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20 – Das Erbe der Gehenkten – Olaf K. Abelsen

Die Redensart, mit der Aladin Knox sich bei mir eingeführt hatte, war ganz dazu angetan, völlig falsche Vorstellungen über diesen so außerordentlich höflichen Anwalt aus Edmonton, Brit. Kanada, zu erwecken. Edmonton und die Royal-Insel liegen ein wenig weit voneinander entfernt, und meine Überraschung war somit durchaus berechtigt, hier auf „meiner“ Insel einen mit vielfach gestempelten, zweifelsfreien Vollmachten versehenen Advokaten als Vertreter der Erben der unglücklichen Familie Gondaloor begrüßen zu dürfen. Knox saß mir gegenüber in der Kajüte meines Kutters, als dritter wohnte das Känguruh Moritz dem friedlichen Palaver bei, und die Sachlage wurde in kurzem zur allseitigen Zufriedenheit geklärt. Die Gondaloors waren tot. Sie starben hier auf Royal-Insel durch die grausame Explosion, die ihre Felswohnung vollkommen zerstörte. Sechs Jahre hatten sie hier gehaust, arme Irre, tot für die Welt, verschollen, unauffindbar, und da war es nur natürlich gewesen, daß die Gerichte in Kalkutta, Ernest Gondaloors letztem Wohnsitz, die reichen Sachwerte des verschwundenen Großkaufmanns in Verwaltung nahmen und Erbenaufrufe erließen. Eine dieser englischen Zeitungen verirrte sich bis in die fernsten Einöden Nordwestkanadas, und auf diese Art, so bewies mir Aladin Knox schwarz auf weiß, bildete sich ein Konsortium von Siedlern, Fallenstellern und Kaufleuten, die den Erben das nötige Geld vorschossen, Mr. Knox zunächst nach Kalkutta und dann weiter nach der Grenze des Polargebiets zu senden, wo die Behörden längst auf irgendeiner der menschenleeren Inseln die Gondaloors wohl vermutet, aber nie gefunden hatten. Ein Zufall ließ dann Aladin Knox mit der gemieteten Schonerjacht auf gut Glück hier landen, obwohl der Kapitän der „Minnehatta“ das Absuchen von Royal-Insel für bloße Zeitverschwendung erklärt hatte. – Ich schreibe diese meine Erinnerungen an den Abschied von „Royal“ und von dem schönen stillen Friedhof, auf dem so viele liebe Herzen schlummerten, unter etwas eigentümlichen Umständen nieder. Am liebsten schriebe ich mit einer Pistole, in deren Lauf man einen Bleistiftstummel gesteckt hat. Dann hat man ja den nervenberuhigenden Apparat mit den neun Patronen am besten zur Hand. Immerhin liegt diese Cold-Pistole rechts neben mir, entsichert und gespannt, – links liegt eine zweite, und am Tische lehnt noch eins der weiteren Andenken von Royal, eine etwas verrostete, aber trotzdem unheimlich zuverlässige Sniders-Büchse. Überhaupt … Ja – überhaupt: Unter Begleitumständen wie diesen habe ich alter Globetrotter noch nie – und das will etwas heißen – Tagebuch geführt. Die meisten Menschen, die da mit dem Alltag leben und in ihm den behaglichsten Freund sehen, ahnen auch nicht im entferntesten, daß unsere brave Mutter Erde trotz Radiotelegraphie, Radiotelephonie, Autos, Flugzeugen, Flugschiffen, Luxushotels schwimmender Art und so weiter immer noch Winkel und Winkelchen besitzt, in denen die Wege abseits vom Alltag so wundervoll farbenfroh, dornig, sandig, steinig oder geheimnisvoll-dunkel sind. Ich selbst ahnte es nicht. Als Ingenieur wie ein freier Vogel von Kontinent zu Kontinent streifend, von Arbeitsstätte zu Arbeitsstätte, warf mich die