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08 – Die Schwurhand der Jossi – Olaf K. Abelsen

Daß mein chinesischer Freund und Dschungelgefährte den Orang-Utan 1 , den er endlich nach tagelangen Bemühungen in den Bambuskäfig gelockt und gefangen hatte, wieder laufen ließ, war ja an sich ein sehr hübscher Charakterzug Chi Apis. Es war eben derselbe Maia gewesen – Malaien und Dajak als farbige Ureinwohner Borneos bezeichnen den Orang-Utan mit Maia, ein Ausdruck, der etwa Waldherrscher bedeutet –, der bereits vor wenigen Tagen der List der Menschen erlegen war, außerdem auch dasselbe Tier, dem wir die erste sichere Botschaft von Anja van Vanderoos verdankt hatten und Freund Chi konnte beim besten Willen nicht voraussehen, daß dieser Menschenaffe, ein Exemplar von außergewöhnlicher Stärke für Margrit Jossi 2 die Ursache furchtbarster Todesangst werden sollte. Als Chi mir damals kurz nach Mitternacht das abgesplitterte Propellerstück gezeigt und sehr bald begriffen hatte, daß irgendwo in der Nähe unserer Urwaldhütte ein Flugzeug notgelandet sein müßte, war er sofort Feuer und Flamme dafür, dieses Flugzeug zu suchen, zumal wir annehmen mußten, daß die Insassen sich in den Gipfeln der Urwaldriesen in höchster Bedrängnis befänden, falls sie nicht bereits tot wären. Es war eine sternklare, warme Nacht, und über die Berge von Madjang strich ein erquickender Wind hin. Gut bewaffnet wie immer schritten wir den Dschungelpfad entlang bis zu jener Stelle, wo Chi das frische Propellerstück – es war weder feucht noch zeigte die Bruchstelle Spuren längeren Liegens im hohen Grase – zufällig bemerkt hatte. „Freund Olaf, hier war es,“ erklärte Chi am Rande der Lichtung und deutete erst auf den Boden und dann auf einen vereinzelten Baumriesen. „Und dort fing ich den Maia, Olaf … Du hättest nur sehen sollen, wie eilig er wieder seine grüne Heimat, die Baumkronen, aufsuchte und …“ „… Still!!“ Ich hatte unwillkürlich Chis Arm umklammert. „Hörtest du …?“ flüsterte ich und wandte den Kopf aufwärts. Wie eine schwarze Mauer standen die Giganten des Dschungels vor uns, Stämme von vierzig, fünfzig Meter Höhe, zumeist jene Rasamala-Arten, die selbst die kalifornische Kiefer an Höhe und Durchmesser übertreffen. Und … abermals kam da von oben her der gedämpfte und trotzdem gellende Schrei … Chi meinte höflich wie stets: „Freund Olaf, du denkst an einen Menschen, der sich in Todesnot befindet, gestatte jedoch, daß ich dir widerspreche: Es ist nur ein junger Gibbon (die zweite Menschenaffenart Borneos), der von seiner Horde abgekommen ist …“ Wir lauschten. Chi wußte hier mit allem besser Bescheid als ich, und es wäre von mir etwas anmaßend gewesen, hätte ich meine abweichende Ansicht über den Ursprung des seltsamen Rufes energisch verfochten. „So hörte ich noch keinen Gibbon schreien,“ erklärte ich leise … Chi hatte sich gebückt. Was er da aus dem hohen Grase aufhob, war eine Flasche … Meine Laterne beleuchtete sie. Es war eine Likörflasche mit langem Hals und dickem Bauch. Sie war leer, aber zugekorkt, und zugleich mit dem Korken war ein Stück Leinwand halb in den Hals hineingetrieben und hing als helle Fahne schlaff herab. Chi meinte erstaunt: „Die Leinwand ist ein Taschentuch, Olaf, und …“ Da – – zum zweiten Male versetzte der eigentümliche Schrei meine Nerven ins Schwingen. Chi Api stutzte. „Es ist kein Gibbon,“ sagte er ehrlich. „Es ist ein Mensch …“ „Ein Mensch, der diese Flasche aus den Baumkronen herabschleuderte, vielleicht in der Hoffnung, daß sie …“ Mein pockennarbiger Freund war bereits zum nächsten Rasamala geeilt und schwang sich an ein paar armdicken Lianen, die wie Taue von den untersten Ästen herabhingen, gewandt empor. Chi ist kein Schwätzer. Seine gemessene Höflichkeit hält weise Maß mit jedem Wort. Als ich ihm folgte, als wir nun, nur mit den Händen in der Finsternis und in dem Astgewirr der Krone uns weitertastend, nach unendlichen Anstrengungen etwa dreißig Meter hoch geklommen waren, schimmerte uns ein matter Lichtschein entgegen. Über uns lag eingekeilt zwischen den Riesenästen der Rumpf eines Eindeckers. Die Flügel waren abgebrochen und mußten anderswo in der Krone hängen. Aus dem einen Fenster des Rumpfes kam der schwache Lichtschein.


