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06 – Die Geisterburg – Olaf K. Abelsen

Wo der kleine Lump all den Unsinn her hatte, war nicht festzustellen. Es gehört mit zu Maleachis Eigentümlichkeiten, nur gerade so viel zu erzählen, wie er für angemessen hält. Stiehlt er mir zehn Zigaretten, bekennt er eine, nascht er die Zuckerdose leer, sind’s nur drei Stückchen gewesen, selbst wenn besagte Dose voll war. Maleachi ist im übrigen seinem berühmten Namensvetter, dem kleinen Propheten, geistig verwandt. Auch er, mein Pferdeboy auf der Ruxa-Farm, weissagt so allerlei. In den vierzehn Tagen, die ich nun hier in Nordaustralien zusammen mit einer Dienerschaft reinblütiger Australneger den hochverehrten „Mussu“ spiele, hat Maleachi fünferlei prophezeit, und alles ist eingetroffen … Zum Beispiel – fünftens, und das war gestern früh, als er mir meine Beinkleider beim Bügeln angesengt hatte und ich ihm dieserhalb einen „Vortrag“ hielt … „Mussu“, sagte er und bewegte die Nüstern seiner Knollennase wie ein schnupperndes Kaninchen, „du nicht mehr lange tragen weiße Tropenanzüge. Ich träumen von langen Ritt und von helle schöne Missu. Du uns verlassen bald.“ „Besitzt du ein Traumbuch, Achi?“ fragte ich mißtrauisch. Sein Blick verriet mir, daß Traumbücher nicht zum eisernen Bestand seiner Missionsbildung gehörten. – „Also, mein lieber Achi,“ meinte ich am Abend darauf, nachdem er mir seine phantastische Geschichte erzählt hatte, „du gestattest wohl, daß ich berechtigte Zweifel hege. Du solltest nicht all die alten Nummern des Austral-Magazin lesen, dein Geist wird dadurch allzu stark angefeuert.“ Achi stand vor meiner Bank am Weiher in all seiner verblüffenden Magerkeit und Länge und nachlässiger Ungrazie seiner unsymmetrischen Glieder. Er hob den Affenarm gen Himmel, und der Ärmel seiner Jacke rutschte herab und zeigte seinen tätowierten Unterarm. „Mussu, das alles wahr sein …“ erklärte er feierlich. „Das alles nur dir erzählen, Mussu, du vielleicht glauben, aber nicht sprechen zu anderen.“ „Das ist der ständige Vorbehalt aller Klatschbasen, mein Sohn: Aber erzählen Sie es nicht weiter, Frau Müller!“ Seine sanften Gazellenaugen blickten mich an, und er schüttelte den Kopf. Er verstand Frau Müllers Vorbehalt nicht. Sein Arm blieb jedoch hochgereckt. „Mussu, du mich mitnehmen,“ meinte er toternst. „Ich nicht lügen … Ich Christ sein von Mission Walhallow.“ „Du lügst wie ein Heide, und du stiehlst wie ein Rabe, und deine Untugenden sind wie die Eukalyptusbüsche, die alles überwuchern. Deine famose Burg ist Hirngespinst. Geh schlafen.“ Sein Arm sank herab, und seine Mundwinkel zogen sich empor, daß sie den Ohrläppchen bedenklich nahe kamen.


