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18 – Das Haupt der Isis – Olaf K. Abelsen

Es war Mitas Stimme, die mich mitten in der Nacht weckte … Schwach und zart kam diese Stimme aus der Nebenkabine, mischte sich zunächst noch in meine wirren Träume, die wahrscheinlich der allzu fetten abendlichen Seehundslende zuzuschreiben waren. „Olaf … Olaf …“ Dann war ich völlig wach, richtete mich auf und sah durch den dünnen Türvorhang drüben bei der Kranken den ruhigen Lichtschein der kleinen Karbidlampe. „Wieder Schmerzen, Mita?“ meldete ich mich sorgenvoll und schlüpfte eiligst in die dicken Pelzhosen und die Seehundsstiefel. Dann sah ich Taito, den Hund, der mit gesträubtem Haar an der Gangtür stand … „Hörst du denn nichts, Olaf?“ rief meine arme Kameradin, deren zerschundenen Leib ich erst gestern aus der Eiskluft mühsam geborgen hatte, mit leichtem Vorwurf. „Hörst du denn wirklich nichts … Es kläffen doch Hunde draußen auf dem Eise …!“ Taitos Knurren ließ mich aufhorchen. Jetzt vernahm auch ich das Blaffen einer ganzen Meute, war im Nu an der Gangtür, streifte noch Pelzrock und Mütze über und ergriff die Büchse, obwohl hier in dieser schillernden Einsamkeit der antarktischen Küste diese Vorsicht gänzlich überflüssig war. „Ich werde Ausschau halten, Mita …“ und dann schloß ich die dicke, gepolsterte Tür und folgte dem bereits vorausstürmenden Taito, diesem Unding von Köter, der dennoch treuer und zuverlässiger an mir hing als so mancher Mensch, der sich prahlerisch „Freund“ genannt hatte. Auf dem vereisten, verschneiten Deck des Dreimasters „Eisvogel“, der einst die kanadische Südpolexpedition des Doktor Vandermar an diese Gestade trug, hier im Packeis einfror und schließlich nur noch zwei Menschen beherbergte, die nun ebenfalls dort drüben in einem Eisgrabe ruhen, – auf diesem weiten, weißen Schiffsdeck liegt Tag und Nacht, Nacht und Tag der rötliche Widerschein der Riesenfackel, die dort drüben auf der Kuppe des Berges lodert. Deshalb gibt es hier keine Polarnacht der sogenannten Sommermonate, keine Dämmerung, keine Dunkelheit: Eine künstliche Sonne wirft ihre leuchtenden Strahlen lodernder Flammen allzeit mit gleicher Stärke über Gletscher, Schneefelder, Packeis, hochgetürmte Schollen! – Die Sonne ist die Fackel des Südpols, ist wiederum nichts als ein im Berginnern brennendes, glühendes Kohlenflöz, sind Gase, die brennend emporschießen zum Firmament und Licht und Wärme spenden. Phantastisch, theaterhaft wirkt in dieser Beleuchtung das große, stille Schiff mit seinen schlanken Masten, seinen gefrorenen, zerfetzten Segeln – wie bestrahlt von Bühnenscheinwerfern mit roten Linsen, wie das unheimliche Fahrzeug des fliegenden Holländers. Aber es ist ein moderner Motordreimaster, erbaut für diese verunglückte Expedition, jetzt bewohnt von Mita Mac Barny, mir und Taito. Ich trat an die Reling, wo die hochgetriebenen Schollen einen Hügel bilden, erklimme die zerklüftete Eismasse und halte Umschau. Es ist ja so lächerlich zu vermuten, daß hier irgendwo eine Meute Hunde blaffen könnte … Daran denke ich nun und ärgere mich über meine Torheit, die warme Kabine verlassen zu haben. Hunde – hier?! – Ja, ein Hund, mein Hund, – Taito, das ja! Aber andere Vierfüßler – hier in der Antarktis, im Reiche des Südpols?! Die schneidende Kälte benimmt mir den Atem, die Augen tränen … Ich sehe nichts. Nach Nordwesten zu eine Strecke Packeis, dann Gletscher, Eiswände und der brennende Berg, dessen Kuppe eisfrei geworden durch die Hitze. Das ist alles. Nach Südosten zu nur Packeis und in der Ferne die hohe Kristallbarriere, ein weißer berüchtigter Wall, den noch kein Südpolarforscher durchbrach. Und dann stutze ich doch … Dort links vom Sonnenberge läuft ein Tier über eine schmale, sanft ansteigende Hügelkette … Wenn das nicht Taito ist, will ich nicht mehr Olaf heißen! Was fällt Taito ein, – noch nie erlaubte er sich Extrafahrten, noch nie entfernte er sich so weit von mir, noch nie …! „Taito!!“ Ich brülle hinter ihm drein … „Taito, hierher …!!“ Taito will nicht, Taito verschwindet, und gereizt und halb besorgt kehre ich in die Kajüte zurück, wo der eiserne Ofen glüht und wo dort nebenan meine Kameradin tapfer gegen die Schmerzen kämpft. Ich schlage den Vorhang beiseite, und Mita blickt mir aus dunklen übergroßen Augen fragend entgegen. „Nun, Olaf?!“ Ich berichte kurz. Viel habe ich nicht zu berichten. Ich setze mich neben Mitas Bett und sage noch: „Taito wird einen Seehund aufgespürt haben, der mal eine Strecke ins Innere wanderte … Seehund, Mita!! Die bellen auch, du weißt es.“ Und ich lächle ihr zu und nehme ihre fieberheiße Hand. „Vergiß das alles, Mita, und schlafe … Soll ich dir noch eine von den Tabletten geben?“ „Danke, Olaf …“ – Ihr schmales, dunkel getöntes Gesicht verzieht sich schmerzlich. „Ich werde doch nicht schlafen können, – ich kenne das, als Kind fiel ich einmal von einer Kiefer, und die Quetschungen folterten mich förmlich.


