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19 – Die Nacht der Gondaloors – Olaf K. Abelsen

Der dichte Nebel war bei Sonnenuntergang wieder gewichen. Die frische Abendbrise hatte ihn fortgefegt, und in der unbeschreiblichen Farbenpracht eines märchenhaft schönen Abschieds des Tagesgestirns spähten wir nun vom Heck unseres zwischen den großen Außenriffen vertäuten Kutters mit halb geblendeten Augen in seltsamer Ergriffenheit nach dem kahlen Felsplateau hinüber, auf dem in fast geisterhafter Unwirklichkeit Feen zu tanzen schienen. Ich sage: Sie schienen zu tanzen. – Es konnten auch Nebelfetzen sein, die sich dort zwischen den Randklippen des Plateaus gleichsam als Nachhut des abziehenden Heeres der Nebelarmee festgesetzt hatten, – wie man es im Gebirge so oft beobachten kann, wenn eine Wolke in den Klüften der Steilwände noch die hellen Streifen losgetrennter Teile zurückläßt. Das in Rot und Rosa getauchte Bild war phantastischer Spuk, und der bei aller Gemütstiefe so überaus sachliche Bert Beng meinte dann auch zu uns dreien, die wir gleich ihm den Augenblick herbeisehnten, wo der sinkende Sonnenball uns die Sehnerven nicht mehr reizte und wir dann, nicht mehr geblendet, Gewißheit erhalten würden: „Drei Schleiertänzerinnen im Scheinwerferlicht auf einer Naturbühne – mal was anderes, besonders hier dicht an der Treibeisgrenze des Südpolarmeeres einige hundert Meilen nördlich der australischen Ablegerinsel Tasmanien! – Noch einige Minuten, und wir werden Gewißheit haben!“ Zwei Frauen, zwei Männer, ein Hund in einem Hochseekutter mit starken Motoren schlossen die überreizten Augen und warteten geduldig auf das endgültige Verschwinden der Sonne. Sie verschwand auch … Glühende Strahlen wie von der Sonnenkrone des Gottes Jupiter, der ein Bad im Ozean zu nehmen beliebte, zierten nun den mit Wolkentupfen bedeckten Horizont. Wieder starrten wir hinüber, – das Plateau war leer. „Es waren behende, graziöse Mädchen“, sagte da Mita Mac Barny, die von dem Namen ihres toten Gatten nichts mehr wissen wollte, mit allem Nachdruck, und ihre klaren Züge, denen die Mischung von indianischem und europäischem Blut in glücklicher Ausgeglichenheit den Zauber exotischer Eigenart verlieh, lehnten von vornherein mit bewußter Strenge jeden Widerspruch ab. Bert Beng, Schicksalsgenosse banger Stunden in Eis und Kälte, hätte schon aus tiefer Liebe seiner Mita bei so geringfügigen Anlässen sich niemals widersetzt. „Mag sein, mag sein …“, nickte er, und sein hageres, überhageres braungebranntes Gesicht mit den kühnen stolzen Linien eines Mannes der Tat überflog ein nachsichtiges Lächeln. „Was hältst du davon, Olaf, – und du, Grita?!“ Grita und ich waren das zweite Paar an Bord, und Taito, der Hund, Wunderprodukt von etwa zwölf Hunderassen, stellte den ruhenden Pol in der Gefühle scharf umgrenzter Regelmäßigkeit dar: Taito, Liebling aller, mißglückter Riesenteckel, gab seine Meinung unaufgefordert kund und knurrte dumpf. Ich kannte ihn, und meine Antwort fiel danach aus. „Betrachten wir das Geschaute nicht als allzu nebensächlich. Wir sind vogelfrei, das Gesetz der Menschen, in Paragraphen gezwängt, hat uns auf die Liste der Verfolgten gedruckt. Vielleicht mit einigem Recht, wenn man Notwehr [aus] 2 Selbsterhaltungstrieb allzu eng begrenzt. Wir müssen also vorsichtig sein. Wir sind von Melbourne nachts entwichen, nachdem wir noch unsere Vorräte in aller Stille ergänzt haben, wir lasen in den Zeitungen, die Bert mitbrachte, daß Polizei und öffentliche Ankläger sich um uns bemühten, tagelang sind wir, die Küsten Tasmaniens meidend, durch das hier so einsame Weltmeer geeilt, bis vor einigen Stunden diese Insel vor uns auftauchte und gleich darauf der Nebel kam und wir gerade noch den Kutter hier in den Riffen festmachen konnten. – Halten wir uns dies vor Augen, Freunde. – Es mögen Leute auf dieser Insel sich befinden, die keine Seekarte verzeichnet … Es kann die unbewohnte Royal-Insel sein, von der man nicht viel mehr weiß, als daß sie von allen Robbenfängern wie die Pest gemieden wird … Es kann – Mein Vorschlag geht dahin, die Dunkelheit abzuwarten. Vorläufig sind wir unbemerkt geblieben. Ist die Nacht da, werde ich an Land schwimmen. Die Brandung flaut ab, die Ebbe naht, der Wind hat gedreht, und nach zwei Stunden werden wir wissen, woran wir sind. Ihr werdet mir zugestehen, daß ich für einen solchen Kundschaftergang wohl der geeignetste bin. Allen Respekt vor dir, lieber Bert, – aber in solchen Dingen habe ich nun einmal doch weit mehr Erfahrung.“ „Hast du, Olaf, stimmt …! Hast auch im übrigen recht mit deinem Unkengekrächze.


