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Rembrandt – Emile Verhaeren

Alle, die in letzter Zeit Rembrandt beurteilten, haben ihn mit der Elle ihrer peinlichen, klugen und wohlunterrichteten Kritik bemessen. Sie haben sich bemüht, sein Leben in alle Einzelheiten aufzulösen, Jahr um Jahr, Freude um Freude, Trauer um Trauer, Unglück um Unglück, was zur Folge hat, dass wir ihn nun in allen seinen Kleinlichkeiten kennen, dass wir Interesse haben für seine Sammelwut, seine persönlichen Tugenden, seine väterliche lnbrunst, seine häuslichen Liebesgeschichten, und um seinen Wohlstand, seinen Untergang und seinen Tod wissen. Ein Inventar, das bis zum heutigen Tag erhalten ist, sowie etliche Dokumente, die sich auf die Vormundschaft seines Sohnes beziehen, haben einigen Kritikern Gelegenheit gegeben, wie Zählmeister in die äußere Existenz dieses großen Mannes einzudringen. Ihre genauen Untersuchungen haben gleichsam eine beharrliche Ameisenarbeit an seinem großen Ruhm verrichtet; sie haben ihn entkleidet, sicherlich mit höchster Achtung, aber doch mit einer grausamen, eindringlichen Neugier, und nun steht er nackt und gequält vor uns wie jener Christus an der Säule, den er gemalt haben soll, um sich über seine Gläubiger zu trösten. Er hätte ihn auch malen können in Gedanken an seine zukünftigen Zergliederer und Biographen. Die moderne, geduldige, schnüffelnde, zerkrümelnde, kleinpeinliche Kritik, die nur mit den feinsten Instrumenten arbeitet, war glücklich, ein so gewaltiges Stück Ruhm in ihre Klauen zu bekommen. Sie hat ihre Zähne darin eingegraben, ihn gierig ringsum von außen benagt; nie aber ist sie dazu gelangt, von innen aus diese gewaltige, dunkle Riesenmasse zu durchdringen. Was wir versuchen wollen, ist, eine Studie zu geben, die nicht von außen, sondern von innen zu erfassen strebt. Die Theorie Taines über die Rasse, den Zeitpunkt und das Milieu müsste verzweifelt spitzfindig und klüglerisch angewendet werden, um ohne Vergewaltigung auch für das Genie eines Harmensz Rembrandt van Rijn zu gelten, dieses gewaltigen und tragischen Malers, der vielleicht noch gebieterischer als Lionardo die Phantasie unserer Zeit beschäftigt. Wie alle Künstler allerersten Ranges ist Rembrandt weder durch seine Rasse noch durch das Milieu und die Stunde seines Auftretens hinlänglich zu erklären. Dass die Metsu, Terburg, dass Pieter de Hooch oder die Brouwer, Steen, Craesbecke, van Ostade diesen ästhetischen Gesetzen unterliegen, sei zugegeben. Sie sind der Ausdruck ihres stillen, reinlichen, bürgerlich-sinnlichen Landes. Und sie kommen aus einer Zeit des Wohlstandes und des Wohllebens, da Reichtum und Ruhm das Holland von damals endlich für seinen hundertjährigen Kampf gegen die Natur und gegen die Menschen belohnten. Sie, diese kleinen Meister, haben alle Vorzüge und Fehler ihrer Mitbürger. Ihr Hirn, ihre Geistigkeit quält sie nicht; sie erheben sich nicht zu den gewaltigen Ideen, die der Bibel und der Geschichte entströmen; sie fühlen nie Verzweiflung und Trauer durch das Äußere ihres Leibes nach innen dringen; sie wissen nicht das allmenschliche Gefühl in den Abgrund ihres Herzens zu versenken. Und die Schreie, die Tränen, die Schauer, die von Jahrhundert zu Jahrhundert rollen, und deren Sturm die Patriarchen Abraham, Isaak, Jakob, die Könige Saul, David, die Apostel, die heiligen Frauen, die Jungfrau und Christus in ihrer Seele aufgefangen haben, beunruhigen diese kleinen Meister nicht. In ihrer Mitte erscheint Rembrandt wie ein Wunder. Und nun bleibt die Wahl: entweder ist er es, Rembrandt, der Holland verkörpert, oder sie sind es. Schroff steht er ihnen gegenüber, ihr Kontrast, ihr Gegenteil. Es ist unmöglich, dass sie und er zur gleichen Stunde Repräsentanten des damaligen Holland sein können. Die Anhänger der Tainischen Theorie haben ihre Wahl zwischen diesen beiden Gegensätzen zu treffen. Aber die Entscheidung kann da wohl nicht zweifelhaft sein. Rembrandt hätte wo immer geboren werden können, und zu jeder Zeit wäre seine Kunst die gleiche gewesen. Er hätte vielleicht keine Nachtwache gemalt, vielleicht würde man in seinem Werk weniger Bürgermeistern und Schöffen begegnen. Aber das Wesentliche wäre immer gleich geblieben.


