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24 – Die Erdölpiraten – Olaf K. Abelsen

Wenn Kaptain Rucks uns im Salon, Größe vier mal vier Meter, olle Kamellen erzählte, wobei er unweigerlich von dem schmalen Pfad der Wahrheit mit seinen kurzen X-Beinen häufig abglitt und in die Gefilde phantastischen Seemannsgarns sich verirrte, war der Grogkonsum seinerseits einfach verblüffend. Als wir die amerikanische Pacifik-Hafenstadt Seattle kaum verlassen hatten, natürlich ohne einen Tropfen Feuerwasser an Bord, hatte Rucks sofort nördlichen Kurs genommen, denn ein steifer Grog gehörte genau so zu Peter Rucks wie seine X-Beine, seine Leuchtturmnase und sein altmodischer Schifferbart, von den schwarzen Zahnstummeln ganz abgesehen. In einem kanadischen Hafennest nahmen wir dann genügend feuchten Proviant über, Rucks strahlte, abends war er in jenem seligen Stadium, in dem selbst dem übelsten Pessimisten der Himmel voller Geigen hängt, und die Unterhaltung bei Tisch leitete er mit einem ellenlangen Fluch über die verrückte Titulatur unserer schönen Jacht ein, deren Gallionsfigur allerdings eine Geschmacklosigkeit ersten Ranges war: Ein abscheulicher Weiberkopf mit züngelnden Schlangen als Haaren! „Mr. Taskamore“, meinte Rucks mit seinem Teertonnenbaß an diesem sechsten Abend nach der heimlichen Abreise von Seattle, „– Gott verdamm mich, – aber wenn ein Mann wie Sie nun all die Tage mit ’nem Gesicht rumstelzt wie ein Ungewitter, dann ist es für die Dauer für die Begleitung kein sehr erhebender Eindruck … Da – saufen Sie doch auch mal so eine Pinte Rum mit wenig Wasser und Zucker und nehmen Sie vor dem Schlafengehen ein Abführmittel … Raus mit all dem Zeug, das in so einem famosen Kadaver, wie Sie ihn auf geraden Beinen durch die schöne Welt tragen“, – er schielte auf seine krummen Beine und riesigen Stiebel – „nischt zu suchen hat. Wenn Ihnen in drei Deibels Namen der Abschied von Miß Milleret so schwer wurde, weshalb ließen Sie es denn nicht zu, daß Ihre Braut …“ Taskamore schaute den vorlauten, wenig taktvollen, aber im übrigen kreuzbraven Käpten mit einem Blick an, der vollkommen genügte. Rucks stoppte ab, hustete, grunzte etwas von „Nur gut gemeint … pardon …“ und füllte sich sein Halbliterglas aufs neue. Wir saßen hier zu Vieren im „Salon“ der Schonerjacht Medusa, die nun mit südlichem Kurs den fernen Gestaden des äußersten Südamerika zusteuerte. Die Medusa war ein Prachtschifflein. Als Izana Milleret sie für uns gekauft hatte, war sie auch bei der Auswahl der fünfköpfigen Besatzung genau so klug und vorsichtig gewesen. Rucks galt von San Franzisco 1 bis nach Alaska hinauf als der tüchtigste Seemann, obwohl seine Vergangenheit bunt wie eine Malerpalette und nicht ganz einwandfrei wie das Dasein eines Großschiebers war. Das störte uns nicht. Natürlich hatte er, was Taskamores Stimmung betraf, vollkommen recht. Der Abschied von Izana Milleret war meinem Freunde und Bruder, in dessen Adern das Mischblut verwegener weißer und roter Ahnen rollte, sehr nahe gegangen. Er hielt jedoch hartnäckig an dem einmal gefaßten Plane fest, zunächst die Stätten zu besuchen, wo sein Verwandter Coy Cala gelebt und gestorben und feierlich bestattet war. Nach vier Monaten, so war es verabredet worden, sollten wir uns dann mit den in Seattle zurückgebliebenen Freunden, also auch mit Harold Ranks und seiner jungen Gattin in Valparaiso treffen. Die engen Bande, die uns gerade mit dem allzeit fidelen Ranks verknüpften, waren aus den geheimnisvollen Fäden des „Geisers der Träume“ gesponnen und daher unzerreißbar. Gemeinsam überstandene Gefahren sind der festeste Kitt zwischen kraftvollen Naturen. Die verlegene Pause, die an unserem Tische entstanden war, wurde durch Chester Brys bewährte Feinfühligkeit unterbrochen. Chester Bry, Zahnarzt, gebildeter Neger mit angenehmen Zügen, die seine Abstammung von den stolzen Somali-Negern Afrikas verrieten, meinte versöhnlich: „Wir sollten unsere Gedanken den Augenblickssorgen zuwenden. Die Meldung des Funkgastes ist ernst genug. Ich zweifele nicht daran, daß wir verfolgt werden. Diese chiffrierten Funksprüche werden sich mit der Medusa beschäftigen. Wir sind noch lange nicht in Sicherheit.“ Rucks nahm einen Schluck, der das Glas halb leerte. Er war für eindeutige Ausdrucksweise.