Vorsicht ist die Zwillingschwester der Kühnheit, – wie wär es mit dem Abendessen, ihr Lieben?! Es duftet sehr bekannt nach warmem Büchsenfleisch und Gemüse, meine Kehle sehnt sich nach Tee mit viel Whisky, und diese Abendbriese ist reichlich kühl, finde ich. Essen wir also … Taito mag an Deck bleiben … Wenn du etwa laut bellst, mein Hündchen, lernst du das Tauende kennen. Knurren kannst du – verstanden! Du knurrst ja auch schon wieder, und Olaf wird kaum daneben geraten haben, daß da vor uns vielleicht auf der anderen Seite der Insel irgend eine moderne Luxusjacht moderner Globetrotter ankert und der Jachtbesitzer seine Dämchen Ballett tanzen ließ, – mal was Neues für übersättigte Nerven, so ein Schleiertanz im Sonnenrot. Los denn – essen wir!“ Gebückt, gedeckt durch die Riffe, stiegen die Freunde in die Heckkajüte hinab. Ich warf noch einen letzten Blick zur Insel hinüber. – Merkwürdige Form, dachte ich … Von hier aus, von den dichten, nadelförmigen Riffreihen im Südosten konnte man immerhin die scharfe Abgrenzung der Sandflächen und Sandhügel und der hohen, kahlen Felskuppen der Westseite unterscheiden, – beide Teile scheinbar von Nord nach Süd klar getrennt und zwei grundverschiedene Welten bildend. Das, was ich von Pflanzenwuchs sah, entsprach etwa dem australisch-antarktischen Charakter Tasmaniens. Fahle Eukalyptusbäume, zu Waldstücken vereint, sowie Nadelhölzer zwischen den Felskuppen, – rechts auf der Sandhälfte nur hohe Grasbüschel, Riesenfarne, Schachtelhalme, Gestrüpp … Am meisten setzte mich jedoch die kahle Sandniederung in Erstaunen, eine Wüste ohne jeden Halm von gut einer Meile im Geviert, die sich bis zu den Felsbergen und bis zu jenem Uferplateau erstreckte, wo die drei gespenstischen Damen ihre Tanzkünste versucht hatten. Grita Coldawoors geliebte Stimme rief mich, und ich gehorchte. Ich streichelte noch schnell meinen Taito und folgte dann den Freunden, die bereits an dem kleinen Tisch Platz genommen hatten. Unser Gespräch flutete lebhaft dahin, wir vier waren zusammengeschmiedet durch Wochen des Leides und der Gefahren, wir bildeten eine einzige frohe Familie, – was gewesen, lag hinter uns im fernen Eishauch des Südpols … Bert sagte zu seiner Mita: „Etwas weniger Tee, Dearling 3 … Wirklich, nicht zu viel Wasser in den Whisky, Dearling … Keine Sorge, mein Hirn bleibt klar und rein wie meine Liebe.“ … Hatte recht, der Prachtkerl … Wir schwatzten über die … Farbe. „Sie waren blond“, behauptete meine Grita. „Ihr Haar war wie Gold, helles Gold, und ihre Glieder wie die von Gazellen.“ „Zu poetisch“, knurrte Bert und seufzte. „Weiß Gott, das Büchsenfleisch und das dito Gemüse hängen mir schon zum Halse heraus … Alles schmeckt nach Blech. Morgen harpuniere ich einen jungen Seehund, den noch die Mutter säugt, der ist wie Kalbfleisch …“ Meine Uhr zeigte elf, als ich mich hinter den Vorhang drückte und in recht spärlicher Kluft wieder erschien: Nur leichte Leinenhosen, oben nackt, Füße nackt, auf dem Kopf keinen Hut, sondern ein Bündel: Messer, zwei Pistolen, kleine Lampe, Feuerzeug. Grita küßte mich. Bert runzelte daraufhin die Stirn mit einem sanften Spott. „Grita, in spätestens drei Stunden, schätze ich, hast du ihn wieder ganz für dich, nur keine Rührszenen, er wird sich kaum in eine der Feen verlieben, schätze ich.“ Er war nun einmal so, er verbarg seine wahre Wesensart hinter leicht durchsichtige Hüllen einer nie verletzenden ironischen Kälte. Grita lachte denn auch, und als ich mich von Bord in das ruhige Wasser hinabließ, winkte sie mir mit ihrem Tüchlein unbesorgt nach. „Lege Taito an die Leine“, rief ich noch gedämpft. Denn Taito und ich sind im Grunde noch unzertrennlicher, als jene weit jüngeren Fesseln, die Grita und mich verbinden. Schwimmen in diesem kühlen Wasser wäre ein Genuß gewesen, wenn nicht unterseeische Riffe mit harten Zacken mir die Glieder zerschunden und meine Hose zerfetzt hätten.

