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03 – Mein Freund Coy – Olaf K. Abelsen

Ich hatte, so lange ich in der Welt lebte, nur einen Freund. Unter Welt verstehe ich das, was nicht „die Welt“ ist, nicht meine Welt der Freiheit und der freien Persönlichkeit. Dieser Freund war ein Hund, ein Bastard, Kreuzung zwischen Dobermann und Schäferhund. Meine Bekannten lachten mich aus, weil ich so vernarrt in das Tier war. Ich hatte es, während ich noch in Charlottenburg studierte, vollkommen verwahrlost im Tiergarten aufgelesen, als schon ein Hundefänger seine Schlinge bereit hielt. Sechs Jahre hat „Malm“ (ein Phantasiename, eine Abkürzung von Malmö, meiner Vaterstadt) mir eine Liebe und Anhänglichkeit bewiesen, zu der kein zweibeiniges Gottesgeschöpf mit solcher Selbstlosigkeit fähig ist. Malm begleitete mich nach Indien, Australien und nach Sumatra, – wohin mich immer mein Ingenieurberuf führte. Malm starb für mich in Kota Matta, mitten in der Sumatrawildnis durch einen Leopardenbiß. Mein sogenannter Freund und Kollege K. riß aus, nachdem er das Raubtier gefehlt hatte, obwohl sein Patronenrahmen noch vier Schüsse enthielt. Malm starb für mich. Sein Tod gewährte mir die nötigen zehn Sekunden, um meine eigene an einem Baume lehnende Büchse zu holen. Ich werde Malm ebensowenig vergessen wie Coy Cala, den Araukaner. – Coy lag neben mir im Steppengras auf der Hügelkuppe hinter den gelben Dornenblüten und den zähen bräunlichen Ranken. Unsere Pferde standen hinter uns in einer Bodensenkung. Coy hatte soeben den prächtigen Puma abgehäutet, die Fangzähne herausgebrochen und den Kadaver in eine tiefe Regenrinne geworfen. Dann war ich des einzelnen Mannes ansichtig geworden, der von den westlichen letzten Ausläufen der Anden her mit einem langen Stecken in der Hand sich über die von Gürteltieren aufgewühlte Sandebene tastete. Tastete – – fühlte, genau wie ein Blinder. Mein Fernglas bestätigte mir, daß der barhäuptige Europäer dort fraglos das Augenlicht verloren hatte. „Mistre,“ sagte der braune Coy zu mir, „wie kommen Mann hier in Einsamkeit?!“ Meines Freundes Coy englische Sprachkenntnisse sind genau so eigenartig und mangelhaft wie seine religiösen Vorstellungen. Der Aufenthalt in einer der amerikanischen Missionsstationen hier am Rande des südlichen Südamerikas ist ihm schlecht bekommen. „Der Mensch ist vollständig erschöpft,“ erklärte ich, nahm die Sniders-Büchse und erhob mich. „Gehen wir ihm entgegen, Coy … Du hast ganz recht: Was tut der Mann hier in der Südwestecke Patagoniens?!“ Coy Cala schritt neben mir, den Karabiner im rechten Arm. Der Fremde war in einem der zahllosen trockenen Flußtäler verschwunden. „Mistre, können sein Harzsucher,“ meinte mein Freund nachdenklich.


„Tragen Lederanzug wie wir, haben Pistole am Gurt, Messer und kleines Beil. Vielleicht Harzsucher von Dorf nördlich von Gallegos-Bucht.“ Wir hatten den Südrand des Flußbettes erreicht. Er fiel steil ab. Unten lagen Steine, Felsen. Ein Trupp kleiner Pampasstrauße jagte in wilder Flucht gen Osten, setzte dabei über alle Hindernisse mit Riesensprüngen hinweg und verschwand. Unser Mann kniete am Boden neben einer lehmigen, von den Vögeln aufgerührten Regenpfütze und schöpfte den eklen Trank mit einem kleinen zerbeulten Aluminiumbecher. Wir beobachteten ihn. Die Entfernung betrug fünfzig Meter. Der arme Kerl dort – bemitleidenswerter Anblick! Das blonde fahle Haar war lang und verwahrlost. Der Bart genau so, das Gesicht mager, tief gebräunt und rot gesprenkelt. Diese kleinen roten Beulen hatten gelbe Eiterköpfe. Bis zum Kinn, den Ohren, dem Haaransatz zeigten sich diese entsetzlichen Merkmale der in Südpatagonien zum Glück so seltenen Chapo-Ameisen. „Chapo!!“ sagte Coy gleichmütig. „Mann sein blind von Chapo. Das kennen, Mistre … Chapo Aasfresser. Wenn Menschen beißen, geben Geschwüre.“ Ich schaute mich nach einer weniger abschüssigen Stelle um, und als ich ein paar Schritte zur Linken lehmharte Terrassen entdeckt, in denen der feine Glimmerstaub wie Goldkörnchen leuchtete, wollte ich mich dorthin wenden, denn es drängte mich, den Ärmsten da unten, den das Schicksal so furchtbar heimgesucht hatte, unsere Nähe kundzutun und ihm unsere Hilfe anzubieten. Aber Coy legte mir die schmutzige, noch mit getrocknetem Pumablut getünchte Hand auf den Arm. „Mistre, dort …!“ Er wies in die Ferne, gen Westen … „Andere Mann kommen, Mistre, zweite Mann auf Fährte von Blinden. Kommen geritten, Mistre. Sehen?“ „Nein, Coy. Ich habe nicht deine Augen …“ „Fernglas nehmen … Erst verstecken aber. Dort Buchen, gut sein …“ Die immergrünen Buchen Patagoniens mit ihren üppigen Schößlingen boten genügend Schutz. Der Reiter konnte uns noch nicht wahrgenommen haben.