„Quatsch!! Bei dem Nebel!! Und so geräuschlos, wie unsere Motoren laufen!“ Wir befanden uns jetzt etwa auf der Höhe von Monterey, bereits weit südlich von San Franzisco. „Und dann“, fuhr Rucks sehr stolz fort, „wenn der Kahn auch Medusa heißt, und die Medusa mal ein ekliges Frauenzimmer in der Heidenzeit war: Ihre fünfundzwanzig Knoten macht uns keiner nach, höchstens die Torpedobootzerstörer, und die wird man unseretwegen kaum auf die Jagd schicken! Sie sehen zu schwarz, Mr. Bry, Sie müssen nicht in einen Spiegel kieken, dann wird Ihnen ganz schwarz vor Augen – entschuldigen Sie!“ Die Salontür fliegt auf. Es war der Funker Jim Olden, ein junger strammer blonder Kerl mit einem Gesicht wie ein Habicht. Auch seine Vergangenheit hatte sicherlich mit Alkoholschmuggel allerlei zu tun, aber eine ehrliche Haut war er trotzdem, und nicht nur sein Name deutete auf germanische Abstammung hin. „Mr. Taskamore, die Sache wird brenzlich“, meldete er dem Besitzer der Medusa. „Irgendwo funkt da ein Schiff ganz in unserer Nähe und erhält von allen Seiten Antwort. Ich will nicht vorunken, Mr. Taskamore, aber es macht ganz den Eindruck, als seien wir eingekreist.“ Rucks glotzte den helläugigen Funkgast erst eine Weile ungläubig an. Dann kippte er den Rest seines halben Liters hinter die Binde und war mit einem Schlage ein anderer. Er stand auf, zog sich seine Jacke glatt, die stets überreich mit allerlei Flecken besät war, griff nach seiner Mütze und sagte zu meinem Freunde: „Die Kerle sollen sich wundern!! Den Rucks hat noch keiner abgefangen!“ Breitbeinig stelzte er davon, ließ die Tür zum Kabinengang offen und deutete damit an, daß wir mit an Deck kommen sollten. Auch Roger Tounens-Taskamore, Sproß kampffroher Ahnen mit einem wie aus heller Bronze gemeißelten Gesicht, hatte die gleiche Veränderung in Haltung und Gesichtsausdruck erkennen lassen. Dieser Mann, der da jahrelang in der Wildnis ein geheimnisvolles Doppeldasein geführt hatte, konnte sich in Sekunden innerlich vollständig umstellen. „Es wird Ernst“, sagte er kurz und scharf. „Obwohl ich nicht begreife, wie die Verfolger, mit denen ich stets rechnete, die Medusa gefunden haben können. El Gento, Bry, – nach oben! Sehen wir selbst, wie die Dinge stehen!“ Der Funker war noch geblieben. „Mr. Taskamore“, meinte Jim Olden leise, „wir haben einen Verräter an Bord. Bisher habe ich geschwiegen. Nun geht es uns an den Kragen. Da muß man auskramen, was man denkt.“ Taskamore betrachtete ihn gespannt. Das frische, braune Raubvogelgesicht Oldens zeigte eine verbissene, stille Wut.