Achis Lächeln hat viele Variationen. „Ich kommen sofort wieder, Mussu …“ Weg war er. Er rennt mit einem Emu um die Wette, und der Emu als australischer Strauß hält für den fünften Kontinent den Schnelligkeitsrekord. – Der Weiher schimmert silbern im Mondlicht. In seiner Tiefe ziehen in den von Palmen beschatteten Stellen die Leuchtfische dahin. Bell Dingo, Herr der Farm, hat sie für Ethel besorgt. Was würde Bell nicht für Ethel tun?! Bald wird sie seine Frau sein, obwohl er ebenfalls ein Australneger ist. Die Hautfarbe ist ja so gleichgültig. Mein bester Freund war ein brauner Indianer. Dort drüben steht die große Buche vor dem Mausoleum der Grafen Ruxa. Dort oben jener Ast trug mich, als Bell die Schlinge um den schwarzen Hals hatte und sein Leben nur von der Festigkeit der Maschen eines Fischnetzes abhing. Ab … hing, abhing, – Bell sollte hängen, so wollte es der tolle Bluß. Aber all das ist versunken im Meer der Vergangenheit, Ethel und Bell sind in Sydney, und ich reite und jage hier in der Wildnis und lebe doch inmitten der Kultur. Das Ruxa-Schloß hat elektrisches Licht, und Achi, der kleine lange Prophet, erhitzt das Bügeleisen stets zu stark. Ich habe zahllose Zimmer für mich, und … ich hasse diese Zeichen der Zivilisation, die mich nur an das Einst erinnern, als ich noch die breite Kunststraße wandelte. Von dem, was war, blieb mir nicht einmal der Name. Olaf Karl Abelsens Steckbrief hatte noch Gültigkeit, aber Mr. Elsen, zur Zeit Murray-Farm, Nord-Territorium, kümmert sich den Teufel was um gedruckte Fetzen. Gestern schoß ich einen Beutelwolf, ein Prachtexemplar. Sie sind selten in den Randgebieten. Achi wird mir das Fell präparieren und mir eine Weste daraus schneidern, eine graubraune mit schwarzen Streifen für die kalten Nächte. Achi kann alles. Nur bügeln nicht. Für seine sechzehn Jahre ist er Allerweltsgenie. Er kehrt zurück mit Laterne und einem Buch, das ich schon kenne.

Es enthält die Mißerfolge seiner photographischen Künste mit Ethels Kamera. „Mussu, hier sein Bilder …“ „Die habe ich schon angestaunt …“ „Nicht alle, Mussu …“ Er dreht den Deckel des Album nach unten und schlägt das letzte Blatt auf. „Das nicht sehen, Mussu …!“ Seine Karbidlaterne enthüllt sechs Bilder 6:9, alle gleich unscharf. „Das sein Burg, Mussu …!“ Ich beuge mich vor. „Achi,“ sage ich nach Minuten stillen Staunens, „wie kommst du denn in das Turnbull-Feld?!“ Mein Blick entlockt ihm ein verlegenes Grinsen. „Wolltest du die volle Wahrheit nicht bekennen, weil du Ethels Kamera mitgenommen hattest?“ Er nickt zögernd. „Das so waren, Mussu … Sein ein Jahr her, da mich schicken Missu nach Walhallow, sollen holen allerlei aus Store. Nehmen Pferd und Packpferd, nehmen heimlich Apparat mit und Filmpack und reiten. Mussu wissen: Zwei Tage bis Walhallow, aber ich Zeit haben, Missu Ethel wollen nach Hafen Karumba, und keine Eile. Ich reiten, lassen Packpferd in Store und kommen an Moods-See an Grenze von Turnbull-Feld. Name sein Unsinn, Mussu, Turnbull-Feld sein große Wüste, nur Sand, Sand, kahle Felsen, Salzkräuter, nicht Kaninchen dort, nichts, nichts, nur Sand …“ „Ich weiß, Achi …“ „Du nicht wissen, Mussu … Lehrerin in Missionsschule sagen: Turnbull-Feld große Einöde ohne Wasser, große Hitze, nur Sand, keine Menschen, nur berühmter Engländer einmal da reisen mit Karawane und fast sterben …“ „Ja, der Forscher Sir Ewered.“ „Ja, Sir Ewered … – Ich besserer Forscher, ich mir als Junge schon immer sagen: Dort sein können Gold …“ „Du meinst, weil Dingo durch einen Fund Millionär wurde – verstehe! Weiter …“ Seine Geschichte war ja nicht erfunden. Die Bilder bewiesen es. „… Ich reiten und dürsten, reiten vier Tage, Mussu, immer nach Südwest …“ „Also mitten durch das Turnbull-Feld, das doppelt so groß wie die deutsche Schweiz ist … – ein Leichtsinn, mein Sohn!“ „Ich dürsten, Mussu, ich sein schon halb verrückt, Pferd stolpern, Pferd Zunge so lang … Dann Pferd abends wieder traben, Wüste tiefes Tal, und in Tal Berge und das, was auf Bilder du sehen … Pferd trinken, ich trinken … Wir sehen Burg, aber große Angst … Wir bleiben in Schlucht, und als Mitternacht kam, da sie kommen wie ich erzählen, zwölf, Mussu, zwölf kommen.“ Er begleitet jedes Wort mit lebhaftesten Gesten, er zittert vor Eifer, mir die Überzeugung beizubringen, daß er nicht lügt. „Mussu, – als Tag nahen, sie gehen wieder weg, und als Sonne scheinen, ich photographieren und reiten zurück … – Wie ich sein zurück hier auf Farm, Mussu, Kanarra mich schlagen mit Riemen, weil umtreiben mich ganze zwei Wochen, Kanarra hatten recht, ich still sein, Bilder fertig machen und schweigen. Du sein erster, der Wahrheit wissen. Burg stehen in Bergen in Turnbull-Feld, und ich dort gewesen, ich schwören. Das sein vor Jahr am dritten September, Mussu … Heute achtzehnter August, Mussu. Vielleicht die zwölf wieder kommen am dritten September … – Wann wir reiten, Mussu?“ Der schwarze Jüngling hatte seine eigene Diplomatie. Ich schaute nochmals die sechs Bilder an, und ich erwiderte: „Wir werden der Sache auf den Grund gehen … Morgen früh.“ Maleachis Luftsprung war Spitzenleistung … „Mussu, ich wissen, du Mut haben …!“ „Wer nichts als das bißchen Leben zu verlieren hat, hat immer Mut, mein lieber Achi.“ Die Vorbereitungen übernahm Achi. In der Beziehung war auf ihn unbedingt Verlaß. Ich saß noch lange auf meinem Lieblingsplatz, und meine Gedanken eilten den Ereignissen weit voraus.