unergründliche Laune des Schicksals an den fluchbeladenen Strand aller gescheiterten, ausgestoßenen Existenzen. Flüchtling vor dem so oft irrenden Arm der Justiz, Flüchtling vor dieser Welt mit ihren Dutzendgeschöpfen, die sich Kulturwelt nennt, Flüchtling vor der in mir brodelnden Verachtung für dieses ganze verlogene Getriebe, trug mich das Schicksal an immer neue Gestade … Abseits vom Alltag …! Menschen kreuzten meine entlegenen Pfade, die mir den Glauben an das Gute zurückschenkten oder aber mich lehrten, das Böse auszutilgen … Hochherzige Naturen waren mir Freund oder Geliebte, Schurken waren mir Zielscheibe für meine Hand, die nie zittert, wenn der Finger am Abzug der Waffe sich krümmt. Auge um Auge, Zahn um Zahn! Der Alltag kommt zur Not mit seinen papiernen Gesetzen wohl aus, – abseits vom Alltag gilt nur das eine Gesetz: Hilf dir selber! Und ich habe mir geholfen, auch hier auf der „Minnehatta“, wo ein erlesenes Gesindel sich zusammengefunden hat. Weiß Gott, der arme Aladin Knox mag ein guter Advokat sein, als er aber in Kalkutta diese Schonerjacht mit dieser Besatzung mietete, muß er – er mag es mir verzeihen – ein dickes Brett vor dem Schädel gehabt haben. Überhaupt … Ja – überhaupt: An sich mag der Gedanke, seine junge bildhübsche Frau mit auf die Erbschaftssuche zu nehmen, ja sehr verlockend gewesen sein, aber der schlichte Menschenverstand hätte es Aladin sagen müssen, daß fünf Millionen Pfund Sterling rund siebenundzwanzig Millionen Dollar sind und daß es Leute gibt, die anderen schon geringerer Summen wegen den Hals abschneiden. Anni Knox schläft nun dort hinter dem Vorhang. Ob Aladin noch lebt, wissen wir nicht. Wir sind hier zu dreien in diesen Räumen im Heck der Minnehatta, und Nr.


3 ist Annis Hündchen „Bully“. Bully ist ein Kapitel für sich. Als das junge Ehepaar vor elf Monaten Edmonton verließ, um für das Erben-Konsortium treu und brav und arglos und ehrlich alles Nötige zu erledigen, war Bully genau sechs Wochen alt und sollte nach seinem jugendlichen Aussehen und gemäß den Versicherungen des Züchters ein reinrassiger, vornehmer Boxer werden. Hunde, junge Hunde, ganz junge Hunde sind die größten Betrüger – unwissentlich. Sie versprechen viel, und sie halten wenig, sie sollen vielleicht zum herrlichen Pudel sich auswachsen und werden zu einer wundervollen Promenadenmischung. So auch Bully. Bully mag als Baby hübsch gewesen sein. Ich habe ihn nicht gekannt. Aber Anni beschwört es. Mag sein. In elf Monaten ist Bully jedenfalls von der Schönheitslinie abgewichen und ein echter, strammer, drahthaariger, obeiniger Schandfleck für das gesamte Hundegeschlecht geworden. Aber – ich liebe ihn. Er hat Charakter. Er hat Ohren, wie jene Kaninchensorte, deren „Löffel“ am Boden schleppen. Er hat einen Schwanz wie eine Kuh, – die Motten sind scheinbar hineingekommen, – – nein, ich will meinen grimmen Witz nicht an Bully auslassen, denn Bullys Rute starb ehrenvoll im Feuer. Überhaupt: Überlege ich mir, wie und wo ich diese meine ersten Anfänge einer Tragödie, deren weitere Akte noch gar nicht abzusehen sind, hier schriftlich fixieren soll, so müßte ich vielleicht richtiger so begonnen haben – wie ein Märchen: Es gab einmal eine Schonerjacht, die eine alkoholfreudige Genossenschaft dazu ausrüstete, die alkoholfeindlichen