„… Einen Verräter!“, stieß er hervor. „Aber wer ist es?! Wir sind hier nur insgesamt acht an Bord: Sie, Mr. Abelsen, Mr. Bry, dann die Besatzung: Der Käpten, der Steuermann Jarwys, die Matrosen Schimmel und Groth und ich! – Für jeden möchte ich die Hand ins Feuer legen, trotzdem … einer treibt ein Doppelspiel! Einer muß vorhin, als ich mal zwei Stunden schlief, unseren Sender bedient haben! Der Satan fahre dem Schuft in die Gedärme! Wer ist es?!“ Taskamore nickte leicht. „Ein neunter an Bord, ein blinder Passagier … Wer sonst?! Durchsuchen wir die Medusa!“ Als wir an Deck kamen, war kaum die Hand vor Augen zu sehen. Der Seenebel lag bei völliger Flaute dick wie Brei über dem trägen Ozean. Wir fuhren halbe Fahrt. Das Surren der Motoren war kaum zu hören. Alle Lichter waren gelöscht. Nur am Heck brannte über dem Kompaß eine verhüllte Lampe, so daß nur gerade die Kompaßscheibe und die Nadel zu erkennen waren. Rucks sprach gedämpft mit Steuermann Jarwys, der die enormen Pranken an den Radspeichen hatte und die Piep im linken Mundwinkel. Als wir hinzutraten, ließ Rucks die Maschine stoppen, ergriff ein Nebelhorn, drückte das Mundstück an sein linkes Ohr, und gab uns ein Zeichen, ganz still zu sein. Mit derselben Plötzlichkeit, die soeben im Salon uns aufgerüttelt hatte, beschlich uns alle das unklare Gefühl einer nahen Gefahr. Der dicke Nebel verstärkte noch diese Empfindung der Unsicherheit, die nichts mit Angst zu tun hatte. Wenn jedoch hier an Bord zwei Männer sich befanden, die so gut wie vogelfrei waren, hinter denen her die papiernen Paragraphen menschlichen, allzu menschlichen Rechtsempfindens dahintrabten wie ein Rudel Wölfe, denen der grimme Frost die Hartnäckigkeit der Verfolgung einer Beute aufgezwungen hat, dann war es zu begreifen, daß auch die für uns zittern, auf deren Treue wir bauen konnten. Peter Rucks nahm den Trichter vom Ohr und spuckte wütend über die Reling. Von seinen Gesichtszügen war nichts zu erkennen, man verlor auch nicht viel dabei, denn der alte Käpten war nicht schön, milde ausgedrückt. „Schweinerei!“, brummte er. „Da ist so ein Biest von Kanonenwindhund wahrhaftig hinter uns her!! Ich kann das Stampfen der Maschinen hören. Auch Turbinen laufen nicht geräuschlos, und auf meine Horcher ist Verlaß! – Jarwys, halbe Kraft und scharf nach Backbord abfallen, nur ein paar Minuten!“ Die Jacht schwenkte herum, schlingerte etwas in der kurzen Dünung und stoppte wieder. Abermals benutzte Rucks den Trichter. Dann lachte er leise … „Da, kieken Sie mal …“ Hinter uns zog sich durch die Nebelschwaden ein fahler Strich. „Scheinwerfer!!“ Doch Peter Rucks’ Grinsen ward durch einen Fluch abgelöst. Der Scheinwerfer schwenkte herum und glitt über uns hinweg wie ein matter Sonnenstrahl bei eilig ziehendem Gewölk. „Pest!!“, fluchte der Alte.

„Hölle und Pest, – – Steuermann, – volle Kraft voraus!! Das geht nicht mit rechten Dingen zu!“ Unsere Motoren setzten mit ihrem gleichmäßigen Brummen und Rattern ein, und die Medusa jagte vorwärts. Rucks schob den Steuermann bei Seite. „Durchsucht den verdammten Kahn …! Hier ist eine böse Teufelei im Gange! Schnell, beeilt euch …!!“ Eine kühle Schnauze drängte sich in meine schlaff herabhängende Hand. Kain!! „Den Schuft werden wir bald haben, – mein Hündchen riecht jede Maus! Wo sollen wir anfangen, Käpten?“ „Hier achtern … Und seht nach, wie es mit den Öltanks bestellt ist!“ „Öltanks?!“ Ich pfiff plötzlich durch die Zähne. „Ach so – ruhige See, Käpten, und …“ „Los doch!“, – der Alte wurde ungeduldig. Wir zogen los. Zu vieren, Kain voran an der Leine, und Kain ist ein Wolf, ein echter rechter Kanadawolf, einer von der großen Sorte, – dressiert, ja, gehorsam, ja, – aber als Schoßhündchen wie gesagt wenig geeignet, da er jeden anknurrt, der in seine Nähe kommt, und mag es auch Taskamore sein. Und so kamen Taskamore, Bry und ich vor eine Kammer, in der die Reserveankerketten und sonstige Dinge aufbewahrt wurden. Die Tür war nur angelehnt. Ein Fußstoß, – unsere Laternen überfluteten das Innere mit grellen Strahlen, wir sahen die sauber geölten Ketten auf ihren Holzzylindern, wir sahen Tauwerk, einen Reserveanker, manches andere, und ganz hinten, wo das spitz zulaufende Heck