Dann ein Splittern von Glas … Ich sah vor dem Fenster den unverkennbaren Schatten eines OrangUtan, ich vernahm nun aus nächster Nähe denselben schrillen Ruf, und dann … fiel ein Schuß … Der Menschenaffe glitt zurück, prasselnd brachen unter ihm die Zweige, und offenbar sauste er schwer verletzt in die Tiefe. Dann ward alles wieder still. Ich beeilte mich … Ich packte eine dünne Ranke irgendeines Schmarotzergewächses, – ich war als erster vor dem durch den Maia zertrümmerten Fenster und rief überlaut: „Nicht schießen …! Wir kommen Ihnen zu Hilfe …!!“ Ich hatte mich des Englischen bedient. Urplötzlich erlosch das Licht, und die Person in der kleinen Kabine des Eindeckers war so unhöflich, sich nicht auf Englisch, sondern durch einen zweiten Schuß zu melden. Die Kugel pfiff zwar weitab durch die Äste, – immerhin, diese Art Empfang empörte den liebenswürdigen Chi derart, daß er dem Schützen zubrüllte: „Wer Sie auch sein mögen: Behandelt man so zwei Leute, die …“ Peng – –, abermals. Dritter Schuß … Auch mir riß der Geduldsfaden. „Sind Sie des Teufels!!“ Chis Stimme ist nichts gegen die meine. Chi reicht mir nur bis zur Schulter, und seine zierlichen Gliedmaßen stehen durchaus im Einklang mit seinem sanften Organ. Der Mensch da oben war wirklich des Teufels. Vierter Schuß …!! Die Sache begann mich nun doch nach einer anderen Richtung hin zu interessieren. „Der Kerl hat allen Grund, uns mit Blei zu begrüßen, flüsterte ich Chi zu, der neben mir auf einem Ast hockte. Drei Meter vor uns war das Fenster. „Der Bursche mag annehmen, daß …“ „Wer sind Sie?“ Englisch … „Olaf, ein Weib,“ sagte Chi in mildestem Tone. „Die Angst vor dem Maia dürfte ihr die Sinne verwirrt haben, und …“ „Wer sind Sie?!“ Es war ein weicher, aber kraftvoller Sopran, und ich stellte mir vor, daß die Frau außerordentlich willensstarken Charakters sein müsse. „Zwei harmlose Tierfänger,“ erwiderte ich rasch, um diese merkwürdig angriffslustige Dame nicht zum fünften Schuß zu veranlassen. Viel war wie gesagt von dem Flugzeugrumpf nicht zu erkennen: Ein heller breiter Streifen! – Die Lage des Fenster ahnte ich jetzt nur ungefähr. Eine geraume Weile blieb es still. Das war seltsam. Allem Anschein nach war die Frau allein und hätte sich freuen müssen, hier in der Wildnis Hilfe gefunden zu haben. Was tat sie? Sie meldete sich nicht, und als sie sich meldete, war es nur eine erneute Frage in demselben kurz angebundenen Tone: „Wo befinde ich mich?“ Chi hatte seine besondere Sorte Humor allzeit auf Lager. Er hatte nun ebenfalls gemerkt, daß die Frau mit ihren Patronen aus bestimmten Gründen, die uns noch verborgen, so verschwenderisch umging. „In einer Baumkrone,“ erklärte er sanft. „Etwa dreiunddreißig Meter über dem Erdboden in dem Rumpf eines …“ „Wollen Sie mich verhöhnen?! Scheren Sie sich wieder vom Baume hinab, rate ich Ihnen! Ich höre es Ihrem Englisch an, daß Sie ein Chinese sind, und ich …“ Wir hatten uns geirrt. Der Maia war doch nicht so schwer verletzt … Der Maia gab den Dingen eine andere Wendung, und unsere Lady lernte den Orang-Utan von seiner unangenehmsten Seite kennen. All diese Menschenaffen bewegen sich selbst bei Nacht mit völliger Lautlosigkeit in den Baumkronen.

