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15 – Mein Bruder Simisatto – Olaf K. Abelsen

Ich weiß, daß sie nachts wiederkommen werden. Sie hoffen darauf, daß ein einzelner Mann ein Korallenriff unmöglich tagelang verteidigen kann, sie rechnen auf meine Übermüdung, auf eine Überrumpelung, vielleicht auf eine gut gezielte Kugel. Es sind elf farbige Burschen und Herr Fritz Linggeser, Polizeichef a. D. der freien Südseerepublik Francislan. In dem Blute dieses Dutzendpiraten kocht die Gier nach dem Inkagolde der versunkenen Insel Malmotta, von der bei Flut nur die wenigen Nordriffe übrig sind, bei Ebbe drüben im Süden noch eine schmale Felswand und davor drei Gräber. Es sind zwölf Narren. Das Gold versank mit der Insel, aber sie glauben mir nicht. Ich habe mit Herrn Linggeser, dessen schmieriger Tropenhelm vorhin ein paar Luftlöcher erhielt und von dem blonden Schopf lustig in die See flog, des längeren verhandelt. Der Kerl ist nicht zu überzeugen. Und nun hockt die Bande dort nach Osten zu hundert Meter weg mit ihrem großen Kriegskanu hinter dem letzten Riff und … wartet. Komplette Narren! Ich sage zu Men Huleb, der neben mir hinter den Randfelsen unseres Korallenwürfels liegt: „Du bist nur ein Mantelpavian, mein lieber Men, aber du hast mit deinen vier Greifhänden und mit deiner Hundeschnauze vor denen da eines voraus: Du verachtest das Gold! Eine Banane ist dir lieber als ein Goldbarren. Und dies mit Recht. – Was tun wir mit der Sippe?!“ Freund Men kratzt sich hinten wo und bringt dadurch seine Flohkolonne in Aufruhr. Er grunzt vergnügt und betrachtet ein bräunliches Opfer, das er zwischen Daumen und Zeigefinger hält, und zerbeißt es. – Ich weiß nicht, wie Flöhe schmecken. Ihm schmecken sie. Men Huleb rekelt sich in der Sonne und schielt hinab zu den flachen Korallenriffen, die sich bei Ebbe wie eine farbige Kolonie von Pilzen, etwa Morcheln, bis zu den Gräbern hinziehen. Er möchte gern … Er möchte gern Krebse suchen. Doch die Flut naht bereits, und die Wogen des Pazifik umhüllen den bunten Teppich der Korallen mit grünem Gespinst und verschlucken ihn. In einer Stunde wird von den Gräbern nichts mehr zu sehen sein. Ich habe dieses Spiel des Verschwindens und Wiedererscheinens seit Tagen andächtig beobachtet, eben seit die Freunde davondampften nach Francislan und ich hier Robinson spiele auf einem Kalkwürfel von etwa 7:7 Meter Oberfläche, wovon noch drei Quadratmeter für die Tür zu der Schatzkammer abgehen. Das Riff ist hohl, und besagte Tür ist das Einsteigeloch, der Schacht. Leitern führen hinab, und unten bildet der Schacht meine Wohnhöhle. Robinson Crusoe hatte zwar mehr Land zur Verfügung, aber ich habe als Ersatz dafür so ziemlich alles, was ein halber Kulturmensch braucht, sogar Rasierzeug und eine elegante, helle Pinasse von acht Meter Länge, gedeckt und mit sehr starkem Motor.


