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041 – Neuland – W. Belka

Eben hatte Jochem Bergel den Kindern wieder Mut zugesprochen und ihnen wie schon so oft in diesen furchtbaren acht Tagen sichere Rettung in Aussicht gestellt, als die kleine Elise zu singen begann, erst nur leise, dann immer lauter, – allerlei Kinderlieder, während ihre Augen in dem verfallenen Gesicht groß und weit mit irrem Flimmern geradeaus in den wolkenlosen, klaren Himmel gerichtet waren. Den Matrosen überlief es trotz der glühenden Hitze, in der das Boot fast regungslos auf der ruhigen See lag, eiskalt, als ob man ihm mit einem Eiszapfen das Rückgrat entlangstreiche. – Das war das Ende – ohne Zweifel! Der jugendliche Organismus des kleinen Mädchens versagte zuerst … Der Wahnsinn des Durstes hatte seine Krallen nach dem Kinde ausgestreckt. Geradezu schauerlich klang das feine Stimmchen in dieser trostlosen Stille, die nur ganz selten ein leises Glucksen an den Bordwänden des Bootes unterbrach. Jochem Bergel schaute zu Luschels Bruder, dem ein Jahr älteren Martin hinüber. Der hockte dicht neben der Schwester unter dem als Sonnendach aufgespannten Segel mit geschlossenen Augen, hörte wohl kaum noch etwas oder war bereits zu erschöpft, um die Lieder öffnen zu können. Der Matrose faltete unwillkürlich die Hände. Er betete – inbrünstig und gläubig, wie seine Mutter daheim es ihn gelehrt hatte, die ihren Einzigen so ungern den selbsterwählten, schweren Seemannsberuf ergreifen ließ, aber schließlich seinen dringenden Bitten doch nachgegeben hatte. Dann kroch Jochem auf allen Vieren mühsam unter dem weißen Schutzdach hervor, hinaus in die Backofenglut des windstillen Tages. Aufzurichten vermochte auch er sich nicht mehr. Mittag war’s jetzt. Die Sonne hatte ihren höchsten Stand erreicht, die Hitze war am fürchterlichsten. Die Holzteile des Bootes glühten förmlich. Mit beiden Händen zog der Matrose sich an dem kleinen, in die mittelste Ruderbank eingefügten Mast in die Höhe – wollte es tun, um aufs neue einen Blick über die endlose, im Sonnenglast flirrende Wasserfläche zu werfen, – wollte …! Ein Schwindel erfaßte ihn, matt fiel er zurück. Und doch – war’s ein Trugbild seines ausgedörrten Hirns gewesen?! – glaubte er dort im Westen das undeutliche Bild eines großen Fahrzeuges wahrgenommen zu haben. Minutenlang lag er still, kämpfte mit aller Willenskraft gegen das Ohnmachtsgefühl an. Wieder versuchte er sich auf dieselbe Weise aufzurichten, biß die Zähne zusammen: es mußte gehen, er mußte sich Gewißheit verschaffen, ob er sich geirrt hatte. Jetzt riß er die müden, entzündeten Augen auf, ganz weit … Wahrhaftig – ein Schiff, ein treibendes Wrack mit drei Maststümpfen …!! Wie ein elektrischer Schlag ging’s durch Jochem Bergels Körper. Mit einem Male fiel all die trostlose Verzweiflung von ihm ab, fühlte er sich kräftiger, frischer … – Ein Wrack, in dem sich vielleicht Wasser befand, süßes Wasser, das köstlich sein würde, auch wenn es schon dumpfig roch … Was tut nicht alles die Hoffnung …!! Wie ein Strom belebenden Weines durchfließt sie den Körper, läßt uns den Rest unserer Spannkraft sammeln, die wir nie mehr bei uns vermutet hätten. So ging’s auch dem jungen Matrosen. Der an einer Leine befestigte Eimer flog über Bord. Jochem schöpfte ihn voll Wasser, goß es in dickem Strahl über das kleine Mädchen, über den Knaben hin – noch einen – noch einen, bis sie vor Nässe trieften. Etwas erfrischen mußte sie dieses Bad. Der Gesang hatte aufgehört. Das Kind war verstummt, sank nun matt zur Seite, bettete den Kopf auf die Brust des Bruders und lag still.


