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Abenteuer und Magie – Karl Federn

Als Antoine von Chamillac – von den Cloré-Chamillac, die sich seit langem für die erste Familie von Aix hielten, – die Tochter des Marquis von Irville als Gattin heimgeführt hatte, wuchs sein Stolz über die Maßen. Er war sonst ein tapferer und rechtschaffener Mann, wohlgebildet und, bis auf seinen Hochmut, von feinen Sitten, und er vergötterte den Boden, den die Füße seiner schönen jungen Frau betraten. Ihr zu Ehren hatte er den Landsitz, auf dem sie den größten Teil des Jahres wohnten, gleichfalls Irville genannt und mit Terrassen und Gärten verschönt. Zwischen meist im Grün versteckten Mauern zog sich der Park mit den wundervollen Blumen und Büschen des Südens hin; der Duft der Rosen und des Jasmins, und wieder der Zitronen- und Orangenblüten erfüllte die warme Luft, und wenn Marguerite von Irville, ihr in weiße Seide gekleidetes Söhnchen an der Hand, die Sommerwege entlang ging, so hatten alle, die es sahen, ihr Wohlgefallen daran. Antoine von Chamillac war freigebig und gastfrei und seinen Leuten kein ungütiger Herr, und es fehlte ihm nicht an Freunden. So lebte er im dreifachen Genuß der Liebe, des Reichtums und höchsten Selbstgefühls. An einem heißen Sommernachmittag schritt er, vom Präsidial kommend, seinem Parktor zu. Er war allein, denn er hatte seinen Diener in einem Auftrag vorausgeschickt; die Straße, die sich zwischen langen, von Efeu und Lorbeer überwachsenen Mauern hinzog, war menschenleer. Am Tage zuvor war er in Valdogne gewesen, wo er seine Weinberge hatte. Er war in den weiten kühlen Kellern gewesen, in denen die mächtigen Fässer lagen, er hatte auf einer Steinbank unter den Rosenbüschen sitzend aus einer Zinnkanne den schweren süßen selbstgekelterten Wein getrunken und mit frohen Augen die rebenschweren Holzgestänge gesehen und die eine neue üppige Ernte verheißenden Gewinde, die sich an Steingängen, Pfeilern und Mauern hinzogen. Er dachte auch mit Vergnügen daran zurück, daß die kleineren Edelleute des Tals ihm entgegengeritten waren und ihn eingeholt hatten, und fast hätten zwei davon sich um die Ehre geschlagen, ihn an ihrem Tische bewirten zu dürfen. Wenn der Erzbischof oder der Statthalter der Provinz gekommen wäre, sie hätten es nicht anders halten können. An all dies dachte er mit hoher Befriedigung, dann kam ihm der Erlaß zu Sinn, den er soeben beim Präsidial diktiert hatte, und laut vor sich hinsprechend wiederholte er: »Wir, Antoine Cloré, Herr von Chamillac, Baron von Valdogne und von Châteaurenard, Herr von Irville, Rat am Parlament …«; er wollte mit seinen Titeln und Würden fortfahren, als ein tiefes stoßweises Lachen, ein höhnisches »Hü, hü, hü!« störend und ärgerlich in seinen Traum tönte. Unwillkürlich sah er empor, aber sein Blick traf nur das dichte Grün und die Mauer des Nachbargrundstücks. Er hatte den Degen schon halb gezogen; vor ihm war die schweigende Mauer, der alte Diodati, der Narr, der sich seinesgleichen dünkte, obwohl er von Luccheser Kaufleuten stammte, war es, der Stimme nach zu urteilen, nicht gewesen, ebensowenig der junge Edmond, auch keine der Frauen und Mädchen; wenn es ein geringerer gewesen war, konnte er ihn nur von seinen Leuten prügeln lassen, das heißt, wenn er ihn entdeckte; aber es schien kaum denkbar, daß ein Geringerer ihn so zu verhöhnen wagte. In seine fröhliche Laune war ein Tropfen Bitterkeit gefallen; unmutig ging er weiter, schritt durch das Tor seines Parks, und stieg, vom Verdruß getrieben, zu einer erhöhten Terrasse empor, von