Amerikaner mit dem vielbegehrten Stoff (welcher Widerspruch!!) zu versorgen. Besagte Herren fanden es für gut, im Heck der Jacht zwei Räume heimlich mit Panzerplatten unter der Seidenbespannung der Wände zu versehen und auch sonst reichlich viel Stahlplatten zum Schutz des tiefer gelegenen Maschinenraumes (Benzinmotor, prima – prima, Leistung 29 Knoten) zu verwenden. Besagte Herren hatten erst Glück, hatten dann Pech, eines nachts knallte es von einem anderen Fahrzeug sehr unhöflich gleich mit Schiffsgeschützen, die Genossenschaft flog auf und flog – ins Loch, und die Minnehatta (ein sehr lieblicher Name doch!) wurde versteigert und von dem braven Mr. Staffy Hampel aus Kalkutta für „Frachtfahrten“ in den indischen Gewässern erworben. Welcher Art diese Frachtfahrten waren, ahnte niemand. Ich ahnte es, als ich die Geschichte der Minnehatta (gleich „fließendes Wasser“, aus dem indianischen) von Knox vernommen und dann Herrn Gustav Hampel von Angesicht zu Angesicht geschaut und ihm bald darauf eine Kugel durch die linke Pfote geschossen hatte, wobei drei Finger für immer von ihrem bisherigen Besitzer sich trennten. Hampel wird mir das nie verzeihen. – Überhaupt … Überhaupt Staffy Hampel … Dieser Kerl mit dem erlesensten Schafsgesicht hat zweifellos mehr spurlos abhanden gekommene Schiffe im Chinesischen Meer auf dem Gewissen als sämtliche chinesische Piraten, deren Existenz früher in Romanen sehr nutzbringend für den Autor war, die einfach geleugnet wurde und heute, wo die Welt so überaus zivilisiert ist, leider nicht mehr geleugnet werden kann. Man vergleiche Zeitungsnotizen. Staffy Hampel hat ohne Frage an jenem Tage, als ein durch vieles Limonadetrinken vollständig von Gott und aller Welt verlassener Hafenpolizeibeamter ihm die Minnehatta in der Versteigerung zuschlug, sechs bis sieben Pullen Sekt getrunken und sich so ins Fäustchen gelacht, daß sogar sein lieber Vetter Satanas dies Hohngelächter vernahm und mit zu dem Gelage erschien und auch gleich unsichtbar in Staffy Hampel hineinfuhr, wie man dies so im finsteren Mittelalter von den Hexen annahm, die auch in ein verschrumpeltes Weiblein hineinkrochen und dann erst auf dem Scheiterhaufen bei frommen Gesängen hochwürdiger Priester den schmorenden Leib wieder verließen.

Staffy Hampel hat nie diese Prozedur kennengelernt, und der Teufel blieb daher „in ihm“ und „auf ihm“, denn dieser Kapitän und Eigentümer der „Minnehatta“ gleicht dem Bruder Gottseibeiuns für ein erfahrenes Auge wie ein Hühnerei dem anderen. Für ein unerfahrenes bleibt das harmlos-biedere Schafsgesicht bestehen. Das also ist Staffy Hampel, der nun Anni Knox, mich und Bully belagern läßt und mit mir nur durch das Guckloch dort in der Tür verkehrt, die auch aus Stahl ist – zum Glück, – und deren Sehschlitz innen einen Stahlschieber hat – zum Glück. – Habe ich nunmehr die Hauptpersonen des Vorspiels genügend gekennzeichnet, so darf ich mit gutem Gewissen auf die Handlung selbst näher eingehen. Ich schreibe also … Als Lichtquelle dient mir eine Stearinkerze, die in einem Pappkarton steht und zwar so, daß das Licht nur gerade auf das Papier fällt. Die übrige Umgebung liegt im Dunkeln, und dies ist nötig, da Hampels bierehrliche Matrosen verschiedentlich sich schon den Scherz erlaubten, von unten durch die Dielen