Ihre blonden Locken, jetzt nur feuchte Strähnen, fielen wie ein heller Rahmen um ihr zartes Gesichtchen. Dann ließ der Matrose sich dieselbe Erquickung zuteilwerden. Für den Augenblick würde es wohl helfen. – Nun griff er nach den Rudern. Die Dollen quietschten schrill, ganz allmählich kam das Boot in Fahrt, schleppte sich mühsam unter den schwachen Ruderschlägen vorwärts. Fünf Minuten vergingen. Vor Jochem Bergels Augen sprühten bereits wieder die feurigen Sternchen. Er kämpfte schon wieder gegen die Ohnmacht an, alles drehte sich um ihn her – alles, daß es ihm bisweilen war, als ob er mit dem Kopf nach unten im Boot sitze. Aber er mußte es schaffen – mußte! Die Zähne biß er in die von der Hitze zersprungenen Lippen, daß das Blut heraustrat. Der Schmerz half … Abermals gelangen ein paar stärkere Ruderschläge … Noch hundert, noch fünfzig – zwanzig Meter … Nun lag das Boot an der Backbordseite des Wracks im Schatten. Von oben aus den Davits (Hebekränen für die Schiffsboote) pendelte ein Tau, bis zur Wasseroberfläche 1 reichend, müde hin und her. Daran befestigte Jochem das Boot. Dann rief er, so gut er’s noch vermochte, ein paarmal Hallo … Nichts regte sich auf dem treibenden Dreimaster – nichts … Wieder nahm der Matrose seine Zuflucht zu dem Wassereimer, begoß sich, daß die Nässe in Strömen an seinem Körper entlangrann. Ob’s ihm trotzdem gelingen würde an dem Tau emporzuklettern …?! – Er zweifelte daran. Doch – versucht mußte es werden. Es gelang … Es war, als ob ein todmüdes Pferd in der endlosen Wüste die Nähe von Wasser wittert und plötzlich vorwärtstrabt, obwohl es bis jetzt nur noch stolpernden Schrittes sich weiterbewegt hatte … Jochem ahnte, daß es dort oben irgend etwas geben würde, um die ausgetrocknete Zunge anzufeuchten. Und mit einemmal stand er, sehr zu seinem eigenen Erstaunen, an Deck … Prüfend sog er jetzt die Luft ein. Was war das nur für ein widerlicher Pestgeruch, süßlich, ekelerregend, der über dem Schiffe lagerte …?! – Er schaute sich um, prallte zurück … Zwei gräßlich entstellte Leichen lagen da vor dem niedrigen Kajütaufbau mittschiffs, – schwarz die Gesichter, aufgedunsen, – ein Anblick, der Jochem beinahe wieder vor Entsetzen in das Boot zurückgescheucht hätte. Aber das durfte nicht sein …! – So tastete er sich an der Reling weiter nach vorn, dorthin, wo wie ein Kasten der erhöhte Eingang zur Kombüse über die mit allerlei Trümmern von Masten und Spieren bedeckten Deckplanken hinausragte. Auch hier merkte er den furchtbaren Leichengeruch. Und dort ganz vorn auf der Spitze zwischen dem Anker und einem Haufen Tauwerk lehnte eine dritte Gestalt, auch ein Toter … Jochem fror plötzlich in dieser Umgebung. Kalter Schweiß bedeckte seine Stirn. Drei Jahre fuhr er nun schon als Leichtmatrose zur See, kannte die ganze Welt, kannte alle Schrecken des Meeres … Ein Bild trat vor seine Seele, ein ähnliches wie dieses hier. Nur damals vor anderthalb Jahren war’s eine Brigg gewesen, der man dort im Golf von Mexiko begegnete. Das gelbe Fieber hatte an Bord gewütet, die Besatzung hinweggerafft, so daß der Segler wie ein Gespensterschiff durch die See torkelte, bald hierhin, bald dorthin … Das gelbe Fieber … Vielleicht hatte es auch hier gehaust, vielleicht drohte hier der Tod … Jochem besann sich noch so genau, daß man die Brigg ihrem Schicksal einfach überlassen hatte, nachdem festgestellt war, was sie durchgemacht hatte.