Immer hätte er sich selbst mit dieser bewundernden und knabenhaften Eigenliebe gemalt, immer wieder mit vielfachen Formen die Züge der Seinen wiedergegeben; er hätte immer und überall aus der pathetischen Welt der Legenden und der heiligen Bücher die Tränen und die Schönheit des Schmerzes zu erneuern gesucht. Er hat zu seiner Stunde das Werk Dantes vom dreizehnten Jahrhundert und das Shakespeares und Michelangelos vom sechzehnten gestaltet, und manchmal gemahnt er an die Propheten. Er steht aufrecht auf jenen Höhen, die alle Zeiten, alle Rassen und alle Länder überragen. Er ist von nirgendsher, weil er von überall ist. Seine Geschichte ist leicht zu fassen, wenn man die Selbstherrlichkeit und die unendlich erweiterte Individualität, die dem Genie zu eigen ist, in Betracht zieht. Sicherlich: kein Künstler entgeht ganz seiner Umgebung; aber der Teil seines Selbst, den er ihr preisgibt, ist ein unendlich verschiedenartiger. Solche glühend gehärtete Naturen prägen viel eher ihrer Umwelt das eigene Bild auf, als dass sie von ihrer Formung empfingen. Sie verschenken um vieles mehr, als sie erhalten. Und wenn sie einst in der Distanz der Jahrhunderte besser als jeder andere ihre Zeit zu verkörpern scheinen, so ist’s, weil sie sie nach ihrer eigenen Geistigkeit umschufen, sie niemals als das darstellten, was sie wirklich war, sondern als das, zu dem sie sie verwandelt hatten. Bonaparte erklärt nicht so sehr das Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts, als er es gestaltet hat. Das Holland des siebzehnten Jahrhunderts hat sich von Rembrandt ferngehalten. Es hat ihn weder verstanden noch unterstützt noch gefeiert. Mit Ausnahme der Schüler und einiger Freunde steht der Maler in seinem Land allein. Zu seinen Lebzeiten vertraten Miereveit und dann später van der Helst für die Welt die holländische Kunst. Und wenn heute diese Porträtmaler von den Gipfeln des Ruhmes herabgestiegen sind und sich mit seinen Niederungen begnügen müssen, so ist es nur, weil ganz Europa Rembrandts Meisterschaft endlich erkannt und verkündet hat. Er hatte unter der verhängnisvollen Vorliebe der breiten Masse für die Mittelmäßigkeit zu leiden; denn er schien zu seltsam, zu geheimnisvoll, zu gewaltig. Die kleinen holländischen Meister malten entweder zierliche und gesellschaftliche Motive, oder sie erfüllten ihre Bilder mit gefälliger Heiterkeit, mit Übermut, Spott, Lustigkeit und festlichen Farcen. Ihr Humor war der von guten Trinkern, übermütigen Raufern und Schürzenjägern. Sie waren eigentlich nichts als gute Kinder. Streiften einmal ihre Sittenstudien an das Sündliche, so strichen sie lachend oder singend daran vorbei. Vor allem aber: sie scheuten das Äußerste. Wenn auch die Trunkene von Steen nicht recht zum würdigen Ernst eines bürgerlichen Wohnzimmers passen will, so muss man schließlich bedenken, dass es kaum irgendeinen alten Amsterdamer gab, der sich nicht auch schon einmal in aller Verborgenheit in irgendeinem dunklen Haus beim Trunk vergessen hätte. Die Bilder dieser Maler wurden so gewissermaßen zum Spiegel der heimischen Laster. Öffentlich verurteilte man sie, um sie im Geheimen zu vergöttern. Ihre zierliche Kunst mit den feinen und perlmutternen Tönen, mit der sorgsamen, ziselierten Zeichnung und ihrer reichen Putzhaftigkeit entzückte alle Welt.

Einige von ihnen, wie Pieter de Hooch, Terburg, Vermeer van Delft, waren auch wirklich untadelige Künstler. Und die Liebhaber solcher Kunst verstanden es wohl, ihren Schützlingen kräftigen materiellen Rückhalt zu verleihen. Rembrandt aber, wild und unabhängig, stach schreckhaft ab von all diesen Zahmen, die rings um ihn schufen. Wenn er einmal lachte, dann erregte er Ärgernis durch die Kühnheit seines Übermutes. Er kannte keine Zurückhaltung. Mit bestem Willen konnte man vielleicht noch seinen Ganymed entschuldigen – wie aber Aktäon, der Diana und ihre Nymphen überrascht? Denn das war nicht mehr gemütlicher Scherz, sondern das Laster in seiner wildesten Schamlosigkeit. Und mehr und mehr durchbrach er als Maler die Wände der Vorurteile und Gebräuchlichkeiten. Er stieß an, er verletzte und verwirrte. Immer und überall schritt er fort bis zum Äußersten.

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