Was Maleachi mir heute mit seinem Geständnis beschert hatte, war mehr als er ahnte: Es war der Weg in die neue unbekannte Ferne, es war ein neuer Weg abseits vom Alltag, ein Weg fern der Kunststraße der Zivilisation, es war die Erfüllung einer Sehnsucht nach der Freiheit, wie ich sie lieben gelernt habe: Freiheit, Romantik, Abenteurertum und – – ein dunkles Rätsel als Ziel! Was taten die zwölf nachts am dritten September inmitten des unerforschten, öden TurnbullFeldes?! … Eine schwere Hand legte sich von hinten auf meine Schulter. Ich schrak leicht zusammen. Kolonel Mallingrott von der Polizeistation Borraloola am Mac-Arthur-Fluß sagte sehr dienstlich: „Mr. Abelsen, Sie werden keine Geschichten machen, hoffe ich … Gestern erkannte ich Sie im neuesten Fahndungsblatt nach der Steckbriefphotographie wieder. Sie haben wegen Totschlags noch zwei Jahre Zuchthaus in Ihrer schwedischen Heimat abzusitzen, und ich tue nur meine Pflicht, es geht nicht anders …“ Mallingrott war ein guter Kerl. Und ein vorsichtiger Beamter. Er hatte gleich sechs seiner Buschreiter mitgebracht. „Machen Sie also keine Geschichten,“ wiederholte er zur Sicherheit nochmals. „Sie sind hiermit verhaftet, Olaf Karl Abelsen, und ich weise pflichtgemäß darauf hin, daß alles, was Sie jetzt erklären, gegebenenfalls gegen Sie …“ Mallingrott stoppte. Er war wie alle guten Kerle ein Schwätzer. Er hätte mir zu allererst Handschellen anlegen sollen. Er hätte auch die Dienstpistole nicht in der Linken halten sollen, und seine Leute wären am Ufer des Weihers besser postiert gewesen, als in den Büschen. Aber alle guten Kerle sind Dummköpfe, und nur die Halunken sind gerissen genug, Worte zu sparen. Armer Mallingrott! Er hatte es bisher nur mit dem Gesindel der Goldfelder von Mac Arthur zu tun gehabt, und bei denen kam es meist nur darauf an, wer die Pistole zuerst hoch hatte. Ich war mit einem Satz kopfüber im Weiher verschwunden, und der andere Satz des armen Mallingrott blieb unvollendet.

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