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25 – Heimkehr zu den Toten – Olaf K. Abelsen

Dort, wo der langgestreckten Halbinsel Niederkalifornien, diesem wenig bekannten Landstrich, etwa in der Mitte der Westküste die Cedros-Insel vorgelagert ist, schneiden zahlreiche Buchten mit felsigen, bewaldeten Ufern in diese Heimat der endlosen Kakteenfelder ein. Eine der Buchten war seit Monaten Zankapfel und Schauplatz erbitterter Kämpfe um drei Erdölquellen gewesen, bis schließlich das Recht auch hier gesiegt hatte und eine junge Niederlassung entstanden war, in der fleißige Yuma-Indianer friedlich mit Europäern und Mexikanern das Erdöl in ferne Gegenden verschickten. Der blutige Streit um die Eugenia-Bucht und ihre Umgebung hatte zarte Beziehungen zwischen den weiblichen Teilnehmern und ihren kernigen, straffen Helfern angeknüpft. Mein Freund Taskamore, ein Halbblut von hervorragenden geistigen und körperlichen Eigenschaften, war genau wie ich durch Rosenketten an diesen einsamen, weltentlegenen Erdenfleck gebunden. Aber das abenteuerliche Blut, das heiß durch unsere gesunden Adern rann, lechzte insgeheim nach neuer, nervenkitzelnder Betätigung. Ich war Wanderer abseits des Alltags, – Taskamore war es nicht weniger. All das, was an der Eugenia-Bucht sich abgespielt hatte, war für uns im Grunde nur Sprungbrett in unbekannte andere Weiten. – Genug: Das geregelte Dasein lähmte bereits uneingestanden unsere besten Kräfte, und ein Zufall gab den Dingen eine andere Wendung. – – Der fahlgelbe Streifen im Nordwesten schien Taskamore wenig zu behagen. „Die Sonne zieht Wasser, El Gento“, sagte er bedächtig und zögerte noch immer, das kleine Boot loszumachen. „Und unser Morgenbad?!“, warf ich aufmunternd ein. „Vorwärts, die Riffe winken, und die Dünung ist schwach, wie das Atmen eines schlafenden Riesen.“ Der Riese vor uns war der endlose Ozean. Längst hätte die Sonne klar und gleißend am Himmel stehen müssen. Sie verbarg ihr strahlendes Antlitz hinter finsteren Wolkenfetzen, die wie Gebirge im Osten lagerten und die Bergzentren des Felsengebirges vortäuschten. Ich selbst spürte, wie drückend schwül die Luft war. Auch das Getier am Strande unserer großen Bucht, in der jetzt ein Leben und Treiben wie an einer der Stätten der Großindustrie herrschte, fühlte wohl die für diese frühe Tagesstunde ungewöhnliche Wärme. Winter war es. Aber Winter am Rande der heißen Zone und daher Schnee und Eis und Kälte nur ein Traum. Taskamore löste das Tau, stieß mit dem Bootshaken kraftvoll ab, und das kleine schlanke Fahrzeug, Nußschale nur für vier Mann vielleicht, flog unter dem Druck der eintauchenden Riemen fast zischend durch das stille Wasser, auf dem die Erdölflecke dahintrieben wie flache, tote Quallen. Die Gefährten schliefen noch. Taskamore und ich wohnten seit Tagen hier am Außenstrand in einem Lederzelt und tauschten Erinnerungen aus und jagten durch die nahe Steppe auf schäumenden Pferden und hetzten den Panther oder den gefährlichen Jaguar und schmiedeten Pläne. Pläne, die gen Süden zielten. Ganz weit gen Süden. Wo, wie die Menschen sagen, die Welt zu Ende ist.