“ Als Kind … – Mitas Heimat sind die Wälder Kanadas, die sieben Monate unter Schnee begraben liegen. Mita war einer Chippeway-Indianerin und eines Weißen einziges Kind … „Du nimmst eine Tablette,“ bestimmte ich energisch. Sie ist gehorsam. Bald darauf atmet sie tief und ruhig, und ich schleiche hinüber in den großen Raum, der einst Doktor Vandermar beherbergte. Diese Kajüte, ausgestattet mit allem, was der Leiter einer Expedition nur braucht, erscheint mir, dem Wanderer der Abseitswege, wie ein Prunkgemach. An der Decke hängt die große Lampe, ihr Licht füllt jeden Winkel, und – – wieder stutze ich … Auf dem sehr dicken Wollteppich liegt gerade unter der kleinen Stablüftungsklappe, die stets ganz wenig geöffnet ist, um etwas frische Luft einzulassen, ein langer schmaler Fidibus von gelber Farbe. Diese Klappe geht durch die doppelte Bordwand hindurch und ist außen durch ein starkes, durchlöchertes Blech mit Scharnieren und Riegel verschlossen, – an sich eine etwas ungewöhnliche Anlage für ein Schiff, nicht für ein Polarschiff. Als ich das Papier – es ist das innere Papierschutzblatt einer Zigarrenkiste – auseinanderfalte, finde ich darauf mit Tintenstift in einer grob hingehauenen Handschrift, die so manches über den Charakter des Schreibers verrät, folgendes vermerkt: Ich habe euch beide nun genügend gewarnt. Daß ihr sogar gemein genug sein konntet, den Hund vor euren armen Gefährten zu verbergen (es wird nicht der einzige noch lebende sein, nehme ich an), setzt euren infamen Niederträchtigkeiten die Krone auf. Hütet euch, – wenn ich zum dritten Mal erscheine, werde ich eure Schüsse so erwidern, daß ihr nicht mehr schießt, verlaßt euch drauf. Gerechtigkeit muß sein, und da es hier leider keine Polizei, kein Schwurgericht und keinen Galgen gibt, werde ich es euch heimzahlen, was ihr an euren Gefährten verbrochen habt. Der Mann von drüben. Befände ich mich hier in einer anderen Lage, würde ich über dieses Stück Kolportageromantik lächeln. So, wie die Dinge hier jedoch liegen, vermag ich diesen Zettel unschwer zu deuten. – Ich weiß, daß der Vandermar-Expedition hauptsächlich dadurch der sichere Tod drohte, daß die Schlittenhunde scheinbar durch eine Seuche sämtlich hinweggerafft wurden und daß die mitgeführten Gemüsekonserven, die zur Verhütung des Skorbuts, der berüchtigten Polarkrankheit, notwendig waren, auf unerklärliche Weise verschwanden oder ebenso unerklärlich schnell verbraucht wurden. Als letzte Überlebende des „Eisvogel“ hauste hier ein verbrecherisches Liebespaar, an das ich schon aus dem Grunde ungern denke, weil Mita Mac Barny, die mir lieb und wert ist, die unglückliche Gattin jenes Thomas Malcolm war, der sie im Einverständnis mit Thora Vandermar, einem Mädchen ohne Gewissen, im Sturm bei der Hinfahrt über Bord warf. Wie Mita damals gerettet wurde, wie und wo ich sie traf, wie wir mit dem nun in Flammen aufgegangenen Schwingenflieger hier landeten, wie der Fackelberg beide vernichtete, – all das ist eine frühere Geschichte. Eins bleibt gewiß: Dieses Pärchen hat die Expedition gemordet, dieses Pärchen vergiftete die Hunde, verbarg die Konserven, ließ die Gefährten hinsiechen, hoffte dann irgendwie bewohnte, wärmere Gegenden wieder zu erreichen und mit Vandermars Millionen ein recht vergnügtes Dasein zu führen. – Das Schicksal griff ein: Der brennende Berg öffnete ein neues Ventil seines ungeheuren, überhitzten Kessels, und was ich dann im Schnee verscharrte, waren zwei grausig verkohlte und verstümmelte Klumpen versengten Fleisches. Das alles sind Tatsachen, sind kurze Kapitel einer gräßlichen Tragödie, wie die schreckensvollen Annalen der Polarforschung sie bisher nicht aufwiesen. Die Welt da draußen, wo die Bäume grünen und die Blumen blühen und Früchte gedeihen und die Menschen einander trotzdem wie Bestien im Dunkeln bekämpfen und jeder