Die untergehende Sonne stand hinter uns, und sie schien heute klar und grell wie selten. Der Reiter näherte sich im Schritt. Mein Fernglas zeigte mir einen Tehuelchen, einen Sohn der Steppe, mit breitem Strohhut und einem Lederkostüm, wie wir es trugen. „Blicken immer auf Spur von Blinden, der dreckige Tehu,“ meinte Coy mit ungeheurer Verachtung. Denn Coy Cala war Araukaner. Sein Volk wohnte weiter nördlich, und wie ausgerechnet diese kleine Kolonie Araukaner hier an die Ufer der Gallegos-Bucht geraten, hatte ich noch immer nicht feststellen können. Die Leute sprachen nicht darüber, und wenn ich Coy fragte, zuckte er nur die Achseln … „Nicht wissen, Mistre … Zu lange her, Mistre …“ Der Reiter hing lässig auf seinem dürren Klepper. Aber unter dem Hutrand brannten die schwarzen mißtrauischen Augen eines der Steppensöhne, die selbst heute noch in fröhlicher Ungebundenheit ihre Lederzelte bald hier bald dort aufschlagen. Platz genug haben sie in Patagonien. Ist ein Land, in dem man tagelang reiten kann, ohne auch nur ein Lagerfeuer zu Gesicht zu bekommen. War nun heran, der Tehu. Schaute ins Flußtal hinab. Sein Gaul knabberte an den dürren fahlen Gräsern, er selbst saß als Bildsäule im plumpen selbstgearbeiteten Sattel, die Doppelbüchse quer über dem Schenkel, Hand am Schloß. Der Blinde hatte sich neben den Tümpel gesetzt und schien ausruhen zu wollen. Ein unmerkliches Geräusch neben mir … Coy war verschwunden. Minuten später tauchte er im Rücken des Reiters auf, der nun abgestiegen war und sich gleichfalls niedergelassen hatte. Es machte den Eindruck, als wollte der Tehu feststellen, was der Blinde weiter tun würde. Um die Vorgänge recht genau verfolgen zu können, benutzte ich abermals mein Fernglas. Der Tehuelche war ein überaus kräftig gewachsener Mann, hatte aber, als er sich nun zu Fuß bewegte, die allen Reitervölkern eigenen schwerfälligen oder doch schwerfällig erscheinenden Schritte und eine schlaffe Körperhaltung. Wie ich ihn so noch voller Spannung auf die Entwicklung der Dinge beobachtete, irrte mein Blick ganz zufällig einmal von ihm ab. Vielleicht fünfhundert Meter hinter ihm zog sich, noch im Gesichtsfeld meines Glases liegend, ein Gebüschstreifen hin, um dessen Ecke soeben ein zweiter Reiter bog, sofort aber wieder seinen Gaul zurückriß und hinter der grünen Blattmauer verschwand. Obwohl ich diesen dritten Fremden, der hier genauso unvermutet wie der Blinde und der Tehu auftauchte, nur Sekunden vor mir gehabt hatte, war ich doch überzeugt, daß es sich um ein in einen praktischen Reitanzug gekleidetes Weib, um eine blondhaarige Europäerin handelte. Sattel und Zaumzeug ihres Pferdes waren niemals indianische Arbeit, die großen gelben Satteltaschen erst recht nicht, und unter dem breitrandigen Hut hatte ich das Haar hell und golden schimmern sehen, hatte auch den bestimmten Eindruck, daß es ein jugendlich-frisches, leicht gebräuntes Antlitz von angenehmen Zügen gewesen war. Eine Europäerin hier in der Wildnis – hier, wo die nächsten Weißen Hunderte von Kilometern weiter östlich am Gallegos-Fluß wohnten?! Merkwürdig – sehr merkwürdig!! Durfte ich etwa die Reiterin ebenfalls mit dem Blinden in Zusammenhang bringen?! War auch sie der Fährte dieses verwahrlosten armen blinden Steppenwanderers gefolgt?! Die ganzen Umstände dieses Vorspiels eines Erlebnisses, dessen fernere Auswirkungen ich auch nicht im geringsten jetzt schon vorausahnen konnte, waren seltsam genug, – so seltsam, daß sie auch mir, dem Anspruchsvollen, die Nerven ein wenig ins Schwingen brachten. – Coy hatte Pech.