die Kammer ebenfalls einengte, stand auf einer Kiste eine große Ölkanne … Mit zwei Sätzen war ich neben ihr, schlug das Bleirohr mit der Faust aus dem dicht unter dem Boden der Kanne gebohrten Loch und kippte die Kanne zur Seite, um ein Auslaufen des Schmieröles zu verhüten. Taskamore und Bry, die im Vergleich zu mir absolute Schiffslaien waren, begriffen noch immer nicht, weshalb ich so grimmig fluchte. In die Eisenwand der Jacht war gleichfalls ein Loch gebohrt, das Bleirohr hatte also das Öl in die See fließen lassen, wenn auch nur in dünnem Strahl, aber diese Ölfährte hält sich bei ruhiger See stundenlang und ist genau so gut, als ob dieser Schuft, der uns den Streich gespielt hatte, einen Scheinwerfer achtern hatte brennen lassen – noch schlimmer! Deshalb war uns also der Zerstörer trotz des Nebels so dicht auf die Hacken gerückt, deshalb die merkwürdige Tatsache, daß der Zerstörer, als wir den Kurs änderten, dasselbe tat! Mit wenigen Worten erklärte ich Freund Kamo und Chester Bry den Zusammenhang, mit wenigen Sätzen waren wir, jetzt dem wie toll an der Leine zerrenden Kain folgend, im Kabinengang, auf der Achtertreppe, Kain immer die Nase dicht am Boden, – dann die Treppe empor zum Deck, zum Mittelschiff, zur Reling, wo zwei der gleichmäßig verteilten Korkwesten fehlten und ein Tau im Wasser nachschleifte. Der Lump war entflohen. Wo hatte er gesteckt?! Auch Käpten Rucks kam jetzt langsam herbeigeschlurft, überlegte sich die Geschichte eine geraume Weile und ließ seinen Priem dabei unaufhörlich von der einen Backe nach der anderen gleiten, schnäuzte sich einmal in sein geblümtes Riesentaschentuch, Format Notflagge, und sagte schließlich mit größter Bestimmtheit: „Der verfluchte Kerl wird in der Kabine logiert haben, die Miß Milleret sich für später reservieren ließ und die stets verschlossen gehalten wurde. Keiner von uns ist seit der Abfahrt von Seattle drin gewesen, der Schlüssel hängt in meiner Kabine. Wir werden ja sehen …“ Und wir sahen auch, daß er recht hatte: Das lauschige, elegante Nestchen, das Izana aus der Kabine durch Seidenbespannung, raffinierte Beleuchtung und ein wundervolles Prunkbett mit Baldachin hatte herrichten lassen, enthielten in den Wandschränken sowohl Proviant als auch einen elektrischen Kocher, einen Herrenanzug, Herrenunterwäsche und zwei Kisten Zigarren, von denen die eine halb geleert war. Das Kochgeschirr war benutzt worden, die leeren Konservenbüchsen hatte der Unbekannte zum Fenster hinausgeworfen, hatte auch sonst die Kabine tadellos sauber gehalten und zum Schlafen nicht das Bett, sondern den mit Wolldecken belegten Platz unter dem Bett benutzt. Rucks triumphierte. „Na, – habe ich es nicht gesagt!! Ein schlauer Satan, – nur …“ Der Rest des Satzes blieb in seinem Schifferbart hängen. „Was wollten Sie noch hinzufügen?“, fragte Taskamore etwas schroff. Peter Rucks wandte sich wie ein Aal. „Hm – nur eins begreife ich nicht: Wenn der Schuft wußte, daß die Jacht für die Herrens bestimmt war, wenn der Kerl sich die Zeit nahm, hier so allerlei zu verstecken, was er für die Reise brauchte, wenn er dann nicht nur den Sender benutzte, sondern auch das Öl ausfließen ließ, weshalb hat er nicht besser gleich die Polizei in Seattle verständigt und Denunziant gespielt, – – he?!“ Rucks wässerige Äuglein glitten von Taskamores unbeweglichem Gesicht zu mir hinüber. Wir hatten wieder Laternen an Deck angezündet, denn den Verfolger waren wir nach Abstoppen der Ölzufuhr glücklich losgeworden. Dieselben Erwägungen hatte auch ich bereits angestellt. „Dafür gibt es nur eine Erklärung“, meinte ich aus vollster Überzeugung heraus.

„Der Mann fürchtet die Polizei, der Mann hat ein Interesse an uns, das sich auf ganz andere Dinge bezieht, und das Schiff, das uns verfolgte und bereits so nahe aufgerückt war, ist kein amerikanischer Torpedojäger, sondern ein sehr schnelles Fahrzeug mit einer Besatzung, die es auf uns eben aus anderen Gründen abgesehen hatte.“ Rucks schnäuzte sich abermals. „Hm – und diese Gründe für ein so kostspieliges Interesse, – kostspielig, weil ein noch schnelleres Schiff wie unsere Medusa doch verdammt viel Geld kostet …?!“

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