Und er und die beiden anderen Matrosen, die der Kapitän an Bord des Totenschiffes geschickt hatte, waren sofort in eine Bütte mit Karbol vermischten Wassers mit ihren Kleidern gesteckt worden. So groß war die Angst vor der Ansteckung. Ja, hier lauerte vielleicht anstatt belebenden Wassers nur der Tod in anderer Gestalt. Aber Jochem war das gleichgültig … Wasser – Wasser, – das war sein einziger Gedanke! So taumelte er denn in die Kombüse hinab, griff nach einem Kessel, der auf dem eisernen Herde stand, schüttelte ihn … Er war halb gefüllt … Kaffee – schwarzer Kaffee … Und Jochem trank – erst langsam, dann in langen Zügen … Wie neugeboren fühlte er sich nun. Bald hatte er auch im Schranke neben dem Herde eine Schüssel abgekochter, geschälter Kartoffeln entdeckt … Sie waren teilweise schon mit Schimmelpilzen überzogen. Trotzdem schlang er ein paar hinunter. Nur erst den Magen füllen – irgendwie … Dann ging er nebenan in den Vorratsraum. Hier stand der große eiserne Trinkwassertank. Jochem öffnete den Hahn ein wenig. Klare Tropfen kamen heraus. Nun schnell den Kessel gefüllt. Da war auch eine Blechbüchse mit Zwieback. Hinein in die Taschen mit dem harten Gebäck … Und jetzt zurück ins Boot zu den Kindern, die die Hilfe so nötig hatten … Schnell eilte er über das verpestete Deck hin … Da – täuschte ihn sein Gehör …?! – polterte es nicht da unten im Innern des Schiffes, als würden Kisten hin und her geschoben …? – Nun wieder alles still … Ratten können es gewesen sein, dachte er. Die vollführen ja manches Mal einen Lärm, als sei die wilde Jagd losgelassen. – Erst gab er dem kleinen Mädchen in kleinen Schlucken den verdünnten Kaffee ein, dann dem Knaben. Nach einer Weile wieder … Und Martin Mostard schlug nun wirklich die Augen auf. Die waren matt, sonst aber klar und bewußt. – Jochem reichte dem Jungen einen Zwieback. „Ganz langsam kauen!“ mahnte er. Martin nickte. Und der Matrose wandte sich wieder dem Mädelchen zu, fühlte nach dem Puls, erschrak. Fieber hatte die Kleine, hohes Fieber … Da besann Jochem sich nicht lange. Hier galt’s zu handeln. Elise, die alle Leute an Bord der jetzt auf dem Grunde des Stillen Ozeans liegenden Bark nur mit dem Kosenamen Luschel gerufen hatten, mußte sofort bequem gebettet werden – sofort … Schnell schlang Jochem noch zwei Zwiebacke hinunter. Dann kletterte er wieder an Deck des Dreimasters.

Aber alle seine Energie mußte er zusammennehmen, um sich soweit zu überwinden, die Leichen anzurühren und über Bord zu werfen – nach der Steuerbordseite hin, damit der Junge sie gar nicht zu Gesicht bekam. Der Matrose atmete auf. Die Luft wurde reiner. Und eine kaum merkliche Brise, die vorhin aufgekommen war, wehte die furchtbaren Gerüche fort. Nun erst begab Jochem sich in den Kajütaufbau. Dieser enthielt vier Räume. In dem bestausgestatteten hatte der Kapitän gewohnt, nebenan wohl die beiden Steuerleute. Und die Kabinen auf der anderen Seite, deren Türen nach dem Heck zeigten, waren sicher mit Passagieren besetzt gewesen. Auf dem Schreibtisch des Kapitäns lag das Schiffstagebuch aufgeschlagen. „Angelika“ hieß der Dreimaster. Bremen war sein Heimathafen. Am 5. Oktober 1908 war er von Mollendo in Peru nach Tsingtau mit einer Ladung Salpeter abgesegelt. Die Eintragungen in das Tagebuch boten bis auf die letzte, die das Datum des 18. Oktober hatte, nichts besonderes.

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