Sie sind eben Baumbewohner, kommen selten zur Erde hinab und besitzen einen so feinen Tastsinn und ein so scharfes Auge, daß sie selbst bei tiefster Finsternis niemals etwa einen verdorrten brüchigen Ast zur Fortsetzung ihres Weges durch die Gipfel benutzen werden. Nicht einmal wir beide hatten das Nahen des schwer gereizten Tieres wahrgenommen. Wir wurden durch den kurzen Kampf in der Kabine und die gellenden Hilferufe der Frau vollständig überrascht. Der Orang-Utan war lautlos durch das zertrümmerte Fenster eingestiegen, und als ich nun in wilder Hast mich höher schwang und mit der bisher abgeblendet gehaltenen Laterne hineinleuchtete, packte mich ein Entsetzen, wie ich es selten gespürt habe. Der Maia hatte die Frau zu Boden geworfen und preßte ihr mit der Linken den Hals zusammen, während er mit der anderen Hand ein Stück Eisenstange – offenbar eine Strebe der Flügel – zum tödlichen Hiebe schwang. Chi war wie ein Blitz an mir vorbei durch das Fenster geschlüpft und stieß jene merkwürdigen Töne aus, die nur die Orang-Utan-Weibchen zu gewissen Zeiten von sich geben. Man könnte dieses langgezogene anschwellende Heulen mit Sirenengesang bezeichnen, wenn es nicht so unheimlich tierisch klänge. Chi, von Jugend an mit den Eigenarten der Menschenaffen vertraut, wollte lediglich den grimmen, blutenden Maia von dem Zuschlagen mit der Eisenstrebe abhalten. Es gelang. – Der Riesenaffe war durch den Laternenschein geblendet, und als er nun horchend und blinzelnd den rechten Arm sinken ließ, tat Chi abermals das in dieser Lage einzig Richtige. Er spie dem Maia den braunen Tabaksaft seines Priems (der gute Chi priemte zur Zeit aus Not, unsere sonstigen Tabakvorräte waren nämlich aufgebraucht) zielsicher in die Augen und erreichte dadurch, daß der Affe scheu zurückwich und sich heftig die tränenden Augen rieb. Gewiß: Eine Pistolenkugel hätte ihn rasch erledigt, aber Chi und ich sind keine Schießer und Mörder, und einen Orang-Utan niederzuknallen, ist Mord an einem uns Menschen verwandten Geschöpf. Da der Maia den Eisenstab hatte fallen lassen, genügte dann meinerseits ein derber Kopfhieb, den behaarten Gegner außer Gefecht zu setzen. Während Chi ihn kunstgerecht fesselte, bemühte ich mich um die bewußtlose Frau. Ich hatte die Laterne auf den Boden der Kabine gestellt. Ihr Schein übergoß ein schmales, seltsam kühnes, pikantes Gesicht. Die Frau mochte dreißig Jahre alt sein. Sie trug ein Kleid aus Khakistoff, das entschieden billigste derbste Dutzendware und sehr geschmacklos, aber praktisch war. Die Blässe ihrer Züge trug nur dazu bei, dieses eigenartige Antlitz noch reizvoller erscheinen zu lassen. Sie kam sehr bald wieder zu sich. Sie war zweifellos nicht verweichlicht, ihre schmalen Hände sahen sogar verarbeitet und schwielig aus, die Fingernägel waren kurz und ungepflegt, obwohl das Äußere der Unbekannten unbedingt auf eine Zugehörigkeit erster Kreise hindeutete. Als sie die Augen aufschlug, ruhte ihr verwirrter Blick sekundenlang in tiefem Nachdenken auf meinem Gesicht, das dem ihren so nahe war. Dann erinnerte sie sich wohl an die letzten Vorgänge, und mit einem Ruck setzte sie sich aufrecht und wandte den Kopf nach der ungewöhnlichen Gruppe hin, die mein pockennarbiger Freund und der bereits gefesselte Maia in der Ecke bildeten. „Ich danke Ihnen,“ sagte sie mit belegter Stimme. „Ich war dem Tode nahe, – das Ungeheuer hätte mich …“ Chi verneigte sich tief, diesmal sichtlich ironisch.

„… getötet, Miß, – wahrscheinlich,“ ergänzte er etwas rücksichtslos. „Ein angeschossener OrangUtan ist schlimmer als ein Tiger, die es hier auf Borneo zum Glück nicht gibt. – Pflegen Sie Ihre Helfer immer mit Pistolenschüssen zu begrüßen, Miß?! Es wäre das eine wenig angenehme Eigentümlichkeit, und mein Freund Olaf und ich hätten …“ „… Oh, – verzeihen Sie bitte …“ – und ihre Stimme war bereits freier und kräftiger. „Verzeihen Sie einer Frau, die unter so seltsamen Umständen gezwungen war, auf fremde Hilfe möglichst zu verzichten.“ Sie erhob sich vollends und ließ sich in einen der vier Korbsessel fallen. „Mir ist noch ganz schwindelig …“ meinte sie mit erneutem scheuem Blick auf den Menschenaffen, der sich bereits zu regen begann. „Das Tier besitzt ungeheure Kräfte. Ich bin auch nicht gerade ein Schwächling, aber …“ Chis Augen, die starr auf ihre Khakijacke gerichtet waren, in der ein quadratisches Stück etwas über dem Herzen fehlte, brachte sie in Verwirrung. Sie schwieg und suchte dieses Loch in ihrer Oberkleidung, das ungeschickt hineingeschnitten zu sein schien, mit dem linken Ellenbogen zu verdecken. Chi sagte sanft – nur ein Wort: „Gellajore …!!“ Er betonte es ganz unmerklich, und er lächelte dazu nachsichtig und wiederholte nochmals: „Gellajore, Miß … Welche Nummer?“

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