Taskamore winkte. „Stopp!!“ Haarscharf schoß das Boot an den kahlen Felsen vorüber, die hier weit draußen aus der nimmermüden Brandung wuchsen. Ich zog die Riemen ein, der Bootshaken biß in den Fels, und wir waren angelangt. Acht Meter hoch stieg diese Nadel aus der Tiefe empor, – droben gab es eine Abplattung, unser Sprungbrett. Keuchend erklommen wir die Höhe, standen Leib an Leib, nackt wie die seligen Götter, braun wie die Insulaner, stark wie die Bären und doch … unfroh … Unten schaukelte das Boot mit unseren Kleidern und Waffen, unten brandete die Dünung zischend gegen den Felsenzaun, aber ihr ewiges Spiel war heute matt und lustlos wie wir selbst. Ein Blick ringsum … Es war nötig. Haie trieben sich hier umher … Nicht nur die. Robben und Sägefische, Tümmler und Wale kleinerer Art belebten die Küsten der wärmeren Striche der endlosen Halbinsel Niederkalifornien, die ein Kontinent für sich ist. Kamo zaudert mit dem Hechtsprung. „Hallo, was gibt es?!“ Seine Augen ziehen sich enger, starren ins Weite – dorthin, wo Satanas den ockergelben Streifen malte. „Olaf, ein großer Wal, ein sehr großer …“ Da habe auch ich den Burschen erspäht. Und wir beide müßten nicht gerade wir beide sein, wenn nicht sofort die Flamme des Jagdfiebers in uns hochschlüge. „Wie wär es?!“ Mehr fragt Kamo nicht. „Los!!“ Und ich schwinge die Arme hoch, stoße mich ab, schieße durch die Luft, fahre in die brodelnden Wasser, tauche wieder auf und schwimme dem Boote zu. Kamo ist dicht hinter mir. Das Boot, Nußschale nur, jagt mit bebenden Dollen gen Nordwest. Vier Riemen peitschen den heiligen Ozean, zwei nackte Kerle mit Muskeln wie stählerne Federn legen sich mit aller Kraft in die gehorsamen Ruder, die Küste schwindet allmählich, Wogenberge turnen wir hinan, in Wellentäler schießen wir hinab, – – und in der Ferne liegt still und schlafend das Ungeheuer, das der Aberwitz der Abenteurerlust mit Stahlmantelgeschossen bezwingen will. Neu ist mir dieses Spiel und das Neue lockt … Welch’ einen Einzug in die Bucht wird das geben, wenn wir mit dem erlegten Wal im Schlepptau uns nähern und alles am Strande zusammenlaufen wird und irgend einer brüllt: „Fünftausend Dollar ist der Fang wert!“ Mindestens so viel. Immer wieder drehen wir die Köpfe. Das Meeresungetüm schläft. Wale schlafen auf der See, schaukeln daher wie ein gekentertes schwarzes Wrack. Nie sah ich einen Burschen wie den da! Mit bloßem Auge schätzte ich: „Zwölf Meter, Kamo!“ „Vierzehn, Olaf!!“ Im Bogen geht es von hinten heran … Finger am Drücker … Feuer fährt aus dem Rohr … Nochmals … Auch Kamo schießt zweimal … Dann die Ruder, – dann ein erstes Eintauchen … Und ein Schwanzschlag des Todwunden, daß eine Fontäne gen Himmel fährt … Der Ozean kocht … Spritzer kommen über Bord, ganze Wogen bedrohen uns, – der Wal dreht sich wie rasend um sich selbst, – – und urplötzlich verschwindet er in den Schlünden des Meeres … Kamo ruft hinter mir: „Fehlschüsse, Olaf!!“ Ich lehne keuchend mit der Brust gegen die hochgestellten Ruder und stiere in die Ferne. Mir verschlägt es die Antwort … Das, was ich dort sehe, ist wie ein grauenvoller Spuk … „Kamo!!“ Heiser, bellend kommt es aus jäh verdorrter Kehle. „Kamo, – – da vor uns!“ Freund Taskamore kennt das Meer erst seit Monaten. Ich kenne es seit Jahren, vielen Jahren.