Was tat es!! Nach diesen süßen Faulenzertagen 4 auf der „Antarktis“ war mir die Bewegung, das Spiel der Muskeln ein Jungbrunnen. Rasten – rosten, – das hat schon seine Richtigkeit, und voller Freude hätte ich mich zwischen den Riffreihen hindurchgeschlängelt, wäre nicht eine starke Strömung, die gen Westen zog, als zweites Hindernis hinzugetreten. Je mehr ich mich dem offenen Wassergürtel zwischen Riffbarriere und Inselstrand näherte, desto heftiger wurde auch dieser Wasserstrom, der mit lautloser, unheimlicher Gewalt mich dem felsigen Inselteil entgegenführte, und gerade dort, das hatte ich gesehen, gab es keine Möglichkeit, die Steilufer zu erklimmen. Das Spiel der Muskeln ward harte Arbeit. Ich biß die Zähne zusammen, ich wollte östlich des Plateaus landen, wo die Tänzerinnen im Sonnenglast der Farbenpracht des Abends so zierlich sich umhergewirbelt hatten wie in tollem Übermut, oder wie in schwebenden bedächtigen Schritten einer geheimnisvollen Pantomime. Zähne zusammengebissen, gegen den Strom, – noch besser wäre es ja, wollte ich mich hier in diesem harmlosen Gewässer unterkriegen lassen, wo ich in den brutalen Kanälen am Gallegos 5 , am Wellington-Archipel mit den Robben um die Wette getaucht hatte! Verteufelte Arbeit war es dennoch, – die Strömung zog wie mit tausend feinen Drahtfäden, und meine Lunge und mein Herz spürten bereits das Übermaß von Anstrengung, als ich glücklich hinter eine kleine schmale Landzunge geriet, in deren Schutz die Strömung lediglich kreiste und mich so von selbst auf die Felsbrocken des Uferstreifens warf. Ich blieb liegen. Es war doch ein allzu anstrengendes Ringen gewesen. Das trügerische Meer hatte mit mir spielen wollen, und der Sieg war zunächst nur Erschöpfung, keuchendes Atmen und jagende Pulse. Es verging. Ein Blick ringsum zeigte mir trotz der rasch zunehmenden Dunkelheit und trotz des immer schwärzer sich bewölkenden Himmels die seltsame Offenbarung: Steine, grobes Geröll, dann sanft ansteigende Böschung von hellem Sande, der spärliche Gräser hervorbrachte, und oben als Umrankung der Düne dunklen Granit, wie eine teilweise eingestürzte uralte Mauer. Hinter mir der Wassergürtel, die finsteren Zacken der langen Riffreihen, und der Rest … Totenstille. Kein Vogelkreischen, kein Schnauben und Prusten von Robben, nicht einmal das Plätschern kleiner Wellen: Nur ganz fern im Nordosten tobte wohl die Brandung, von dort kam schwaches Rauschen herüber … Ich kroch den Uferhang hinan, nachdem ich mir den Pistolengürtel umgeschnallt und Laterne und Feuerzeug in die Hosentasche gesteckt hatte. Mochte auch nirgends eine wirkliche Gefahr drohen: Mein Gefühl sagte mir, daß diese Insel am Rande der Treibeisgrenze, vielleicht die unbewohnte, gemiedene Royal-Insel, lauernd auf mich wartete, um mich irgendwie zu verderben. Einen Vorgeschmack ihrer Tücken hatte sie mir bereits geliefert, – ich war gewarnt, und ich lasse mich nicht so leicht überrumpeln. Nun vorsichtig den Kopf über die Ufermauer gereckt – trotz der Finsternis sah ich die tennenglatte Fläche der vorher schon vom Kutter aus erspähten Wüste, zauderte noch, setzte mich dann in Trab, um die westliche Felsgrenze etwa in der Mitte zu erreichen … Der Sand war wie Mehl, war feucht, war wie dünner Teig, und ich, besessen von dem Hochmut überflüssiger Kraftfülle, jagte spielend dahin in