zu schießen. Jetzt werden sie diese Witze wohl aufgegeben haben, da ich gestern die Kugeln erwiderte und mir das Schmerzgeheul bewies, daß die Treffer mir aufs Konto kamen. Trotzdem: Vorsicht schadet nichts! Ich habe auch den Tisch aus diesem Grunde abermals anderswo aufgestellt, und ich habe ferner noch die nach dem Waschraum führende Stahltür ausgehoben und sie unter Annis Bett gelegt. Ich glaube kaum, daß ein blondes junges Geschöpf von Annis holdseliger Lieblichkeit je derart gepanzert sich in den Schlaf geweint hat. … Seit fünf Tagen. Denn vor fünf Tagen trat das ein, was ich so allmählich vorausgesehen hatte: die Katastrophe, könnte man sagen. Aber das Katastrophale dabei lag mehr auf Seiten von Staffys Banditen, – sie dürften damals abends den „Abgang“ von vier Mann zu verzeichnen gehabt haben, schätze ich. Für 27 Millionen Dollar ist das noch wenig. Es wird noch mehr werden, befürchte ich. – Voller Neid habe ich soeben eine Pause gemacht, an meiner kalten Zigarre gelutscht (Rücksicht auf Anni!) und dort links den Titel des Romans gelesen, den Anni zur Zeit als Ablenkung liest: Ein Roman aus Kanada, geschrieben von einem berühmten Amerikaner, der leider schon tot ist. Aber als Lebender wird er die Verhältnisse in Nordwest-Kanada wohl gekannt haben. Anni freilich, beheimatet in Edmonton am Rande der Wildnis, behauptet steif und fest, die Milieuschilderung sei barer Unsinn. Ich kann das nicht beurteilen. Ich kenne Kanada nicht. Voll Neid blicke ich trotzdem auf den Titel. Ich habe dreißig Seiten gelesen, und der Autor – alle Hochachtung – hat seinen Roman glänzend eingeleitet und sollte mir als Vorbild dienen. Doch jeder schreibt in seiner Art. Ein Tagebuch ist schließlich nicht so ganz ein Roman, es ist mehr vielleicht, es muß ursprünglicher, natürlicher wirken, und die Seele des Schreibenden muß zwischen den Zeilen aufglühen, nicht die Seelen der Statisten. Sollte jemals jemand dies hier etwa gedruckt vor die Augen bekommen, wird er immerhin schon eins aus dem Vorstehenden entnehmen: Daß wir drei hier in dieser gepanzerten Heckkajüte und dem gleichfalls gepanzerten diskreten Nebenraum (den erst der liebe Staffy derart einrichten ließ, obwohl er nie baden dürfte), seit fünf Tagen eingesperrt sind und belagert werden, daß aber auch anderseits Staffy und Konsorten nicht in der Lage sind, wirkungsvoll an uns heranzukommen. Im Gegenteil: Wir drei sind eigentlich die Gefährlicheren, denn wir sind im Besitz einiger Dinge, die diese Schufte gerne haben möchten oder aber sehr ungern in ihrer Wirkung auskosten möchten.

Davon später. Ich will mir ein Beispiel an den berühmten Autor nehmen. – Anni flüstert soeben hinter dem keuschen Vorhang hervor: „Olaf, gehen Sie doch schlafen!! Was tun Sie nur?!“ Und ich erwidere genau so leise: „Ich durchlebe einen Roman, Frau Anni …“ „Ah – meinen Roman!“ „Ja …“ Sie denkt an das gedruckte Buch, und ich denke an das Tagebuch. „Der Roman ist ja so … so … sentimental – zum Teil …“, erklingt ihr süßes Stimmchen. „Das finde ich nicht … – Nun schlafen Sie aber, Frau Anni … Um fünf Uhr morgens beginnt Ihre Wache!“ „Gute … Nacht …, lieber … Olaf …“ – Es ist nicht ganz einfach, mit einem so holden Weibe wie Anni von zwölf Piraten belagert zu werden

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