Diese Pampasgäule haben feine Nasen. Und man kann nicht sagen, daß Coy nicht duftete. Tran, Blut, Tabak, Sprit, – es war schwer, die einzelnen Gestankwolken, die seinem speckigen Lederwams entströmten, auseinanderzuhalten. Sauberkeit war meines Freundes Stärke nicht. Aber lügen, stehlen, saufen, das konnte er. Zuweilen ritt er, der eifrigste Pferdeschacherer, mit einem jämmerlichen Klepper heimlich davon und kehrte erst nach drei Tagen mit einem Prachtgaul von derselben Farbe und ähnlicher Zeichnung zurück, behauptete dann, er habe das Pferd in den grünen saftigen Weideflächen der fruchtbaren nördlichen Andentäler aufgemästet. Ich behaupte, er hatte es eingetauscht – ohne Genehmigung des anderen Pferdebesitzers. Coy hatte Pech. Der Tehu-Gaul witterte ihn und keilte aus. Der Reiter floh. Ich mußte lachen, wie die beiden Indianer sich als Wettläufer versuchten. Ich bin doch auch gut zu Fuß. Aber die beiden – staunenswert! Eine Bodensenkung entzog sie meinen Blicken, und was konnte ich besseres tun, als nunmehr den Ärmsten dort unten auszufragen. Ich kletterte die Lehmterrassen hinab. Er hörte das Kollern und Poltern der abbröckelnden Lehmklumpen, stand auf und starrte mit seinen völlig geschwollenen Augen mir entgegen. Daß er mich sah, also nicht blind war, erschien bei dem überaus gespannten, geradezu gequälten Ausdruck seines verunstalteten Gesichts gänzlich ausgeschlossen. Dann nestelte er rasch an seiner verwitterten Pistolentasche herum und brachte eine Repetierpistole in der Richtung auf mich in Anschlag. „Halt – stehen bleiben!“ rief er in englischer Sprache. Seine Stimme war heiser und ohne jede Kraft, und auch der rechte Arm zitterte hin und her – wie ein Grashalm, der gerade in einer Windecke wächst. Diese Drohung konnte nur unendlich mitleiderregend wirken. Als ich nun leise einige Schritte seitwärts trat, behielt der Kopf des Fremden dieselbe Haltung bei. Der Mann war blind. „Fürchten Sie nichts,“ erklärte ich herzlich. „Ich bin ein Europäer wie Sie, und …“ „… Europäer sind die schlimmsten Schurken.“ „Da haben Sie nicht ganz unrecht … Was mich betrifft, so rechne ich mich nicht mehr zu denen, die das große Kontingent der Halunken stellen.

Ich habe der Zivilisation Lebewohl gesagt. Ich hatte sie nach acht Monaten schuldloser Zuchthausstrafe satt.“ „Ah – das gefällt mir …“ Er lächelte ironisch aber sein entsetzliches Gesicht wurde durch dieses Lächeln zur Satansfratze. „Da können wir uns die Hand reichen, Sir … Ich bin Kollege, auch Zuchthäusler a. D., auch schuldlos eingesperrt gewesen. Vielleicht kennen Sie das Gefängnis in Valdivia.“ „Nein. Das nicht. – Aber ich denke, ich kann vielleicht für Sie jetzt zunächst irgend etwas tun. Sie scheinen hungrig zu sein … Darf ich.“ „Danke, Sir … Ihr Name?“ „Ich hieß einmal anders … Jetzt nennen meine indianischen Freunde mich in ihrem verpfuschten Kauderwelsch von Englisch-Spanisch El Gento, womit sie freilich etwas für mich höchst Ehrenvolles zum Ausdruck bringen wollen, nämlich eine Verquickung der Begriffe Herr und Mann …“ „Verstehe,“ nickte der Blinde, und sein Kopf war nach links gewandt, wo der Gaul des Tehuelchen soeben am Rande der Uferhöhe beim Grasrupfen ein wenig Sand hatte in die Tiefe rieseln lassen. „Ist dort noch jemand, El Gento?“ fügte er sofort hinzu und bewies so, daß sein Gehör außerordentlich scharf war

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