der er einen Teil des andern Grundstücks übersehen konnte: die vergitterten Fenster an der Rückseite des mächtigen steinernen Hauses und die niederen Wirtschaftsgebäude, die sich zu beiden Seiten herüberzogen. Dazwischen lag ein großer viereckiger, rings mit Bäumen bepflanzter Hof, auf dem der Diodati ungezähltes Geflügel hielt. Da gab es Gänse und Enten, buntfarbige Hühner von jeder Größe und Art, schlankhalsige graue Perlhennen, blaue Truthühner und fette Kapaunen, die vor jedem Hahn, der sie vom Futter drängte, feige die Flucht ergriffen; ein Kranich schritt flügelschlagend und gebieterisch zwischen den anderen Tieren und biß die Hähne, die nicht nach seinem Willen taten; ein alter Uhu saß grämlich in einem dunkeln Käfig, und an jeder Ecke war an einem Brett ein ausgebälgter Habicht angenagelt, den Räubern zur Warnung. In einem besonders abgegitterten Teil saß ein kostbarer rotgoldener chinesischer Fasan und andere Wundervögel. All dies sah Herr von Chamillac mit Verdruß, denn das unaufhörliche Geschrei, Gackern, Kollern und Gekreisch, das stets herübertönte, machte diesen Teil des Parks und die Terrasse fast unbenutzbar. Aus seinem Garten scholl jetzt das fröhliche Händeklatschen und Jauchzen seines Söhnchens herauf, da auf dem Mauerrand ein blauer gekrönter Pfauhahn erschien und sein wundervolles Rad in der Sonne entfaltete. Eine Weile ging der Pfau, die Brust wiegend, der Mauer entlang, den langen, wieder geschlossenen Schweif hinter sich herschleppend, dann senkte er sich mit einem Flügelschlag in den Park hinab, lief über den Weg und scharrte mit Schnabel und Füßen in den Beeten, nach Gewürm suchend, wobei er Lilien, Verbenen und Rosen zertrat, Blumentöpfe umwarf und in die Pracht der Beete häßliche Lücken riß. Zornig stieg Chamillac von der Terrasse nach dem Garten hinab: es war nicht das erstemal, der Gärtner hatte schon mehrmals Klage geführt; jetzt stand der alte Mann unten im Garten und warf einen Stein nach dem Tier. Ärgerlich und geschreckt entfloh der Pfau über den Weg und auf die Mauer, wo ein zweiter Stein dicht neben ihm aufschlug, und zornig schreiend verschwand er hinter der Steinwand. Chamillac besah den Schaden: der Gärtner machte ihn auf frühere Zerstörungen aufmerksam; eifrig die Sache besprechend, gingen sie auf das Parktor zu; ein Karren mit Vorräten wurde eben davor abgeladen und ein ungeschickter Küchenjunge hatte einen Korb mit Fischen umgestoßen; ein großer breiter Brachs lag zappelnd auf dem Boden und sein glatter weißleuchtender Bauch bedeckte sich mit rötlichem Staube; der Haushofmeister, der daneben stand, zog mit seinem Stabe dem Jungen eins über, der laut aufschrie, und Chamillac nickte befriedigt.


Da sah er seine Gattin kommen; er wollte ihr seine Verdrießlichkeiten erzählen, und fand, daß sie nur unaufmerksam zuhörte. Er folgte ihren Blicken: wo vorher der Karren gehalten hatte, nur ein wenig entfernter, stand draußen vor dem Parktor, wartend und jetzt ehrerbietig grüßend, der junge Edmond Diodati, wie unschlüssig, ob er eintreten sollte oder nicht. Mit starken Schritten ging Chamillac ans Tor, trat auf die Straße, und den Hut flüchtig hebend, sagte er so laut, daß man es auch im Garten hören konnte: – er kannte den andern, seitdem er ein kleiner Knabe gewesen, – »Edmond, sage deinem Bruder, daß, wenn sein Pfau mir noch einmal in den Garten fliegt und meine Blumen beschädigt, ich ihm den Hals umdrehen lasse! … dem Pfau!« setzte er noch hinzu; Zorn und Stimme waren im Sprechen heftiger geworden.

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