Er erhebt sich, beschattet die Augen … Nie sah er eine Springflutwoge. Nie sah ich solch’ einen Wall von hochgetürmten Wassern. Dafür gab es hier im Stillen Ozean nur eine Erklärung: Seebeben! Die Mächte der Tiefe, die nie zur Ruhe kommen, hatten sich wieder einmal geregt, hatten mit wütenden Fausthieben ihren Kerker zu sprengen gesucht und hatten feurigen Odem durch berstendes Gestein und durch die Sandschichten des Meeresbodens emporgeblasen und eine jener Dampfexplosionen erzeugt, die den Ozean aufwallen lassen zu gigantischen Bergen, die jene Springfluten hervorrufen, von denen schon so mancher Seefahrer jäh überrascht wurde. Das, was da in der Ferne herangerollt kam als gläserne Mauer, die sich über den ganzen Horizont hinzog, mußte eine in sich geschlossene, von unheimlichen Kräften vorwärtsgepeitschte gigantische Wassermasse sein mit steilem, uns zugekehrtem Vorderrand, ein verheerendes Gebilde aus salzigem, schimmerndem Naß, dahingleitend wie ein ungeheuerlicher Fremdkörper über sein Ursprungselement, eine Vernichterin, die nichts mit Orkan, Taifun oder Gezeitenströmungen zu tun hatte. Die drückende Schwüle und die völlige Windstille empfanden wir doppelt stark beim Nahen dieser gläsernen, noch fernen Wand. Und als ob Satanas nun zufrieden, daß er wieder einmal mit giftigem Haß die Urkräfte der Tiefe zu tückischem Spiel angeregt, hatte er schleunigst seines Beelzebubschwanzes zottige Quaste dazu benutzt, das scheußliche Ocker vom Himmel zu verwischen und den Sonnenstrahlen Zutritt zu gewähren zur Beleuchtung der Endkatastrophe. Der Sonnenball tauchte auf, und mit ihm dicht vor uns ein schwarzes Wrack, der tote Wal. Er war tot. Nicht die leiseste Bewegung des Schwanzes verriet irgendwie eine Lebensäußerung. „Kamo, – dort, die einzige Rettung für uns!“ Meine Stimme schrillte, mit feuchten Händen packte ich die Riemen, mein Leib war mit klebrigem Schweiße bedeckt, meine Nerven streikten. Das Boot flog auf den toten Riesen zu. Wir hatten zwei Harpunen im Boot, dazu einen Bootshaken, genügend Leinen. Es blieb uns nur die eine Aussicht, der zermalmenden Kraft der gläsernen Mauer zu entgehen und vielleicht uns und das Boot zu retten. Eine so geringe Aussicht, daß sie wie Aberwitz erschien. Und doch mußte es gewagt werden. Dumpf stieß das Boot gegen den toten Riesen, dessen mächtiger Rücken wie ein Hügel die Wasser überragte. Kamo verstand meine Absicht sofort, nahm die zweite Harpune, trieb sie in den Kadaver hinein mit wütendem Stoß, drückte nach … Zwei Harpunen und der Bootshaken sollten uns Halt geben an der einzigen Brustwehr, die wir dem fast lautlos dahinrollenden gläsernen Verderben entgegensetzen konnten. „Kamo, – festbinden …! Das Boot umkippen, – festbinden mit dem Boden nach oben.“ Nackt hingen wir in den Tauen an den Harpunen, verstauten Kleider und Waffen unter den Bodenbrettern, – das Boot lief voll, schmiegte sich von selbst an den Kadaver und hing wie ein heller Auswuchs an der Seite des Wales. Ich richtete mich auf. Die Springwelle nahte. Welle?! Woge?! Nichts da! Das war weder Welle, Woge, Wand, Mauer, das war ein Gebirgszug von Wasser, an dessen unstätem Fuß spielerisch kleine Schaumkämme mit dahineilten … Taskamore blickte wie ich dem Ungeheuer entgegen. Die Höhe konnten wir schätzen, vielleicht zwanzig Meter, vielleicht mehr, die Breite blieb uns verborgen. Aber die Geschwindigkeit beobachteten wir, und selbst Kamos Mund war schmale Linie, ganz schmale … Noch hundert Meter … Mein Herz hämmerte plötzlich … Noch fünfzig … „Kamo, tief Luft holen, dann unter das Boot tauchen …!“, schrie ich wie ein Besessener. Besessen von Wut gegen dieses stille Ungetüm.

„Jetzt, Kamo!!“ Ich glitt hinab, tauchte, hatte mir noch die Lungen voll Luft gepumpt, umkrallte die eine Sitzplanke, preßte mich gegen das Holz …

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