zusammenzuraffen sucht, was er nur irgend zusammenraffen kann, – diese Welt, die ich meide und die mich ausgestoßen hat, ahnte nichts von den gemeinen Ränken Thomas Malcolms und Thora Vandermars. Die Vandermar-Expedition gilt für verschollen. Aber Doktor Vandermar lebte noch vor vier Monaten, und sein letzter Hilferuf war es, der Mita, mich und Taito diese bisher nie betretene Küstenstelle der Südwestseite des Antarktischen Kontinents finden ließ. Wir glaubten hier allein zu sein, ganz allein, – die Antarktis ist ja nirgends bewohnt, nicht einmal Vierfüßler gibt es hier, nur Vögel und Robben, Wale, Walrosse und ähnliche Gesellen, die ein eiskaltes Bad nicht scheuen. Jetzt sehe ich, wir täuschten uns, ein Mann haust hier irgendwo, der Mann von drüben! Und dieser Unbekannte hält Mita und mich für das verbrecherische Paar, dieser Mensch kennt die ungeheuren Verbrechen Malcolms und seiner Dirne, seines reichen, schändlichen Liebchens, – der Mann hat mit den beiden vom Schicksal gestern ausgelöschten bereits einmal bleierne feindliche Grüße ausgetauscht und wollte Vorsehung spielen.

Heute besuchte er den „Eisvogel“ zum zweiten Mal. Beim dritten Mal will er Ernst machen, und ich zweifele nicht daran, daß er nicht umsonst droht. Die Handschrift besagt genug. Das muß ein Kerl aus Stahl und Eisen sein, einer, dem die ungeheure Kälte dieser ewig vereisten antarktischen Hochlandgebiete nichts anhaben kann. Wer ist der Fremde? Was verrät er mir durch den Zettel? … Ich habe mich an Doktor Vandermars bücherbedeckten Schreibtisch gesetzt und nach einer Zigarre gegriffen. Daß es kurz nach Mitternacht ist, stört mich nicht. Ich bin nicht müde, – dies seltsame Ereignis, um nicht Geheimnis zu sagen, hat mich wachgerüttelt. Mann von drüben?! Und da denke ich an das Bellen der Meute und an Taitos eilige Flucht nach Nordwest, die ich vorhin draußen beobachtete. Also: Der Mann besitzt einen Hundeschlitten, der Mann entfernte sich nach Nordwest ins Innere des Eislandes hinein, und der dumme Taito rannte hinterdrein, vielleicht getrieben von dem stärksten Instinkt und Trieb: In der Meute wird eine Hündin der Magnet für Taito gewesen sein, denn mein Prachtexemplar von Rassenmischung ist jung und stark und voller Lebensgier. Armer Taito, ich fürchte, dieser Ausflug wird dir schlecht bekommen. Schlittenhunde sind halbe Wölfe, und … Mir fällt da etwas ein, das auch Doktor Vandermar in dem Schiffstagebuch erwähnt und mir schon früher bekannt war. Man hat den Versuch unternommen, im Südteil der Antarktis und zwar im sogenannten Viktoria-Land, das der Forscher Scott 1902, vor ihm schon Roß 1841, mehrfach durchquerte und dabei Genaueres über den einzigen Vulkan der Antarktis, den Erebus, feststellte, sowohl Polarfüchse als auch Polarhunde und Schneehasen hier heimisch zu machen. Man setzte die Tiere aus und überließ sie ihrem Schicksal, hoffte, daß sie sich vermehren würden. Es war ein Fehlschlag, denn spätere Expeditionen fanden keine Spur mehr von diesen Tieren, und man nahm an, die weit ungünstigeren, strengeren klimatischen Verhältnisse des Südpols hätten sie hinweggerafft. Dies schien nun doch nicht der Fall zu sein. Angenommen, „der Mann von drüben“ sei ein Mitglied der Vandermar-Expedition (und diese Vermutung lag doch sehr nahe), ein Mann, der vielleicht rechtzeitig das Schiff verließ und irgendwo einen bewohnbaren Unterschlupf fand, – woher hatte er dann die Hundemeute?! Doch nur, so reimte ich es mir zusammen, durch blinden Zufall, der ihn auf Nachkommen jener einst im Viktoria-Land weiter nordwestlich ausgesetzten Polarhunde stoßen ließ, die er einfing, zähmte und nun vor seinen Schlitten spannte! Zunächst werde ich, da meiner Kameradin hier nichts zustoßen kann, einmal draußen in weiterem Umkreis gründlich Umschau halten.

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