mr. Slomans Leuten …“ „Ist das der Besitzer der Jacht?“ Lautlos erscheint Taskamore. Erst als die Sonne seinen Schatten auf die Erde wirft, bemerkt Helen Gart ihn. In seinem halbnassen und nur noch wenig repräsentablen Sportanzug und dem ins Genick geschobenen verwitterten Filz wirkte er etwas zigeunerhaft-romantisch. Aber die klaren Augen und die festen Züge seines schmalen Gesichts bringen Helen in Verlegenheit. „Lüge!“, sagt er kurz. „Alles Lüge … Sie haben gar nicht geschossen, Miß. Geschossen hat der Mann, den Sie mit einem Stein niederschlugen und über den das grüne Gespinst der herabsinkenden Ranken fiel. – Was suchten Sie in der Schlucht?“ „Ist der Mann wieder bei Bewußtsein?“, fragt sie zaudernd. „Es kam alles so schnell und plötzlich, und …“ „Der Mann ist leider entwischt“, meint Kamo finster. „Beantworten Sie die Frage: Was taten Sie in der Schlucht? Lügen Sie nicht.

Sie sind nicht feige … Betrachten Sie uns nicht als Feinde. Hier hat jeder gleiches Recht auf dieser Insel, nur eine Kugel verändert die Beziehungen, und die Leute der Jacht scheinen nicht gerade an Patronenmangel zu leiden.“ Helen Gart nickt unmerklich. „Sie sind bis an die Zähne bewaffnet … Und mein Kollege und ich hätten längst mit der Sloman-Expedition ernstere Auseinandersetzungen gehabt, wenn wir nicht so vorsichtig gewesen wären.“ Taskamores Mund zuckt unwillig. „Sprechen Sie so, daß wir endlich Klarheit gewinnen, Miß. Eine Expedition?“

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