Sollten die Kerle da drüben mich langweilen, werde ich sie so ein wenig treibjagen, – – bisher sind sie mir eine geringe Abwechslung, ein Zeitvertreib und das belebende Moment dieser Robinsonade. Ich werde abwarten, was sie fernerhin unternehmen, und sollte es zutreffen, daß sie da einen Japaner von einem Wrackstück im Norden auffischten und ihn bei sich haben als dreizehnten, dürfte die Sache für das Dutzend Strolche letzten Endes doch peinlich auslaufen. – Es sind Stunden vergangen seitdem. Der Abend ist angebrochen, die Flut hatte mit dem feurigsten Farbenspiel des Sonnenuntergangs ihren Höchststand erreicht, und die Dunkelheit kroch rasch über den Ozean wie stets – lauernd und unmerklich auf Katzenpfötchen. – Ich sitze unten in meiner Grotte an dem Klapptisch und schreibe bei Karbidlicht, während oben auf unserem Felsen Men Huleb wacht und mich schützt. Es ist auf ihn unbedingt Verlaß, er weiß eine Pistole abzufeuern, und wenn er auch nicht gerade hervorragend zielt, so genügt doch der Knall als Alarmsignal, und im Nu bin ich dann die beiden Leitern empor und kann mit der Repetierbüchse eingreifen. Ich hatte mich soeben eine Weile im Stuhl zurückgelehnt und die Augen geschlossen und mir jüngste Erinnerungen zurückzurufen gestattet. Ich darf dies unbeschadet tun, denn von meinem eigensten Ich hängt nichts an diesen krausen, blutigen Dingen, die mit dem abermaligen Untertauchen Malmottas zusammenhingen. Links auf der Tischecke steht mein Rasierspiegel, und als ich aufschaute, blickte ich mich selber an in dem blanken Glase, das gerade groß genug ist, mit seinem Nickelrand meinen Kopf einzurahmen. Ich nickte mir selbst zu und sprach erstaunt: „Olaf Karl, das graue Haar an deinen Schläfen paßt sehr wenig zu deinem blonden Scheitel und zu dem jungen, frischen Gesicht, an dem vielleicht nur die harten Falten um Mund und Kinn stören. Jedes dieser Fältchen weiter oben in den Augen erscheint unsichtbar verbunden mit den Wülsten der Mundpartie, und alle haben sie ihre besondere Geschichte und scheinen aus ganz winzigen aneinander gereihten Namen zu bestehen, – und diese Namen sind mein Leben.“ – Jedes Dasein hat Abschnitte, Unterabteilungen, Aktenstücke, an jedem hängt ein Namensschildchen. Unser Leben ist Perlenschnur aus den Namen und Schicksalen anderer, an jeder Lebensschnur heißen die ersten Perlen wohl Vater und Mutter – und dann vielleicht der Name der Amme, eines Bruders, einer Schwester … – Betrachte ich diese meine Perlenreihe, so glänzt als schönste „Mutter“ und als wertvollste „Coy Cala“ und als liebste „Jane“. Dann sind da noch neben vielen blanken eine Anzahl erblindete, häßliche, aber auch sie möchte ich nicht missen, denn – viel Feind, viel Ehr’, sagt man. Dieser Jämmerling da draußen im Kriegskanu der Francislaner, dieser schuftige Herr Linggeser wird nicht einmal erblindete Perle werden. Der Kerl verriet seinen Wohltäter, den alten König-Vater Pierre, und sein Dank für Pierres Gnade und Großmut ist nun dieser Beutezug nach diesem Riff!! Armer Teufel! Gold?! Hier?! Bleipillen, Bleibohnen … Das ja! Mehr nicht. – Der dreizehnte Mann im Kanu will mir nicht aus dem Kopf. Ein Japaner?! Hier in dem abgelegensten Teile der Südsee dicht am Äquator?! Wenn’s noch ein Chinese gewesen wäre, – die kleinen Schacherer sind ja überall zu finden. Außerdem erging sich Herr Linggeser in so eigentümlichen Andeutungen über diesen seinen Gefangenen, gerade so, als ob er da aus den Wellen weiß Gott was für ein großes Tier aufgefischt hätte. Ich möchte nur wissen, ob Japans bedeutende Männer ausgerechnet hier in der Südsee zum Zeitvertreib auf Wrackstücken spazieren fahren. Der edle Polizeichef glaubte wohl durch seine Drohungen, den hohen Herrn aus dem Lande des Mikado an eine Haiangel zu hängen als … Köder (fertig bekommt der Bursche das!), mein Herz zu erweichen. Irrtum! – der Japaner wird weder von den Haien gefressen werden, noch wird die Piratenbande dort jemals mein Riff betreten. Ich bin soeben auf eine glorreiche Idee gekommen. Das Dutzend dort im Kriegskanu denkt natürlich nicht im entferntesten daran, daß ein einzelner Mann die Unverfrorenheit aufbringen könnte, seinen mißliebigen Nachbarn hier in dieser Wasserwildnis einen unerbetenen Besuch abzustatten. Nein, damit rechnen sie nicht, und deshalb liegt’s so nahe, ihnen vor Augen zu führen, wie günstig gerade diese Stunde, wo die Flut über die Riffe schäumt und alles weithin in weißen Gischt gehüllt ist, für einen amüsanten Scherz sein dürfte.