meiner halben Nacktheit, um diese Sandebene möglichst rasch zu durchqueren. Mir, dem alten, frohen, naturfreudigen, kundigen Weltenbummler, kam keine Erinnerung an einstige Zeiten, wo wir die Gebirgsmassive mit Dynamit durchlöchert hatten und wo das Berginnere uns all seine Schrecken offenbart hatte. Ich lief, – – und dann sanken zum ersten Male die Füße ein wenig in den immer dünneren Sandbrei ein … Eine allzu nasse Stelle, dachte ich … Weiter …! Daß ich dem entsetzlichen Tode in die Arme rannte, – ich ahnte es nicht … Noch immer mahnte mich weder das Platschen der Fußsohlen auf flüssigem Brei noch das mühseligere Herausziehen der rasch einsinkenden Zehen und Füße … Ich sah ja dort bereits die finsteren hohen Konturen der felsigen westlichen Inselhälfte vor mir, – kaum hundert Meter noch, – es regnete leicht, – – ich war trunken vom Rausch der Bewegung, von der frohen Gelegenheit, die Glieder auszutoben auf festem Boden …! Fester Boden?! … Noch zwanzig Meter … Ein neuer Sprung … Ein Versinken bis zu den Knien in dem nassen Sandbrei … Ein verzweifeltes Ringen nach Freiheit, – – noch ein paar Meter … wieder hinein bis zu den Oberschenkeln, jetzt aber ein nutzloses Vergeuden der Kräfte, der platschende Brei hielt mich fest wie zäher Leim, – ich wollte heraus aus diesem Sandsumpf, ich fand nirgends festen Halt, unter mir, um mich her nur die satanische Lüge harmloser feuchter Wüste … Tiefer versank ich … Arbeitete mit den Händen, stützte mich, – unter den Händen … nur Brei … Brei, – ich wand mich wie eine Schlange … und sackte immer mehr in die Millionen, Milliarden, Billionen nasser, feuchter Körnchen, und wie ein betäubender Blitzschlag schlug da ein Name in mein Hirn ein … Triebsand … Triebsand!! Seit langem griff die Todesfurcht wieder mit eisigen Skeletthänden nach meinem Herzen … Ich wollte schreien … Ich wollte nicht so sterben – nicht so, daß der Triebsand mich verschlang, und keine, keine Spur von mir übrigblieb … Das Meer ist ja noch barmherziger als dieser teuflische Schlamm … Das Meer gibt seine Toten wieder heraus … Der Triebsand niemals. Wahnwitz kochte in meinem Hirn … So sterben – – nein, es durfte nicht sein, ich mußte empor …! Ich … Narr! Blindlings war ich vorwärts gestürmt, beseelt, angefeuert, verführt von jenem Drang, die schlaffen Lungen voll Luft zu pumpen und das Spiel der Muskeln bis zum äußersten zu treiben, verführt von derselben bestimmungslosen, kritiklosen Sucht nach Anfeuerung meines Körpers, nach dem Wohlgefühl erfolgreicher Ermüdung, die auch den Bergsteiger, den Gletscherverehrer nach langer Ruhepause zu leichtfertigem Überschätzen eigener Leistungsfähigkeit und zu blindem Unterschätzen von tausend verborgenen Gefahren verleitet. Mein Urteil war gesprochen, der Triebsand war der Henker! Bis zu den Achseln hatte mich der leichte, nasse Brei, der so harmlos durch die Finger rann und dennoch schon zahllose Menschenleben in Bergwerken, Tunnelbauten, auf den berüchtigsten Triebsandebenen der Erde gekostet hatte, hinabgezerrt – allmählich – unmerklich … mit zarten Mörderhänden, die sanft zupackten, die keinen Schmerz bereiteten, die jedoch niemals losließen … Ein heiserer Hilferuf wollte der keuchenden Brust entflattern … Aber das Entsetzen war stärker. Es wurde nur ein stöhnendes Röcheln …

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