Weg also mit der Schreiberei! Ich werde mir den Japaner holen. Ich brauche etwas Nervenkitzel. Robinson Crusoe holte sich auch seinen „Freitag“ aus den Händen der Menschenfresser, und bei diesem schönen Kindermärchen ist nur das eine von dem Verfasser versehen worden, daß dort, wo es Lamas gibt (und diese spuckenden Kamelschafe hat Robinson doch auf seiner Insel als Milchkühe benutzt), die Menschenfresser fehlten und noch heute fehlen. Die Insel soll an der Westküste Südamerikas gelegen haben, Juan Fernandez soll es gewesen sein, aber wie gesagt: Die Peruaner und Chilenen, die hier doch nur in Betracht kämen, huldigten durchaus nicht den grausigen Gepflogenheiten[, betrachten] 1 das „Langschwein 2“ (den Menschen) lediglich als Opfer für ihre diversen Gottheiten. Also – Aufbruch!! – – – – Nun habe ich ihn. Dort liegt er und schläft. Seinen Anzug hat er fein säuberlich zum Trocknen ausgebreitet, auch seine Wäsche, – leider mußte ich seine Frage, ob ich ein Bügeleisen besäße (er scheint auf Bügelfalten und tadellose Wäsche sehr viel zu geben) schlankweg verneinen. Es geschieht doch immer wieder, daß man seine Ansicht, der Osten berge keine Originale, korrigieren muß. Bisher hielt ich die Japaner für ein Volk ohne besondere Eigenart, – ich bin eines Besseren belehrt worden, dieser Doktor Simisatto ist entschieden eine Persönlichkeit, die vollständig aus dem Rahmen „Japan“ herausfällt. Er schläft. Er muß todmüde sein. Er mag anderseits zufrieden sein, denn todmüde ist noch lange nicht tot, und ich fürchte, Herr Fritz Linggeser wird noch heute einige Seelenmessen lesen müssen für einige jäh aus dem Leben geschiedene braune Freunde. – Die Sache war an sich gefahrlos. Das Dutzend drüben schlief den biederen Schlaf aller Ungerechten, als ich neben dem gut vertäuten Kanu den Kopf hochreckte und mir die Nachbarn aus der Nähe betrachtete. Ein Kriegskanu von Francislan mißt etwa zwanzig Meter und gleicht durchaus einem zierlichen langgereckten Prahm, – vorn und hinten hat es Plattformen für die Kämpfer, in der Mitte eine Kajüte aus Palmfasermatten, rechts einen Ausleger, der das Umkippen verhindern soll, und dann noch einen Mast mit einem riesigen Mattensegel. Bug und Heck sind reich verziert, bunt bemalt, geschnitzt und halb poliert. Mich ging hier lediglich das Heck etwas an, wo ich im Sternenlicht neben der Plattform auf einer Ruderbank eine helle, zusammengekrümmte Gestalt bemerkte, die zweifellos nicht ganz freiwillig in dieser unbequemen Lage verharrte und die auch nicht grundlos in längeren Pausen ein leises Stöhnen hören ließ. Herr Linggeser hatte den Japaner „krumm geschlossen“. Die übrige Gesellschaft schnarchte in der Mattenkabine. Als ich die Stricke des Gefangenen zerschnitt, erlebte ich ein Fiasko. Der Mann war derart mitgenommen, daß er einfach hintenüber von der Ruderbank in das Kanu fiel und dabei leider einige Blechtöpfe von der Herdplatte stieß, was nicht ohne Lärm abging. – In einem solchen Kanu wird auf einem großen flachen, ausgehöhlten Stein abgekocht. – Bevor ich den Ärmsten, der zum Glück nicht viel wog, über den Bootsrand ins Wasser geschwungen hatte, erlaubte sich jemand der jäh erweckten Schläfer drei oder vier Pistolenschüsse, die mir galten, jedoch nur den Meeresspiegel zertrümmerten, – wie damals jener Schiffsjunge an seinen Vater schrieb, um aus dem leichtgläubigen Erzeuger ein paar Geldscheine herauszulocken. Ich bin stets so höflich gewesen, jedem zu antworten, und wenn in diesem speziellen Falle meine Erwiderung auch nach Pulver roch und innerhalb der Matten einige Verwirrung und noch ernstere Schäden anrichtete, so erkläre ich mich an alledem für durchaus schuldlos. Das nasse Bad hatte inzwischen meinen Schützling geschmeidiger gemacht, ich mußte allerdings noch nachhelfen, aber wir gelangten trotzdem wohlbehalten oben auf meiner Kalkfestung an, wo uns Men Huleb mit allen Zeichen größter Freude empfing.

Diese besondere Art sich zu freuen habe ich bisher nur bei Men Huleb beobachtet, – derartige Luftsprünge „auf der Stelle“ macht ihm nur ein Akrobat nach.

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